»Habt ihr schon …?«
Entrüstet starrten die Hörnchen sie durch ihre dicken Brillengläser an. »Natürlich haben wir …« – »… sofort den Müll hier im Haus kontrolliert«, brach das Protestduett über Katharina herein. »Und auch bei den Nachbarhäusern.« – »Unser Mann wusste, was er tut.«
Nachdem sie sich beruhigt hatten, stellten die Hörnchen die Leiter auf, wie sie vermutlich gestanden hatte: »Wir haben noch etwas herausgefunden.« – »Steig mal auf die Leiter.«
Katharina gehorchte widerwillig. Als sie auf der obersten Sprosse stand, fragte sie: »Und?«
»Was würdest du jetzt auf dieser Leiter machen?«
Katharina sah sich um.
»Streck mal die Arme aus!«
Katharina tat es: Natürlich! »Warum sollte sie hier auf die Leiter steigen? Mitten im Raum? Man erreicht von hier aus ja gar nichts.«
»Eben.« Die Hörnchen grinsten zufrieden.
Katharina kletterte von der Leiter. »Also, was ist passiert?«
»Wenn du uns fragst …«
»Ich frage euch!«
»Jemand hat Melanie Wahrig zuerst gestoßen …« – »… sodass sie mit dem Hinterkopf auf den Tisch gefallen ist.« – »Dann wurde sie mit der Schläfe auf die Tischkante geschlagen.« – »Nur etwas passt nicht ins Bild.« – »Das da!«
Die Hörnchen deuteten auf zwei leere Eiswürfelformen, die auf dem Kühlschrank lagen. »Die wurden da hingelegt…« – »… nachdem jemand die Arbeitsfläche abgewischt hat.« – »Dreh sie mal um!«
Katharina hob die Formen mit den Fingerspitzen an und drehte sie auf den Rücken. Auf der Rückseite waren zwei blutige Fingerabdrücke.
»Die gehören …« – »… Melanie Wahrig«, erklärten die Hörnchen in Stereo.
Warum waren Melanies Fingerabdrücke auf der Eiswürfelform?
Natürlich!
»Sie hat sich einen Eisbeutel für den Kopf gemacht. Sie war also nach dem ersten Sturz noch bei Bewusstsein. – Ist das möglich?«, wandte Katharina sich an Andreas Amendt.
»Ja. Die Verletzung am Hinterkopf hat vermutlich stark geblutet, aber mehr als eine Gehirnerschütterung …«
»Wer stößt denn erst sein Opfer, lässt es dann einen Eisbeutel machen und bringt es anschließend um?«
***
Wer auch immer Melanie Wahrig getötet hatte, hatte ganze Arbeit beim Verwischen seiner Spuren geleistet. Auch im Arbeitszimmer. Melanie Wahrigs Notebook und Handy fehlten. Im Kurzwahlverzeichnis des Festnetztelefons standen nur sinnlose Ziffern. Katharina suchte nach Notizen, einem Kalender, einem Telefonverzeichnis, aber es war nichts zu finden.
Zuletzt wandte sich Katharina dem Computer zu, der unter dem Schreibtisch stand: ein neuer Hochleistungsrechner. Melanie Wahrig war Grafikdesignerin, und auf dem Rechner erledigte sie ihre ganze Arbeit.
Katharina schaltete den Computer ein. Kurze Zeit später forderte der Monitor sie auf, sich einzuloggen. Doch man konnte kein Passwort eingeben. Der Rechner war mit einem Fingerabdruck-Scanner gekoppelt. Doch selbst wenn sie jetzt Melanie Wahrigs Fingerabdruck gehabt hätte: Er hätte ihr nichts genützt, denn der Stift mit dem Code steckte nicht in dem Port über dem kleinen Scanner. Der Rechner war dicht. Da musste ein Experte ran. Aber das würde wohl bis Montag warten müssen. Für einen offiziell bereits abgeschlossenen Fall unterbrachen die EDVler des Präsidiums sicher nicht ihr wertvolles Wochenende.
***
Katharina war allein in der Wohnung von Melanie Wahrig zurückgeblieben. Was war hier nur passiert? Warum hatte man Melanie Wahrig ermordet?
Solange sie an keine persönlichen Unterlagen kam, war die Frage akademisch. Sie hatte nichts, wo sie ansetzen konnte. Beim Exmann vielleicht, aber der befand sich auf hoher See. Oder doch nicht? Sie würde warten müssen, bis er sich meldete. Wenn er es tat.
