1 ...7 8 9 11 12 13 ...23 K. entgegnete, dass er nur vom Leben abgeschrieben habe. Alles was man zu Papier bringe sei autobiographisch, selbst Fantasiegebilde, denn auch die Fantasie speise sich aus dem Erlebten und Gelesenen. Außerdem seien die Figuren und Handlungen im Roman von ihm derartig verfremdet oder neu erfunden worden, dass eine Identifizierung kaum möglich sei.
K. verwies dann auf einen im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienenen Artikel mit dem Titel „Am Tellerrand gescheitert – Warum die Gegenwartsliteratur die Gegenwart meidet“. Autor war ein Richard Kämmerlings. Aufhänger war die Finanzaffäre von Jérôme Kerviel, welcher seinem Arbeitgeber, der französischen Großbank Société Générale, ein Rekorddefizit von annähernd fünf Milliarden Euro einfach so herbeispekuliert hatte. Der Mann wurde gefeuert und die ehemals so stolze Bank wurde zum Übernahmekandidaten und jeder rätselte, wie so etwas passieren konnte. Das sei Stoff für einen Epochenroman, so meinte Kämmerlings und stellte gleichzeitig die Frage, warum sich solche Figuren so wenig in der deutschen Gegenwartsliteratur fänden. Die Ursache sei, so sein Resümee, dass sich die Autoren in der Retrospektive tummeln würden. Der historische Familien- oder Generationenroman, gern als episches Jahrhundertpanorama definiert, beherrsche die Szene. Es mangele an dem, was unser Leben jenseits des Privaten formt und bestimmt: die Wirtschaft, die Technik, die Medizin, das Militär, ja selbst die Medien.
„Und ich will mit meinem Opus diese Lücke füllen“, sagte er seinem Freund, dem Verleger, der sich aber auch durch diese Argumentation nicht überzeugen lassen wollte und ab diesem Zeitpunkt Kontakte mit K. mied. Zu groß erschien ihm die Gefahr, als Figur in einem anderen Roman des entfesselt schreibenden K. aufzutauchen.
Danach machte K. die üblichen Erfahrungen, die fast alle Erstautoren machen. Im Briefkasten steckte ein dicker Umschlag, der Rückumschlag, den man dem an den Verlag eingesendeten Text beigelegt hatte. Dieser hatte leider den Weg zurück gefunden. Man mochte gar nicht reinschauen.
Es stand immer dasselbe drin:
Passt nicht ins Verlagsprogramm.
Das von ihnen aufgegriffene Genre ist derzeit out.
Könnten sie zu diesem Thema nicht vielleicht einen Sachroman schreiben?
Am besten sie definieren uns die Zielgruppe.
Wir wünschen ihnen viel Glück bei anderen Verlagen.
K. fragte sich, wer da überhaupt etwas gelesen hatte. Der Lektor? Lektor kommt von „lesen, vorlesen“. Man müsste meinen, dass die mit der Muttersprache Deutsch ganz gut zurechtkommen. Die Ablehnungsschreiben waren aber überwiegend in grauenhaftem Deutsch abgefasst. Kein Text war ohne Rechtschreibfehler. Das können keine Lektoren sein, das sind überforderte oder aber hypertrophe Wesen, geifernd auf der ständigen Suche nach dem Blockbuster, der ihren Verlag und damit ihren Arsch rettet. Alle hatten Angst, Entscheidungen zu treffen. Zu viele falsche Entscheidungen, zu viele Flops und der Verlag würde wirtschaftlich Schlagseite bekommen.
Dass es dann so schnell gehen würde, damit hatte er jedoch nicht gerechnet. Ungefähr der dreißigste Verlag, dem er das Manuskript angeboten hatte, schlug zu. Die Lektorin fand das Thema aktuell. Momentan flogen die Manager reihenweise aus ihren Jobs raus. K. berichtete in seinem Roman, wie sich so eine traumatische Trennung allmählich anbahnt und gab gute Ratschläge zur Bewältigung solcher Krisen. Im Untertitel stand „ein Roman und Ratgeber“. Er hatte also einen Sachroman kreiert. Die Schreibe war flott, und der Hauptklientel des Buchhandels, die viel lesenden Frauen, konnten auch auf ihre Kosten kommen. K. hatte etliche erotische Fantasien aus dem Berufsleben mit eingebaut.
Die einzige bittere Pille, die K. schlucken musste, war die Haftungsübernahme. Wenn berechtigte Einwände wegen Verletzungen der Privatsphäre eingehen würden und das Werk nach Auslieferung an den Buchhandel zurückzuziehen oder zu überarbeiten wäre, dann würde das zu seinen Lasten gehen. Als er zaghaft fragte, ob man darüber noch einmal reden könne, erhielt er eine schnippische Antwort. Der Autor selber, denn nur der würde die genaueren Zusammenhänge kennen, müsse entscheiden, ob sich da irgendjemand auf den Schlips getreten fühlen könnte. Für fehlgeschlagene psychotherapeutische Behandlungen des Autors sei man nicht zuständig. In seiner Anfangseuphorie verdrängte K. dann einfach dieses Risiko und legte damit den Grundstock für eine weitere Umdrehung in seiner Abwärtsspirale.
