Ich reise gerne ins Blaue im Vertrauen, dass sich der „richtige Weg“ im Reisen erschließt. In dem Moment, da ich dies schreibe und mich damit schon aufgemacht habe, besitze ich selbst noch keine genauen Kenntnisse über den Reiseverlauf. Was ich jedoch jetzt schon weiß, ist, dass diese Lesereise keine vorhersehbaren Stationen hat, vermutlich keine nachvollziehbare Route und gelegentlich Umwege nimmt. Sollten Sie dennoch mit „einsteigen“ wollen – ich würde mich freuen!
(oder noch ein Vorwort, das ebenso gut das erste Kapitel sein könnte)
Eine ehemalige Schülerin, die mich unlängst zum Klassentreffen einlud, teilte mir mit, sie habe mein letztes Buch gekauft, finde es interessant, aber einigermaßen schwierig zu lesen. Für diese Rückmeldung bin ich ihr äußerst dankbar. Ich möchte mit meinen Worten nicht den Intellekt bedienen, sondern das Herz berühren. Zudem war es mir in meiner Zeit als unterrichtende Lehrerin stets ein Anliegen, meine Worte mit Bedacht so zu wählen, dass alle folgen konnten, die es wollten. Als Bewunderin von Sprachvirtuosen, wie ich wortgewaltige Menschen nenne, laufe ich bisweilen selbst in Gefahr, zur Verfeinerung der eigenen Künste in der Sprache zu schwelgen. Der Gedanke, mittels Sprache eine Zuhörer- oder Leserschaft zu selektieren, liegt mir fern. Ich würde es zutiefst bedauern, auf diese Weise jemanden auszuschließen oder als Leser/in zu verlieren. Alle, die im öffentlichen Bereich tätig sind, sollten sich dessen bewusst sein, dass Sprache ein machtvolles Instrument ist, das oft zur Ausübung von Gewalt und zur Aufrechterhaltung bestehender Machtverhältnisse missbraucht wird. Und dort, wo sie der Selbstdarstellung und Profilierung in Insider-Kreisen dient, schafft sie Außenseiter, indem sie jene ausgrenzt, die mit Materie und Jargon, d. h. der codeähnlichen Ausdrucksweise innerhalb einer bestimmten Gruppe, nicht vertraut sind.
Ich gelobe, mich zu bemühen, das vorliegende Buch so zu verfassen, dass es allen Interessierten Zugang gewährt. Freilich, ein Teil der Verantwortung, bleibt bei der Leserin, dem Leser. Ich ermutige jetzt schon dazu – für den Fall, dass sich Worte einschleichen, die nicht jedermann geläufig sind, zum Wörterbuch zu greifen. Geht man aus einer Lektüre um ein paar Wörter, ein paar Ausdrücke reicher hervor, erhöht dies nicht nur die sprachliche Kompetenz. Es macht die Welt weiter und öffnet mitunter neue Türen.
Was das Gendern, d. h. den gleichberechtigten Gebrauch weiblicher und männlicher Formen anbelangt, so lasse ich mich von meiner Intuition leiten. Vorrangig ist für mich nicht, ob die männliche oder weibliche Form häufiger Verwendung findet, beide gleichermaßen in ausgewogenem Verhältnis, mit „Binnen-I“ oder sonst wie, sondern ausschließlich die innere Haltung der Gleich-Wertschätzung aller Menschen, ungeachtet ihres Geschlechts. Die Integration unserer eigenen männlichen und weiblichen Anteile muss sowohl auf individueller als auch auf kollektiver Ebene vollzogen werden. Ich denke, erst wenn wir diese Herausforderung gemeistert haben, wird die Gender-Debatte, die sich gegenwärtig eher an Äußerlichkeiten festmacht, zu einem befriedigenden Ergebnis gelangen.
Wie wäre es, in einer Welt zu leben,
in der es keine Rolle spielte, nicht fehlerfrei zu schreiben,
in der dich niemand übervorteilen würde,
wenn du das Kleingedruckte nicht lesen kannst
oder nachrechnen, ob das Wechselgeld stimmt.
