„Das ... das wusste ich nicht“, stotterte Jack Bishop jetzt los. „Soll das heißen, dass du die ganze Zeit über hier den Hauswirtschafter gespielt hast?“
„Nicht nur ich – meine Rosanna hat mir dabei ebenfalls ein wenig geholfen. Wir sind inzwischen ja beide pensioniert, auch wenn Rosi ihrem ehemaligen Job als Schuldirektorin des hiesigen Colleges noch immer ein bisschen nachtrauert.
Und wenn es uns zu langweilig wurde, haben wir uns mit der Pflege und Verschönerung von diesem wundervollen Cottage beschäftigt. Der Gemüse- und Kräutergarten hinter dem Haus war ganz alleine Rosis Idee. Und auch die vielen Blumenbeete rund um die Terrasse und am Eingang stammen von ihr.
Übrigens, was meine Rosi betrifft – sie hat immer gesagt, dass du irgendwann mal wieder hier auftauchen würdest, weil sie sich nicht vorstellen könne, dass du ewig in dieser Betonwüste in Ottawa leben willst. Und, wie man sieht, hat Rosi auch mit der Sache mal wieder recht gehabt.“
„Das hab’ ich wirklich nicht geahnt, aber es ist wundervoll, was ihr hier für mich getan habt. Ich kann das alles noch immer gar nicht fassen. Danke George, vielen Dank für alles.
Da eure Hilfe ja sicher ein bisschen was gekostet hat, würde ich euch gerne eure Auslagen für mein Cottage ersetzen. Sag’ mir also, wie viele Dollars ihr hier bei eurem ungewöhnlichen Hobby versenkt habt.“
„Willst du Rosi und mich etwa beleidigen, Junior?“, entfuhr es dem weißhaarigen Ex-Superintendent der RCMP sofort. „Rosi und ich waren für dich stets so was, wie Tante und Onkel.
Du weißt hoffentlich noch, dass du immer dann, wenn du dich aufgrund deiner jugendlichen Missetaten mal nicht gleich nachhause getraut hast, zu uns gekommen bist, damit ich deinen alten Herrn beruhige, ehe du dich deinem verdienten Anschiss stellen musstest.
Wir zwei haben das gerne für den Sohn unserer besten Freunde getan. Und dass du dann meistens nur mit einem erhobenen Zeigefinger aus der jeweiligen Sache herausgekommen bist, hast du hoffentlich auch noch in guter Erinnerung. Also – halt die Klappe und rede nie wieder davon, okay?“
„Ich weiß jetzt grad’ nicht, was ich darauf antworten soll“, meinte Jack Bishop verlegen, dem bei dieser Rede des alten Freunds seiner Eltern ein paar Tränen in die Augen gekrochen waren.
„Sag deiner Frau, dass ich heute Abend gerne zum Essen zu euch rüberkomme. Aber ich hab’ leider gar nichts dabei, was ich euch schenken könnte. Nicht als Bezahlung, sondern wirklich nur als kleine Aufmerksamkeit. Das kommt wohl davon, wenn man seine Zelte woanders so Hals über Kopf abbricht.“
„Erstens ist das nicht schlimm – und wird auch nicht erwartet. Aber, was ein Präsent für Rosi betrifft, kann ich dir einen kleinen Tipp geben.
Wann immer sie hier im Haus und im Garten gearbeitet – nein, ich korrigiere – wann immer sie sich hier ihre Langeweile vertrieben hat, kam sie danach nachhause und hat von dem wundervollen Bild erzählt, dass über eurem alten Klavier im Wohnzimmer hängt.
Das mit den sturmumtosten Klippen unserer herrlichen Küste, dass du schon vor etlichen Jahren gemalt hast. Genau das meine ich. Und meine Rosanna war immer sehr stolz, dass sie dein besonderes Talent als Maler schon in der Zeit, als du noch bei ihr in die Schule gegangen bist, mit ihren bescheidenen Mitteln gefördert hat.
Da du deinem Bericht von vorhin nach ja hergekommen bist, um neben deiner Schriftstellerei auch deine Malerei weiter voranzutreiben, kannst du ja vielleicht auf dieses herbstliche Bild verzichten, oder es ganz einfach später noch einmal malen. Was meinst du?“
„Ich meine, dass du der beste Nachbar und Freund bist, den man sich in meiner Lage nur wünschen kann, George. Und jetzt weiß ich auch, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe, als ich mich nach dem ganzen Desaster der letzten Tage und Monate entschlossen habe, wieder hierher in mein eigentliches Zuhause zu kommen.“
„Das war jetzt gerade eine gute Antwort, Junior“, entgegnete der sonst eher bärbeißig wirkende George MacDermott mit einem Anklang von Rührung in seiner Stimme.
