„Die deutschen Lehrer sind doch gar nicht geeignet, den Koran zu lehren. Die sind doch völlig verweltlicht, lehren die Worte des Propheten mit der gleichen Tiefe, wie den Dreisatz in Mathematik oder die Ausbreitung des Schalls. Es fehlt ihnen einfach die Spiritualität. Die können das Religiöse der Worte des Propheten doch gar nicht erlebbar machen oder übermitteln. Da ist es wirklich besser, es gibt keinen islamischen Religionsunterricht. Da ist es doch besser, die Kinder gehen zum Iman. Ja, da fällt mir ein. Wann waren die Kinder überhaupt das letzte Mal in der Koranschule?“
Sie schwieg und stellte sich schlafend.
„Das ist ein gute Idee“, befand er. „Ich werde mit den Kindern morgen beim Frühstück darüber sprechen.“ Er öffnete die Schlafzimmertür. „Gute Nacht.“ Dann ging er ins Wohnzimmer hinunter.
Am nächsten Abend hatte er das Bedürfnis nach Zärtlichkeit und Körperlichkeit.
„Nein, bitte nicht, ich bin müde!“ Sie wehrte seine Avancen vorsichtig ab, wusste, dass er bisweilen ärgerlich wurde, wenn sie sich ihm verweigerte. Dann konnte er nicht schlafen, war die halbe Nacht wach und am nächsten Tag ungenießbar. Sie bewegte sich auf einem schmalen Grat.
„Ach, bitte, nicht wieder deine Migräne!“, antwortete er ärgerlich. Er atmete tief durch. „Weißt du eigentlich, wann wir zum letzten Mal Sex hatten? Das ist Wochen her“, hielt er ihr vor.
Sie versuchte es, ihm zu erklären, wandte sich jedoch ihm nicht zu. „Versteh doch!“, begann sie. „Ich bin hundemüde.“
„Ich bin auch hundemüde!“, brummte er und klang genervt.
„Aber ich habe es viel schwerer als du, versteh das doch!“
Nun wurde er noch ärgerlicher. „Was soll das denn heißen? Willst du mir sagen, dass ich meine Leistung nicht bringe?“
„Nein, das will ich doch gar nicht sagen!“ Sie spürte, dass er sich in seiner Ehre verletzt fühlte. Aber sie wollte es ihm erklären, wohl wissend, dass er es nicht verstehen würde, nicht verstehen wollte. „Sei nicht böse, aber du musst doch auch einsehen, dass ich hoffnungslos eingespannt bin, eigentlich völlig überlastet bin.“
„Soll das heißen, dass ich nicht meinen Beitrag zur Familie leiste?“
„Quatsch!“, meinte sie nun bestimmt. „Aber schau doch mal, wie es mir wirklich geht!“ Nun richtete sie sich auf und sah ihn im Licht des Vollmonds an. „Auch du musst doch meine Mehrfachbelastung anerkennen!“, meinte sie nun ebenso verärgert.
„Mehrfachbelastung?“
„Ja, Mehrfachbelastung, du Ignorant!“ Jetzt war sie ehrlich saurer. „Sobald die Kinder aus dem Haus sind, stürze ich ins Büro, am Nachmittag darf ich den ganzen Haushalt und die Kindererziehung erledigen und das Essen vorbereiten, bis du nach Hause kommst. Und das alles ganz alleine, ohne die Hilfe, die ich hätte, wenn wir zuhause lebten.“
„Wir sind aber nicht zuhause! Wir leben hier“, warf er hilflos ein. „Wir müssen hier leben, weil ich hier eine gute Arbeit habe und es uns deswegen gut geht! Zuhause könnten wir von dem Gehalt kaum leben. Jedenfalls nicht so.“
„Das stimmt ja!“, schnaubte sie nun. „Aber in Ägypten würde mir die ganze Familie beim Haushalt und der Kindererziehung helfen. Die Omas und die Tanten würden mich entlasten.“
„Dafür könntest du vielleicht dort nicht arbeiten, wenn mein Vater oder dein Vater es verbieten würden!“, rief er aus.
„Das ist wahr“, bestätigte sie enttäuscht. „Aber hier arbeite ich doch auch weit unter meinen Fähigkeiten“, murmelte sie vor sich hin.
„Du hast deine Ausbildung für die Familie aufgegeben. Allah wird es dir vergelten und dich ins Paradies führen.“ Er lächelte sie liebevoll an.
Sie sah ihn fragend an. „Na ja, vielleicht ist mein Leben dann dort entspannter“, spottete sie. „Da bin ich vielleicht am Abend nicht müde und habe für dich Zeit.“
Auch er hatte sich aufgesetzt und starrte nun vor sich hin.
Eine Weile schwiegen sie.
