„Danke!“
Es war zum Verrücktwerden. Man schickte mich von Station zu Station. Und immer musste ich rechts abbiegen. Wobei das rechts genaugenommen ein links war, wenn man es von der anderen Seite, also vom Ausgang her, betrachtete. Je länger ich lief, desto wacher wurde ich. Desto tiefer drang ich ein in die harte Realität. Ich sah das Bild von Nora vor meinen Augen. Immer und immer wieder. Ich sah, wie sie auf die Straße lief und wie einen Bruchteil einer Sekunde später schon der laute Klatsch des Aufpralls zu hören war. Noras Aufprall. Wenn ich doch bloß die Zeit zurückdrehen könnte. Ich hätte sie festhalten können! Ich hätte sie daran erinnern können, dass man nicht einfach wie ein dreijähriges Kind über die Straße lief. Ich hätte ihr erklären können, dass es sich nicht rentierte ein Menschenleben für das einer Katze aufs Spiel zu setzen, die ohnehin schon halb tot war. Katzen hatten immerhin sieben Leben, Nora hatte nur das eine.
Ich setzte mich auf einen freien Stuhl vor der Computertomographie und wartete artig, bis sich jemand vom Personal blicken ließ, den ich fragen konnte.
Samstag, 18. September, Friedericus
„Jetzt mal ehrlich, Aaron, was macht dein Liebesleben?“ Lena lehnte sich genüsslich zurück, hob das Glas und betrachtet nachdenklich den Wein, der in der Sonne glitzerte.
„Mein Liebesleben. Haben wir denn schon über deins gesprochen?“
Lena nahm einen Schluck und setzte das Glas wieder ab. „Haben wir. Zumindest über die Randerscheinungen. Mehr gibt es nicht zu erzählen. Jetzt bist du dran. Der Wein ist übrigens wirklich gut.“
„Ich muss dich enttäuschen. Jedes Chemiebuch ist spannender.“
Eine Augenbraue.
„Aus deiner oder meiner Perspektive gesehen?“
„Aus deiner. Magst du Chemie?“
Lena zog die Nase kraus. „Ich hasse Naturwissenschaften. Das war in der Schule schon so und es hat sich noch kein bisschen geändert.“
„Eben. Das wusste ich.“
„Dann ist es allerdings wirklich nicht sehr prickelnd, dein Privatleben. Erzähl trotzdem.“
Lena nahm das Glas in beide Hände, stützte die Ellenbogen auf den Tisch und lehnte sich vornüber. Ihr Interesse war ehrlicher Natur.
„Meine letzte Freundin hat mich vor einem Jahr verlassen.“
„Das tut mir leid. Weinst du ihr nach?“
„Keine Träne.“
„Warum? -Nein, warte, ich weiß schon: Männer heulen nicht.“
„Nein, nicht deswegen. Marie war einfach nicht mein Fall.“
„Warum warst du dann mit ihr zusammen?“
„Ich hab ihr wohl gefallen.“
„Nur deswegen warst du mit ihr zusammen? Das klingt ja ziemlich selbstverliebt. Hat sie dir etwa nicht gefallen?“
„Doch, auch. Aber das reicht nicht aus. Selbstverliebt war es nicht. Aber manchmal ist es eben ganz schmeichelhaft, wenn man bewundert wird. Im Grunde geht es, glaube ich, jedem so.“
„Aber sie hat dich doch verlassen.“
„Ich hab nicht um sie gekämpft.“
Lena schüttelte ihren hübschen Kopf. „Frauen lieben es, wenn man um sie kämpft.“
„Manche wissen es aber nicht zu schätzen.“
„Nein?“
„Nein. Und Marie war es auch gar nicht wert. Für mich jedenfalls nicht. Ich glaube, im Grunde hat sie sich eher für meinen Job interessiert. Es hat ihr gefallen, mit einem Doktor der Informatik zusammen zu sein.“
„Du hast deinen Doktor gemacht?“ Lena stellte ihr Glas ab, verschränkte die Arme und lehnte sich wieder zurück. Sie war bereit, zuzuhören.
„Siehst du, du reagierst genauso. Ja, ich habe meinen Doktor gemacht. Wundert dich das?“
„Irgendwie schon, ja.“
„Wenigstens gibst du es zu.“
„Entschuldige. Vielleicht hab ich dich unterschätzt.“
„Hast du schon immer.“
„Jetzt werd mal nicht ungerecht! Man sollte den Menschen auch eine zweite Chance geben.“
„Wie meinst du das jetzt?“
„So wie ich’s sag. Immerhin ist es schon fünfzehn Jahre her, dass wir uns das letzte Mal gesehen haben. Da waren wir neunzehn. Man kann sich ja ändern.“
„Du siehst aber immernoch so gut aus wie früher! Und deine Frisur ist schön.“ Aaron sagte das mit einem Augenzwinkern.
