Am darauffolgenden Montag waren die Demonstrationen größer geworden, sowohl Bärgida, wie auch ihre Gegendemonstranten. Christian verfolgte sie von einem Dunkin Donuts im Hauptbahnhof aus. Noch konnte er sich nicht entscheiden, ob und wem er sich anschließen sollte, versuchte nur, die Atmosphäre zu genießen, wahrzunehmen, das Gefühl, etwas Großes sei im Gange, oder würde allmählich beginnen. Als würde tatsächlich die Möglichkeit bestehen, er könnte Teil daran haben. Selbst ohne dem Regen, dem leichten Sturm, wirkte es beeindruckend, bedeutungsschwanger. Mehr Fahnen, als beim letztes Mal, lautere Rufe, irgendjemand – wahrscheinlich die Antifa – ließ Musik laufen, vielleicht auch nur irgendwelche anderen linken Gruppen. Die Gegenseite schien dann doch etwas zu konservativ dafür zu sein. Den Geschmack der Donuts konnte er kaum wahrnehmen, höchstens die klebrigen Überreste, die sich an die Zwischenräume seiner Zähne festgesetzt hatten. Der erste Tag seit langem, an welchem er keinen Kater hatte, was aber auch daran lag, dass der vergangene Tag ein Sonntag gewesen war.
Seit einer Woche wartete er auf eine Nachricht von Sarah, langsam sich an den Gedanken herantastend, dass er sich bei ihr melden sollte, obwohl sie wahrscheinlich ohnehin keinen Kontakt mehr wollte. Was auch immer es gewesen war, etwas hatte er falsch gemacht. Oder er war vielleicht nicht offensiv genug gewesen. Vielleicht war er auch einfach zu sehr in der friend zone, als dass sie Avancen seinerseits überhaupt erst in Betracht gezogen hatte.
„Wir sind das Volk, wir sind das Volk, wir sind das Volk.“ Pfeifenlärm zischte um sie herum, hinauf in seine gläserne Donutblase mit dem schlechten, stark verwässerten Kaffee. Er begann die Monate nachzuzählen, in denen er bereits keinen Sex mehr gehabt hatte. Er kam auf sechzehn. Sechzehn Monate ohne Sex, sogar ohne einen Kuss, ohne jegliche weibliche Berührung, die über eine freundschaftliche Umarmung hinausging und selbst das lag bereits einige Zeit zurück. Würde Sarah die Wende in seinem Leben bringen, auf die er schon so lange wartete? Er vermisste sie, konnte aber nicht sagen, ob es sie war, oder nur generell Kontakt mit einem Mädchen.
Die Israelfahnen waren auch dieses Mal zugegen. Mittlerweile hatte er sich informiert. Die ihm unbekannten Fahnen gehörten zu den Reichsbürgern, von denen er zuvor auch noch nichts gewusst hatte, die aber wohl gut darin waren, das Bezahlen von Steuern zu vermeiden, was er sympathisch fand.
Die Gegendemonstranten waren mittlerweile kaum zu hören, immer lauter brüllte die schwarze Masse. Nur noch Fackeln schienen zu fehlen. Kurz glaubte er, das halbwegs attraktive Mädchen des Nachbartisches blickte zu ihm herüber, aber als es ihm gelang ein Lächeln auf seine Lippen zu brechen, blickte sie schnell wieder weg. Als hätte sie etwas Ekelhaftes erblickt. Er blickte weiter zu ihr, betrachtete ihr langes, braunes Haar in der Hoffnung, sie könnte wieder zu ihm sehen. Vielleicht war sie ja nur schüchtern oder kurz erschrocken, weil sie nicht erwartete, dass er ihren Blick bemerkte. Doch ihre Augen blieben auf den Kaffee vor ihr gerichtet und irgendwann nach vielen ungezählten Minuten verließ sie den Laden, ohne ihn ein weiteres Mal angesehen zu haben.
Das erbärmliche an seiner Situation war das schleichende Eingeständnis, dass sein Versagen bei Frauen, das Ausbleiben von Sex, ihn in eine solch traurige, erbärmliche Situation brachte, dass selbst Tragik nicht mehr erreichbar schien. Es blieb nur noch das Lächerliche, in welchem aber weder Größe, noch Bedeutung und somit auch kein Trost zu finden war. Tragik konnte es nur geben, wenn man fiel, doch war er nie hoch genug gekommen, um herabstürzen zu können.
Irgendwann verstummten auch die Stimmen. Sein Kaffee war schon vor langer Zeit kalt geworden.
15This is my least favourite life
Ihre langen, glatten Beine schmiegten sich in einer einzigen, ununterbrochenen Bewegung aneinander, die Wärme des eigenen Schweißes auf ihrer Haut verreibend, die sanft in der nachmittäglichen Sommersonne glänzte. Kein Härchen war zu erkennen, die Zehennägel frisch lackiert. Eine kleine Narbe über der linken Kniescheibe, ohne die er sie sich gar nicht mehr vorstellen konnte. Groß genug, um Individualität zu signalisieren, klein genug, um nicht unästhetisch zu sein. Langsam drehte sich ihr Körper auf den Bauch, die Rückseite ihrer Beine entblößend, noch etwas blasser als die Vorderseite, der Sommer war bisher eher enttäuschend gewesen, doch dafür konnte er ihre beide festen Pobacken betrachten, die nur vom dünnen, beinahe transparenten Dreieck ihres Bikini-Höschens bedeckt war. Beinahe enttäuscht hatte er feststellen müssen, dass sie dieses Mal nicht ihr normales Höschen anhatte, welches vollkommen durchsichtig wurde, sobald sie lange genug in der Sonne lag und ordentlich schwitzte.
