Dass Menschen ohne Unrechtempfinden ihren Wohlstand auf dem Elend ihrer Mitmenschen begründen, lässt sich – wenn überhaupt – nur mit der zunehmenden Entfremdung von…, ja von fast allem erklären: der Natur, den Mitmenschen, dem Leben schlechthin, von uns selbst …
Wir halten uns in unserem Tun und Denken bedeckt, bleiben damit lieber anonym, lassen auch andere lieber in ihrer Anonymität verweilen und halten sie damit auf Distanz. Den Dolchstoß mit eigener Hand zu versetzen ist seit jeher missliebiger als das Verrecken-Lassen in der Ferne irgendwo. Wenn schon Blut fließen muss, möge s nicht das eigene Gewand besudeln und die Tat als Unrecht oder gar Verbrechen entlarven. Dann schon lieber ein Knopfdruck, der die Folgewirkungen aus dem Gesichtskreis verbannt. Was ich nicht weiß, sehe, höre, fühle…, das lässt mich besser leben und ruhiger schlafen. Die eigenen Probleme genügen ohnehin, wer möchte sich da noch was anderes aufhalsen.
Meine, deine, eure Probleme… Hier beginnt der geistige Irrtum. Sind wir doch alle ein großer Organismus, untrennbar miteinander verbunden mit all unseren Herausforderungen, aber gottlob auch mit unseren Lösungen. Dass diese oft länger auf sich warten lassen im Vergleich zur „Problemgeschwindigkeit“, dürfte daran liegen, dass wir problembehaftete Zustände oft über lange Zeiträume hinweg gleichsam als „Naturgesetze“ hinnehmen und zuweilen gar nicht auf die Idee kommen, es ließe sich etwas ändern. Derart konditioniert, neigen wir dazu, uns mit problematischen Gegebenheiten zu arrangieren und uns dieselbe Medizin zu verschreiben, die schon bisher nicht im erhofften Sinn gewirkt, ja die Symptome mitunter sogar noch verstärkt hat. Mehr vom Selben also, zur Bestätigung des vermeintlich Unvermeidlichen und Unveränderbaren oder auch zur bequemeren Beibehaltung des – wenn auch unliebsamen – Gewohnten.
Die Crux ist, dass es keine Lösungen gibt, die außerhalb unserer selbst liegen. Und nichts von dem, was wir anderen verordnen möchten, trägt zu unserer Gesundung bei. Das Potential zur heilsamen Veränderung finden wir ausschließlich in uns selbst. Es liegt im Blick, den wir auf unser eigenes Menschsein werfen, in der Art und Weise, wie wir uns selbst, als den Menschen, der uns vom Fühlen her am nächsten ist, mit seinem Sehnen, Hoffen, Lieben, Fürchten und Bangen sehen. Das Bild, das wir von uns als Einzelwesen, stellvertretend für alle Menschen, halten – unser Menschenbild, in dem sich das Bild von der Welt, von Krieg oder Frieden, Freiheit oder Unterdrückung, Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit, Solidarität oder Konkurrenz, kurz, von allem, was für uns bedeutsam ist, widerspiegelt. Und das uns vor Probleme oder vor Lösungen stellt. Niemand außer uns selbst kann dieses Bild umgestalten. Viele haben sich bereits ans Werk gemacht. Möge daraus ein neues „Gesamtkunstwerk“ entstehen!