„Vielleicht wäre es ja doch besser, wir gingen wieder nach Hause!“
„Hier ist jetzt unser Zuhause“, sprach er aus, was sie beide wussten. „Und das Zuhause der Kinder“, fügte er hinzu.
„Was ist denn, warum bist du denn so traurig, hast du geweint?“, fragte Mo überrascht seinen jüngeren Sohn Abdullah, als dieser in seinen Wagen einstieg. Er holte ihn, wie jeden Mittwoch, nach dem Fußballtraining ab und nahm ihn mit nach Hause. So musste Salah nur einmal fahren und auch nicht auf ihn warten.
Abi, wie ihn seine Eltern nannten, schüttelte schweigend den Kopf und sah schnell zum Fenster hinaus, damit sein Vater seine Tränen nicht sehen sollte.
Aber Mo hatte sie bemerkt und bemerkte auch die Trauer, die sein Sohn ausstrahlte, war er doch sonst seine Lebensfreude gewohnt. „War was beim Training?“, fragte er deshalb.
Abi schüttelte wieder schweigend den Kopf und sah immer noch nicht zu seinem Vater.
„Hat man dich geärgert, hat man dich gedemütigt?“ Mo ließ nicht locker. „Sprich mit mir!“, befahl er schließlich.
Da drehte sich Abi herum und stürzte sich schluchzend in seine Arme. „Ich will nicht mehr dorthin, Vater, ich will nie wieder dorthin!“
„Aber Fußball macht dir doch Spaß. Und gut bist du auch!“ Er drückte seinen Sohn.
„Ich möchte zu einem anderen Verein!“, schluchzte Abi.
Mo dachte nach. „Was war denn los? Was ist denn? Sag es mir doch!“
Nun sah ihn Abi an. „Ach, die anderen machen sich über meinen Namen lustig und sagen, dass ich nichts kann, weil ich nur ein dummer Ausländer bin.“ Tränen quollen wieder über sein Gesicht. Dann fuhr er fort. „Nie spielt jemand einen Ball zu mir ab, ich habe keine Freunde in der Mannschaft und der Trainer sagt, dass er mich nicht aufstellen kann, weil er von mir nichts sieht. Wie soll ich denn zeigen, was in mir steckt, wenn ich keinen Ball kriege?“
Mo überlegte, was man tun könnte. „Ich gehe gleich hinein zu deinem Trainer und rede mit ihm“, beschloss er.
„Nein, nein, bitte nicht!“, flehte da sein Sohn. „Wenn du das tust, wird alles nur noch schlimmer!“
Mo verstand.
„Wenn du das tust, schimpft der Trainer die anderen und dann mobben sie mich erst Recht. Oder er ärgert sich über uns und lässt mich dann gar nicht mehr spielen.“
Mo erkannte, dass sein Sohn Recht hatte. Krampfhaft überlegte er, was er tun sollte, aber es fiel ihm nichts ein.
„Am besten ist es, wenn ich zu einem anderen Verein wechsle“, schlug Abi vor.
Mo schüttelte den Kopf. „Das wird nichts nützen. Dort werden sich deine Mitschüler nicht anders verhalten, nein, darin sehe ich keine Hoffnung.“ Wieder überlegte er.
„Dann höre ich am besten ganz auf!“, beschloss Abi.
„Kommt nicht in Frage!“, rief der Vater bestimmt aus, ohne eine Lösung zu haben.
Da kamen die anderen Spieler und der Trainer aus dem Clubhaus. Mo bemerkte ihre hämischen Blicke auf seinem Sohn. Da startete er den Wagen und fuhr davon.
„Du wirkst so traurig, Mo?“, meinte Salah und setzte sich zu ihm aufs Sofa, wo Mo fernsah.
„Ach, nichts“, antwortete dieser leise und starrte weiter in den Fernsehapparat.
„Aber Mo, ich spüre doch, dass dich irgendetwas belastet.“ Sie sah ihn liebevoll an. „Willst du nicht doch mit mir darüber reden?“
Da blickte auch er seine Frau voller Liebe an. „Schön, dass du dich so um mich sorgst.“ Er nahm sie in den Arm, drückte sie, dann gab er ihr einen Kuss.
„Na, schieß schon los!“, forderte sie ihn auf.
Da sah er sie dankbar an. „Weißt du, was heute Abend ist?“
Sie dachte nach. „Ach, jetzt fällt es mir ein.“ Sie nickte. „Wolltest du heute Abend nicht zu irgendeiner Feier gehen, ja, jetzt weiß ich es wieder. Heute Abend macht doch einer eurer Ressortleiter eine Geburtstagsfeier.“ Sie sah auf die Uhr. „Sagtest du nicht, es geht um 8 Uhr los, es ist schon halb 9 Uhr. Du musst dich beeilen!“
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