Herr Krenzler führte die Gruppe in den ersten rechten Ausstellungssaal. Direkt neben dem Durchgang stand eine Wachsfigur, ein zauseliger Typ mit wuscheligem, verfilztem, dunklem Haar, breiten Augenbrauen, einer dicken Nase, einem unrasierten Kinn und einem dicken Fellumhang. Lara blieb am Eingang des Saales stehen und musste lachen. „Der sieht ja wie mein Onkel Gustav aus“, flüsterte sie Peter zu. Der grinste zurück. Ja, die Ähnlichkeit zu ihrem Onkel war unverkennbar. Wenngleich er diesen noch nie mit einem Fellumhang bekleidet gesehen hatte. Aber die Frisur und der missmutige Blick stimmten schon überein.
Plötzlich hörte Lara, wie jemand mit schweren, energischen Schritten hinter ihr den Gang entlang lief. Sie drehte sich um und sah zwei Museumsmitarbeiter, die mit besorgtem Gesichtsausdruck vorbeieilten. Der ältere von beiden – es war der kleine, untersetzte Mann, der an ihr draußen vorbeigegangen war – murmelte in Richtung des zweiten, jüngeren Mannes: „So etwas habe ich in den 35 Jahren meiner Tätigkeit noch nie gesehen. Und glaub mir, ich hab schon viel gesehen. Wenn das so weiter geht, haben wir wirklich ein Problem.“
Der andere Mann nickte vielsagend. Hinter den beiden kam plötzlich noch ein weiterer Museumsmitarbeiter schnaufend herbeigelaufen. „Warten Sie bitte, meine Herrn!“ rief er sehr aufgeregt. Seine Wangen leuchteten von der ungewohnten Anstrengung ganz rot. Man sah, dass er nur sehr selten lief. Er schwitzte. „In Raum 2b haben wir noch ein befallenes Bild!“ Während er das sagte, wedelte er wild mit den Händen. Die beiden anderen Männer drehten sich energisch um, sahen den dritten Mann entgeistert an und machten sich im Laufschritt auf den Weg. Der dritte Mann tupfte sich derweil mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn und hatte nun Mühe, den beiden anderen zu folgen. Schnaubend wankte er ihnen hinterher.
Lara schaute den dreien nachdenklich nach und runzelte die Stirn. Nach einem kurzen Moment zuckte sie dann aber mit den Schultern und wandte sich wieder dem Ausstellungsraum zu. Sie ging weiter hinein.
Der Raum enthielt Nachbildungen vorgeschichtlicher Bilder von Wildtieren. Einige Abbildungen sahen eher aus wie dahin gekrakelte Strichmännchen, andere waren sehr schön ausmodelliert. Sie strahlten in erdigen Tönen. Die Tiere schienen förmlich aus ihrer urzeitlichen Umgebung in die heutige Zeit hinüber zu springen. Lara legte den Kopf in den Nacken. Da entdeckte sie, dass auch die ganze Decke mit urzeitlichen Bildern verziert war. Eine ganze Herde schien da über ihren Kopf hinweg zu traben. Desto länger sie nach oben sah, desto lebendiger wurden die Tiere. Sie konnte förmlich hören, wie sie mit ihren Hufen scharten, sich langsam in Bewegung setzten und mit jedem Schritt leise klapperten.
Peter schaute sich derweil die Strichmännchen an der linken Seitenwand an. Ja, das konnte er auch. „Schon komisch, wenn ich so etwas male, interessiert es niemanden, und wenn das jemand anderes vor tausenden von Jahren an eine Felsenwand gekrakelt hat, dann wird es hier ausgestellt“, murmelte er etwas verärgert.
Leises Kichern durchzog die Kindergruppe. Offensichtlich hatte der urzeitliche Wachsmensch mit noch mehr Verwandten eine gewisse Ähnlichkeit, was nachhaltig für Heiterkeit sorgte.
Herr Krenzler schaute etwas unsicher. Dann begann er doch zu reden. „So, jetzt stellt Euch mal hierhin… Äh… Also, was Ihr hier seht, sind die Anfänge der Kunst. Diese Zeichnungen hier“, er deutete auf mehrere Nachbildungen, die an der Längswand hingen, „also diese Zeichnungen… oder auch Bilder, stammen aus europäischen Höhlen.“
Tobias hob die Hand. „Ja, bitte, Tobias, Du hast eine Frage.“
„Warum haben die denn damals auf Höhlenwände gemalt?“
„Das ist eine sehr gute Frage“, entgegnete Herr Krenzler. „Also, zum einen haben sie ja in Höhlen gewohnt…“ Lara verdrehte die Augen und schüttelte sich. Das musste im Winter ja richtig kalt gewesen sein. „… und zum anderen waren das kultische, magische Orte für sie.“
„Was ist das?“ fragte Sybille, ein Mädchen mit roten Haaren, einer roten Brille und einem roten Wollpulli. Genau genommen war alles an ihr irgendwie rot.
