Meine bereits erwachsene Schwester Hilde flachste sodann mit Muttern und sagte: „Mama, lade Ortsgruppenleiters »Madam« endlich einmal zum Abendessen ein und ein paar Offiziere dazu; Madam scheint auf schneidige Soldaten zu stehen, und vielleicht kann ihr ja der eine oder andere zackige Offizier zu einem zackigen, entspannten Schlaf verhelfen“?
Es war Anfang Februar 1945, als aus der Ferne immer öfter ein unheimliche Grollen und Grummeln zu hören war. Ein herannahendes Gewitter kannte ich, das konnte es nicht sein. Mich beschlich ein ängstliches Gefühl und schon deshalb konnte ich mit Eberhard Pommerenke hierüber nicht sprechen.
Ich lief zu Muttern und fragte sie, was das in der Ferne für ein brummelndes Geräusch sei. Mutter behauptete allen Ernstes, es seien Detonationen von Übungsgranaten aus Geschützen, mit denen unsere Soldaten übten. Von nun an hörte ich dieses dumpfe explosionsartige Geräusch Tag und Nacht, mal näher, mal weiter entfernt. Und was geschah in jener Zeit noch in der der Untergang des Großdeutschen Reiches für jedermann erkennbar eingeläutet mit Kanonendonner und die angekündigten Wunderwaffen ausblieben?
Divisionen der Briten und Amerikaner standen im Raum Aachen. An der Rheinfront nahm der Druck auf Colmar zu. Auf dem Balkan steigerte sich der Partisanenkampf. Vom dänischen Jütland wurde die 2. Gebirgsjägerdivision zur Verstärkung der Ostfront abgezogen. Die Russen drangen in Ostpreußen bis in die Nähe von Zinten vor. All das nagt an dem inzwischen alten Knaben, der sich langsam müde schreibt. Eigentlich denkt er, wäre es doch Aufgabe unserer Eltern gewesen, dem Elend der ostpreußischen Flüchtlinge Ausdruck zu geben; den winterlichen Trecks nach Westen über endlose Schneeflächen, die zuletzt von Rosenberg bis nach Heiligenbeil standen, um mit der letzten Fähre nach Pillau überzusetzen, aus Furcht vor der russischen Rache; dem Tod in Schneewehen, dem Verrecken in Straßengräben und in Eislöchern, sobald das zugefrorene Frische Haff nach Bombenabwürfen der russischen Flieger und unter der Last der Pferdewagen zu brechen begann, der weiße Tod lauerte überall, wie mir Elisa, die aus Heiligenbeil stammt, noch heute oft erzählt.
Von Pillau aus war es gelungen, bis die Russen Heiligenbeil einkesselten, fünfundsechzigtausend zivile und militärische Personen einzuschiffen, darunter Gott sei Dank auch die Familie meiner Frau, und sie vor den Russen zu retten; während die Wilhelm Gustloff sich auf ihrem Kurs nach Westen der Stolpebank näherte, hatte der amerikanische Präsident Roosevelt die USA bereits verlassen und war auf dem Weg zum Konferenzort Jalta auf der Halbinsel Krim, wo sich der kranke Mann mit Churchill und Stalin treffen wollte, um durch das Ziehen neuer Grenzen den Frieden vorzubereiten. Über diese Konferenz und die spätere in Potsdam, als Roosevelt tot und Trumann Präsident war, wird in Deutschland noch in fünfhundert Jahren gesprochen werden, hat man doch Deutschland, mein Heimatland Pommern, Ostpreußen und Schlesien zerstückelt. Um diese Zeit waren alle Städte entlang der pommerschen Küste entwerder vom Feind besetzt oder gefährdet: Stettin bereits eingeschlossen, denn die Russen mussten über die Oder, weil sie Berlin einnehmen wollten. Weiter östlich waren Danzig, Zoppot, Gotenhafen gefallen. Zur Küste hin hatten Einheiten der 2. Sowjetischen Armee bei Putzig die Halbinsel Hela abgeriegelt und weiter westlich, an der Oder, war bereits Küstrin umkämpft. Und überall hin, mit Drang von Ost nach West, zogen Flüchtlinge und wussten nicht wo sie bleiben sollten.
Überall blieben beiderseits Tote zurück, wurden Erkennungsmarken eingesammelt und Orden an Hitlerjungen und alte Volkssturmmänner verteilt; im Heldenkampf gegen die Übermacht.
Spätesten Anfang März 1945 hatte auch ich als »junger Pimpf« begriffen, wer dieses unheimliche, mich ängstigende Grollen verursachte; die auf unsere Stadt zurollende deutsch-russische Kriegsfront.
Die Ereignisse überschlugen sich von nun an.
