Harte Arbeit für die ganze Gruppe, Büffeln der neuen Legenden vom frühen Morgen an, tägliches Eintrichtern und Abprüfen, stures Wiederholen und noch einmal Wiederholen, bis sie hoffentlich ins Unterbewusstsein abgesackt waren. Dafür war abends in der Kellerbar Entspannung angesagt. Und ganz allmählich bekam Werner das Gefühl, diese verirrten Leute eingefangen und auf eine neue Spur gesetzt zu haben.
„Du musst dein neues Leben im Schlaf auswendig können, am besten du träumst davon“, sagte er irgendwann nachts zu Christine.
„Dazu müsstest du mich erstens mal schlafen lassen“, antwortete sie und rollte sich von ihm herunter. „Und zweitens bin ich mir nicht so sicher, ob es wirklich mein Traum ist, dieses neue Leben.“
Zu seiner Überraschung war sie ihm nach ein paar Tagen gefolgt, als er spätabends nach dem üblichen Absacker von der Kellerbar zu seinem Bungalow hinübergegangen war. Sie war wie selbstverständlich hinterhergekommen. Und er hatte sie ebenso selbstverständlich zu sich hereingelassen. Nicht ohne sich umzusehen. „Ich weiß selbst nicht, warum ich das tue“, hatte er gemurmelt und mit seinem schlechten Gewissen gekämpft. Distanz hatte ihm der Oberst für diese Operation eingeschärft, professionelle Distanz. Aber hier war bloße Nähe, pures Einverständnis, einfaches Einssein so wie Himmel und Erde oder Ein- und Ausatmen oder seine Hände in Christines Haaren. Es war strengstens verboten, sich mit Personen einzulassen, die Zielobjekte waren. Und wenn, dann nur zum Schein. Ja, so könnte es im Zweifel gehen, hatte er sich selbst beruhigt. Und für diesen Gedanken ein wenig geschämt. Auch andere Kollegen hatten mal irgendetwas mit irgendwem. Angeblich nur zum Schein.
„Es ist dir strengstens verboten, sich mit einer Person wie mir einzulassen“, hatte Christine aus seinem Kopf herausgelesen. Offenbar konnte sie das ebenso gut wie der Oberst. „Aber wären wir beide hier, wenn wir uns etwas verbieten lassen, das wir erstens unbedingt wollen und zweitens für richtig halten?“
„Ich schon, jedenfalls das eine“, hatte er erwidert. „Such dir aus, welches.“
„Ist doch klar. Was du willst, würdest du dir nehmen lassen. Aber für das Richtige würdest du bis zum Äußersten gehen. Nur: Was richtig ist, bestimmst nicht du, sondern die führenden Genossen. Meinst du, das war bei uns anders?“
So war sie, von Anfang an. Fing immer gleich Grundsatzdiskussionen an, auch in den unpassendsten Momenten. Hatte vor ihm in seinem Zimmer gestanden, ganz nah, wollte mit ihm schlafen und riskierte einen politischen Streit. Aber er hatte sie gestoppt, einfach auf den Mund geküsst und auf ihre fünf Sommersprossen. Dann war sie ruhig.
Sie kam auf ihm so leicht, wie sie in seine Arme gefallen war auf dem Ostbahnhof, und so frei und stark, dass sie zusammen abhoben und miteinander durch die Nacht flogen, tanzten, bis der Schlaf sie einholte und mit tausend Märchen umfing. Kein Traum von Christines neuer Legende darunter und auch nicht von Werners altem Leben.
Es war so in dieser Nacht. Und nicht nur in dieser. Werner wurde süchtig danach.
