„Schon richtig, aber sie wissen doch, wie das ist. Im eigenen Hause liefert man sich ungern anderen aus.“
„Und jetzt, wie steht es mit der Pumpe?“
„Die ist ausgeleiert. Der Kardiologe sagt, dass noch 30 Prozent Restleistungsvermögen der linken Herzkammer da wären. Das reicht im Moment gerade für ein Stockwerk Treppensteigen. Und viel besser wird das nicht werden. Wenn das so weiter bergab geht, dann kommt nur noch eine Herztransplantation in Frage.“
„Damit sind sie aber momentan für den Nahkampf in der Stiftung schlecht gerüstet. Die Sorger macht doch erheblich Dampf, oder?“
„Ach, hören sie mir bloß mit der scheiß Stiftung auf“, Kaiser machte eine schlappe abfällige Handbewegung, „das ist der Ursprung allen Übels.“
„Vor gar nicht so langer Zeit waren sie aber ganz scharf auf den Job“, sagte K.
„Sie wissen genau, dass ich keine andere Wahl hatte. Bei meinem alten Arbeitgeber, der Cargo Rail, wollten die mich nicht mehr haben. Eine Rückkehr in den Staatsdienst kam auch nicht mehr in Frage. Außerdem war ich in einem Alter, wo einem die Jobs nicht mehr hinterher getragen werden.“
„Na ja, Kaiser, da war doch noch etwas“, lockte K.
„Was denn?“
„Jetzt hören sie aber mal auf, sie haben es mir selber erzählt: Ihr romantischer Ausflug in die geheime Welt der Nachrichtendienste.“
„Stimmt, das habe ich ihnen erzählt. Ich weiß auch nicht, was mich damals geritten hat. Das war völlig überflüssig. Wahrscheinlich eine Mischung aus zu viel Wein und schlechtem Gewissen. Irgendwie taten sie mir nach ihrem Rausschmiss leid. Ich wollte ihnen mit meinem Geständnis vielleicht ein Trostpflaster geben.“
„Das kam aber anders bei mir an. Damals habe ich meinen Respekt ihnen gegenüber vollständig verloren, wenn ich mal so offen sein darf. Da spioniert einer in der Staatskanzlei für dieses Schrottregime DDR, ist auch noch so blöd, sich beim Kopieren von streng geheimen Papieren erwischen zu lassen, wird zu anderthalb Jahren auf Bewährung verknackt und erzählt mir dann auch noch ganz stolz, dass seine Töchter das gut gefunden hätten.“
„Na ja, wie das eben so ist. Man bastelt halt immer etwas an seinen Lebenslügen herum. Ich wollte irgendwas gegen die Amerikaner unternehmen. Reagan strebte meiner Meinung nach damals die Weltherrschaft an, während Gorbatschow Perestroika und Glasnost ausrief.“
„Da haben sie sich aber gründliche verspekuliert. Sie glaubten wohl, dass wenn man etwas gegen den Westen tut, das etwas Gutes für den Osten sei. Ganz schön naiv, wie sich dann in der weiteren Entwicklung gezeigt hat. Der kalte Krieg war nämlich schon längst zu Ende. Sie haben aus Idiotie, nicht Ideologie, ihr Land hintergangen, in dem sie nicht schlecht leben.“ K. war in Fahrt gekommen. Inzwischen bedauerte er nicht mehr, Kaiser getroffen zu haben. „Und dann haben sie mich verarscht, indem sie diesen Glanzpunkt in ihrem Lebenslauf einfach weggelassen haben. Hätte ich gewusst, dass sie vorbestraft waren, hätte ich mich nicht für sie zum Fenster hinaus gehängt, damit sie den Geschäftsführerjob bei der Stiftung bekommen. Sie scheinen mir eine etwas schiefe Vorstellung von Anstand und Moral zu haben. Und was ich ihnen ganz besonders übel nehme, das ist dieser Brandbrief, den sie damals an die Aufsichtsbehörde für Stiftungen, das Regierungspräsidium, geschrieben haben. Das war der Anfang vom Ende des Herrn K. in der Geschäftsführung.“
„Was meinen sie denn damit?“ Kaiser war sichtlich eingeschüchtert.
