Da sich Jack Bishop schon von Anfang an entschlossen hatte, wieder mit dem Malen anzufangen, war er bereits zum Monatsbeginn in die nicht weit entfernte Großstadt Halifax gefahren, um sich dort eine professionelle Ausrüstung für malende Künstler zu besorgen.
Mit diesem Handwerkszeug, zu dem vor allem auch eine transportable Staffelei in einem Holzkoffer gehörte, saß er jetzt immer öfter auf einem Klappstuhl in der Schotterauffahrt vor seinem, von herbstlichen Blüten geschmückten Garten oder er nahm seine Malwerkzeuge auf seine nachmittäglichen Streifzüge oberhalb und unterhalb der Klippen mit.
Und wenn es mit seinem zu zwei Dritteln geschriebenen neuen Roman einmal nicht so richtig weiterging, saß Jack auch vormittags vor seinem Garten, um den Spätsommer und die sich dort bietenden Farben und die nahen Ansichten der Atlantikküste mit Kreide und Pinsel festzuhalten.
Als Jack Bishop mit dem Malen angefangen hatte, hatte er jedoch zunächst nur sein Cottage in rohen Kohleskizzen aus allen Himmelsrichtungen zu Papier gebracht und anschließend mit sanften Acrylfarben auf Leinwand gebannt.
Doch um seine Vergangenheit, vor allem, um seine zeitweise immer noch präsenten nächtlichen Alpträume zu bewältigen, war Jack Bishop des Öfteren nachts aufgestanden und hatte das, was ihm seine verletzte Seele vorgab – zuerst als rohe Skizze – und dann in beeindruckender Weise in lebendigen Acrylfarben auf Leinwand gemalt.
Herausgekommen war das fast wie eine Fotografie wirkende Abbild der jungen und überaus traurig blickenden Samira, der er damals im Irak nicht hatte helfen können und für die er auf diese Weise ein Stück ewigen Gedenkens erschaffen wollte.
Allerdings verbarg Jack das überaus gelungene Gemälde der jungen Jesidin stets in einem Sekretär seines Ateliers. Gleichwohl kam er aber nicht umhin, das anrührende Bildnis seit dessen Fertigstellung fast jede Nacht stundenlang und gedankenverloren vor dem Zubettgehen zu betrachten.
„Warum hast du das nur gemacht, Samira. Ich wollte dir doch wirklich nur helfen – hast du das denn nicht gemerkt?“, hatte er mehr als einmal zu dem Porträt der jungen Frau gesagt. Nur eine Antwort darauf, hatte er nie – und würde er natürlich auch in Zukunft niemals erhalten.
Als Jack Ende August gerade dabei war, in seinem Klappstuhl die herbstliche Blumenwiese seines Gartens in farbenfrohen Tönen zu zeichnen, war er von Tante Rosi und einem ihm unbekannten Mann gleichsam überfallen worden.
„Jack, das ist Professor Richard O’Hara“, hatte Rosanna MacDermott ihren distinguiert wirkenden und gut gekleideten Begleiter vorgestellt.
„Und dieser Kerl da ist der Sohn meiner besten Freundin Bridget, Dr. Jack Bishop. Seinen eigentlichen Beruf als Arzt und Psychologe bei der Armee hat er inzwischen an den Nagel gehängt.
Seit er aus dem Irak zurück ist, schreibt er nämlich jetzt hauptberuflich Kriminalromane. Darin kennt er sich gut aus, weil er ja in den zwei Jahren vor seiner Tätigkeit als Berater unserer Streitkräfte zusammen mit meinem Mann als Profiler für die RCMP in Halifax gearbeitet hat.
Aber hin und wieder malt er sich jetzt auch die in seinem militärischen Vorleben verwundete Seele aus dem Leib. Ein noch früheres Beispiel seines Schaffens aus seiner Jugendzeit hab’ ich Ihnen ja schon gezeigt.“
„Und das, was ich da begutachten durfte, war ein sehr vielversprechendes Werk, Dr. Bishop. Ich wünschte mir sehr, dass all meine Schüler so beeindruckend malen könnten, wie Sie.
Da mir meine Freundin Rosanna gesagt hat, dass Sie ihrem Hobby inzwischen wieder mehr Zeit widmen, wäre ich sehr froh, wenn Sie mir heute einen Blick auf Ihre neueren Bilder gestatten würden.“
„Tante Rosanna, das solltest du doch nicht tun“, erwiderte Jack mit einem entnervten Aufseufzen – kaum das der Professor geendet hatte – noch im selben Augenblick.