Foto: V. Wlasaty
Kooperationsfähigkeit statt Konkurrenzfähigkeit
Gleichwürdigung statt Gleichmacherei
Einzigartigkeit statt Vergleichbarkeit
Gemeinwohl statt Gewinnmaximierung
Kompetenz statt Zertifikat
Wertschätzung statt Bewertung
Persönlichkeitswachstum statt Wissensvermehrung
Vieltonmusik statt Eintönigkeit
Miteinander statt Vereinzelung
Reflexion statt Anpassung
Bewusstheit statt Konformität
Erneuerung statt Reform
Neues Paradigma
Foto: H. Dietinger
Wir leben, wie wir es für richtig zu halten gelernt haben, und beurteilen andere, von unserer westlichen Mentalität abweichende Lebensweisen als rückständig, unterentwickelt, unzivilisiert oder normabweichend und die sich dieser Lebensweise Bedienenden als entwicklungsbedürftig oder genauer gesagt, unserer Entwicklungshilfe bedürfend. Wir wähnen uns als das Volk, die Nation, die Staatengemeinschaft, die, über jeden Zweifel erhaben, anderen, nach unserem Verständnis Unterentwickelten, den Weg weisen muss. Unseren Weg, den sie ohne unsere „Hilfe“ vermutlich gar nicht suchen würden. Da wir die Parameter, die unseren technischen, wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungsstand abbilden, als absolute Größen setzen, kommt uns nicht in den Sinn, dass es auch anders herum sein könnte. Nämlich, dass wir diejenigen sein könnten, die „verkehrt herum“ leben. Diejenigen, die Geld, technischen Fortschritt und Wissen mit Höherentwicklung und Wohlstand verwechseln. Diejenigen, die die Schönheit des Weges den schnellen Zielen opfern und sich ihres Tempos brüsten, ohne zu wissen, wo es sie hinführt.
Wir lassen keine anderen Maßstäbe gelten als die unseren und erklären diese zu unumstößlichen Eckpfeilern einer funktionierenden Gesellschaft. Unsere an Wachstum, Wettbewerb und Fortschritt orientierten Werte sind die einzig wahren, die allerorts als verbindlich zu gelten haben.
Was aber, wenn wir irren?Wenn unsere „bessere Welt“ nur besser für uns und schlechter für alle anderen wäre. Und auch für uns bestenfalls nur kurzfristig besser und langfristig schlechter für alle. Und wenn in Reichtum leben nicht Anhäufung von Geld und Gütern wäre, sondern Leben im Einklang mit der Natur unter Würdigung, nicht Ausbeutung ihrer Schätze.
Im Bewusstsein, dass das Geborenwerden in diese Welt jedem von uns die selben Erdenbürgerrechte gleichsam als Geburtsrecht zuteil werden lässt, ist eine gleichberechtigte Teilhabe nichts, worüber uns zu entscheiden zustünde, nichts, was wir anderen gewähren oder versagen könnten. Und doch maßen wir uns an, genau darüber zu entscheiden und bemühen dabei oft noch eine höhere Instanz, um unseren Willen zu legitimieren. Gott steh uns bei, möchte man beten, aber Gott steht nur denen bei, die sich auch beistehen lassen und das Zepter, das sie an sich gerissen haben und umklammert halten, endlich loslassen.
„ Don´t push the river. It flows by itself.”
(Fritz Perls)
Eine Metapher für das menschliche Leben, die mir sehr treffend erscheint, ist die vom langen (ruhigen) Fluss. Von der Quelle bis zur Mündung ins Meer gewinnt ein Fluss an Breite, Tiefe und Fülle. Vom Bächlein bis zum Strom verfügt er in jedem Abschnitt über die Qualität (das Potential), um das Leben in ihm bestmöglich zu versorgen und nimmt ohne Zutun den für sich bestmöglichen Lauf.
Aber dann… kommt der Mensch, verbaut die Ufer und nimmt Einfluss: Er leitet seine Abwässer hinein und reguliert den Lauf. Er begradigt, errichtet Dämme und Schleusen und passt ihn in das künstlich geschaffene Landschaftsbild (System) ein. Die natürliche Qualität des Wassers, das Potential, verliert an Güte und büßt seinen ursprünglichen Zustand ein. So wird im Namen des Guten weltweit Leid erzeugt: durch Reglementierung, Umerziehung, Anpassung an systemische Gegebenheiten und Erfordernisse, die Natur völlig außer Acht lassend.
Ambitioniert und angetrieben von „Sachzwängen“ (wie wir es nennen) kontrollieren und manipulieren wir den Verlauf der Dinge, um nichts dem Zufall und der Beliebigkeit zu überlassen. Ein Misstrauensantrag an unsere Natur und zugleich an eine höhere Intelligenz - an Gott. Auf diese Weise brechen wir nicht nur unsere eigene „Wasserqualität“ (und die anderer), wir verlieren unseren natürlichen Lauf und damit uns selbst.
Foto: V. Wlasaty
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