Durch die zahlreichen Zentimeter großen Ritzen des herunter gelassenen Rollladens ließ sich die Hitze, die sich auf das Dorf gelegt hatte, nur erahnen, kaum trat die Sonne durch die winzigen Öffnungen, die Christian sich zugestand. Sein hartes Glied presste sich gegen den kühlen Heizkörper, sein Atem legte sich feucht auf die Fensterscheibe, die er später nicht vergessen durfte zu säubern, um keine verräterischen Spuren zu hinterlassen. Zu oft war er mit seiner Nase an die Scheibe gekommen oder hatte sich unbewusst mit der flachen Hand abgestützt. Ob es anschließend wirklich nicht bemerkt worden war, konnte er nicht sagen.
Ihre Augen lagen versteckt unter einer Sonnenbrille, die viel zu groß für ihren kleinen Kopf war, dessen zierlicher Hals ihn in seine Richtung drehte. Wieder durchfuhr es ihn aus Angst, sie könnte ihn ansehen, als würden ihre Augen sich auf halbem Weg treffen, irgendwo in der Schlucht hinter dem heruntergelassenen Rollladen und der Absperrung ihrer Dachterrasse. Obwohl er sicher war, es sei unmöglich, ließ er seine Hände von seinen Brustwarzen ab, konnte sich aber genauso wenig vom Fenster lösen und wieder stand sie nicht auf, wandte sich irgendwann ab, weil sie ihn entweder nicht gesehen hatte, oder, was er manchmal versuchte zu glauben, weil sie beobachtet werden wollte.
Er kannte weder ihren Namen, noch ihr Alter, noch ihre Schule. Ihm war nur bekannt, dass es nicht seine Schule war, denn sonst hätte er sie schon einmal dort gesehen. Sie war jünger als er, vielleicht vierzehn, vielleicht fünfzehn. Wahrscheinlich hatte er einmal ihren Namen gehört, als seine Mutter diesen erwähnt hatte, bei ihrem Einzug vor ein paar Jahren in seinem Nachbarhaus. Aber seitdem hatte sie es nicht mehr wiederholt und seitdem er sie beobachtete, traute er sich nicht mehr, seine Mutter zu fragen, um keinen Verdacht zu erregen. Das war mittlerweile zwei Jahre her und ungefähr genauso lange beobachtete er sie schon. Nicht nur im Sommer, auch wenn dies ungleich aufregender und erregender war, aus allzu verständlichen Gründen. Im Winter musste er sich dabei begnügen, sie durch das Fenster ihrer Terrassentür zu beobachten, wenn sie am Küchentisch saß, zum Abendessen, oder um ihre Hausaufgaben zu machen. Das sie beinahe jeden Tag an dem einzigen Platz in ihrer Küche Platz nahm, an dem er sie durch das Badezimmerfenster des obersten Stock seines Elternhauses beobachten konnte, betrachtete er, je nach Laune, als Schicksal oder Zufall. Im Winter war es meistens nicht einmal erregend, da sie nicht nur vollkommen bekleidet war, sondern hinter einer transparenten Jalousie saß, die ihn zwar hindurchblicken, jedoch nicht mehr alles scharf erkennen ließ. Trotzdem verbrachte er Stunden damit sie zu beobachten, manchmal mehrere täglich.
Tage wie dieser gehörten zu den Höhepunkten seiner Jugend.
Manchmal fragte er sich, woran sie dachte, wenn sie so vor ihm lag, ihren jugendlichen, beinahe kindlichen Körper präsentierend, der gerade dabei war die ersten Reize der Weiblichkeit auszubilden, ihn unbewusst – oder vielleicht doch teils bewusst? - daran teilhaben lassend. Ob sie überhaupt an etwas dachte? Manchmal fiel es ihm schwer andere Menschen als Menschen wahrzunehmen, ähnlich von Gedanken und Gefühlen erfüllt, wie er selbst. Dies würde auch erklären, warum er sich dabei so schwer tat, mit anderen Menschen zu reden, nicht nur in seinem Alter, nicht nur Mädchen, auch wenn ihm das am schwersten fiel. Nie war er beliebt gewesen, aber auch nie unbeliebt, was vielleicht daran lag, dass er so selten wahrgenommen wurde und wenn er erlebte, wie andere Schüler in seiner Klasse verprügelt und gemobbt wurden, war es vielleicht nicht der schlechteste Status. So lebte er vor sich hin, mit den Gedanken an die Beine des Nachbarmädchens, ihrer langsam sprießenden Brüste und der Hoffnung sie zu sehen, während die Minutenzeiger des Klassenzimmers langsam voran krochen. Ein Leben in Selbstgenügsamkeit.
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