Der pechschwarze Käfer müht sich über die Fußleiste, richtet sich an der ölfarbenglatten Zellenwand auf, kippt auf den Rücken. Werner dreht ihn. Der Tag, als Oberst H. ihm seinen neuen Auftrag erteilt hatte, es war auch der Tag, der ihn zu Christine führte. Als Werner daran zurückdenkt, sieht er sich auf dem Flughafen Schönefeld stehen, als wären seither nicht sechs Jahre vergangen.
Es war der 18. August 1980. Er lehnte an einer Säule in der Halle hinter den Kollegen der Einreisekontrolle. Interflug F251, Ankunft 10.35 Uhr, war pünktlich gelandet, unter den Passagieren ein jüngeres Pärchen, beide BRD-Bürger, ihre Pässe gefälscht. Sie ließen sie durch und kümmerten sich dann um sie.
Drei Wochen später kamen die nächsten, diesmal mit dem Zug nach Berlin Ostbahnhof. Drei Frauen, avisiert im Wagen mit der Nummer 23. Christine war die Letzte, die ausstieg. Sie setzte ihren Fuß zögerlich und ungeschickt auf den Bahnsteig, als sei sie sich des Untergrunds nicht sicher. Als sie das andere Bein nachzog, blieb sie hängen, stolperte, knickte um und fiel direkt in seine Arme, eine mädchenhafte junge Frau. Sie fühlte sich ganz leicht an, ganz zart, fast wie ein Vogel, der sich aus Versehen auf ihm niedergelassen hatte. Er ließ sie sofort wieder los.
„Entschuldigung, haben Sie sich wehgetan?“
„Nein, überhaupt nicht, Sie haben mich ja aufgefangen. Ich muss mich entschuldigen.“
„Sie sind Anne Petersen?“
„Ja, aber woher wissen Sie …“
„Willkommen in der Deutschen Demokratischen Republik. Ich bin hier, um Sie abzuholen und dafür zu sorgen, dass Sie sich gut einleben bei uns. Wir sind jetzt Ihr neues Zuhause.“
„Das ist sehr freundlich. Danke.“
Das waren die ersten Worte, die sie miteinander gewechselt hatten.
Sie brachten alle Zehn auf kürzestem Wege in das konspirative Objekt. Werner ließ es sich nicht nehmen, die Einweisung persönlich zu überwachen. Als sie bei Briesen von der Autobahn Berlin-Frankfurt/Oder abbogen und in den sandigen Waldweg zum „Forsthaus an der Flut“ hineinfuhren, wie das Objekt „74“ offiziell hieß, fing er einen unsicher fragenden Blick von Christine auf. Keiner von ihnen wusste genau, wohin es ging und was sie mit ihnen vorhatten. Und so sollte es auch sein. Ein wenig Verunsicherung konnte nicht schaden. Schließlich würden sie alle ihr altes Leben loslassen müssen.
Sie fuhren an den kerzengerade aufgereihten, rötlichbraun leuchtenden Kieferstämmen vorbei, durch die warmes Herbstlicht flimmerte. Im Rückspiegel sah Werner, dass es die fünf Punkte auf Christines Gesicht aufleuchten ließ wie Glühwürmchen. Sie verteilten sich ungleich auf Nasenflügel und Wangen, drei links, zwei rechts. Seltsam diese Sommersprossen auf ihrer hellen, fast weißen Haut, sie passten irgendwie gar nicht mit ihrem pechschwarzen, kurz geschnittenen Bubikopf zusammen. Aber komisch vor allem, dass Werner einen Blick dafür hatte.
Nachdem sie angekommen waren, sorgte er dafür, dass alle gut untergebracht wurden. Sie sollten sich wohlfühlen. Er kannte sich gut aus auf dem weitläufigen Gelände. Das MfS nutzte es häufig, obwohl sich bei den umliegenden Dörflern längst herumgesprochen hatte, dass dieses Ferienheim des Ministeriums des Innern in Wahrheit eine Einrichtung der Firma war. Aber das Objekt lag so nah an Berlin und doch so weit vom Schuss, dass es sich einfach anbot für solche Fälle. Und deshalb sahen sie über die Sicherheitsbedenken hinweg, die gelegentlich gegen das Objekt erhoben wurden.
Er selbst brachte Christine auf eines der zwanzig Zimmer in den drei Flachbauten, die sich um den Hof gruppierten. Er hielt ihr die Tür auf und sie gingen fast gleichzeitig hinein. Für einen Moment wurde es so eng, dass eine Berührung nicht zu vermeiden war.
