„Chrissi ist furchtbar schlimm, mit ihr zu tanzen ist eine echte Herausforderung“, stöhnte er und trank den Rest Cola in einem Zug.
„Ach, das war ja noch gar nichts, du Weichei! Warte mal ab, bis ihr mal mit uns ausgeht, dann wirst du schon sehen, wie es ist, mit uns die Nacht durch zu tanzen!“, kicherte Chrissi und legte mir einen Arm um die Schulter. „Die Männer von heute, zu nichts mehr zu gebrauchen“, flüsterte sie mir gewollt laut zu und alle fingen an zu lachen. Chrissi mit ihrer großen Klappe. Nicht selten hatte sie damit schon eine Menge Ärger riskiert. Doch wir liebten sie so, wie sie war.
Wir tranken noch unser Bier in Ruhe aus und beschlossen dann weiter zu ziehen und die Jungs mal in Ruhe arbeiten zu lassen, da sich die Kneipe nun rasch mit Gästen füllte. Zum Abschied gab es wieder Küsschen und ich sprach eine Einladung aus, dass die Jungs doch gerne mal wieder zu mir kommen könnten. Aber das würde wohl erst wieder im Sommer soweit sein, wenn wir in der Sonne auf meiner Terrasse sitzen und grillen konnten.
Das kleine Stück zum nächsten Club wollten wir laufen, um noch ein wenig frische Luft zu bekommen. Wir traten aus der Tür und fielen wir fast vom Glauben ab.
„Schnee!“, rief ich ungläubig aus. Das war ja das Letzte, was ich jetzt gebrauchen konnte. Gut, dass wir trotz des Feierns warm genug angezogen waren. Aber Ich hasste Schnee.
„Stell dich nicht so an, wenn wir später über den Fischmarkt gehen und frühstücken, dann wird sicher nichts mehr davon zu sehen sein!“, versuchte Chrissi mich aufzuheitern.
Im Club war es dann heiß und stickig und wir tanzten ausgelassen, sodass ich den Schnee, meine Ängste und die Arbeit völlig vergaß. Wir strafen viele Bekannte feierten mit ihnen und hatten eine Menge Spaß.
Irgendwann war immer weniger im Club los und wir bekamen langsam Hunger. Ein Blick auf die Uhr sagte uns dann, dass es Zeit war, auf dem Fischmarkt ein paar Fischbrötchen zu frühstücken. Und zum Glück hatte es tatsächlich aufgehört zu schneien und es war auch nichts liegen geblieben.
Es dämmerte und an manchen Ständen war ein ziemliches Gedränge.
Wir gingen zu unserem Lieblingswagen und gaben die übliche Bestellung auf. Zwei Backfischbrötchen mit ordentlich Remoulade und zwei mit Lachs.
„Na min Deern, so ausgehungert nach dem Feiern?“, trällerte die Verkäuferin und zwinkerte mir zu, als ich beherzt in mein erstes Brötchen biss. So voll, wie ich den Mund hatte, blieb mir nichts anderes übrig, als zu lächeln und zu nicken. „Dann lasst es euch mal schmecken!“‚ sprach die Alte auf dem Wagen und bediente dann den nächsten Kunden. Fischbrötchen nach dem Feiern waren bei Chrissi und mir ein Ritual geworden. Etwas Besseres gab es kaum, um einen Kater zu verhindern und man wachte nicht völlig hungrig auf.
Chrissi wollte heute mit zu mir kommen und bei mir übernachten. In der Bahn schlief sie wie gewohnt ein und ich musste mich wachhalten, damit wir nicht die Haltestelle verpassten.
Da der Bus gerade weg war und wir nicht zwanzig Minuten in der Eiseskälte warten wollten, nahmen wir für das letzte Stück ein Taxi. Laufen kam definitiv nicht mehr in Frage.
Der Taxifahrer war ein wenig aufdringlich und fragte, ob wir vergeben wären, oder ob er unsere Nummer haben dürfe. In solchen Fällen gaben wir uns immer als Pärchen aus. Das klappte meistens und wir hatten unsere Ruhe. So auch dieses Mal.
Endlich Zuhause angekommen, zogen wir uns nur schnell aus, machten die Vorhänge zu und schminkten uns noch schnell ab. Danach verkrochen wir uns ins Bett.
Und wenn es auch nur wenig gab, was man an Tom schätzen konnte, so war die Tatsache, dass er so völlig zu gedröhnt ein Langschläfer war sehr angenehm.
-2-
Wir wurden wach, weil aus der Küche klappernde Geräusche kamen und es nach Kaffee duftete. Chrissi und ich schleppten uns aus dem Bett, beide neugierig, was da in der Küche vor sich ging.
