„Ehrlich gesagt, möchte ich lieber mit den Traummännern, die uns so ein tolles Frühstück gezaubert haben, auf die Couch und schnulzige Tanzfilme ansehen. Was haltet ihr von Step Up 1-4 ?“, fragte sie und zwinkerte mich an. Fast hatte ich sie fest gedrückt, denn ich hatte absolut keine Lust, jetzt mit den Jungs draußen im Schnee herum zu toben. Aber Daniel kam mir zuvor.
„Oh ja, das machen mir, und später bestellen wir ’ne Pizza! Fauler Sonntag für alle!“‚ rief er und sprang auf. Wir stellten schnell das Geschirr in die Spülmaschine und gingen dann alle in mein Zimmer. Die Couch wurde ausgezogen, alle Kissen und Decken darauf ausgebreitet und wir kuschelten uns gemütlich zusammen auf die Couch. Es war angenehm, mit meinen Freunden einfach so dazusitzen, zu kuscheln und an nichts weiter zu denken, als an das, was wir in den Filmen sahen.
Obwohl wir die Filme alle bereits kannten, war es uns nicht langweilig und wir fieberten an den richtigen Stellen mit und konnten sogar manche Texte mitsingen und mitsprechen.
Daniel schoss mal wieder den Vogel ab, als er anfing zu weinen, weil er den Schlusstanz im letzten Teil der Reihe so schön fand. Lachend reichte ich ihm ein paar Taschentücher.
Mitten in unserem Filmmarathon fiel mir die Bierkiste ein, die ich letzte Nacht auf der Terrasse vergessen hatte. Die Flaschen hatten die Minusgrade nicht überlebt und waren alle geplatzt. Schade um das Bier. Schnell zog ich mir etwas über und brachte die gefrorene Kiste hinunter in den Müll. Danach gesellte ich mich mit eiskalten Füßen wieder zu den Anderen unter die Decke, und wir schauten noch den letzten Teil zu Ende.
Danach mussten Robert und Daniel schon wieder aufbrechen, da es sehr spät geworden war.
Am nächsten Tag würde ich wieder früh raus müssen. Bei dem Wetter konnte ich wahrscheinlich noch eine halbe Stunde mehr als sonst einplanen, da es durch den Schnee schnell zu Verspätungen bei den Bahnen geben konnte. Chrissi wollte noch über Nacht bei mir bleiben, da wir ihrer Meinung nach gestern nicht ausreichend dazu gekommen waren, über Berlin und ihre Pläne zu sprechen. Als wenn sie jemals einen Grund gebraucht hatte, um bei mir zu übernachten.
Schnell machten wir uns noch eine Kleinigkeit zu Essen und verzogen uns wieder auf die ausgezogene Couch.
Der Typ mit dem sich Chrissi in Berlin getroffen hatte, hatte ein paar tolle Ideen vorgestellt, was die Zusammenarbeit zwischen den Firmen anging. Aber auch so schien er sie sehr zu interessieren. Meine beste Freundin kam aus dem Schwärmen kaum noch heraus. Allerdings erklärte sie auch, dass nur eines in Frage kam. Entweder eine Beziehung oder die professionelle, geschäftliche Zusammenarbeit. Sie wollte Konflikte zwischen beidem vermeiden.
„Aber du müsstest Sebastian mal sehen! Allein seine grünen Augen haben mich schon gefesselt! Vielleicht kannst du ihn ja bald kennen lernen. Er möchte sich auch meine Firma mal ansehen. Wir wissen nur noch nicht genau wann“, erklärte sie und nahm noch einen Schluck Wein. „Wenn er mir sagt, dass er mit mir zusammenarbeiten will, schlag ich ihn mir aus dem Kopf.“
„Ja, das ist wahrscheinlich besser. Aber es freut mich, dass es trotzdem so schön in Berlin war. Ich wünschte, ich hätte eine ähnliche Alternative. In meiner Firma ist schon wieder was los“, sagte ich und erzählte ihr von dem alltäglichen Wahnsinn mit dem Chef und den Kollegen.
„Das schaffst du schon. Und wenn nicht, nehme ich dich einfach mit nach Berlin!“, antwortete Chrissi und ich verschluckte mich fast an meinem Reis.
„Wie bitte?!“ Ich hatte mich doch wohl gerade verhört, oder? Chrissi wurde rot.
„Das wollte ich dir eigentlich anders beibringen. Wenn wir die Firmen zusammenlegen, werde ich meine Firma nach Berlin verlegen müssen“, gestand sie mir, ohne mich richtig anzusehen.
