Sie drehte sich um für einen großen Abgang.
Aber Polanskis Worte hielten sie zurück: »Dann müsste ich Sie jetzt festnehmen.«
»Was?« Katharina wirbelte herum.
»Jetzt beruhigen Sie sich wieder. Das ist genau Ihr Problem, wissen Sie das? Sie sind immerzu zornig. Warum, Katharina?«
»Warum was?«
»Warum sind Sie immer so zornig?«
Katharina zuckte mit den Schultern.
»Setzen Sie sich. Ich bin noch nicht fertig.« Polanskis Ton duldete keinen Widerspruch. Katharina setzte sich auf den vorderen Rand des Stuhls.
Ihr Chef lehnte sich vor: »Sie haben meine Frage nicht beantwortet. Warum sind Sie so zornig? Ich sehe Sie doch jeden Tag: Kaum ist ein Fall gelöst, stürzen Sie sich in den nächsten. Immer auf einem persönlichen Kreuzzug. Warum machen Sie sich kaputt, Katharina?«
Katharina betrachtete ihre Finger. »Ich glaube, das wissen Sie.«
»Ihre Familie?« Die Frage ließ Katharinas Blut aus ihrem Kopf sacken. Der Anruf aus Deutschland. Der Flug. Die Rechtsmedizin. Drei tote Körper auf Stahltischen.
»Glauben Sie mir, Katharina: Wir haben damals jede Spur untersucht. Sie würden nichts finden. Nicht sechzehn Jahre später. Und Sie wissen genau, dass ich Ihnen die Akten nicht geben darf. Sie sind Betroffene. So sind nun mal die Regeln.«
Katharina musterte immer noch ihre Finger. Sie hatte schmale, geschickte Hände. Chirurgenhände. Ärztin hatte sie werden wollen.
»Wie dem auch sei: Sie sind fürs Erste suspendiert. – Hören Sie mir überhaupt zu?«
Katharina nickte unmerklich. »Suspendiert.«
»Allerdings habe ich noch eine unangenehme Aufgabe für Sie. Sie müssen Thomas Henrich identifizieren. Niemand sonst hat Zeit dazu. Und seine Frau möchte ich nicht damit belasten.«
»Meinen Partner identifizieren. Schon klar.« Katharina nickte erneut mechanisch.
»Und am Montag finden Sie sich bitte beim Polizeipsychologen ein!«
Katharina sah auf. »Wozu das denn?«
»Das ist Vorschrift.«
»Wenn ich doch ohnehin gefeuert werde?«
»Katharina, ich versuche hier, Ihren Kopf zu retten. Tun Sie also gefälligst, was ich sage: Montag, acht Uhr dreißig bei Doktor Arnulf Sturmer. Er erwartet Sie.«
Katharina stand auf: »Kann ich dann gehen?«
»Ja.«
Sie hatte die Tür schon fast erreicht, als Polanski sie noch einmal aufhielt: »Ach, noch eines, Katharina.«
Was denn noch? »Ja?«
»Sie sind eine verdammt gute Ermittlerin. Vielleicht die beste, die je in diesem Präsidium gearbeitet hat. Ich will Sie nicht verlieren.«
»Danke!«
»Und es wäre an der Zeit, auch eine gute Polizistin zu werden.«
Katharina zuckte mit den Schultern und griff nach der Türklinke.
»Noch ein letztes Wort, Katharina?« Polanski hatte leise gesprochen. Versöhnlich. Überrascht drehte Katharina sich wieder zu ihm um.
»Die Akte Ihrer Familie: Sie befindet sich hier in meinem Schreibtisch. Und sie bleibt offen, bis wir …« Polanski hielt inne.
»Danke.« Katharina nickte ihm zu und ging endlich hinaus. Leise schloss sie die Tür hinter sich.
Und jetzt?
Sie entschied sich für das Nächstbeste: Schokolade und rohe Gewalt.
***
Katharina stolperte zurück. Das Shinai ihres Gegners hatte sie genau auf den Kopf getroffen.
»Konzentrier dich, Katharina!« Die Stimme von Hiroshi Yamoto, ihrem Kendo-Sensei, versprach keine Gnade. Genauso gut könnte er statt des Übungsschwerts aus Bambusstreifen ein scharf geschliffenes Katana in den Händen halten.
Katharina schwitzte unter der schweren Rüstung. Ihr Körper war müde. Fast zwei Stunden hatte sie auf die Sandsäcke im Dojo eingeschlagen und getreten, bis Hiroshi sie zu einem Übungskampf herausgefordert hatte. Jetzt scheuchte er sie bereits seit einer halben Stunde über die Kampffläche.
Katharina atmete langsam aus. Ihr Körper entspannte sich. Die Schwertspitze ihres Gegners zuckte; ihre Arme schossen vor, das Shinai traf genau auf den Helm von Hiroshi. Jetzt war es an ihm zurückzutaumeln.
»Schon etwas besser«, höhnte er.