„Mensch Kaiser, sie können doch nicht immer tun wie Tulpe. Sie selber haben mir erzählt, dass sie in den Geschäftsunterlagen ihres Vorgängers diese Unterlagen gefunden haben. In diesem anonymen Schreiben sei Frau Dr. Sorger, die Vorsitzende des Stiftungsrats, denunziert worden. Es wurde deren unverschämte Selbstbedienung bei den Beratungsleistungen für die Stiftung angeprangert. Das waren In-sich-Geschäfte, die die feine Dame da angezettelt hat. Davon wussten ursprünglich nur drei Personen: Frau Sorger selber, ihr Vorstandskollege Bosse und ich. Ich habe nicht gepetzt und Sorger und Bosse scheiden aus nachvollziehbaren Gründen aus. Bleiben nur noch sie übrig, weil ich ihnen von den Verstrickungen der Vorsitzenden immer brühwarm erzählt habe.“
„Ich soll das gewesen sein?“
„Na klar, sie waren das gewesen. Nur, als die Vorsitzende von dem Schreiben erfuhr, da meinte sie, dass ich der Absender gewesen wäre und nicht sie. Sie kamen für die Dame nicht in Frage; denn woher sollten sie als Newcomer von Selbstbedienungen Kenntnis haben. Damals drehte sich für mich der Wind plötzlich und ich wusste nicht, warum. Das war damals der Anfang von meinem beruflichen Sterben. Und sie konnten dann in die Lücke hineinstoßen.“
K. genoss es, seinem ehemaligen Protege noch einmal so richtig die Meinung zu geigen.
„Ach, Herr K., ich hatte das nur deshalb gemacht, um die Sorger über den Untreuevorwurf loszuwerden. Sie hatte aber gute Freunde im Regierungspräsidium. Die bügelten alles glatt. Und als die Staatsanwaltschaft Wind von den illegalen Beratungsgeschäften der Dame bekommen hatte, waren schon längst rückwirkend Beratungsverträge formuliert worden, welche ihre Machenschaften legitimierten.“
„Aber da kamen Stundensätze von 8.000 Euro und mehr raus“, sagte K. empört und natürlich auch ein wenig neidgeplagt.
„Nur kein Neid. Die Sache verlief jedenfalls im Sande. Und selbst wenn ich eine Intrige gegen sie losgetreten haben sollte, so war das kein Glücksfall für mich. Sie hatten damals schon Recht. Die Organisation in der Stiftung ist krank und die maßgeblichen Akteure sind auch marode und zwar im Kopf. Da entstand ein mörderischer Druck. Diese Sorger ist eine skrupellose Sklaventreiberin und mit dem neuen medizinischen Vorstand, ihrem Nachfolger, bin ich auch nicht klar gekommen.“
„Ich hatte ihnen ja einen zugegebener Maßen verwegenen Vorschlag gemacht, wie man Frau Sorger hätte ausboten können, aber sie sagten damals, sie wollten sich durchlavieren. Jetzt haben sie den Salat.“
Kaiser trippelte hin und her, er machte mit seinem Oberkörper eine schraubende Bewegung, aber sagte nichts. K. hatte das Gefühl, dass er noch irgendetwas loswerden wollte. Dann brach es aus ihm hervor: „Da war natürlich noch etwas, das man wissen muss, um das alles richtig zu interpretieren.“ Kaisers Augen wurden feucht, „wenn sie einmal mit Geheimdiensten zu tun gehabt haben, so werden sie diesen Schatten nie mehr los.“
„Spionieren sie immer noch herum, sie Schwein?“, fragte K. ungläubig.
„Nein, tue ich nicht, aber...“ Kaiser gefroren die bereits formulierten Worte im Mund. „Mein Arzt sagt, dass ich nicht mehr lange leben werde. Trotzdem, ich schaffe es nicht, ihnen das zu sagen. Dass ich ihnen von meiner eigenen Spionagetätigkeit erzählt habe, war schon ein Fehler“, sagte Kaiser und schaute auf die Uhr.
K. wusste nicht, was er diesem Judas noch sagen sollte. Alles Gute wäre geheuchelt gewesen, Fahr weiter zur Hölle , das passte angesichts des desolaten Gesundheitszustands auch nicht so recht. Der Mann war mit seinem ausgelatschten Herz schon geschlagen genug.
„War interessant, sie mal wieder getroffen zu haben. Denken sie daran, auch die besten Ärzte irren manchmal. Ich gebe ihnen noch mindestens zwanzig Jahre“, rief K. seinem einstigen Freund und Widersacher hinterher, und es klang mehr nach Hohn, denn nach Trost. Kaiser war nicht nur für K., sondern auch insgesamt bedeutungslos geworden. Deshalb vergaß K. auch schnell den merkwürdigen Anlauf zu einer weiteren Enthüllung, den Kaiser vorzeitig abgebrochen hatte.
10. Nackenschlag
„Hallo Herr K.“, hörte er am Telefon. Der Anrufer, der Geschäftsführer einer großen Versicherung war am anderen Ende der Leitung. Er war jetzt auch Professor geworden. Deswegen ließ er in der Begrüßungsfloskel den sonst im Gespräch mit K. immer ausgesprochenen Herrn Professor weg. Er befand sich jetzt titeltechnisch endlich auf Augenhöhe mit K. und anderen Autoren des von ihm herausgegebenen Handbuchs. Zwar hatte er nur die Discountversion eines Professorentitels, den Fachhochschulprofessor, das machte aber für einen unbedarften Zeitgenossen keinen Unterschied. Auf der Visitenkarte, auf dem Briefpapier und an der Eingangstüre zu seinem Büro, prangte überall Prof. Dr. jur. G. Gollwitz.
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