Wollte Hiroshi scherzen? Seine Miene war undurchdringlich.
»Manchmal habt ihr Japaner echt einen an der Waffel«, sagte Katharina schließlich.
Jetzt war es an Hiroshi zu lachen. »Es spricht die Koreanerin aus dir, Katharina. Deine Mutter hat dir viel mitgegeben.«
»Immerhin haben wir den Amerikanern in den Hintern getreten. Was man von euch nicht sagen kann.« Katharina ließ auf die Herkunft ihrer Mutter nichts kommen.
»Das meinte ich. Zäh bis zum Letzten, wenn es um euer Wohl und Recht geht. Und das wird dir eines Tages den Hals brechen.« Er zuckte mit den Schultern. »Vielleicht ist es euch Frauen einfach nicht gegeben. Frau Yamoto …« Er sprach immer von »Frau Yamoto«. Katharina wusste nicht, ob im Scherz oder als Zeichen seines Respekts. »Frau Yamoto lernt es auch nicht mehr.«
»Sensei?« Katharina wählte diese förmliche Anrede mit Bedacht. »Wie hättet Ihr an meiner Stelle gehandelt?«
Ihr Lehrer überlegte. »Nun, ich hätte wohl das Schwert gewählt. Eine abgetrennte Hand kann nicht schießen.«
***
Es war früher Nachmittag, als Katharina das Dojo verließ. Der Himmel war spätherbstlich grau und es nieselte. Sie ging zu Morris, ihrem Mini Monte Carlo, dessen Wrack sie auf einem Schrottplatz gefunden und den sie sie in mühevoller Kleinarbeit selbst wieder aufgebaut hatte. Mit seinem Rennmotor war er das ideale Polizeifahrzeug: schnell, wendig, keine Parkplatzprobleme. Die grellrote Lackierung mit den weißen Rallyestreifen leuchtete im trüben Novemberlicht.
Katharina schloss die Tür auf und glitt auf den Fahrersitz. Wenn alle Stricke rissen, könnte sie alte Autos restaurieren. Aber zuerst musste sie –
Mit beiden Fäusten schlug sie auf das Lenkrad. Sie würde jetzt nicht in Grübeleien über ihre Familie verfallen. Eines Tages würde sie den Mörder schon noch stellen. Aber an diesem Nachmittag …
Tja, was sollte sie mit dem freien Nachmittag anfangen? Nach Hause zu fahren hatte keinen Sinn; sie würde ohnehin nur in ihrem Wohnzimmer sitzen und grübeln. Wäre schönes Wetter, würde sie mit Morris zum Nürburgring fahren, um dort ein paar Runden zu drehen. Aber es regnete, und bis sie dort war, würde es vollständig dunkel sein.
Aber …
Hatte Polanski nicht gesagt, dass sie das Geld, das sie letzte Nacht beim Pokern gewonnen hatte, verschwinden lassen sollte?
***
»Hast du heute böse Männer gefangen?« Laura Wahrig war »fast fünf«, wie sie immer wieder betonte, und Katharinas größter Fan.
»Nein!« Katharina stapfte missmutig an dem auf der Treppe sitzenden Mädchen vorbei zu ihrer Wohnung, reichlich bepackt mit ihrer Einkaufsbummel-Ausbeute. Mit der Hacke kickte sie ihre Wohnungstür ins Schloss und begann, die Taschen auf die Zimmer zu verteilen: die zwei Pakete von Under Her – einer neuen Edelboutique für Dessous in der Goethestraße – ins Schlafzimmer, ebenso eine dezent schwarze Tüte; die Tasche mit den DVDs kam ins Wohnzimmer; das neue Navigationssystem für Morris blieb im Flur.
Es war verflixt schwer, zwanzigtausend Euro auszugeben. Katharina ging in die Küche und steckte die nur mäßig geschrumpfte Geldrolle zu den anderen in die Keksdose. Dann würde sie eben mal beim Pokern verlieren müssen. Katharina verlor ungern.
Apropos Spiel: Das war eigentlich eine gute Idee. Sie ging in ihr Arbeits- und Gästezimmer und startete ihren PC. Aus einer Schublade fischte sie ihre Ausgabe von Unreal Tournament. Ein paar Aliens hinzumetzeln war doch ein idealer Ausklang für diesen Tag.
Während der PC hochfuhr, ging Katharina ins Schlafzimmer. Dort sortierte sie rasch die Einkäufe. Schade, dass man Dessous erst waschen musste, bevor man sie trug. Also ab damit in den Wäschekorb. Dann packte sie die schwarze Plastiktasche aus. She-XXX, der Erotikshop nur für Frauen, war immer so schrecklich diskret; der Laden war vermutlich der einzige in ganz Frankfurt, der schwarze Plastikbeutel ohne jegliche Beschriftung ausgab.
