Katharina war beruhigt. Sie ging ins Nebenzimmer und kramte ihr Mobiltelefon hervor.
»Hi Oswald, ich bin’s, Katharina.« Oswald war Katharinas Lieblingsmitarbeiter in der Notrufzentrale. Hübsch, durch und durch schwul und mit einer warmen Stimme ausgezeichnet, die auch den aufgebrachtesten Anrufer im Nu beruhigte. Er grüßte freundlich und erkundigte sich, wie es ihr ging.
»Ach, frag nicht! Kannst du mir einen Gefallen tun und mal schauen, ob bei euch eine Melanie Wahrig auftaucht?« Sie buchstabierte den Namen. Oswald verneinte. Weder in den Unterlagen der Polizei noch bei den Notfallmeldungen der Feuerwehr.
»Vielleicht unter den Unbekannten?«
Oswald verneinte wieder. Es seien überhaupt nur zwei unbekannte Verletzte verzeichnet, beides Männer. Katharina bedankte sich. Oswald versprach, sie auf dem Laufenden zu halten.
Und jetzt? Vielleicht sollte sie mal in Melanie Wahrigs Wohnung nachschauen. Katharina spürte das gut bekannte Kribbeln im Magen: Ihr Jagdinstinkt meldete sich. Rasch ging sie ins Gästezimmer und holte Stifte und Papier.
»Warum soll ich denn malen?«, fragte Laura, als Katharina beides vor sie hinlegte.
»Ich muss mal kurz weg und –«
»Kann ich mitkommen?«
»Nein! Du malst«, sagte Katharina schroff. Dann fuhr sie sanfter fort: »Mal mir mal alles auf, was deine Mutter heute so gemacht hat.«
»Warum denn?«
»Das mache ich auch oft, wenn ich böse Männer fange.«
Laura sah sie ratlos an. »War Mama böse?«
»Nein, natürlich nicht. Aber vielleicht finden wir sie so.«
»Ist gut.« Eifrig machte sich das Mädchen ans Werk.
***
Katharina stand vor Melanie Wahrigs Wohnungstür und betrachtete amüsiert ihre Hände. Ganz automatisch hatte sie ein paar Einweghandschuhe angezogen – wie an einem Tatort. Wenn jetzt jemand die Treppe heraufkam … Eine Festnahme wegen Einbruchs wäre ein wirklich grandioser Abschluss für diesen Tag.
Sie zog ein kleines Taschenmesser hervor, das sie immer bei sich trug. Polanski würde toben, wenn er erfuhr, dass sie ihm das Messer verschwiegen hatte: Es war nicht nur eine Stichwaffe, sondern auch noch ein Einbruchswerkzeug. Die Klinge war sehr dünn und an der Spitze zu einem Haken geschliffen. Ein Schränker hatte ihr einmal gezeigt, wie man damit einfache Sicherheitsschlösser knacken konnte.
Nach wenigen Versuchen drehte sich der Schließzylinder. Melanie Wahrig hatte nicht abgeschlossen. Und auch die Kette nicht vorgelegt, wie sonst, wenn sie zu Hause war. Dabei war Katharinas Nachbarin eigentlich übervorsichtig.
Die Wohnung war dunkel und still.
Katharina rief: »Frau Wahrig? Melanie?«
Keine Antwort.
Das Arbeitszimmer war leer, ebenso das Wohnzimmer und das Schlafzimmer.
Das Kinderzimmer auch.
Das Bad – leer.
Zuletzt ging Katharina in die Küche. Sie stieß mit dem Schienbein gegen etwas Festes, Hartes. Instinktiv griff sie zum Lichtschalter. In letzter Sekunde hielt sie sich zurück und betätigte den Schalter äußerst vorsichtig und nur am Rand.
Das Licht flammte auf. Katharina sah, woran sie sich gestoßen hatte: eine umgefallene Haushaltsleiter. Und dahinter lag jemand ausgestreckt auf dem Küchenboden: Melanie Wahrig.
Katharina stieg vorsichtig über die Leiter. Sie tastete nach der Halsschlagader der leblosen Frau. Der Puls war flach, aber regelmäßig. Als sie die Hand auf Melanies Brustkorb legte, spürte sie das Heben und Senken. Erleichtert atmete Katharina auf. Melanie Wahrig war noch am Leben. Sie gab der Bewusstlosen ein paar leichte Ohrfeigen, kniff ihr ins Ohrläppchen: keine Reaktion.
Katharina entschloss sich, die Verletzte nicht weiter zu bewegen. Stattdessen tastete sie nach dem kleinen Mobiltelefon in ihrer Tasche.