„Professor O’Hara, ich bin wirklich nicht mehr, als ein Hobbymaler. Im derzeitigen Hauptberuf bin ich nämlich, wie Tante Rosi schon erwähnt hat, in erster Linie Schriftsteller – und der Job ernährt seinen Mann in ausreichender Weise, glauben Sie mir. Die Malerei ist für mich deshalb wirklich nur eine Liebhaberei, und nicht mehr“, sagte Jack Bishop in Richtung des Professors.
„Na, wenn das so ist, dann muss ich wohl den für ihr Jugendbild verliehenen Preis der Kunstakademie Halifax wieder mitnehmen“, grinste Professor O’Hara, während er demonstrativ seinen teuren Burberrymantel auszog und sich auf die von Rosis Mann George aufgearbeitete, und deshalb gut gepolsterte Gartencouch niederließ.
„Ein klein wenig unbequem für meine langen Beine, aber ich kenne solch extravagante alten Gartenmöbel aus meiner eigenen Umgebung ganz gut“, fing der Professor gleich darauf wieder zu sprechen an, noch ehe Jack Bishop eine entschuldigende Antwort parat hatte.
„Also, Dr. Bishop, wie sieht’s aus? Wären sie so nett, mir trotzdem ein paar Ihrer Werke zu zeigen? Ich würde mich jedenfalls sehr freuen, wenn sie mir das erlauben würden.
„Also gut Professor, kommen Sie mit – aber ich warne Sie gleich. Mehr als ein paar Dutzend Bilder sind in den letzten Monaten nicht entstanden. Und die meisten davon sind noch nicht einmal fertig.“
Obwohl Jack den Professor gerne möglichst rasch wieder aus seinem Malstudio hinauskomplimentiert hätte, dauerte dessen stille Prüfung seiner Gemälde mehr als eine volle Stunde.
„Das ist vorzüglich, wie sie die Stimmungen und die Landschaft eingefangen haben, Dr. Bishop. Ich bin begeistert“, sagte Richard O’Hara, als er sich nach der Inaugenscheinnahme etlicher Gemälde endlich zum Verlassen des lichtdurchfluteten Studios aufmachen wollte.
Doch zuvor nahm Professor O’Hara noch ein letztes Mal auf einem bequemen Stuhl des Ateliers Platz, um eine zusammenfassende Bewertung im Beisein von George und Rosi MacDermott abzugeben.
„Dieser Mann malt seine Umgebung einfach mit einem künstlerischen Auge, dass ich so bislang nur selten gesehen habe. Sie sind von der künstlerischen Seite aus gesehen – ein richtiges Wunderkind, Jack – hat Ihnen das schon mal jemand gesagt?
Ich würde all Ihre Werke, die Sie hier in Ihrem Studio stapeln, gerne einmal in meiner Kunstgalerie ausstellen, sobald sie sich entschließen, auch die neu begonnenen Bilder endlich mal fertig zu malen.
Hier haben Sie meine Karte. Ich rechne mit Ihrem Anruf, mein Lieber. Und ich prophezeie Ihnen schon heute, dass mir die Leute Ihre Bilder aus der Hand reißen werden.“
Doch dann fiel der Blick von Professor O’Hara auf Samiras Porträt, das Jack am Abend zuvor vergessen hatte, in die angestammte Schublade zurückzulegen.
„Sie malen auch Porträts? Das hat mir Rosanna überhaupt nicht gesagt. Wer ist das auf diesem absolut hervorragend gezeichneten Gemälde? Ich würde es Ihnen nämlich gerne für meine Privatsammlung abkaufen, so fantastisch, wie es ausgearbeitet ist. Und spätestens, wenn ich das Bild in eine Ausstellung gebe, muss man ja wissen, wen es darstellt.“
„Wer das ist, geht Sie nichts an, Herr Professor. Und außerdem ist dieses Porträt unverkäuflich. Eigentlich liegt es nur aus Zufall hier offen herum“, erwiderte Jack ein wenig ärgerlich, während er Tante Rosi kurz einen zornblitzenden Blick zuwarf, den der Professor dennoch bemerkte.
„Ich wollte Ihnen nicht zu nahetreten, Jack, bitte entschuldigen Sie. Mich hat dieses faszinierende Bild einfach nur überwältigt.
Und nur deshalb hab’ ich so unverblümt gefragt. Aber es würde mich sehr freuen, wenn ich noch einmal wiederkommen dürfte. Solche Talente, wie Sie treffe ich nicht an jedem Tag – soviel müssen Sie mir als erfahrenem Kunstexperten schon glauben.“
Es dauerte anschließend noch etliche Tage, bis Jack dem guten Rat des freundlichen Kunstprofessors unter dem ständigen Zureden von Rosanna MacDermott folgte, und sich mehr Zeit für die Fertigstellung seiner noch nicht beendeten Bilder nahm, ohne jedoch dabei die schriftstellerische Arbeit an seinem neuen Roman zu vernachlässigen.
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