„Ich bin schwanger“, hatte sie Jack im letzten Interview unter Tränen gestanden und dabei ihre Scham darüber kaum zu verbergen vermocht.
„Und ich weiß noch nicht mal, wer der Vater meines Kindes ist. Es waren in letzter Zeit einfach zu viele Männer, denen ich im Haus meines ehemaligen Besitzers im Irak für Sklavendienste zu Diensten sein musste.“
Obwohl Jack der jungen Jesidin in diesem letzten Gespräch sofort seine ärztliche Hilfe versprochen und sie sofort als selbstmordgefährdet eingestuft hatte, war es dennoch geschehen.
Denn anscheinend hatte die noch immer von ihrem monatelangen Martyrium an Körper und Seele gezeichnete Samira keinen anderen Ausweg in ein normales Leben mehr gesehen.
Samira, die einstmals bildhübsche – jetzt aber nicht nur im Gesicht völlig entstellte Jugendliche, die ihr ganzes Leben noch vor sich gehabt hatte, hatte sich in der vergangenen Nacht umgebracht.
„Wahrscheinlich, weil sie mit der Schande nicht länger leben konnte – und weil sie schon gar nicht das Kind eines ihrer Vergewaltiger auf die Welt bringen wollte“, hatte Jack zu seinem Vorgesetzten gesagt.
„Mann, ich hätte das merken und Samira in den Arm nehmen müssen, so verloren, wie sie da gestern vor mir stand. Aber, was hab’ ich Idiot getan? Nicht das Richtige jedenfalls, soviel steht fest.
Ich, der ach so schlaue Doktor der Psychologie, habe kläglich versagt – und zwar nur, weil ich der alten Regel gefolgt bin, nach der man sich nie zu tief in die Probleme seiner Patienten hineinziehen lassen soll“, warf sich Jack Bishop jetzt vor.
„Ich kann das nicht mehr länger machen, keine Sekunde mehr länger“, sagte Jack Bishop am Abend zu sich selbst, während er sich die auf seinem Nachttisch stehende Flasche Bourbon näher betrachtete.
„Und Alkohol ist auch nicht die Lösung, damit ich das alles wieder vergesse“, dachte er, während er die Flasche gleich nach dem Öffnen wieder zuschraubte.
„Morgen ist Feierabend! Nach zwei Jahren Afghanistan und jetzt fast zwei Jahren im Irak, habe ich meinem Land genug gedient!“, rief er dabei bestimmt.
„Außerdem kann ich nicht mehr. Ein Psychologe, der selber anfängt am Posttraumatischen Belastungssyndrom zu leiden, ist nämlich das Allerletzte, was die Leute hier brauchen.“
Wenn Dr. Jack Bishop einmal eine Entscheidung getroffen hatte, zog er diese auch konsequent durch. Schon zu Dienstbeginn des nächsten Tages stand er erneut beim kommandierenden General des kanadischen Einsatzkommandos auf der Matte und reichte seine fristlose Kündigung ein.
„Sie wissen schon, dass Ihnen das zum Nachteil gereichen wird, wenn Sie hier bereits nach der Hälfte Ihrer vertraglich vereinbarten Zeit aussteigen.
Außerdem, daheim in Ottawa werden sie anschließend ebenfalls nicht mehr für unsere Streitkräfte arbeiten können“, hatte der kanadische Brigadegeneral trocken festgestellt.
„Ich bin mir dessen voll bewusst, Herr General. Die daraus resultierenden Konsequenzen habe ich heute Nacht mehr als einmal durchdacht – und keine Angst, ich habe mir meine Entscheidung reiflich überlegt. Aber ich sehe für mich keinen anderen Weg.
Und weiterzumachen, so als wäre gar nichts geschehen, wäre unehrlich – und deshalb findet das auch auf keinen Fall statt“, hatte Jack Bishop geantwortet.
„Als erfahrener Arzt und Psychologe weiß ich nämlich, wann es genug ist. Und für Sie und ihre Leute – aber noch viel schlimmer – für die hier bei uns untergebrachten Schutzbefohlenen und auch für unser Einsatzkommando wäre ich künftig nur noch eine Last, und keine Hilfe mehr.
Außerdem bin ich hier ja nicht der einzige Psychologe. Meine Assistentin Barbara McClusky ist eine sehr erfahrene Kollegin. Sie kennt alle relevanten Fälle und sie wird für Sie genau da weitermachen, wo ich ab morgen aufhöre.
Daher bitte ich Sie eindringlich, mich ziehen zu lassen und meine Kündigung an unser Hauptquartier weiterzuleiten.