Wie wäre es, wenn es in Ordnung wäre,
sich in der Schule nicht für Mathematik zu interessieren,
für Zeichnen, Geographie oder Physik.
Wie wäre es, wenn du von klein an deinen Interessen nachgehen dürftest,
auch wenn sie niemandem nützten,
sondern einfach nur Freude machten,
wenn Fähigkeiten einfach Fähigkeiten wären,
wertfrei, weil unbewertet
und doch gleichermaßen wertvoll…
Wie wäre es in einer Welt zu leben,
in der du, unvergleichlich,
nicht verglichen würdest,
in der es in Ordnung wäre,
nicht am Wettbewerb teilzunehmen,
nicht über andere zu siegen,
ohne deshalb irgendetwas zu verlieren…
Wie wäre es in einer Welt zu leben,
in der du genügst, so wie du bist,
in der du dir das Leben nicht verdienen musst,
in der alles, was du lernen musst, ist,
du selbst zu sein,
dich tief und aufrichtig zu lieben
und zu erkennen, dass du einzigartig bist
dass du du bist
und zugleich alle anderen,
dass du die Welt bist
und die Welt du.
Wie wäre es, einmal,
und wenn auch nur für einen Tag,
zu denken, dass alles, was und woran du glaubst,
auch noch ganz anders sein könnte.
Auf ungeahnte Weise, unglaublich,
aber unglaublich gut anders…
angstfrei, risikofrei, wertfrei, schablonenfrei…
Die Erde war noch nie eine Scheibe…
und es gibt noch viele „Kugeln“ zu entdecken.
Foto: V. Wlasaty
„ Es ist in uns gelegt, die Welt zu verwandeln, indem wir die Welt in uns verwandeln.“
U. Schaffer
Wir alle haben etwas gemeinsam, wenn auch zu unterschiedlichen Anteilen. Seit Jahren teilen wir eine Krise. Eine Krise, deren Verursachung gerne der mit dem Kapitalismus verschränkten neoliberalen Wirtschaftsordnung zugeschrieben wird. Eine Krise, die ausgehend vom Finanz- und Bankenwesen über Wirtschaft und Sozialwesen bis hin zu Schul- und Bildungswesen mittlerweile alle Systeme auf fatale Weise durchdringt und schicksalhaft verbindet. Eine Krise, die vor keinem Halt macht, und deshalb dennoch nicht gerecht ist. Eine Krise, die betrifft und betroffen macht und nur gemeinschaftlich zu bewältigen ist. Längst unserer Kontrolle entglitten, treiben die von uns im Namen des Wohlstands herbei beschworenen Geister Profit, Wachstum, Konkurrenz und Gier uns, ihre „Meister“ vor sich her. So hat sich die Meisterschaft verkehrt und eine Dynamik hervorgerufen, die nicht mehr kontrollierbar scheint. Und doch sind wir es, die diese Phänomene mit unserer Geisteshaltung am Leben erhalten, könnten sie doch – für sich genommen substanzlos – nicht aus sich allein heraus (weiter) existieren. Wir also sind die Krise oder zumindest die Quelle ihrer Existenz und Aufrechterhaltung.
Faulen Krediten gleich, denen realwirtschaftlich gesehen nichts „Wahres“ gegenübersteht, gehen viele Worte gewissermaßen schon inflationär in Reformdebatten verloren, machen die Betroffenen zu Gläubigern, auf eine Tilgung der „Schuld“ wartend, die niemandem erlassen und erspart wird. Sind wir doch als Gesellschaft allesamt Schuldner und Gläubiger zugleich. Und während wir gemeinsam auf die Begleichung unserer eigenen Ausstände durch uns selbst warten, wächst die Blase, die nur mit mehr Menschlichkeit und Solidarität ihr Hohlsein verlieren könnte.
Was lässt uns als Menschen in unserer Persönlichkeits- und Bewusstseinsentwicklung wachsen? Wer legt Wert auf menschliches Wachstum? Woher nehmen wir die Berechtigung, im Gewahrsein der himmelschreiend ungerechten Verteilung von Gütern, Einkommen und Bildungschancen auf unserer Erde, so weiter zu machen wie bisher?
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