„Es ist einfach“, sagte er, als sei ihm in ihrer Anwesenheit die Beschränktheit des Raums und seine schlichte Ausstattung ein wenig peinlich, das Einzelbett mit der sorgsam darüber ausgebreiteten Blümchendecke, der kleine Tisch mit dem braun-rot-orange karierten Tischtuch, direkt daneben ein Waschbecken, davor zwei einfache Stühle, darunter ein zu oft gereinigter Teppichboden. Aber immerhin ein Fenster mit Blick auf das Wasser, sogar auf den Bootssteg, der sich in den Oder-Spree-Kanal schob.
Sie stand nur einen halben Schritt vor ihm, drehte sich um und er spürte Nähe auf zu kleinem Raum. Er trat nicht zurück.
„Nein, einfach ist es nicht“, sagte sie und blickte ihn an, „jedenfalls nicht für mich“.
„Das weiß ich.“ Werner wandte sich ab. „Wir sehen uns später“.
Abends, nach den ersten Unterrichtungen und einem Essen, war ein formloses Treffen in der Kellerbar des Objekts angesagt, um den Tag ausklingen zu lassen. Eine eigenartige Gruppe, diese Aussteiger. Werner ließ sich ein Bier einschenken und beobachte sie von seinem Eckplatz an der Theke. Sie wirkten merkwürdig verspannt, so als hätten sie sich auf fremdem Terrain verirrt. Selbst untereinander schienen sie sich nicht besonders vertraut, jedenfalls nicht alle. Erst nach und nach entdeckte er, wie sich doch einiges sortierte. Da waren die zwei, die als Erste gekommen waren, schon länger ein Pärchen, wie er wusste. Ein Weiteres stand an der Theke und schien sich erst unter den neuen Umständen zu entdecken. Das schloss er daraus, wie sie sich ansahen und miteinander redeten. Und die drei Frauen, die zusammen im Zug gekommen waren, sie saßen bald um einen Sofatisch herum und steckten die Köpfe zusammen. Andere liefen wie Fremdkörper hin und her und verschwanden früh auf ihre Zimmer.
Manchmal blickte Christine zu ihm herüber.
Nach dem zweiten Bier setzte er sich in den Bungalow ab, den er immer bezog, wenn er hier war, auch weil er wusste, dass sie hier keine Wanzen eingebaut hatten. Kurz überlegte er, ob er seine Frau anrufen sollte. Aber er ließ es und knipste den Fernseher an. Kein Westprogramm hier, schon gar kein James Bond.
Die folgenden drei Wochen diente Objekt „74“ dem einzigen Zweck, zehn ehemalige BRD-Terroristen in ordentliche DDR-Bürger zu verwandeln, die im ersten Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden pflichtbewusst und verantwortungsvoll die ihnen zugewiesenen Aufgaben erfüllen würden, vorbildlich, aber unauffällig. Werner hatte sich zusammen mit seinen Kollegen besonders viel Mühe gemacht, um für sie glaubwürdige Legenden zu erfinden, an denen niemand irgendetwas merkwürdig finden konnte, weder unter ihren künftigen Arbeitskollegen noch unter ihren späteren Nachbarn im Wohnbezirk. Und die auf keinerlei Beziehung der zehn untereinander schließen lassen konnten.
Tarnen und Täuschen. Ein paar Dinge handhabten sie natürlich ähnlich, entsprechend den Regeln ihrer Profession. Die Lebenswege dieser neuen Bürger mussten jedweder Prüfung standhalten, von Seiten irgendwelcher DDR-Anfragen, aber auch seitens ausländischer Nachforschungen. Also wurde in jedem einzelnen Fall ein ordentliches Einreise- und Einbürgerungsverfahren organisiert. Und bei allen einschlägigen Behörden und Stellen wurden nachprüfbare Vorgänge und Akten angelegt. Sie knüpften an die falschen Namen und Ausweise an, mit denen die zehn vom Westen angekommen waren. Sie erfanden die neuen Lebensgeschichten so, dass Eltern, Geschwister oder sonst enge Verwandte im Westen irgendwelcher Umstände halber nicht mehr am Leben waren, also für niemand mehr nachverfolgbar. Sie hatten für sie Arbeitsplätze in Großbetrieben und Krankenhäusern mit über 1 000 Werktätigen organisiert, wo Einzelne keine große Rolle spielten, und Wohnorte wie Cottbus, Eisenhüttenstadt, Schwedt, Dresden, Neubrandenburg, Senftenberg oder Hoyerswerda, weit weg vom Westen und von den Strecken des Transitverkehrs. Und sie drillten die Ex-Westler in Sprechweise, Alltagskultur und Umgangsgepflogenheiten für ihre neuen Lebensorte und Arbeitsplätze, bis sie sicher waren, sie würden kein Aufsehen erregen.
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