Was das Finanzielle angeht, muss sich um mich niemand Sorgen machen. Ich verdiene mit meinen bereits veröffentlichten Büchern inzwischen jeden Monat weit mehr, als das Salär beträgt, dass ich vom kanadischen Staat für diesen Knochenjob bekomme.
Daher ist es nicht meine Zukunft in den kanadischen Streitkräften, oder gar der Verdienst, weshalb ich aufhöre. Es ist die tote Samira, die sich gestern Nacht da draußen in ihrer Unterkunft umgebracht hat, ohne dass ich das verhindern konnte.
Denn ich, und nur ich – wer denn sonst – hätte die Anzeichen für diesen Suizid erkennen und sehr viel vorausschauender handeln müssen.
Und genau das hab’ ich leider nicht in ausreichendem Maße getan. Zumindest nicht so, wie es am Ende des mit ihr zuletzt geführten Gesprächs nötig gewesen wäre. Mit diesem Versagen, Herr General, damit muss ich jetzt wohl für den Rest meines Lebens klarkommen.“
„Also gut, Jack. Ich verstehe Ihre Beweggründe. Da Sie Zivilist sind, kann ich Ihnen auch nicht befehlen, hierzubleiben und weiterzumachen. Aber einen guten Rat von mir sollten Sie dennoch annehmen.
Sie sind nicht schuld, an dem, was gestern Nacht mit Samira passiert ist. Reden Sie sich das bitte nicht ein. Sie sind nämlich meiner Ansicht nach ein ausgesprochen guter Arzt und noch ein besserer Psychologe, den ich gerne noch eine Weile behalten hätte. Und genau das werde ich auch in meinen Bericht schreiben.
Gönnen Sie sich jetzt erstmal eine Pause im Kreis Ihrer Familie. Wer weiß, vielleicht fangen Sie ja anschließend wieder als Profiler bei der RCMP an.
Wie man mit einer posttraumatischen Belastungsstörung umgehen muss, brauche ich Ihnen ja nicht zu sagen. Das wissen Sie als Experte auf diesem Gebiet sicher sehr viel besser als ich.
Bleibt mir also nur noch übrig, Ihnen Hals- und Beinbruch für ihr zukünftiges Leben zu wünschen.“
Nach diesen einfühlsamen Worten kam der sonst ziemlich bärbeißige und lebensältere General hinter seinem Schreibtisch hervor und drückte Jack Bishop zum Abschied die Hand.
„Danke Jack. Und zwar für alles, was Sie hier unter meinem Kommando geleistet haben. Das war für Sie hier bei uns ja kein Zuckerschlecken. Kommen Sie also bitte rasch wieder auf die Füße und alles Gute für Sie.“
Kapitel 1 Ehebruch mit Folgen
Schon am Tag nach dieser folgenschweren Entscheidung saß Dr. Jack Bishop in einer kanadischen Herkules CC-130, die ihn zunächst nach Frankfurt brachte, von wo er am Tag darauf mit einem regulären Zivilflug in seine kanadische Heimat zurückkehrte.
„Ich werde wieder ein Buch schreiben, in dem ich alles zum Ausdruck bringe, was ich im Irak erlebt habe.
Und ich mache mit meiner Kerry endlich den Karibikurlaub, den ich ihr schon so lange versprochen habe“, dachte Jack, als er von seinem Fensterplatz kurz nach dem Start auf die seitlich vorbeiziehenden britischen Inseln hinabblickte.
Als die Boeing 787 der Air Canada schließlich in der hereinbrechenden Dämmerung auf den Nordatlantik hinausflog, murmelte er leise vor sich hin: „Außerdem werde ich wieder anfangen zu malen. Das hat mich als Ausgleich schließlich auch damals nach Afghanistan wieder in die Spur gebracht.“
Jack konnte nach dem an Bord servierten Abendessen nur unruhig schlafen, weil er in seinen Träumen viel zu oft das Mitleid erregende Gesicht der jungen Jesidin Samira vor sich sah.
Nach dem siebeneinhalbstündigen Non-Stop-Flug überlegte der davon noch immer übermüdete Jack Bishop nach der Einreisekontrolle auf dem Ottawa International Airport, wie er nun am besten weiter vorgehen sollte.
„Kerry weiß ja nicht, dass ich schon heute Abend heimkomme, deshalb muss ich jetzt zu allererst mal einen Blumenstrauß für sie besorgen.
Mann, oh Mann, wird die sich freuen, wenn sie hört, dass ich endlich ihrem Wunsch gefolgt und aus diesen von ihr so gehassten Job ausgestiegen bin“, sagte er sich, als er die Geschäfte in der Ankunftshalle nach einem Blumenladen durchforstete.
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