Mutter muss wohl irgendwie die Evakuierung der Einwohner unserer Stadt geahnt haben. Wir Kinder wurden ab sofort nur noch in unserem besten Sonntagsstaat gekleidet und durften nur noch halb ausgezogen im Bett schlafen. Unter Strafandrohung wurde uns in den noch verbleibenden Stunden verboten, das Haus zu verlassen. Jedoch aus dem Vorgarten des Amtsgerichtes konnte ich das Treiben auf der Hauptstraße gut beobachten. Gegenüber lag ja die Schule, das Lazarett, in dem ständig verwundete Soldaten eingeliefert wurden. Selbstverständlich verfügte das Amtsgericht auch über einige Häftlingszellen, in denen nach Einquartierung der Kurlandsoldaten bis zu unserer Flucht immer wieder blutjunge Soldaten arretiert wurden, denen im Amtsgericht wegen unerlaubten Entfernens von der Truppe durch ein Militärstandgericht der Prozess gemacht wurde.
Davor hatten die Zellen des Amtsgerichtes eigentlich nur noch zur Züchtigung der Geschwister gedient, die Mutter oder Vater gegenüber aufsässig und unfolgsam waren. Wenn meine Eltern eines nicht mochten, dann waren das Widerworte, quengelnde Kinder und Buben, die heulten. Schon früh wurde mir beigebracht: Der Junge eines preußischen Beamten wehrt sich und weint nie.
Als ich doch einmal aus der Schule weinend nach Hause kam, ich hatte mit anderen Schülern Streit und mir eine Tracht Prügel von ihnen eingefangen, erhielt ich daraufhin einige Stunden Karzer. Bei gröberen Verstößen gegen den elterlichen Gehorsam tagte sodann das Familiengericht mit dem ehrenwerten vorsitzenden Richter, meinem strengen Herrn Vater und der ehrenwerten Beisitzerin, meiner lieben Mutter.
Es wurde verhandelt, ob eine Tracht Prügel zu verabreichen sei oder stundenweise Karzer inklusive Essenentzug genügt. Nach der »Haftentlassung« gab es von Muttern als erste Versöhnungsmaßnahme immer eine deftige Mahlzeit.
Im Falle der arretierten Soldaten gab es zum Schluss sogar eine Mahlzeit nach »Wunsch«. Denn das Kriegsurteil lautete immer: Tod durch den Strang, wegen Feigheit vor dem Feind! Da half auch nicht der tränenreiche Protest zahlreicher Massower Mütter beim »Vorsitzenden Militärrichter«. Das Urteil wurde meistens im Morgengrauen vollstreckt!
Seitwärts vor dem Gefängnishof des Amtsgerichts waren drei Tigerpanzer abgestellt. Sie wirkten auf mich wie riesige Ungeheuer. Diese Panzer besaßen zu jener Zeit den Nimbus der Unbesiegbarkeit. Viele Neugierige standen ständig mit bewundernden Blicken vor diesen 45 Tonnen schweren stählernen Ungetümen, die den bereits bis nach Pommern eingedrungenen Russen den Garaus machen sollten. Mich erfasste ein unbeschreibliches Entzücken, als mich eines Tages einer der Panzerführer auf einen der Panzer hob und von oben durch die geöffnete Turmluke in das Innere dieser Kampfmaschine setzte und so meine jugendliche Neugier auf dieses riesige »Kriegsspielzeug« befriedigte.
Daraufhin fasste der Knabe Sigurd Adolf einen neuen unumstößlichen Entschluss: Wenn er groß und wehrfähig sein würde, würde er doch nicht Beamter wie sein Vater oder »Kulturattache im Osten« werden wollen sondern Soldat und Panzerführer.
Mit donnerndem Motorgetöse und Kettengerassel setzten sich eines späten Nachmittags die drei Tigerpanzer in Bewegung und fuhren aus der Stadt hinaus. Spät am Abend kamen sie dann mit lautem Gerumpel von ihrem Fronteinsatz zurück und fuhren direkt zum Bahnhof weiter, um von dort per Eisenbahn nach Gollnow transportiert zu werden, weil in der Stadt angeblich nicht genügend Sprit zum Auftanken der Panzer vorrätig war - in Wirklichkeit war ihnen nicht nur der Sprit sondern auch die Munition ausgegangen und nicht nur den »Massower Tigerpanzern« sondern der gesamten Deutschen Wehrmacht.
Spätestens an diesem Abend, dem 02. März 1945 hätte die Deutsche Heeresleitung kapitulieren sollen; aber der Krieg und die Flucht gingen weiter und noch einmal stellten sich deutsche Soldaten im Winter und Frühjahr 1945 den übermächtigen Sowjetsoldaten entgegen und bei den Kämpfen um die Brückenküpfe an der Oder und der »Schlacht um die Seelower Höhen« starben sinnlos mehr als 100.000 deutsche und russische Soldaten - denn aufgrund der Propagandarede Joseph Göbbels im Berliner Sportpalast am 18. Februar 1943 wollte das Deutsche Volk den totalen Krieg – totaler als total! Und die »totale Schlacht« um die Seelower Höhen forderte nicht nur bei den Soldaten sondern auch bei der märkischen Bevölkerung viele Opfer und Entbehrungen. Als Marschall Shukows Soldaten Berlin erreichten, war eine einzigartige Kulturlandschaft zerstört und die Herzen vieler Menschen gebrochen. Noch heute erinnern sterbliche Überreste von ehemaligen Soldaten sowie Munitions- und Waffenfunde an die Sinnlosigkeit und Unmenschlichkeit dieser Kämpfe.
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