„Du hast jetzt exakt noch drei Stunden, bis du bei uns zum Dinner anzutanzen hast. Also sei pünktlich, Junior! Rosi kann es nämlich auf den Tod nicht leiden, wenn man zu spät zum Essen kommt. Und ihren alten Rohrstock aus der Schule hat sie auch noch, für den Fall, dass sich ihr jemand zu widersetzten wagt.“
Kapitel 3 Umzug und Neubeginn
Die nächsten Augusttage hatte Jack Bishop damit verbracht, alte Freunde und Bekannte in der nur dünn besiedelten Gemeinde von East Lawrencetown zu besuchen, die schon seit Generationen genauso einsam lebten, wie er das jetzt selber vorhatte.
Viele von ihnen waren mit ihren Booten noch immer in der Fischerei tätig, wobei sich jedoch die meisten inzwischen ein zweites Standbein geschaffen hatten, indem sie ihre Anwesen als Frühstückspensionen dem zunehmenden Touristenboom der im Sommer anreisenden Wassersportler öffneten.
Ferner machte Jack viele Strandspaziergänge und Wanderungen oberhalb der ins Meer ragenden Klippen, von wo aus er die bunten Fischerboote und die zahlreichen Windsurfer beobachtete, die zum Ende der Touristensaison noch immer die Küstengewässer bevölkerten.
So manches Mal hatte er sich dabei spezielle Ansichten gemerkt, die er anschließend unbedingt in seinem kleinen Atelier zeichnen wollte. Deshalb blieb er so manches Mal auf seinen Trails stehen und hielt das, was er mit seinem künstlerisch geübten Auge sah, mit Smartphonefotos fest.
Und bei den Motiven, bei denen er sich sicher war, dass er sie später malen würde, fertigte er zusätzlich schon einmal grobe Kohleskizzen in seiner kleinen Kladde an.
Diese neuen und ungezwungenen Aktivitäten waren der seelischen Rekonvaleszenz von Dr. Jack Bishop, nicht zuletzt auch dank der uneigennützigen Unterstützung von Rosi und George MacDermott überaus dienlich gewesen.
Dazu beigetragen hatten auch seine Besuche in dem nahegelegenen Lokal namens Lawrencetown Grocery & Pizza, bei denen er sich regelmäßig einmal die Woche zu Gesprächen mit Nachbarn und Bekannten traf.
Die 65-jährige Rosi, die Jack mit sanfter Gewalt dazu gezwungen hatte, sie künftig nur noch mit ‚Tante Rosi’ – und nicht mehr, so wie in seiner Collegezeit, mit Mrs. MacDermott anzureden, hatte Jack schon bei der besagten ersten Dinnereinladung verblüfft.
Mit ihrer unverkennbar schulmeisterlichen Art hatte sie nämlich, nach einem überschwänglichen Dank für das von Jack mitgebrachte Geschenk gesagt, dass sie das von ihm vor rund 12 Jahren gemalte Bild einem Kunstexperten zur Begutachtung vorlegen würde. Als Jack widersprechen wollte, gab sie ihm deshalb sofort Kontra.
„Jack, ich freue mich so sehr über dieses wundervolle Präsent. Ich werde es auch behalten, keine Angst. Aber da du es mir schließlich geschenkt hast, darf ich damit auch machen, was ich will!“, hatte sie gerufen, als Jack Bishop sie im selben Moment zwar erfreut aber auch ein wenig zweifelnd angeschaut hatte.
„Dein Experte wird aus dem Lachen gar nicht mehr herauskommen, wenn er dieses laienhafte Elaborat zu Gesicht bekommt“, hatte Jack geantwortet. „Aber von mir aus, gerne. Sei aber bitte nicht überrascht, wenn er mich anschließend nicht zum neuen kanadischen Picasso ernennt.“
Allmählich begann sich Jacks Leben nach diesem ersten Abend im sommerlichen Neuschottland deutlich zu verändern.
Tagsüber folgte er einem selbst auferlegten Zeitplan und schrieb nach dem Frühstück meist nicht länger als vier Stunden am Stück an seinem aktuellen Roman.
Nach dem mittäglichen Lunch ging er bei jedem Wetter anschließend stets mindestens drei Stunden am wellenumtosten Strand entlang des Atlantic View Trails spazieren.
Oder er folgte am östlichen Ende des Strands dem schmalen Geröllpfad, wo er sich das ein oder andere Mal unter die überhängenden Klippen setzte, um sich von dort aus die faszinierende Gewalt der an die Küste brandenden Atlantikwellen anzusehen.
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