»Katharina!«, begrüßte sie die warme Stimme Oswalds am anderen Ende der Leitung. »Leider noch nichts Neues von der –«
»Ich habe sie gefunden. Ich brauche sofort einen Notarzt und einen Rettungswagen. Vermutlich schwere Sturzverletzung.«
Oswald schaltete sofort um: »Name, Adresse … Beides ist unterwegs. Maximal zehn Minuten.«
»Danke dir, Oswald.«
»Nichts zu danken. Das ist mein Job.«
***
Katharina sah sich in der Küche um. Man würde die Leiter wegräumen müssen, wenn der Notarzt kam. Der Gedanke behagte ihr nicht. Es konnte zumindest nichts schaden, jetzt gleich ein paar Fotos zu machen. Katharina zog eine kleine, flache Digitalkamera aus der Innentasche ihrer Jacke. Systematisch fotografierte sie den Körper von Melanie Wahrig, die Küche, die Leiter. Eine Tischkante war blutverschmiert: Offenbar war Melanie Wahrig dort mit dem Kopf aufgeschlagen.
Vorsichtig stellte Katharina die Leiter so auf, wie sie vermutlich gestanden hatte. Auch das fotografierte sie.
Erst die Türklingel riss sie aus ihrer Geschäftigkeit: der Notarzt, endlich!
***
Keine zehn Minuten später lag die Verletzte auf einer Trage, eine Infusion im Arm, den Kopf durch eine Halskrause gestützt. Die Sanitäter eilten die Treppe hinunter, während der Arzt mit dem Krankenhaus telefonierte. Er bestellte die volle Kavallerie: Neurologie, Orthopädie, Chirurgie, einen Platz in der höchsten Stufe der Intensivstation.
Auf dem Weg zur Tür wandte sich der Notarzt an Katharina: »Wissen Sie, wie lange sie schon so gelegen hat?«
»Keine Ahnung, vermutlich ein paar Stunden. Sie hat ihre Tochter nicht aus dem Kindergarten abgeholt. Ist es ernst?«
»Kann ich nicht sagen. Die Lebenszeichen sind stabil – aber wie lange noch? Großes Fragezeichen. Für mich sieht es nach einem schweren Schädel-Hirn-Trauma aus. Die Halswirbelsäule hat vielleicht auch was abbekommen. Sind Sie eine Verwandte?«
»Nein.« Katharina entschloss sich zu einer kleinen Notlüge: »Katharina Klein vom KK 11.«
»Kriminalpolizei? Jetzt schon?« Der Arzt zuckte mit den Schultern. »Also, für mich sieht es wie ein Unfall aus.«
»Ich wohne hier im Haus. Die Tochter von Frau Wahrig saß allein im Treppenhaus. Und als niemand öffnete …«
»Haben Sie nach dem Rechten gesehen. Sehr gut. Ich wünschte, alle Nachbarn wären so umsichtig. Muss wohl an Ihrem Beruf liegen.«
»Wahrscheinlich. – Wie kommen Sie auf Unfall?«
Der Notarzt zuckte mit den Schultern: »War es keiner? Das ist doch das übliche Szenario. Eine Leiter, die nicht stabil steht, eine Frau, die mit Absätzen draufsteigt … So, ich muss dann auch …«
»Ach ja, jetzt mal Hand aufs Herz: Wie steht es wirklich um sie?«
»Ganz ehrlich? Nicht sehr gut. Aber das kann Ihnen der Neurologe besser sagen. Ich bitte ihn, Sie anzurufen.«
»Danke.«
»Ach, wo ist denn jetzt eigentlich die Tochter?«
»Oben, in meiner Wohnung.« Verdammt, was sollte sie denn jetzt mit dem Mädchen machen? Laura konnte ja schlecht die ganze Nacht in Katharinas Küche sitzen.
»Ich hoffe, sie hat das hier nicht gesehen«, murmelte der Arzt.
***
Laura, Laura, Laura … Wohin mit ihr? Die Mutter im Krankenhaus, der Vater nicht zu erreichen. Melanie Wahrigs Eltern waren im letzten Winter nach Spanien gezogen. Ein klarer Fall für das Jugendamt: »Hallo Oswald, ich bin’s noch mal. Kannst du mich zum Notdienst des Jugendamts durchstellen?«
»Theresa Ludwig, Jugendamt«, bellte es kurz darauf aus dem Hörer.
Katharina wollte ihr die Situation schildern, doch die Frau wimmelte ab: »Hier ist außer mir niemand mehr. Wir haben schließlich auch Anspruch auf Feierabend.«
»Aber es muss doch –«
»Kann das Kind nicht bei Verwandten unterkommen? Nachbarn? Also wir können vor morgen Mittag wirklich nichts tun.« Ein Klicken in der Leitung beendete das Telefonat. Und jetzt?
Polanski! Sie würde ihren Chef anrufen. Dann würde er wenigstens sehen, was für eine treusorgende Polizistin sie war. Sie zögerte. Handy oder Büro? Sie war höflich, sie war freundlich, sie würde es zuerst im Büro versuchen.
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