„Und wenn nicht, und du mit Sebastian zusammen bist, wirst du wohl den gleichen Weg gehen, oder?“ Mir wurde ganz mulmig zumute. Meine vorherige Freude über die große Chance für meine Freundin war verflogen. Das musste ich erst mal verdauen. Sie würde also mit großer Wahrscheinlichkeit nach Berlin gehen.
„Aber Süße, schau doch mal, soweit sind wir dann auch nicht auseinander. Wir können jeden Tag skypen und telefonieren. An den Wochenenden besuchen wir uns einfach gegenseitig“, versuchte Chrissi die Situation zu retten. Das war ein schwacher Trost. Normalerweise sahen wir uns so gut wie jeden Tag und das schon seit ich zurück denken konnte. Die kurze Zeit, die sie in Berlin verbracht hatte, war schon hart gewesen. Wie solle es denn erst werden, wenn sie ganz wegzog? Bloß gar nicht erst dran denken.
„Ja, da hast du wohl recht. Aber es wird nicht das Gleiche sein“, entgegnete ich und mehr wollte ich auch nicht mehr sagen. Meine Stimme zitterte und ich wusste nicht, ob ich sonst losgeheult hätte.
„Lass uns erst mal das Thema wechseln. Es ist ja noch nichts entschieden“, schlug Chrissi vor und streichelte mir über meinen Arm. Sie schien sich mit dem Thema auch nicht sehr wohlzufühlen. „Soll ich dir nicht mal wieder die Haare schneiden? Das letzte Mal ist schon eine Weile her“, sagte sie und schaute prüfend auf meine Haare. Sie waren wirklich schon etwas lang und langweilig. Aber heute hatte ich darauf keine Lust mehr.
„Ich glaube, wir gehen jetzt lieber schlafen. Ich bin hundemüde und muss morgen wieder so früh raus.“ Ich schaute auf die Uhr und gähnte demonstrativ.
„Wenn du meinst. Aber ich kriege dich und deine Haare schon noch in die Finger“, drohte Chrissi und wir lachten beide los.
Sie schnitt mir schon seit langer Zeit die Haare. Sie war zwar keine ausgebildete Friseurin, aber sie konnte mit meinen glatten, langen Haaren gut umgehen.
Wir legten uns ins Bett und machten noch einen von den schnulzigen Filmen an, die wir uns als Teenager immer angesehen hatten. Viel bekam ich allerdings nicht mehr davon mit, da ich schnell einschlief.
Der Wecker klingelte, doch ich war schon wach. Wieder eine Nacht von vielen, in denen ich unruhig geschlafen hatte.
Ständig hatte ich die gleiche Art von Traum, aber immer wieder anders. Am Bahnhof, beim Einkaufen oder bei der Arbeit. Immer beobachtete mich jemand. Aber man sah nie mehr als einen undeutlichen Schatten, der mir folgte. Und wenn ich dann genauer nachsah, löste sich der Schatten einfach auf. Diese Träume hielten mich hin und wieder sogar ganze Nächte wach. Ständig so schlecht zu schlafen war kräfteraubend und nervtötend.
Aber viel schlimmer war es dann, morgens vor die Tür ins Dunkle zu gehen und genau die gleichen Gefühle zu haben wie zuvor im Traum. Angst und Unbehagen. Und immer nur, wenn ich alleine war.
Jetzt brauchte ich erst einmal einen Kaffee. Ich fühlte mich wie gerädert. Nach einem Blick nach draußen wurde mir klar, dass das nicht genug sein wurde. Heute Nacht war neuer Schnee gefallen und es lagen jetzt gut und gerne zwanzig Zentimeter unberührten Schnees in dem Hinterhof. Und das in Hamburg. Meine Laune sank endgültig in den Keller.
Nach dem Kaffee ging ich ins Bad um mich für die Arbeit fertig zu machen.
Chrissi schlief noch, als ich fertig war. Also legte ich ihr einen Zettel auf den Tisch, auf dem ich ihr schrieb, dass sie gern so lang bleiben könne, wie sie wollte und ich sie lieb hätte. Ich ging die Treppe runter und bekam schon feuchte Hände.
Mist.
Die Glühbirne im Eingang war ja noch nicht ausgetauscht worden. Daran hatte ich gestern nicht gedacht. Und es war draußen stockfinster.
Blöder Winter.
Ich musste wohl oder übel hinaus in die Dunkelheit. Mein Herz klopfte immer schneller. Ich zog mein Handy aus der Tasche und machte mir damit Licht. Zum Glück musste ich nicht abschließen, da Tom und Chrissi ja oben waren.
Bloß nicht so lange in der Dunkelheit stehen.
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