»Thomas und ich wollten in die Oper. Karten kaufen für heute Abend.«
»In die Oper? Sie?« Katharinas Antwort schien Polanski zum ersten Mal wirklich aus der Fassung gebracht zu haben. Er stand wieder auf. Katharina kam nicht umhin, sich von den auf hundertneunzig Zentimeter verteilten hundertzehn Kilo einschüchtern zu lassen. Ein alternder Schwergewichtsboxer – noch immer in der Lage, viele Jüngere direkt auf die Matte zu schicken.
»Nicht meine Idee. Thomas meinte, ein gemeinsamer Abend mit seiner Frau wäre vielleicht ganz nett. Sie ist … sie war … immer extrem eifersüchtig.«
»Sie haben doch nicht –?«
»Mit Thomas?« Katharina lachte grimmig. »Dem bravsten und treusten Familienvater von allen? Dem hätte ich nackt und mit Schlagsahne beschmiert vor der Nase herumtanzen können, und er hätte nur gesagt, ich soll mir was Wärmeres anziehen, bevor ich mir einen Schnupfen hole.«
Polanski blickte betreten zu Boden. »Sie wollten also in die Oper und sind deshalb ins Parkhaus gefahren?«
»Ja.«
»Und wie kamen Sie ins Treppenhaus? Warum haben Sie nicht den Aufzug genommen?«
»Der war kaputt.«
»Und dann?«
»Ich hatte meine Handtasche im Auto liegen lassen. Deshalb ist Thomas schon mal vorgegangen. Dann habe ich die Schüsse gehört. Eine lange Salve aus einer automatischen Waffe. Ich bin ins Treppenhaus geschlichen und habe Thomas auf der Treppe liegen sehen.«
»Weiter!« Polanski setzte sich wieder. Sein Sessel knarrte bedrohlich.
»Ich habe gehört, wie sich die beiden Männer unterhalten haben. Sie wollten die Mädchen und Hölsung als Geiseln mitnehmen und die Jungs erschießen. Da habe ich mir rasch meinen Pullover ausgezogen –«
»Warum das denn?«
»Im Bustier war mein Auftritt als asiatische, betrunkene Nutte glaubwürdiger.«
»Als was?«
»Ich musste die beiden doch irgendwie ablenken. Ich bin also die Treppe hinuntergetorkelt und hab sie erschossen.«
»Absichtlich?«
»Natürlich absichtlich. Was hätte ich denn sonst tun sollen?«
»Sie hätten Verstärkung rufen können.«
»Und bis die anrückt, werden zwei weitere Geiseln getötet? – Und danach? Eine Verfolgungsjagd quer durch die Frankfurter Innenstadt? Wären Ihnen ein Dutzend Tote lieber gewesen?«
Polanski putzte seine Lesebrille mit einem umständlich hervorgekramten Taschentuch. »Mussten es denn gleich Kopfschüsse sein? Meinen Sie nicht, dass die Verwirrung ausgereicht hätte, um Berndt Hölsung –?«
»Hölsung? Der findet doch nicht mal den eigenen Arsch –«
»Katharina!«
»Entschuldigung! Hölsung ist der unfähigste Beamte in Ihrer Abteilung. Und das wissen Sie! Hätte er den heißen Tipp rechtzeitig an die Kollegen von der Drogenfahndung weitergegeben, wäre überhaupt nichts passiert.«
»Vielleicht! Aber zwei tote Verdächtige –«
»Zwei tote Mörder.«
»Zwei tote Verdächtige! Noch gilt in diesem Land die Unschuldsvermutung! – Und jetzt kommen wir hierzu.« Polanski öffnete eine Schublade seines Schreibtischs und nahm eine Pistole heraus. Sie war in einen Plastikbeutel verpackt. Eine Heckler & Koch P 2000. Katharinas Dienstwaffe. Polanski legte einen weiteren Beutel daneben. Ein Magazin. Im dritten Beutel glitzerten Patronen.
»Was ist das?« Er deutete auf die Pistole.
»Meine Dienstwaffe.«
»Und das?« Polanski zeigte auf die Patronen.
»Glaser-Sicherheitsgeschosse«, antwortete Katharina kleinlaut. Die Geschosse dieser Munition bestanden aus einem Kupfermantel mit Plastikspitze, der mit kleinen Schrotkugeln gefüllt war. Höchste Mannstopp-Wirkung. Kein Durchschlag durch das Ziel. Bei Kopfschüssen sofort tödlich. Und …
»Diese Munition ist bei uns strengstens verboten. Sie dürften sie nicht mal besitzen. Und das auch noch aus einer Dienstwaffe.« Polanski lehnte sich in seinem Sessel zurück und atmete tief durch.
