Da er nun zu wissen glaubt, wonach er in etwa zu suchen hat, stöbert er, in der vagen Hoffnung, möglicherweise doch noch den ein oder anderen Hinweis beziehungsweise weiteres in dieser Angelegenheit brauchbares Material zu finden, noch einmal Philipps Archiv durch - zu seiner Enttäuschung allerdings ergebnislos. ‚Andererseits war indes auch nicht viel anderes zu erwarten gewesen‘, muss er sich stillschweigend eingestehen. ‚Noch besteht ja die Möglichkeit, dass die Polizei mit den Aufnahmen etwas anzufangen weiß’, beschwichtigt er sich selber, um die sich aufs neue ausbreitende Verzweiflung einzudämmen, die ihm, kaum dass er im Hotel zurück und in sein Bett gefallen ist, eine weitere von Alpträumen geplagte Nacht beschert, in denen er seinen Bruder mal hämisch lachend als Drahtzieher dubioser Geschäfte, mal als blutüberströmten Zombie durch nächtliche Straßen hetzen sieht, auf der Flucht vor sich nicht zeigenden Gestalten, die ihm selbst auch des Öfteren an die Gurgel wollen und ihn so mehrmals im Laufe der restlichen Nachtstunden panikerfüllt aus den Wirrungen seiner allzu regen Traumwelt reißen.
Montag, 21. April 1997, 9:54 Uhr
„Herein!“ Beinahe wäre die gedämpft durch die geschlossene Tür dringende Aufforderung im Lärm des halben Dutzends über den fliesenbelegten Flur trappelnder Beinpaare untergegangen.
„Guten Morgen“, begrüßt Claude - eine schwarze, in Philipps Labor aufgefundene Fotomappe unter dem Arm - den ihm unbekannten Beamten, der an einem der Aktenschränke mit dem Durchblättern von irgendwelchen Ordnern beschäftigt ist, wobei der Eingetretene bei einem kurzen Rundumblick registriert, dass sich sonst niemand im Raum aufhält. „Mein Name ist Claude Duchamp. Ich wollte zu Hauptkommissar Krüger. Ist er nicht da?“
„Doch, doch, ich bin ihm vorhin im Gang begegnet. Soviel ich von seinem Assistenten weiß, befindet er sich gerade in einer Besprechung. Und die kann noch ein wenig dauern. Aber vielleicht kann ich Ihnen weiterhelfen. Um was geht es denn?“
„Um den Mord an meinem Bruder. Allerdings hätte ich schon gerne mit dem Hauptkommissar persönlich geredet.“ Nach Sekunden des Schweigens erkundigt sich Claude: „Haben Sie eine Ahnung, wie lange die Besprechung noch dauert?“
„Keine Ahnung. Doch wie ich schon sagte, es kann sich noch ein wenig hinziehen. Aber Sie können gerne hier warten.“ Eine Geste bittet Claude, auf dem in der Ecke des Raumes stehenden Stuhl Platz zu nehmen.
„Und Kommissar Mihailovic ist auch nicht da?“, unternimmt er den Versuch, das Warten eventuell abkürzen oder zumindest sinnvoll überbrücken zu können.
„Der ist zusammen mit Krüger in der Besprechung“, wird ihm diese Hoffnung umgehend zunichtegemacht. Sich in sein Schicksal fügend, nimmt Claude die kurz zuvor gemachte Offerte notgedrungen an.
Während der Beamte immer neue Ordner und Mappen aus dem Schrank herausfischt und sich beim Durchblättern gelegentlich kurze Notizen macht, schweifen Claudes Blicke unstet durch den nüchternen Raum, der für ihn von Minute zu Minute mehr zum typischen Musterbeispiel tristen Beamtendaseins wird, auf merkwürdige, nicht greifbare Art und Weise erfüllt von Seelenlosigkeit und Bürokratismus, die jegliche menschlich emotionale Regung ersticken. Auch wenn der Himmel über der umliegenden Dachlandschaft sich heute mit schweren Regenwolken verhangen zeigt, so stellt er in diesem Moment aufgrund seiner sich fortlaufend ändernden Wolkenformationen und Hell-Dunkel-Schattierungen doch immerhin eine willkommene optische Zuflucht dar, an der sich seine Blicke festsaugen. Die zu kurze Nacht und die abgestandene Luft im Zimmer fordern dennoch allmählich ihren Tribut, die Augen des Wartenden werden, als jeder Zentimeter im Zimmer gründlich gemustert worden ist und auch der Blick durchs Fenster nichts mehr hergibt, allmählich schwerer - wohltuende Mattigkeit bemächtigt sich seiner.