Sie setzte einen wütenden Schlag hinterher. Doch der ging ins Leere.
Sie wirbelte herum … und im nächsten Augenblick lag sie auf dem Rücken, entwaffnet, das Schwert ihres Trainers am Hals.
Endlich ließ Hiroshi die Waffe sinken. »Genug für heute.«
Er streckte Katharina die Hand entgegen, um ihr aufzuhelfen. Dann löste er den Knoten, der den Helm auf ihrem Kopf sicherte. Katharina war froh, endlich wieder frei atmen zu können.
Sie half Hiroshi aus seinem Helm. Es war schwer zu sagen, wie alt der grauhaarige Japaner war, der unter der Maske zum Vorschein kam. Doch seinen Erzählungen nach musste er mindestens sechzig sein. Hiroshi Yamoto war der beste Kampfsportlehrer, den sie kannte. Und mit Händen, Füßen und Schwert schneller als viele Jüngere.
Sie verneigte sich vor ihrem Lehrer. Er erwiderte die Verbeugung knapp. »Lass uns duschen und Tee trinken.«
***
»Katharina, warum hast du vorhin verloren?« Hiroshi sah sie über den Rand seiner Tasse durchdringend an.
»Weil Sie extrem schnell und gut sind?«
Hiroshi lachte. »Dein Respekt ehrt mich, Katharina. Doch ich bin ein alter Mann und du eine junge, starke Kriegerin.«
»Nicht stark genug für Sie, fürchte ich.«
»Nein, Katharina. Nicht stark genug für dich selbst. Erst warst du unaufmerksam. Nicht im Hier und Jetzt.«
Katharina wusste, was jetzt kam. Aber es war eine der Lieblingslektionen von Hiroshi, also tat sie ihm den Gefallen. »Wir haben doch nur trainiert.«
»Im Bushido gibt es kein ›nur trainiert‹, Katharina. Du musst ständig eins sein: eins mit dir selbst, eins mit deiner Klinge.«
»Ja, Sensei.« Sie deutete eine Verbeugung an.
»Und danach? Am Schluss unseres Kampfes?«
»Ich hab Sie doch erwischt. Im echten Kampf –«
»Jeder Samurai muss in der Lage sein, nach seiner Enthauptung noch den entscheidenden Schlag zu tun.« Hiroshi ließ seine bevorzugte Stelle aus dem Hagakure, dem Lehrbuch für Samurai, wirken, indem er an seinem Tee nippte. »Also? Was war dein Fehler?«
»Mein zweiter Schlag war blindlings.«
»Richtig. Und warum?«
»Weil ich zornig war?«
»Genau. Du warst zornig und müde. Was hättest du tun sollen?«
»Einen Schritt zurückweichen?«
»Richtig, Katharina. Wenn man weiß, dass das eigene Schwert tötet, braucht man es nicht zu ziehen. Eines Tages wirst du diese Lektion hoffentlich begreifen.«
Sie tranken ihren Tee. Nach einer Weile brach Hiroshi das Schweigen. »Warum warst du so zornig, Katharina? Ich konnte die Gesichter auf den Sandsäcken sehen.«
»Ich habe zwei Männer getötet. Und jetzt bin ich suspendiert.«
»Ich höre?«
Katharina erzählte. Vom Parkhaus. Vom Tod ihres Partners. Von den Schüssen. Von ihrer Suspendierung.
»Ich meine, ich habe mindestens fünf Leben gerettet.«
»Und du hast deinen Herrn entehrt. Du hast gegen seine Vorschriften gehandelt. In zivilisierteren Tagen hättet ihr vermutlich beide Seppuku begehen müssen.«
Katharina lachte auf.
Hiroshi musterte sie tadelnd: »Darin liegt wenig Komisches. Was euch fehlt, ist Hingabe an eure Aufgabe.«
»Hingabe? Ich habe mein Leben riskiert. Für fünf Menschen.«
»Ging es dir wirklich um diese fünf Menschen, Katharina?«
Ihr Lehrer hatte den wunden Punkt getroffen. »Niemand erschießt meinen Partner ungestraft.«
»Rache, Katharina: Sie darf niemals dein Handeln bestimmen. – Lass mich dir eine Geschichte erzählen. Ein Samurai begleitete seinen Fürsten zu Verhandlungen auf die Burg seines Feindes. Es war ihnen verboten, dort Waffen zu tragen. Doch der Samurai witterte eine Falle und schmuggelte sein Schwert in sein Schlafgemach. In der Nacht drangen gedungene Mörder in die Räume seines Fürsten ein; der Samurai enthauptete sie mit einem Streich. Sein Fürst erwachte, und als er sah, was geschehen war, sprach er: ›Oh weh, was hast du getan? Du hast die Anordnungen unseres Gastgebers missachtet. Jetzt werden wir beide Seppuku begehen müssen.‹ Und so geschah es. Sie starben ehrenvoll, ohne einen Laut.«
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