„Die machen Faxen da oben“, sagte Endo dann.
Für einen traditionellen Windsurfer der ersten Stunde, wie ihn, war das Kitesurfen Pippifax. Ganz einfach deshalb, weil er mit den Jünglingen nicht mehr mithalten konnte.
„Erst letzte Woche hat es hier einen Franzosen zerbröselt. Eine Böe hat ihn fortgetragen. Der grandiose Flug endete an der Mauer des Bunkers vom Dos Mares. Er sah übel aus. Er musste mit dem Sanka in die Klinik gebracht werden“, sagte Endo ohne wesentliche Anteilnahme.
„Armer Kerl. Faszinierend aber ist doch, dass du deine Heldentaten direkt vor dem Publikum am Strand präsentieren kannst“, sagte K.
„Klar, die Mädels können dir zugucken. Die tun zwar so, als wenn es sie nicht interessieren würde, trotzdem kriegen die alles mit“, ergänzte Endo.
Man sah nur junge, schlanke und von der Sommersonne bronzen eingetönte Hardbodies in knappen Bikinis.
„Das alles sieht mir nach aufwendigen Anbahnungen für die nächste Nacht aus. Die Mätzchen sind einfach nur Balzgehabe, Übungen um die Hormonpumpen auf Touren zu bringen“, seufzte K., „früher war das anders.“
„Stimmt. Als wir in der Surfsteinzeit dicht vor dem Wind den großen Schlag nach draußen gemacht haben, da waren wir einfach weg. Und einige wurden nie wieder gesehen. Das Material war noch nicht so gut und die Jungs waren leichtsinnig. Bei Windstärke sieben bis acht waren einige schlicht überfordert. Sie trieben ab und wurden durch die Oberflächenströmung ins Mittelmeer hinein gezogen. Eine Coastguard gab es damals wie heute nicht“, sagte Endo versonnen.
„Sag mal, bist du wirklich bis nach Marokko rübergesurft?“
„Klar, das geht bei Poniente mit sechs Beaufort ganz gut. Es sind ja gerade mal fünfzehn Kilometer. Wir sind dann meist am Stadtstrand von Tanger gelandet. Dort warteten schon die Dealer, um uns besten Shit billig zu verkaufen. Sie hatten uns bereits lange vorher mit dem Fernglas ausgemacht. Die Miliz erschien auch gelegentlich. Die Jungs nahmen ihre Kalaschnikows in Anschlag, hielten sich aber ansonsten zurück. An den Hängen des Rif-Gebirges leben viele Bauern nur vom Haschischanbau. Wir haben uns die in Kunststoff eingeschweißten Haschischbarren dann unter den Neoprenanzug gesteckt und sind zurückgedüst. Anfänglich waren das Mengen für Family and Friends. Doch einige bekamen den Kanal nicht voll genug und tappten damit in die Schrebergärten der Herren von der organisierten Kriminalität. Das waren überwiegend Exilmarokkaner und Typen von der CIA, die da den Ton angaben.“
„Wieso CIA?“
„Auch die wollten sich was dazu verdienen.“
Beim Schlendern am Strand kamen sie an den Resten eines großen grauen Gummibootes vorbei.
„Aha, die Hinterlassenschaften der Boat People“, bemerkte K.
„Irrtum, das waren Rauschgiftschmuggler. Sie bringen das Zeug von Tanger aus mit schnellen Booten nachts rüber. Die Schiffe der Boat People sehen anders aus. Viele Boote zerlegen sich bereits weit vor dem Ziel. Die sind oft so marode, dass sie den Bedingungen auf dem offenen Meer nicht mehr standhalten. Dann kommen hier nur noch die Leichen an, aber nur wenn der Poniente bläst. Wegen der Illegalen ist die Guardia Civil bei uns besonders stark vertreten und wir haben täglich Straßenkontrollen.“
K. nahm Papier und Bleistift zur Hand, setzte sich auf den Meditationsfelsen und fing an zu schreiben. Zunächst wagte er sich noch nicht an die Geschehnisse der jüngeren Vergangenheit heran. Er kreiste sie ein, indem er Szenen seiner Kindheit und Jugend aufscheinen ließ. Er war immer davon ausgegangen, dass er ein schlechtes Langzeitgedächtnis habe. Dem war aber nicht so. War das Licht im alten Erlebnis angeknipst, dann entwickelte sich die Szene wie von selbst und sogar Namen, die er für immer vergessen zu haben geglaubt hatte, wurden wieder präsent. Er hatte gar kein so schlechtes Gedächtnis, nur seine Zugriffszeiten auf die Fakten und Stimmungen von damals waren etwas länger. Durch die Entschleunigung im Campo wurde der Vorhang des Vergessens beiseite geschoben und die alten Figuren und vergangene Situationen wurden wieder lebendig. Er genoss diese frisch ausgegrabenen Erinnerungen wie einen Film, in dem er die Hauptrolle spielte und gleichzeitig Regie führen konnte.