„Guten Morgen Ladies! Na, wie war die Nacht?“, erklang eine sehr bekannte Stimme aus der Küche, als wir die Nasen aus der Tür streckten.
„Daniel!“, riefen wir wie aus einem Mund.
Und tatsächlich, in der Küche war ein tolles Frühstück aufgebaut, frischer Kaffee, Brötchen und frisches Obst standen auf dem Tisch und Robert und Daniel im Partnerlook daneben und strahlten uns an.
„Du hast uns eingeladen, und bevor es wieder ein Jahr dauert, bis es was wird, haben wir uns gedacht, wir kommen einfach gleich heute Morgen vorbei. Wir hoffen, dass du nicht böse bist, weil wir den Ersatzschlüssel benutzt haben“, erklärte Robert und grinste noch breiter.
„Wie könnte ich da denn sauer sein, ich meine, das ist ja ein traumhaftes Frühstück!“‚ rief ich, während ich Robert und Daniel mit einem Küsschen begrüßte.
„Tja Liebes, das war auch das Einzige, was wir machen konnten. Hast du schon rausgeschaut? Wir haben erst überlegt, ob wir dir noch ‘nen Schneemann bauen sollen“, sagte Daniel und zeigte aus dem Fenster.
„Du machst Witze!“‚ stammelte ich und folgte seinem Blick. Und tatsächlich, es lagen da draußen sicherlich 15 Zentimeter Schnee auf dem Dach des Schuppens hinter dem Haus. Chrissi stöhnte auf, drehte mich um und schob mich auf einen Stuhl, reichte mir den Brötchenkorb und wuschelte mir durch die ohnehin schon ungekämmten Haare.
Vergessen war der Schnee und wir frühstückten in Ruhe und erzählten von den Geschehnissen der Nacht.
„... und ob ihr es glaubt, oder nicht, aber wir mussten die Beiden dann in ein Taxi setzen, so besoffen waren die. Also manche Rentner sind noch ganz schon rüstig, das sag ich euch!“‚ beendete Robert gerade seine Erzählung über ein Rentnerpaar, dass in der Kneipe zu tief ins Glas geschaut hatte.
„Sie hatten sogar vorher vorsorglich ihre Adresse aufgeschrieben, damit sie der Taxifahrer sicher nach Hause bringen konnte. Wirklich unglaublich!“, fügte Daniel noch hinzu und bestrich sich sein Brötchen.
Chrissi erzählte gerade von einem der Typen, der ihr heute Nacht immer an die Wäsche gewollt hatte. Irgendwann hatte sie es dann geschafft, ihm klar zu machen, dass er keine Chance hatte. Zwar hatte sie ihm dafür ein halbes Bier über den Kopf kippen müssen, aber danach war sie ihn endlich losgeworden.
Daniel musste so sehr lachen, dass er sich verschluckte. Als er sich wieder beruhigt hatte, hörten wir, wie im Flur eine Tür aufging und Tom steckte den Kopf in die Küche.
„Uh, man siehst du beschissen aus. War 'ne heftige Nacht, was?!“, kicherte Robert und streichelte Daniel ein wenig den Rücken. Wir mussten alle ein über diesen Kommentar lächeln. Tom schien das gar nicht zu verstehen. Oder es war ihm einfach egal. Er ging in einer ziemlich löchrigen Boxershorts an unserem Tisch vorbei und beugte sich über die Spüle, um direkt aus dem Wasserhahn zu trinken.
„Alter, ihr habt sicherlich noch Gläser im Schrank. Und wie wäre es, wenn du dir mal was überziehen würdest. Denn ich fürchte, dass ich gerade deinen haarigen Sack gesehen habe, und mir ist jetzt der Hunger vergangen“, motzte Chrissi meinen Mitbewohner an. Der drehte sich um, schaute sie aus geröteten Augen an und grinste blöd.
„Wenn du keinen Hunger mehr hast, ist das ja über, oder?“, antwortete er und griff nach dem halben Croissant auf ihrem Teller. Er war einfach unverschämt und abartig.
„Oh mein Gott, macht er das öfter? Mich wundert es, dass du noch hetero bist, bei solchen Aussichten“, murmelte Robert, und tat so, als würde er würgen.
„Es gibt auch Tage, da hat er nicht so einen heißen Fummel an. Da bleibt er lieber ganz natürlich“, sagte ich und Daniel schob seinen Teller von sich weg.
„Wie schön, dass wir schon so gut wie fertig waren“, gab er zurück und lächelte dann plötzlich. „Also, wie sieht es aus, doch noch einen Schneemann bauen?“, fragte er und bekam ein glitzern in den Augen, dass mich Schlimmes ahnen ließ. Zum Glück half Chrissi mir aber aus der Patsche.
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