„Danke. Aber du nimmst mich gerade nicht ernst.“ Lena strich sich über die dunklen Haare. Ein bisschen zu dunkel vielleicht, die Augenbrauen verrieten den ursprünglichen Farbton. „So hab ich das nicht gemeint.“
„Ich weiß.“ Aaron hob beschwichtigend die Hände. „Hast du dich verändert?“ Er schaute Lena tief in die rehbraunen Augen. Sie wich seinem Blick aus. Lena war unsicher geworden. Die Rollen waren irgendwie verkehrt.
„Ziemlich. Ich bin nachdenklicher als früher. Die rosarote Brille ist verschwunden. Man war doch ziemlich naiv.“
„Ich fand mich gar nicht naiv. Es kommt darauf an. Mir ist nicht alles einfach zugeflogen so wie dir, das macht einen empfänglicher für die Realität. Ich habe ganz schön ackern müssen für das, was ich erreicht habe.“
„Dafür muss ich jetzt ackern. Wahrscheinlich ist das die ausgleichende Gerechtigkeit.“ Lena trank ihren Wein aus. Nachdenklich schaute sie in das leere Glas. „Jetzt muss ich noch mal von vorne anfangen.“
„Sollen wir’s wieder voll machen?“
Lena lächelte. Aarons Zweideutigkeit gefiel ihr. Das Schlagen der Kirchturmuhr gefiel ihr nicht. Es war halb sechs. Eigentlich hätte sie jetzt langsam gehen sollen. Die Kinder warteten. Nein, eigentlich waren es ihre Eltern, die warteten. Kinder wollten nie nach Hause, wenn sie sich erst einmal warmgespielt hatten. Stattdessen holte sie ihr Handy aus der Tasche.
„Hallo Mama.“
„…….“
„Das ist gut. Sag mal…“
„…….“
„Nein, hab ich nicht. Das kann ich auch später noch machen.“
„……“
Sag, mal, könnten die Kinder heute bei euch übernachten?“
„…..!“
„Ja, ich weiß. Aber es ist echt wichtig. Ich komme dann später nach Hause, okay?“
„……“
„Danke, Mama. Tschüss.“ Lena schaltete das Handy aus und studierte ganz beiläufig die Karte. Diesmal von vorne.
„Ich habe Hunger. Du auch?“
Der Tag versprach noch interessant zu werden.
Samstag, 25. September, 21.26 Uhr
Frau Schiller war im CT. Seit Ewigkeiten schon. So viel konnte man doch gar nicht durchleuchten wollen. Nicht bei einem einzigen Menschen. Nicht bei Nora, wo sie doch sowieso schon klein und zierlich war. Wahrscheinlich hielten die mich hier für dumm. Wie die Frau an der Information. Mit Herrn Keller konnte man’s ja machen. Herr Keller wartete geduldig, bis alle nach Hause gegangen waren. Bis die Lichter ausgingen. Und dann würde man dem Herrn Keller sagen, dass er bitte morgen wiederkomme solle. Ganz früh, so gegen halb sieben. Morgen wieder. Dann wäre die Dienstübergabe schon gelaufen und Schwester Hildegard könnte ihm Auskunft geben. Aber jetzt, entschuldigen Sie bitte, jetzt geht das auf keinen Fall. Seien sie nicht so ungeduldig, Herr Keller, stellen Sie sich bitte hinten an. Immer mit der Ruhe in diesem Staat. In der Ruhe liegt die Kraft.
Auf dem Tischchen im Warteraum lagen Zeitschriften. Vogue, Schöner Wohnen, Freundin, Gala, Für Sie. Für Ihn gab es hier nicht. Für ihn gab es hier gar nichts. Noch nicht einmal einen Automaten mit kleinen trichterförmigen Pappbechern, aus dem man sich Wasser ziehen konnte. Wohltemperiert oder eisgekühlt. Wenn wenigstens nur die Becher ausgegangen wären, wie man das aus den Arztpraxen kannte. Aber hier war gar nichts, das ausgehen konnte. Wie praktisch.
Zu meinem Durst kam der Hunger. So war das immer: hatte man sich erst einmal ins Gedächtnis gerufen, was einem fehlte, dann gesellten sich unzählige weitere unnötige Dinge dazu. Mein Magen hing mir bis auf den Boden. Natürlich hätte ich wie ein Bekloppter durch das halbe Krankenhaus irren können auf der Suche nach einem trockenen Sandwich und einer Flasche Lift. Aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit hätten sie Nora genau in dieser Zeit meiner körperlichen Abwesenheit hinausgeschoben und in irgendein Zimmer verfrachtet. Und ich hätte dagestanden wie ein Esel und keiner hätte was von einer Frau Schiller gewusst. Das war ein abgekartetes Spiel. Ich hatte sie durchschaut, die Geists und Schrotts dieser Welt. Aber nicht mit mir. Lieber blieb ich sitzen und wartete bis der Hunger vorüber ging. Irgendwann ging ja alles vorüber. Vielleicht auch das Warten.
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