Als Eberhard in meine Augen sah, glaubte ich, so etwas wie ein reumütiges Besinnen in seinem Gesicht zu sehen.
„Übrigens Sigurd, auch ich werde demnächst des Führers »Mein Kampf« lesen, wetten das? sagte er zum Abschied. Dann nahm er seine Schulmappe unter dem Arm und lief durch den Vorgarten. Bevor er im Hause verschwand nickte er noch einmal lächelnd zurück.
Eberhard würde »Mein Kampf« lesen und dann würden wir etwas Gemeinsames haben, worüber weder Erwin Silbermann noch irgendeiner der anderen Mitschüler mitreden konnte! Denn in unserer Schule waren immer noch »Die Räuber« der Klassiker. Wie gut wir uns doch miteinander verstanden! Wer weiss, - vielleicht brachte ich ihn doch noch dazu, ebenfalls heroische Verse über den Führer zu schreiben?
Nein, nein, das wollte ich nicht! Eberhard sollte nicht werden wie ich, sondern bleiben, wie er war, ein schöner Adonis und stark wie alle ihn mochten und ich, »Sigurd Adolf« am meisten! Aber wenn er »Mein Kampf« lesen sollte, würde es ihm trotzdem nicht schaden; im Gegenteil, dann hätten wir etwas Gemeinsames.
Und ich ging weiter durch das alte gotische Stadttor über den Wall zurück; die Naugarder Straße mit den schönen alten Kastanienbäumen entlang zum Amtsgericht, zum Haus meiner Eltern als ich plötzlich Marschgesang vernahm. Vom Bahnhof kommend marschierte eine Vorhut von Soldaten der Kurland-Division in unsere Stadt. Ich lief freudig nach Hause und noch im Flur rief ich: „Mutti! Mama! Soldaten sind in unserer Stadt“!
Massow war mit dem Einmarsch der singenden Kurlandtruppe ab sofort Garnisonsstadt und Teile des Divisionsstabes nahmen bei uns im Amtsgericht Quartier. Welch ein Leben, welch ein Treiben war ab diesem Tage in dieser bisher langweiligen pommerschen Kleinstadt. Was ich nicht wusste, Teile des Divisionsstabes der Kurland – Division hatten bereits im Laufe des Vormittags, während ich noch in der Schule war, Quartier bei uns im Amtsgericht bezogen. Welch ein Leben, welch ein Treiben war ab diesem Spätsommertag 1944 in dieser so langweiligen Kleinstadt in Hinterpommern, denn die meisten Soldaten wurden privat einquartiert.
Unserem Amtsgericht gegenüber lag die Bäckerei und das einzige Café der Stadt, das Café Plathe. An dem Café Plathe grenzte der Frisiersalon Weidemann. Ab sofort waren, so mein Eindruck, erst der Frisörsalon Weidemann und danach das Café von allen allein stehenden Jungfrauen der Stadt zwischen 16 und 60 Jahren und den Soldaten frequentiert. Auch von meiner älteren Schwester Hildegard, Hilde genannt. Sie war vom Ortsgruppenleiter als Hilfspostzustellerin verpflichtet worden und war das von Nachbar zu Nachbar wandelnde tönende Nachrichtenmagazin. Denn die jungen BDM-Mädchen und Lazarettschwestern sahen es unter anderem wohl auch als eine weitere Kriegspflicht an, die für den Fronteinsatz vorgesehenen jungen Soldaten nicht nur beim Tanzkaffee bei guter Laune zu halten, sondern sich selbstverständlich auch in sie zu verlieben. Das soll bei der einen und anderen pommerschen Jungfrau zur ungewollten Schwangerschaft und neun Monate später, 1945 in den entbehrungsreichen Nachkriegstagen, zu schwierigen und notvollen Entbindungen geführt haben. Aber noch war es friedlich und in der Stadt wurde gelacht, getanzt und gesungen.
Und auch ich wurde von dieser allgemeinen »Kriegsbals« erstmalig in meinem jungen Leben erfasst, nämlich von der blonden Inge; Inge Losigkeit, Doktor Losigkeits Tochter, der am Marktplatz seine Praxis hatte, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Rathaus, sie war’s, die mich, den Hitlerjungen Sigurd Adolf Kröger in diesen chaotischen Spätsommertagen verwirrte.
