Er unterbricht sich und hebt die Augenbrauen. „Aber was soll so etwas Dämliches denn? Ihre Frau weiß doch Bescheid, warum Sie wo herumschrauben. Sie hätte einfach sagen können: War wohl was kaputt am Auto.“
Werner wittert die Falle: Von wegen, seine Frau weiß Bescheid. Er würde nicht hineintappen: „Entschuldigen Sie bitte, warum sollte meine Frau lügen? Sie ist schließlich keine Geheimnisträgerin. Sie arbeitet den ganzen Tag in der Bibliothek des ZK. Sie weiß nichts. Überhaupt nichts. Das ist doch hoffentlich bei Ihnen zuhause nicht anders.“
Der Schüttere geht nicht darauf ein, lehnt sich zurück, blättert eine Weile hinter einem Aktendeckel in Unterlagen und scheint dort die Antworten zu finden, die Werner ihm vorenthält. „Na gut, Sie haben also überhaupt keine Idee, was uns veranlasst haben könnte, Sie zu befragen. Sie möchten uns nichts sagen?“
„Nein, ich wüsste keinerlei Grund dafür und ich würde mich freuen, wir könnten das Ganze hiermit beenden. Kann ja nur ein Missverständnis sein.“
„Schade“, sagt der Kopfschüttere und steht auf. „Dann würde ich Sie bitten, in den Nebenraum mitzukommen. Wir würden gerne ausnahmsweise einen Polygrafen einsetzen. Sie kennen auch das vermutlich?“ Seine Mundwinkel verziehen sich leicht und verleihen seinem leeren Gesicht so etwas wie eine persönliche Note. „Wie Sie wissen, halten wir alle nicht viel davon. Die Dinger funktionieren ungefähr so gut wie unsere Allgemeinen Dienstanweisungen. Aber wir wollen alle Möglichkeiten ausschöpfen, wenn es um einen eigenen Mann geht.“ Er zuckt mit den Schultern: „Anweisung von oben, einfach als zusätzliche Sicherheit. Sie sind doch sicher einverstanden?“
Werner akzeptiert sofort. Er weiß, was kommt. Er wird reden und der Lügendetektor wird ruhig bleiben. Er hat in seinen Spezial-Lehrgängen für die HV A gelernt, nicht nur Menschen, sondern auch Polygrafen zu täuschen. Simpel die Grundregeln: einfach entspannen, einfach nicht lügen. Du musst sie nur weglocken von den gefährlichen Gefilden, in denen du lügen müsstest. Das haben sie ihm beigebracht und er war sehr gut darin, es hat immer funktioniert. Er wird sie an der Nase herumführen, so gut können sie mit ihren Fragen gar nicht auf ihn vorbereitet sein.
Sie schließen ihn an. Sehr häufig scheinen diese Kollegen nicht mit dem Gerät zu arbeiten. Ihre Unbeholfenheit amüsiert ihn. Es macht ihnen sichtlich Mühe, ihn mit Tatwissen-Fragen und Vergleichsfragen auch nur ansatzweise zu überlisten, zumal sie ihn mit dem Tatvorwurf noch gar nicht konfrontiert haben. Ihre angestrengten Versuche, die Fragen so zu formulieren, dass er sie möglichst nur mit „Ja“ oder „Nein“ beantworten könnte, oder sie ihm in unerwartet neuer Reihenfolge noch einmal aufzutischen, alles ist so durchsichtig wie dünner Muckefuck. Besonderes Vergnügen bereiten ihm ihre verzweifelten Blicke, wenn die Schreibarme des Polygrafen plötzlich unerklärliche Linienmuster auf das Papier zu zeichnen beginnen. Weil er sie seinerseits verwirrt, indem er bei völlig belanglosen Fragen den Arsch zusammenkneift oder die Zähne aufeinanderbeißt, bis sein Körper reagiert und Impulse sendet.
Sie fragen und fragen, abwechselnd, drei Stunden oder vier, nach diesem Urlaub mit seiner Frau, aber dann unvermittelt auch nach den häufigen Einsätzen während seiner HV A-Zeit, als er oft in West-Berlin zugange war. Sie fragen penibel nach Einzelheiten, die sie sich aus Akten angelesen haben mussten, und speziell nach verschiedenen Leuten, mit denen er auf der anderen Seite der Stadt zu tun hatte und auch sonst im Westen. Er bleibt bei seiner Linie, lügt einfach nicht, erzählt alles genau so, wie es war. Wort und Tat sind eins bei Brause. Und lockt sie immer weiter weg, weg von den Gefahrenstellen. Er hat alles unter Kontrolle, Blutdruck, Puls und Atemmuster, Schweiß, sein ganzes vegetatives Nervensystem. Es wird keinen Ausschlag auf dem Gerät geben, es sei denn, er selbst wird ihn hervorrufen. Werner fühlt sich ihnen meilenweit überlegen. Nichts von alledem, was sie wissen wollen, kann mit Christine zu tun haben oder gar mit dem Staatsgeheimnis, das er unter allen Umständen zu schützen hat. Sonst wären andere Leute hier, ganz sicher der Oberst. Die Männer, die ihm hier gegenübersitzen, sind nicht eingeweiht.