Das Sortiment von Kondomen wanderte in Katharinas Nachttischschublade. Danach zog sie den in rotes Seidenpapier gewickelten Kasten hervor. Einem Vibrator in Form eines metallisch glänzenden Delfins hatte sie nicht widerstehen können. Katharina sammelte Delfine.
Amüsiert las sie die Vorzüge des Geräts in der Bedienungsanleitung: Die diskrete Formgebung ermöglichte auch eine offene Platzierung dieses schönen und edlen Stücks. Der gebogene Delfinleib hingegen versprach gleichzeitig Stimulation der Klitoris, der Vagina und des G-Punkts. Darüber hinaus war das Gerät wasserdicht. Bis hundert Meter Tauchtiefe. Wozu auch immer. Katharina legte den Vibrator in ihr Nachtschränkchen.
Dann ging sie zurück zu ihrem Computer. Als sie die Programm-CD einlegen wollte, fiel ihr Blick auf die Uhr. Viertel nach acht. Irgendetwas stimmte nicht. Irgendetwas stimmte ganz und gar nicht.
***
Zehn Sekunden später stand sie wieder im Treppenhaus. Tatsächlich. Laura saß immer noch auf dem Treppenabsatz.
»Sag mal, was machst du denn so spät hier draußen?«
Laura schaute zu ihr hoch. »Mama macht nicht auf. Hat mich auch nicht aus dem Kindergarten abgeholt.«
»Und wie bist du dann hierhergekommen?«
»Ich bin gelaufen.«
»Ganz allein?«
»Klar, ich bin doch schon fast fünf.«
Katharina wollte zu einem tadelnden Vortrag ansetzen, doch sie stutzte. »Und deine Mama?«
»Mama hat mich nicht abgeholt. Und macht nicht auf.«
Katharina ging zur Wohnungstür von Melanie Wahrig und klingelte. Niemand öffnete. Sie klopfte und klingelte erneut. Keine Reaktion. Vielleicht war Lauras Mutter ja in ihrer Werbeagentur aufgehalten worden. Irgendwo hatte Katharina doch die Nummer der Agentur?
»Laura, komm doch mal kurz mit zu mir. Ich versuche, deine Mama zu erreichen.«
»Au ja.« Das blond gelockte Mädchen sprang die Stufen hoch. Katharina ging rasch hinterher. Ein Kind in ihrer Wohnung. Das hatte ihr gerade noch gefehlt.
***
Wohin mit Laura? Ins Wohnzimmer? Ins Gästezimmer? Vielleicht erst mal in die Küche. Laura kletterte artig auf einen Stuhl. Katharina nahm ihr Telefonverzeichnis. Die meisten Mieter des Hauses misstrauten der anonymen Hausverwaltung und hatten Katharina ihre Notfallnummern gegeben. Schließlich war sie Polizistin.
Endlich fand Katharina den richtigen Eintrag. Festnetz, Handy, Fax, die Nummer von Lauras Vater, Tom Wahrig, und die der Agentur mit dem originellen Namen »stop!«. Katharina begann mit der Handynummer. Nur die Mailbox. Auch bei Tom Wahrig meldete sich nur eine sonore Männerstimme: »Hi, hier spricht Tom. Ich bin verreist. Macht keinen Sinn, mir eine Nachricht zu hinterlassen.« Das war wenigstens ehrlich.
Also wählte sie die Nummer der Agentur. Es war zwar schon halb neun, aber vielleicht …
Nach endlosem Klingeln meldete sich endlich jemand: »Stop! Hasko Beyer?«
Katharina konnte sich gerade noch bremsen und meldete sich nicht mit »Kriminalhauptkommissarin Klein. KK 11«. Stattdessen entschuldigte sie sich für die späte Störung und fragte nach Melanie Wahrig.
»Hm«, antwortete die Stimme am anderen Ende. »Die sitzt vermutlich in ihrem Homeoffice und arbeitet.«
Was nun? Sie könnte kurz im Polizeipräsidium anrufen. Aber das machte sie besser aus dem Nebenzimmer. Vielleicht sollte sie Laura aber zuerst beschäftigen. Alle Kinder mochten doch …
»Magst du einen Kakao, Laura?«
»Jahaa!«
Katharina gab ein paar Löffel Instant-Kakao in eine Tasse, goss Milch hinein und stellte die Tasse in die Mikrowelle.
»Du kochst aber komisch Kakao.«
»So geht es am schnellsten.«
Die Mikrowelle meldete sich mit einem optimistischen »Ping!«.
»Vorsicht, heiß!« Katharina stellte die Tasse vor Laura, die gründlich mit dem Löffel umrührte und einen kleinen Schluck trank.
»Lecker«, befand sie.
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