»Hätte ich vielleicht mit unseren schwachsinnigen Vollmantelgeschossen schießen sollen? Die wären doch in dem engen Treppenhaus herumgesprungen wie Flummis und hätten zusätzlich noch die Geiseln gefährdet.«
»Sie hätten überhaupt nicht schießen sollen.«
»Und hinnehmen, dass –?«
»Schluss jetzt! Auf jeden Fall sind Sie bis zur Klärung des Vorfalls vom Dienst suspendiert. Ihren Dienstausweis bitte.«
Katharina zog die grüne Karte aus ihrer Handtasche und legte sie auf den Tisch.
»Haben Sie sonst noch etwas in Ihrer Handtasche, das bis zum Abschluss des Verfahrens besser in meinem Schreibtisch bleibt?«
Katharina zog zwei Shuriken – japanische Wurfsterne – aus ihrer Tasche. Und ein Butterflymesser.
Polanski schüttelte missbilligend den Kopf. »Katharina! Sie sind Polizistin, keine mobile Kampfeinheit. Ich habe in meinen ganzen dreißig Jahren bei der Polizei die Waffe nur auf dem Schießstand gezogen.«
»Aber …«
»Ich weiß, was Sie sagen wollen: Der Job ist gefährlicher geworden; wir brauchen bessere Bewaffnung. Meine Güte, Sie sollten mit dem Innenminister Golf spielen. Haben Sie mir sonst noch etwas verschwiegen? Haben Sie vielleicht seit Neuestem einen Kanonenturm auf Morris montiert?«
Morris, ein von ihr selbst restaurierter Mini Monte Carlo, war Katharinas ganzer Stolz.
»Nein, nur Raketenwerfer hinter dem Kühlergrill.«
»Was?«
Eine Sekunde lang befürchtete Katharina, Polanski hätte der Schlag getroffen. Die Adern an seinem Hals traten dick und blau hervor.
»Das war ein Scherz«, sagte sie rasch.
»Das ist nicht witzig!«
In den drei Jahren, die Katharina jetzt bei der Frankfurter Kriminalpolizei arbeitete, hatte sie ihren Chef noch nie so schreien gehört. Er brauchte einen Augenblick, bis er sich wieder beruhigt hatte: »Also? Noch irgendwas?«
»Ich habe noch Pfefferspray. Moment!« Katharina kramte in ihrer Handtasche, bis sich ihre Finger endlich um den gesuchten runden Gegenstand schlossen. Dachte sie zumindest. Doch was sie aus ihrer Tasche zog, war kein Pfefferspray, sondern eine dicke Rolle mit Geldscheinen. Fünfziger und Hunderter. Das mussten mindestens zwanzigtausend Euro sein. Woher hatte sie denn …? Ihr dämmerte es.
»Was ist das für Geld?«
Was sollte sie ihrem Chef erzählen? Besser die Wahrheit: »Das habe ich gestern Nacht beim Pokern gewonnen.«
»Sie haben …« Polanski lief wieder gefährlich rot an. »Stecken Sie es weg. Ich habe das nicht gesehen. Einfach nicht gesehen. Geben Sie’s aus. Lassen Sie das Geld verschwinden. Es darf nirgendwo auftauchen, auf keinem Konto, verstehen Sie?«
Katharina steckte die Geldrolle unschlüssig zurück in ihre Handtasche: »Wieso das denn jetzt schon wieder?«
»Wenn es nun heißt, das ist Bestechungsgeld?«
»Das ist doch absurd.«
»Ich weiß das. Aber die Interne Ermittlung wird das anders sehen. Und illegales Glücksspiel ist auch nicht gerade ein Beförderungsgrund.«
»Was hat das denn mit –?«
»Gar nichts. Oder alles. Katharina, es geht um Ihren Kopf! Hölsung wird alles tun, um Sie angeklagt zu sehen. Und die Interne Ermittlung will ein gnadenloses Exempel statuieren – gerade, weil die in letzter Zeit erfolglos sind.«
»Na, meinetwegen. Wenn Sie mich hier nicht mehr wollen …«
»Verstehen Sie nicht, dass ich Ihnen nur helfen will? Ich verliere gerade zwei gute Beamte anstatt einem. Und das nur, weil Sie Rambo spielen müssen und danach mit der Frankfurter Unterwelt zocken. Wenn das alles an die Öffentlichkeit kommt!«
»So? Ist das Ihre einzige Sorge? Wie das Polizeipräsidium in der Öffentlichkeit dasteht?« Katharina war so schnell aufgesprungen, dass Polanski vor Schreck fast mit seinem Sessel nach hinten umstürzte. Zwar war sie gerade groß genug für den Polizeidienst, aber ihre Schnelligkeit und ihre Kraft glichen den Größennachteil mehr als aus. »Ohne mich müssten Sie jetzt Walpurga Grüngoldt vor der versammelten Presse erklären, warum ihr Sohn bei einer schlecht geplanten Polizeiaktion getötet wurde. Und im Übrigen kann ich jederzeit den Dienst quittieren!«
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