Irgendwann geben sie auf. Er hört die Resignation in der Stimme des Schütteren, der sich räuspert und plötzlich anfängt, ihn zu duzen: „Genosse, du weißt doch, wer bei uns Fehler einsieht, dem wird nicht gleich der Kopf abgerissen. Nicht einem Kollegen wie dir. Schon so viele Jahre dabei. Immer bereit, immer zuverlässig, zigfach bewährt. Willst du nicht lieber reinen Tisch machen? Wir hauen doch keinen in die Pfanne, der auf unserer Seite steht …“
„Ich habe immer noch keine Ahnung, was Sie von mir wissen wollen.“ Werner bleibt beim Sie, diese Runde ist an ihn gegangen.
Schließlich sperren sie ihn weg.
In der Zelle wieder die Stille. Er fühlt sich ausgelaugt wie nach zig Kilometer Querfeldeinlauf durch vermintes Gelände. Extrem anstrengend, selbst für einen trainierten Mann, stundenlang auf der Hut und trotzdem entspannt zu bleiben. Und der fehlende Schlaf, er zehrt, übermannt ihn. Er fällt auf die Pritsche, lässt sich gehen. Verdammte Scheiße, was machen sie mit ihm? Die eigenen Leute. Wütend hämmert er mit der Faust an die Wand. Stopp. Sein Hirn schaltet den Kontrollmodus ein. Was können sie wollen?
Es geht zu viel durcheinander in diesen Zeiten. Kaum jemand mit offenen Augen und Ohren weiß noch, wie der Hase läuft und wohin, ob die Linien noch gelten, auf denen es längs geht. Vor allem, ob es noch rote Linien sind, die halten, wenn es ernst wird. Seit der große Bruder aus Moskau, der allmächtige Generalsekretär der großen Bruderpartei, mit seinem Glasnostgerede alle verunsichert, seither ist das so. Selbstkritik verlangt er. Sogar hier in der DDR. Aber wer sorgt denn für gefestigte Verhältnisse an der Front zum Feind? Wer verhindert denn, dass alles auseinanderfällt? Glasnost, Perestroika. Was soll das bringen außer Zersetzung und Reaktion?
So richtig kann er nur mit Christine über solche Sachen reden, auch wenn sie sich dann in die Haare geraten, weil sie selten einer Meinung sind. Aber in ihre Haare gerät er am liebsten. Und bei ihr muss er sich wenigstens nicht verstellen. Was dieser Gorbatschow verbreitet, ist in Wahrheit so unheimlich und bedrohlich wie die unsichtbare, angeblich gefährliche Atomwolke aus Tschernobyl, wegen der jetzt alle fast in Panik geraten. Niemand kann richtig fassen, was passiert. Inzwischen weiß er von Genossen, die selbst schon alles in Zweifel ziehen, was bisher in Ordnung war. Sogar in seiner Dienststelle. Ist da was falsch gelaufen? Hat doch einer etwas mitbekommen von ihm und Christine, ihn vielleicht denunziert?
Unsinn. Dann hätten diese Trottel das Verhör ganz anders geführt, führen müssen. Was sollte bloß die ganze Fragerei nach dem Sommerurlaub mit seiner Frau im Ferienheim? Ihm fällt nichts ein.
Die aufgestaute Müdigkeit senkt sich auf ihn wie eine schwere Bettdecke und er versinkt halbschlafen in eine andere Welt. Unscharfe Bilder. Wasser. Seine Frau schwimmt, wedelt mit dem Arm und ruft, er versteht sie nicht, seine Tochter gräbt sich in den Sand und ist plötzlich weg, er rennt hin, wieder ruft es, jetzt ist es plötzlich Fritz, der etwas über das Feld brüllt, sein Kumpel in der Fußball-Jugend, Werner bekommt den Ball, läuft auf das Tor zu, ,schieß doch’, schreit Fritz, er schießt, verstolpert und im Fallen reißt sein Trikot. Er zerrt es sich vom Leib, es hat ein Loch, genau in der Mitte, genau da, wo das Abzeichen aufgenäht war, auf das er so stolz war, Berliner Fußballclub Dynamo, das BFC D mit den beiden goldenen Ähren. Es ist verschwunden.
Werner wälzt sich herum. Dieses Gefühl, von Kindesbeinen an allen voran dabei zu sein, aber immer Angst davor, ausgeschlossen zu werden. Für Momente, gefühlte Ewigkeiten, ist er wieder wach. Sein Blick fällt auf den roten Kübel in der Ecke.
Читать дальше