Was war geschehen? Ich hatte sie bereits tausendmal gesehen; an einem frühen Abend jedoch sah ich sie in der anheimelnden Beleuchtung vor dem Café Plathe, sah, wie sie im Gespräch mit einer BDM (Bund deutscher Mädchen, Teilorganisation der Hitlerjugend) Kameradin auf eine gewisse übermütige Art lachend ihren Kopf zur Seite warf, auf eine gewisse Art ihre schmale, schöne feine Mädchenhand, zum Hinterkopf führte. Hörte, wie sie ein ganz banales Wort, auf eine Art und Weise betonte, wobei ein warmes Klingen in ihrer Stimme war, das so ähnlich klang, wie die warmen Töne aus meiner Mundharmonika, die in den Ästen des alten Kastanienbaumes im Vorgarten des Amtsgerichts verhalten und ein Entzücken ergriff mein Herz, weit stärker als jenes, das ich empfand, wenn ich Eberhard Pommerenke begegnete.
An diesem Spätsommerabend nahm ich ihre Erscheinung, ihr Bild auf einmal ganz anders wahr als bisher in den Pausen auf dem Schulhof und mit fort in meinen Tagträumen - mit ihren dicken, blonden Zöpfen, den lachenden blauen Augen und die leichte Anhäufung von Sommersprossen auf ihren Wangen, Stirne und über ihrer Nase. Ich konnte mir auf einmal sogar vorstellen, alle ihre Sommersprossen wegzuküssen, obwohl ich noch nie ein Mädchen geküsst hatte, konnte nicht einschlafen, weil ich das Klingen ihrer Stimme in Gedanken hörte; ich erschauerte dabei. Die Erlebnisse mit Eberhard lehrten mich instinktiv, dass dies die richtige, große Liebe sein musste. Aber, obgleich ich genau wusste, dass diese Liebe mir viel Schmerz, Leiden und Demütigung bringen würde, das sie überdies meinen inneren Frieden zerstören könnte und mein Herz mit Melodien überfüllt werden würde, ohne dass man die Ruhe fand, um eine Aufgabe in Ruhe zu Ende zu denken, in Gedanken zu formen, um in Gelassenheit etwas Neues daraus zu schmieden; so nahm ich sie doch mit Freuden auf, überließ mich ganz meinen neuen Gefühlen und pflegte diese mit den Kräften meines jugendlichen Gemüts, denn ich ahnte, dass sie mich innerlich reich und lebendig machen würden und ich sehnte mich auf einmal danach, reich und lebendig zu sein, anstatt mehr Gelassenheit an den Tag zu legen und sich auf den Schulunterricht zu konzentrieren. Das ich mich erstmals in ein Mädchen, die lustige Inge Losigkeit verliebte, ereignete sich vor dem Tanz-Café Plathe. Und weil ich wusste, meine Liebe zu ihr würde nicht erwidert werden, denn die jungen BDM-Mädchen pflegten nach der Schule lieber den Kontakt mit den schneidigen jungen Soldaten als mit ihren HJ-Schulkameraden, ging ich traurig nach Hause und ich nahm mir vor, weiterhin den Kontakt zu meinem einzigen Freund Eberhard Pmmerenke aber nunmehr auch verstärkt zu den jungen Offizieren im Amtsgericht zu halten.
Das Jahr 1944 neigte sich dem Ende entgegen. Die Felder um Massow waren abgeerntet, die Kartoffeln eingekellert und über unserer kleinen Stadt legte sich eine dicke weiße Schneedecke und auf den gefrorenen Fensterscheiben konnte man wunderschöne Eisblumen mit seinem heißen jugendlichen Atem pusten.
Die Stadt wurde in den Wintermonaten 1944, Anfang 1945 zunehmend von durchziehenden Flüchtlingstrecks geradezu überflutet. Die Flüchtlinge mussten untergebracht und versorgt werden. Die zwei Verhandlungssäle des Amtsgerichtes waren ständig mit notdürftig untergebrachten Flüchtlingen belegt, die auf Strohsäcken schlafen mussten. Die einquartierten Flüchtlinge versorgten sich überwiegend selbständig in Mutters großer Küche in Zusammenarbeit mit den Soldaten des Divisionsstabes. Von morgens bis abends wurde gebrutzelt und gebraten.
Für mich war dieses Zigeunerleben schrecklich aufregend und abwechselungsreich, denn abends war mit den Soldaten in allen Räumen des Amtsgerichtes immer »Halligalli«. Das sprach sich in der Nachbarschaft schnell herum. Und selbst die Frau des Ortsgruppenleiters, eine kleine, hübsche lebensfrohe Mittvierzigerin, die sich abends oftmals einsam fühlte, kümmerte sich auf einmal verstärkt um das Wohlbefinden unserer Mutter, indem sie mittags häufig bei uns zu Hause hereinschneite. Ihre obligatorische Frage lautete, was es so Neues gäbe und ob sie abends mal kurz vorbeischauen dürfe? Jetzt, wo doch ihr Gatte wegen der angespannten Kriegslage nur noch ganz selten zu Hause schläft.
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