Als nächstes nahm er die linke Tür ins Visier, schaute aber vorher verschämt über die Couch auf Sonjas zufriedenes Gesicht. Sie schlief tief und fest. Er bekam wieder ein schlechtes Gewissen, aber der Drang weiter zu suchen, ohne zu wissen was, ließ ihn dann doch ein weiteres Mal weitermachen und zur linken Türe gehen, die sich so leise öffnete wie die Eingangstür. Hier brannte Licht. In der Mitte des Raumes stand ein übergroßes Doppelbett, so ein Kingsize, wie es in Hotels genannt wird, frei im Raum. Warme Tapetenfarben in verschiedenen Orangetönen abgestuft brachten eine besondere Stimmung in den Raum. Zwei große Fenstertüren über die gesamte Zimmerbreite und deckenhoch gehend gaben den gleichen Blick auf Strand und Meer frei wie die Schiebetüren im Wohnbereich. Dicke Stoffvorhänge dienten zur blicksicheren Dunkelheit, wenn man diese mit den langen Messingstäben zuziehen würde. Zwei Nachttische umgrenzten das Bett. Ansonsten stand hier im Raum nichts mehr, denn die nächste Tür führte zu einem großzügigen Ankleidezimmer mit deckenhohen Schränken rundum.
Sonja hatte hier ihre Klamotten allerdings nicht in den Schränken verteilt, sondern aus drei großen Taschen quollen jede Menge Kleidungsstücke hervor, teilweise lagen getragene T-Shirts und Pullis auch auf dem Tisch und der Ankleidebank, die ebenfalls, wie das Bett im Nebenraum, in der Mitte standen. In der rechten Ecke des Zimmers fand er ihre Tasche. Eine große, braune Beuteltasche mit Schulterriemen und etlichen kleineren und mittelgroßen Innen- und Außentaschen. Er setzte sich auf den Boden neben diese Beuteltasche und fing an, sehr behutsam, die Tasche zu öffnen. Behutsam, um Sonja nicht den Eindruck zu geben, er hätte in ihren Sachen gewühlt. Er öffnete die erste Außentasche, sie war leer. Auch bei den beiden anderen fand er außer ein paar benutzten Papiertaschentüchern nichts. Der große Reißverschluss war offen und Maximilian konnte mit beiden Händen den Beutel auseinander ziehen. Erstaunlich, was Frauen alles mit sich rumschleppen, dachte er und sein Blick ging in die Tiefe der Tasche auf die Suche. Das erste, was man sah, waren typische Frauenutensilien. Kamm, Spiegel, Lippenstift, eine Handcreme, einige Tampons, Kugelschreiber, Münzen, Make-up, Hautfarben, und überraschend, eine Hand voll Kondome in verschiedenen Farben und Geschmacksrichtungen. Erdbeere, Himbeere, Mango und eine silberne Weltkugel an einer Kette hängend.
Maximilian fingerte die Kette vorsichtig aus der Tasche und sah sie sich genauer an. Ein besonders schönes Stück, sicher eine Einzelanfertigung, dachte er zu sich, hatte er ein ähnliches Stück noch nie gesehen. Die einzelnen Kontinente waren deutlich abgehoben und erkennbar und glitzerten im Licht der Zimmerlampe. Schade, dass sie dieses bestimmt teure Stück nicht um den Hals trug, sondern so lose in ihrer Tasche aufbewahrte. Im rechten unteren Teil lag ihr Geldbeutel, den er langsam herauszog und öffnete. Dieser hatte viele Fächer, für Kreditkarten, Bilder von den Kindern oder vom Partner, Visitenkarten und Pannenhilfetelefonnummern. Sie hatte hier nur vier Karten stecken.
Die Goldene American Express Partnercard, die Visitenkarte eines bekannten Immobilienmaklers aus Hamburg, eine Firmentankkarte der Firma Schotten Pharma and Medical und eine eingeschweißte Foto-Card von Body. Nichts sonst, keine Familienbilder, keine anderen Karten, die Aufschluss über ihr Leben hätten geben können.
Im hinteren Teil des Geldbeutels befanden sich ihr Führerschein, der Personalausweis und achthundertfünfzig Euro in gemischten Scheinen. Den Personalausweis zog er mit zwei Fingern raus und las ihn durch. Auf dem Bild hatte sie kurze, rotblonde Haare, nicht so blond und lang, wie sie sie im Moment trug.
Name: Von Schotten
Er stutzte, von Schotten. Sie gehörte also zu dieser Familiendynastie ‘der’ Schottens. Eines der größten Pharmaunternehmen Europas, was auch die Tankkarte erklärte.
Er hatte erst vor einem halben Jahr einen großen Artikel über die Geschäfte dieser Firma gelesen und darüber, dass es sich um ein weltweit agierendes Firmengeflecht handelte.