„Wer bist du?“
„Ich bin Anne Petersen. Alleinstehend. Meine Eltern waren Deutsche, haben aber aus beruflichen Gründen in Holland gelebt. Beide kamen bei einem Autounfall um, tragischerweise an dem Tag, als sie von Amsterdam nach Freiburg unterwegs waren, um nach Deutschland zurückzukehren. Damit nicht genug. Ein Jahr später ist meine Schwester an Leukämie erkrankt. Auch für sie gab es keine Rettung. Ich musste mich völlig neu orientieren. Da kam mir der Gedanke, in die DDR auszuwandern. Ich war schon immer fasziniert vom mutigen Kampf des ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden und davon angetan, wie erfolgreich er sich aller Angriffe des Imperialismus erwehrte und wie solidarisch er sich an die Seite der revolutionären Bewegungen in aller Welt stellte …“
„Bestens. Aber du weißt, das meine ich nicht. Wer bist du wirklich, hier, nackt auf mir?“
„Ich bin vermutlich nicht deine erste Geliebte. Und auch nicht die Einzige, die du dazu gebracht hast, eine Verpflichtungserklärung als Inoffizielle Mitarbeiterin der Stasi zu unterschreiben.“
„Hör sofort damit auf. Du weißt genau …“
„Gut, dann bin ich nackt auf dir gelandet, weil ich aus dem Leck eines angeschlagenen Raumschiffs namens RAF herausgeschleudert wurde, das sich im Krieg der Welten rettungslos verirrt hat.“ Christine zögerte kurz. „Es hat seine Schwerverletzten als Ballast abgeworfen, um manövrierfähig zu bleiben.“
Wenn sie in den Nächten nicht tanzten und nicht flogen, redeten und stritten sie. Aber natürlich redeten sie auch tagsüber, ganz offiziell. Werner und seine Kollegen drehten sie durch die Mangel, Aussteigerin für Aussteiger, wieder und wieder, schöpften sie in Einzelverhören systematisch ab, bis nichts mehr herauszuquetschen war über ihr eigenes Vorleben und über die Zustände bei der RAF, Personen, Pläne, Logistik, Strukturen, bis sie einfach rein gar nichts mehr zu hören bekamen, was sie nicht längst wussten. Und sie verlangten Verpflichtungserklärungen, die weit über die üblichen hinausgingen. Abschwören allem, was sie in der BRD je politisch gedacht und getan hatten, ideologisch, theoretisch, praktisch, das mussten sie ohnehin. Im Gegenzug zu ihren Informations- und Verschwiegenheitspflichten sicherte Werner der Gruppe zu, dass sie sich – selbstverständlich unter strenger Kontrolle – regelmäßig treffen und austauschen konnte, solange sie das selbst wollte.
Natürlich wusste Werner auch über Christine Faller alias Anne Petersen Bescheid. Aus den Akten. 1950 in Schwäbisch Hall geboren, einzige Tochter (Arzt-Familie, unklare Nazi-Vergangenheit des Vaters), Jahrgangsbeste im Abi, geht 1968 nach Heidelberg, um Medizin und Psychologie zu studieren, schließt sich dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund SDS an (seit 24. Juni 1970 verboten), bis 1975 Aktivistin im Sozialistischen Patientenkollektiv SPK, in der „Roten Hilfe“ sowie im „Komitee gegen Folter an politischen Gefangenen in der BRD“. Nach Hungertod von Holger Meins, Stammheimer Prozess gegen Baader, Ensslin, Meinhof und Raspe und nach Freitod Ulrike Meinhofs am 9. Mai 1976, geht F. in die Illegalität.
Zweite RAF-Generation, im Besitz einer Schusswaffe. Aktiv in Recherche, Logistik und Zubringerdiensten (Kassiber-Transport, Ausspähung von Gebäuden und Personen, Wohnungsbeschaffung). Im April 77 wird Buback erschossen, Juli 77 Ponto. F. ist als Späherin an der Entführung und Ermordung von Hanns Martin Schleyerim September/Oktober 77 beteiligt. Seit Oktober 77 (sog. „Deutscher Herbst“, Mogadischu, „Selbstmorde“ in Stammheim, Erschießung Schleyer) wachsende Selbstzweifel, November 79 Banküberfall in Zürich mit Tod einer Unbeteiligten, F. steigt aus, wird 1980 für DDR-Einbürgerung avisiert.
Soweit die nackten Fakten aus den Akten, ganz anders als die nackte Christine. Werner fand auch folgenden Vermerk: „Die F. war an den Aktionen gegen Buback und Ponto nur indirekt beteiligt, ebenso an der Schleyer-Aktion. War im telefonischen Verbindungswesen eingesetzt.“
Irgendwie erleichterte es ihn, dass sich Christine während ihrer RAF-Zeit die Hände offenbar nicht schmutzig gemacht hatte, jedenfalls nicht selbst, dass kein Blut an ihnen zu kleben schien. Sonst hätte er diesen Händen seinen Körper nicht überlassen. Es hätte ihm etwas ausgemacht, obwohl er nicht genau wusste, warum. Aber offenbar hatte sie den bewaffneten Kampf mit ihrem Kopf geführt, nicht mit den Händen, nicht mit ihrer Pistole. Dieser Kopf musste viel über diese Zeit wissen, wenn nicht alles.
„Warum hast du damit aufgehört? Die andern machen doch weiter?“
Werner löcherte Christine oft mit solchen Fragen. Nicht in den Vernehmungen, sondern nachts, wenn sie zusammen lagen, wenn ihre Gegenwart so hautnah war, und ihre Vergangenheit so fremd. Diese andere Welt, aus der sie ihm in den Schoß gefallen war.
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