„Also, äh, das waren Orte, die sehr wichtig für sie waren. Dorthin haben sie sich zurückgezogen, wenn sie sich zum Beispiel für die Jagd vorbereitet haben. Das war damals ja eine große Sache… äh… und nicht gerade ungefährlich. Und da haben sie sich eben von ihren Göttern oder Ahnen… so genau weiß man das nicht, war ja keiner dabei… äh… die Kraft erbeten, um ihre Jagd erfolgreich durchführen zu können. Man vermutet, dass sie… äh… hauptsächlich ihre Beutetiere an die Wände gemalt haben, um sie irgendwie zu bannen. Auf alle Fälle hing diese Malerei wohl mit… ähm, äh… kultischen Handlungen zusammen. Ganz sicher ist man sich da aber auch nicht. Gut möglich, dass der ein oder andere auch einfach aus Freude an der Malerei gemalt hat.“ Herr Krenzler gönnte sich ein vorsichtiges Grinsen.
‚Was der wohl gedacht hat’, fragte sich Lara, ‚als er das erste Bild gemalt hat. Der Urmensch. Ob er so bei sich dachte, Mensch, heute ist mir langweilig, heute mal ich einfach mal ein kultisches Bild? Schon komisch. Erst haben die Menschen einfach so vor sich hingelebt, und plötzlich, Knall auf Fall fingen sie an, Farbe auf Wände zu verteilen. Das muss doch aufregend gewesen sein, als dieser Urmensch erkannte, dass er etwas real Existierendes auf die Wand gebannt hatte…’
Die Gruppe ging weiter. Im nächsten Raum hingen Nachbildungen von Wandmalereien aus unterschiedlichen frühen Hochkulturen. Insbesondere die ägyptische Kunst war hier vertreten. Diesmal musste Peter kichern. „Die sehen ja alle wie Freaks aus“, raunte er Lara zu. Sie nickte grinsend. Die Ägypter hatten wirklich einen sehr eigenwilligen Malstil. Die Körper waren in sich verdreht. Das Gesicht wurde im Profil gezeigt, der Körper dagegen war frontal abgebildet, und die Beine und Füße waren dann wieder von der Seite zu sehen. Die Augen waren schwarz umrandet. Neben Menschen zeigten diese Bilder auch seltsame Mischwesen mit Krokodils- oder Vogelköpfen. Manche Nachbildungen waren in wunderbaren Farben ge-staltet.
Als Lara sich gerade eine der Abbildungen genauer ansehen wollte, bemerkte sie, wie mehrere Personen an dem Durchgang zu dem Ausstellungsraum hörbar aufgeregt vorbeiliefen. Einer der Männer sagte mit gepresster, abgehakter Stimme:
„Wenn das so weitergeht, können wir den Laden dichtmachen!
Was haben denn Ihre Analysen ergeben?
Wofür bezahle ich Sie überhaupt?!“
Als Lara um die Ecke auf den Flur hinter dem Durchgang schaute, waren die Männer schon weitergegangen. Sie schüttelte den Kopf und ging zurück in den Ausstellungssaal.
Herr Krenzler bat die Gruppe, in der Mitte des Raumes halt zu machen. „Also, das ist die Kunst aus einigen so genannten frühen Hochkulturen. Äh… Wie Ihr seht, hat sich der Malstil stark verändert…“ Peter gähnte. Er musste wieder einmal Medikamente gegen sein Asthma nehmen und war deshalb schon müde. Lara versuchte ihn mit ein paar Faxen aufzuheitern. Herr Krenzler bemühte sich derweil redlich, den Kindern die Schönheit der Ausstellungsstücke zu verdeutlichen. Die meisten konnten ihnen aber nichts Interessantes abgewinnen.
Der Referendar spürte die Langeweile seiner Schützlinge und kürzte seine Ausführungen ab. Nach kurzer Zeit führte er die Gruppe in den nächsten Raum. Sie passierte dabei einen breiten Flur. An den Wänden hingen Nachbildungen, die Menschen dabei zeigten, wie sie über Stiere sprangen. Der anschließende Raum war voll gestopft mit allerlei Vasen. Sie waren mit roter oder schwarzer Farbe verziert. „Das sind griechische Vasen aus unterschiedlichen Epochen“, setzte Herr Krenzler an und langweilte die Kinder diesmal mit Ausführungen über Ursprung und Entwicklung der verschiedenen Stilrichtungen. Als er endlich fertig war, war Peter bei weitem nicht mehr der einzige, der gähnte. Lara schaute sich einige Exemplare genauer an. Seltsame Muster zeigten sie. Wäre nicht auf den kleinen Plexiglasschildchen, die neben den Ausstellungsstücken standen, der Zeitpunkt ihrer Entstehung vermerkt gewesen, man hätte fast meinen können, einige wären gerade erst jetzt fertig geworden…
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