Ob er eingenickt ist oder nicht, ist Claude in der Sekunde, in der er durch das Öffnen der ins Nebenzimmer führenden Tür aufschreckt, nicht klar, spielt zudem auch keine Rolle, sieht er doch endlich den sehnsüchtig Erwarteten hereinkommen. „Guten Tag, Herr Duchamp, entschuldigen Sie bitte, dass Sie warten mussten, aber wie Ihnen mein Kollege ja bereits mitgeteilt hat, war ich in einer wichtigen Besprechung.“ Hauptkommissar Krügers Laune scheint für einen Beamten-Montagmorgen ungewöhnlich gut, und auch der Händedruck vermittelt Claude das Gefühl, als sei sein Gesprächspartner an diesem Tag zum Bäume-Ausreißen bereit.
„Ich habe Ihnen etwas mitgebracht, das uns im Fall meines Bruders möglicherweise weiterhelfen kann.“ Bewusst spricht Claude von ‚uns’, will dadurch zu erkennen geben, dass er nicht bereit ist, das Heft völlig aus der Hand zu geben. Da es ihm darum geht, mehr über die Identität der auf den Fotos abgelichteten Personen herauszufinden und noch immer erfüllt von nicht erklärbarem Misstrauen gegenüber den Kriminalbeamten, verschweigt er Krüger jedoch, wie und wo er zu dem Bildmaterial gekommen ist, berichtet ihm stattdessen, er habe es rein zufällig im Archiv seines Bruders gefunden, und da die Aufnahmen nicht zum sonstigen Arbeitsrepertoire von Philipp passten, wolle er sich nur einfach einmal erkundigen, ob Krüger irgendeine der auf den Aufnahmen zu erkennenden Personen identifizieren könne. Ob ihm der Kriminalbeamte die aufgetischte, reichlich an den Haaren herbeigezogen klingende Geschichte allerdings abkauft, vermag er aufgrund des völlig stoischen Gesichtsausdrucks seines Gegenübers nicht zu erkennen.
Die sechs großformatigen Porträts, die in der Fotomappe obenauf liegen, sagen dem Kommissar offensichtlich nichts, legt er sie doch nach einem flüchtigen Blick darauf achtlos auf seinen Schreibtisch, genauso wie das folgende Dutzend Abzüge. Unauffällig mustert Claude das Muskelspiel in Krügers Gesicht, versucht in dessen Augen jedwedes auch noch so geringe Anzeichen zu registrieren, das ihm einen Hinweis darauf geben könnte, ob jener irgendjemanden auf den Abzügen zu erkennen glaubt. Wie unnötig seine derartigen Anstrengungen sind, wird ihm Sekunden später klar, als der Kriminalbeamte plötzlich bei der Betrachtung eines der Fotos stockt und auf eine der darauf zu sehenden Gestalten zeigend feststellt: „Wenn mich nicht alles täuscht, so ist dies hier Klaus-Peter Hilgens.“ Den Zeigefinger noch immer auf das Bild gelegt, sucht Krüger Blickkontakt mit Claude herzustellen, der, kaum hat jener seine vermeintliche Identifikation ausgesprochen, an die Seite des Bild-Begutachters herangetreten ist und auf das Foto starrt, das sie unter Umständen einen ersten Schritt weiterbringt. Der genannte Name indes sagt Claude nichts: „Hilgens, sagten Sie ... nie gehört. Wer ist das?“
„Sie kennen Hilgens nichts?“ So erstaunt sich der Beamten im ersten Augenblick zeigt, so rasch holt ihn die Erkenntnis ein: „Ach klar, Sie waren ja längere Zeit im Ausland. Hilgens ist einer der großen politischen Aufsteiger der letzten Jahre, womöglich sogar der größte, zumindest in Hessen. Er sitzt seit zwei Jahren im hiesigen Landtag. Kam praktisch als Nobody hinein, nur weil sein Vater ein recht wohlhabender Bauunternehmer ist und langjähriger Landtagsabgeordneter war, und bei seinem Rückzug aus der aktiven Politik rechtzeitig innerhalb seiner Partei dafür sorgte, dass sein Sohnemann das Erbe des Vaters antreten konnte. Und da sich Hilgens ... ich meine den Vater“, bemüht sich Krüger eventuelle Missverständnisse auszuräumen, „…da sich Hilgens gegenüber der Partei stets recht spendabel gezeigt hatte, setzte diese seinen Sohn, wie nicht anders zu erwarten, auf einen der oberen Listenplätze, zwar nicht unbedingt zur Freude aller Parteimitglieder, doch Sie wissen schon: Wer aufmuckt, landet ganz hinten auf der Liste. Und so kam Hilgens Junior in den Landtag, mehr oder weniger ohne jegliche politische Erfahrung. Doch da ist er ja nicht der einzige, Typen wie er tummeln sich genügend in der Politik herum.“ Krügers zynischer Sarkasmus ist nicht zu überhören. „Und seither ging es dank der Protektion seines Vaters steil bergauf, man munkelt bereits davon, dass er der nächste Innenminister im Lande werden soll.“
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