Laura brauchte frische Kleidung, Spielzeug. Katharina begann, zwei große Reisetaschen zu packen. Hosen, T-Shirts, Pullis, Unterwäsche, zwei feine Kleidchen. Außerdem nahm sie das Spielzeug mit, das so aussah, als ob Laura gerne damit spielte: Das Miniatursofa mit den drei Puppen und einem weiteren Bären. Die Legokiste. Die Malbücher und Buntstifte, die auf einem kleinen Schreibtisch lagen. Laura malte gern.
Was hatte sie noch am ersten Abend gemalt?
»Mama hat viele Freunde.«
Das konnte man laut sagen. Warum sonst sollte jemand benutzte Kondome durchnummerieren?
***
Laura wachte auf, als Katharina zurück in die Wohnung kam. Das kleine Mädchen legte schweigend jedes Kleidungsstück sorgfältig zusammen oder hängte es auf einen Bügel. Zuletzt richtete sie sich eine Spielecke ein, gut verborgen hinter Katharinas Schreibtisch, der ebenfalls im Gästezimmer stand. Eine Höhle. Katharina erinnerte sich, wie sie selbst als Kind Verstecke gebaut hatte.
Dann setzte sich Laura neben Katharina auf das Bett: »Und jetzt?«
»Hast du Hunger, Laura?«
»Ganz großen!«
Katharina widerstand der Versuchung, erneut den Pizzaservice zu rufen. Gemeinsam sahen sie in den Kühlschrank und diskutierten, was sie essen sollten. Schließlich einigten sie sich auf einen Obstsalat und ein paar mit Käse belegte Brote.
Mit einem großen Tablett bewaffnet, gingen sie ins Wohnzimmer. Während sie aßen, spielten sie Mensch-ärgere-dich-nicht. Laura gewann. Katharina ertappte sich dabei, stolz auf das kluge kleine Mädchen zu sein.
***
Come Sunday
Sonntag, 25. November 2007
Der Eiserne Steg: Die im 19. Jahrhundert erbaute Fußgängerbrücke spannte sich über den Main und verband so das Zentrum der Stadt mit dem Museumsufer und mit Sachsenhausen – dem bei den Nouveaux Riches der Stadt beliebten Wohnviertel. Und so schoben sich Touristen durch den Sonnenschein über die Brücke, mit Kinderwagen bewaffnete Mütter pflügten durch die Menge – auf dem Heimweg vom Latte Macchiato-Brunch mit ihren Freundinnen. Der eine oder andere versprengte Anzugträger eilte entweder zum Bankenviertel – oder in die heimatliche Wohnung.
Susanne saß auf dem Geländer der Bücke, mit dem Rücken an einen der Stahlträger gelehnt. Das Wasser des Mains glitzerte. Katharinas Schwester hatte sich eine Strähne ihres langen schwarzen Haars neongrün gefärbt – ihre Form jugendlicher Rebellion. Sie trug ein altes T-Shirt und eine kunstvoll-löcherige Jeans. Ihre Sonnenbrille hatte sie lässig ins Haar geschoben.
»So, so. Du hast also Marianne Aschhoff kennengelernt.« Susanne kicherte.
»Du kennst sie auch?«
»Klar. In ihrem Café habe ich meinen Schatz getroffen. Hab ich dir doch geschrieben.«
Richtig. Susanne hatte ihren Verlobten kennengelernt, als sie ihre Eltern in einen Jazzclub begleitete. Ihr Vater mochte Jazz über alles.
Susanne lehnte sich vor: »Geht's dir gut, Katharina?«
»Ach, wie man's nimmt. Eigentlich schon.«
»Du hast einen Mann kennengelernt?«
»Du meinst Doktor Amendt?«
»Mein Gott, wie förmlich.« Susanne ließ sich den Namen auf der Zunge zergehen: »Doktor Amendt.«
»Wir arbeiten zusammen. Er ist Rechtsmediziner.«
»Ja, und?«
»Nichts und!«
»Ach? Meine tapfere kleine Polizistenschwester ist ein Feigling?«
»Bin ich nicht!«
»Feigling. Feigling«, summte Susanne vor sich hin. Katharina schwieg. Ihre Schwester schloss die Augen und ließ sich das Gesicht von der Sonne bescheinen. »Und Laura? Wie kommt ihr zurecht? – Kinder sind klasse, nicht wahr? – Du solltest übrigens mal kurz aufwachen und nach ihr sehen. Irgendwas stimmt nicht. Bis später, Schwesterherz.«
***
Katharina schreckte aus dem Schlaf hoch. Ihr Blick fiel auf die Uhr. Kurz nach drei. Was hatte Susanne gesagt? Irgendetwas mit Laura stimmte nicht? Katharina stand auf, schlich vorsichtig zum Gästezimmer und öffnete leise die Tür.
Laura saß auf ihrem Bett und weinte.
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