Vornamen:
Sonja, Evamaria
Geburtstag und Ort:
12.02.1975 Frankfurt a. M.
Gerade Mal 8 Jahre jünger als er war.
Staatsangehörigkeit / Gültig bis:
Deutsch / 10.01.2015
Ihre Unterschrift war kaum lesbar, das von verschwamm im Rest ihres Namens. Er drehte den Ausweis um und las auch die Rückseite aufmerksam.
Gegenwärtige Anschrift:
Schottenweg 1-5
Frankfurt a. M.
Größe:
181 cm
Augenfarbe:
Braun
Behörde:
Frankfurt a. M.
Datum…
Maximilian steckte den Ausweis in die Tasche zurück, stand auf und ging zurück zu den Kleidungsstücken auf dem Tisch. Er kniete sich hin und roch an einem der getragenen T-Shirts. Es roch nach leichtem Schweiß und sehr wenig Parfum. Er erhob sich und ging aus dem Zimmer zurück zur Couch. Sie schlief immer noch tief, ihr Atem war ruhig und entspannt. Ihre langen Haare fielen in einigen Lockenkringeln bis zum Boden. Das freiliegende linke Ohr fasste vier gleichgroße Ohrstecker in Silber, aufgereiht wie bei einer Kette und mit jeweils einem funkelnden Stein gefasst. Ihre Nasenflügel vibrierten leicht beim Einatmen, ihre Lippen beim Ausatmen. Auch der Brustkorb hob sich unter der beigen Damastdecke ihrem Atem entsprechend nach oben und unten. Eine Hand berührte den Wohnzimmertisch. Am Mittelfinger steckte eine Art Siegelring mit einem blauen Stein und schwarzen Schriftzeichen in der Mitte. Der Ringfinger war frei von Ringen, auch von einem Ehering. Er lächelte sie nochmals an, beugte sich nahe zu ihrem Gesicht hin. Es war das gleiche Parfum.
Er nahm beide Hundeleinen, ging in den Gang, leinte die Hunde an und zog beide mit in sein Zimmer. Dort lag er noch lange mit verliebten Gedanken an Sonja wach und leider auch alleine in seinem Bett. Am nächsten Morgen war Maximilian früh auf den Beinen gewesen, hatte geduscht, seinen Jogging-Anzug angezogen und war mit beiden Hunden hinunter zum Strand gelaufen. Die Hunde tobten sich aus und er dachte schon wieder an Sonja. Er hatte den Eindruck, dass es seiner Sunshine gut tat, etwas mehr Bewegung zu bekommen. Sie war lange nicht mehr so viel gelaufen, die alte Dame. Zurück auf seinem Zimmer klingelte das Zimmertelefon. »Wie geht es meinem Hund?«, fragte Sonja am anderen Ende der Leitung.
»Guten Morgen Sonja, wie geht es dir? Hast du gut geschlafen?« fragte er zurück. »Den Hunden geht’s gut, beide waren schon draußen. Kann ich zu dir kommen?« Er spürte ihr Lächeln, als sie Ja in den Hörer hauchte und dann auflegte. Er ging zum Lift und fuhr in den siebten Stock, klopfte nicht, sondern öffnete die Türe gleich, da er noch ihre Keycard bei sich hatte.
Sonja kam gerade aus dem Bad und sie trafen sich im Gang gegenüber dem deckenhohen Spiegel. Maximilian umarmte sie und sie küssten sich so, als wenn sie sich seit Jahren kennen würden. Sein Funke war wohl auch ihr Funke.
Sie trug einen weißen, bodenlangen Bademantel, der mit einem langen Gürtel und einem dicken Knoten vorne über ihrem Bauch zugebunden war. Ihre Haare waren frisch geföhnt und wellten sich offen über ihre Schultern. »Ich habe Frühstück bestellt, Frühstück für zwei. Hast du Lust?« Sie gingen zusammen zum Fenster und schauten auf den Strand. Die leichte Flut ließ kleine Wellen brechen, die kleine weiße Kronen unter sich begruben, bevor sie am Sandstrand ausliefen. Die ersten Strandbesucher an diesem Tag belagerten die ersten Liegestühle und schoben die schweren Strandkörbe in die zu erwartende Sonnenrichtung. Einige von ihnen lagen schon auf ihren Handtüchern und cremten sich ein. Kinder spielten in ihren Badesachen braun gebrannt und mit Sandeimern bewaffnet im Sand. Auf der Promenade waren auch die ersten weißen Bänke besetzt, nur die Kellner fehlten noch um diese Uhrzeit. Es klopfte und ihr Etagenkellner, der anders als die Promenadenkellner schon seit halb sechs in der Früh im Dienst war und trotzdem einen freundlichen und ausgeschlafenen Eindruck machte, brachte auf einem silbernen Wagen das von Sonja bestellte Frühstück.
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