Der Umfang seines Manuskripts wuchs. K. traute sich jetzt immer mehr an die literarische Aufarbeitung seiner jüngeren Vergangenheit heran. Kaiser, sein Nachfolger in der Health Care Foundation, der subversiv an seinem beruflichen Crash mit beteiligt gewesen war, hatte ihn dazu im letzten gemeinsamen Gespräch animiert. K.s Rausschmiss sei schon kurios verlaufen, das könne man nur in Form eines Romans darlegen, hatte der gesagt. Schon bald hatte K. gemerkt, dass es ihm keine Mühe bereitete, Gedanken und Szenen zu Papier zu bringen. Schreibroutine hatte er zwar schon reichlich durch seine zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen erworben, ihm war aber niemals klar geworden, dass es ihm auch bei der Schilderung seiner Erinnerungen nur so aus der Feder fließen würde.
Er schrieb sich an manchen Tagen in einen regelrechten Rausch hinein. Die Personen, Erlebnisse und Vorkommnisse vergangener Tage, teilweise weit zurückliegend, wurden wieder lebendig. Erinnerungslücken konnten beliebig mit dem, was die Imagination bot, aufgefüllt werden. Gedanken anderer Menschen lagen auf einmal offen. Er konnte neue Personen in die Handlungen einbauen und sich bei den realen Akteuren zusätzliche Charaktermerkmale dazu denken. Ja, er konnte lieben und sterben lassen, er war in seiner Komposition aus Fakten und Fiktionen der Überirdische. Dieses göttliche Agieren produzierte aber nicht nur gelungene Sentenzen, sondern auch absolut blödsinnigen Stuss. Am nächsten Morgen, noch einmal durchgelesen, mussten diese Ausschwitzungen auf der Stelle vernichtet werden.
„Was machst du denn den ganzen lieben langen Tag?“, fragte ihn Endo.
„Ich decke ein Dach“, antwortete K. „Jede Geschichte und jede Szene ist eine Schindel. Und die befestige ich auf den Dachlatten, mal in der Mitte, mal oben, mal unten, gerade so, wie es mir einfällt. “
„Aber ein Dach baut man doch von unten nach oben.“
„Das ist das Problem. Häufig passen die Schindeln nicht richtig übereinander. Dann darf man einen Teil wieder abmontieren. Manchmal glaubt man, dass jetzt eine Passage im Dach gelungen sei, bis man merkt, es regnet rein. Dann muss man isolieren oder neu decken. Bis du den Dachfirst aufsetzen kannst, ist es ein langer Weg. Und du weißt nie, ob du das Dach vollständig dicht bekommst.“
Fast jeden Tag gelang es ihm, eine neue Schindel zu montieren, also eine Episode aus seinem Leben in Worten fest zu halten oder neu dazu zu dichten. Doch wozu das alles? War es die Lust am Formulieren und Fabulieren? Das war sicherlich ein wichtiges Motiv. Es faszinierte ihn, wie sich aus kleinen Geschichten ganze Handlungen ergeben konnten, wie weit entfernte Dinge auf einmal zusammen liefen. Vielleicht würde sich einmal die Nachwelt dafür interessieren? Aber so spannend fand er seine Biographie dann auch wieder nicht.
Das war die offizielle Rechtfertigung, wenn er nach seinen Schreibaktivitäten befragt wurde. Insgeheim jedoch baute sich mit wachsendem Opus immer mehr der Wunsch auf, dass es vielleicht gelingen möge, einen Verlag für eine Veröffentlichung zu gewinnen. Dadurch hätte er endlich einmal eine größere Leserschaft für seine Elaborate erreichen können, nicht nur die kleine Schar der Fachkollegen, die seine wissenschaftlichen Publikationen und seine seltenen Editorials zu Themen, die eigentlich fast niemand interessierten, ganz gerne lasen. Er träumte sich in die Situation hinein, mit seinem famosen Werk auf den Sellerlisten von Woche zu Woche nach oben zu steigen.
Deswegen las er die bereits formulierten Passagen immer wieder kritisch auf kompromittierende Elemente hin durch. Natürlich wimmelte es nur so von charakteristischen Wesenszügen oder Situationsbeschreibungen, aus denen man unumwunden auf bestimmte Personen und Orte schließen konnte, allerdings nur, wenn man sie vorher schon kannte. Wenn er nun hier zu sehr verschleierte, dann verloren die Darstellungen ihre Würze.
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