Von Anfang an sollte der Titel „ Die Kündigung “ lauten. Bezüglich des Untertitels kristallisierte sich dann „- ausgebrannt und gefeuert - “ heraus, um noch eine reißerische Komponente hinzuzufügen. Zunächst verkaufte sich die erste Auflage von 3.000 Stück schleppend. Ca. 700 Exemplare gingen zwar bereits im ersten Monat über den Ladentisch. Käufer waren wahrscheinlich überwiegend die Personen, die davon ausgingen, dass sie im Buch Erwähnung gefunden hatten, also vorrangig K.s Bekannte und Personen aus seinem weiteren privaten und beruflichen Dunstkreis. Das hatte die Lektorin so bereits vorausgesagt, obwohl das Buch unter einem Pseudonym erschienen war.
Dann aber wurde der Verkauf schleppender. Kurz bevor das Buch aus der zweiten Reihe auf den Präsentiertischen in den Buchhandlungen verschwand, erschien ein Artikel in einem Wirtschaftsmagazin, welcher die Hintergründe des Rauswurfs einiger Führungskräfte aus der jüngsten Vergangenheit thematisierte. In diesem Magazinbeitrag wurde auch das Buch K.s erwähnt. Das war der Durchbruch. Das Buch wurde in den Feuilletons der großen Tageszeitungen besprochen und im unteren Drittel der Spiegel-Bestsellerliste für Sachbücher geführt. Insgesamt erschienen drei Auflagen. Genauso hatte sich K. das vorgestellt. Die monatlichen verkaufsabhängigen Honorarausschüttungen kletterten beständig.
Dann formierte sich allmählich die Gegenbewegung. Als aller erstes beschwerte sich der regionale Governor der Rotarier in einem Brief. Es sei eine absolute Geschmacklosigkeit, dass der Autor die rotarischen Clubs mit Kaninchenzüchtervereinen vergleiche. Der Verlag reagierte prompt. Nicht der Autor sei das gewesen, sondern die Romanfigur „K.“ habe das so formuliert. Am Ende seines Antwortschreibens konnte sich die Redakteurin des Verlags die Bemerkung nicht verkneifen, dass es allerdings eine außerordentliche intellektuelle Herausforderung darstelle, zwischen dem Autor und dem Protagonisten zu differenzieren.
Die nächste Beschwerde erreichte K. postalisch. Der Brief kam von seiner ehemaligen Sekretärin. Sein Rausschmiss habe sie erheblich betroffen gemacht. Sie habe tagelang weinen müssen. Am schlimmsten sei gewesen, dass K. in seinem Buch behauptet habe, dass sie miteinander Sex gehabt hätten.
K. antwortete.
Liebe Frau Sperling, nur weil sie einen Vogelnamen haben und die Romanfigur Frau Vogler heißt, dürfen sie davon nicht ableiten, dass sie Frau Vogler sein sollen, genauso wenig, wie der Herr K. im Roman meine Person repräsentiert. Selbstverständlich waren wir nicht intim, weder in der Realität, noch im Roman. Wenn sie die Stelle auf Seite 135 des Buches noch einmal genau lesen, dann wird von Geschlechtsverkehr im Büro gesprochen, welchen die Romanfigur K. mit der Romanfigur Vogler gehabt haben soll, der aber so gar nicht stattfand. Frau Vogler war zu einer solchen Aussage durch den bösen Manager Bosse gezwungen worden, um K. moralisch in die Knie zu zwingen, was im Übrigen in Wirklichkeit so auch nie statt gefunden hat. Es handelt sich bei meinem Buch um eine Ausgeburt meiner Fantasie. Das ist keine Reportage, das sollen auch keine Memoiren sein, das ist eine fiktive Novelle. Mit freundlichen Grüßen K.“
K. war jetzt ganz oben auf. Offensichtlich wurde die Geschichte gelesen, und die Leser setzten sich mit den Personen und Handlungen im Roman auseinander. Die Figuren, bei deren Beschreibung er keine Destruktoren eingebaut, deren Sauereien er eins zu eins beschrieben hatte, die meldeten sich nicht. K. grinste grimmig in sich hinein. Klar, wenn sie sich in ihren Lügen und Betrügereien wieder erkennen, dann werden sie den Teufel tun, ihre Persönlichkeitsrechte zu reklamieren. Das sähe ja wie ein Schuldeingeständnis aus.
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