Ich startete meinen Wagen und fuhr wieder weiter. Einfach weiter. Geradeaus. Raus aus der Stadt. Sobald ich die Stadt verlassen und auf der Landstraße war, gab ich Gas. Viel Gas. Der V12-Motor brüllte los. Ich fuhr schneller, als ich es normalerweise tat. Und ich fuhr immer etwas zu schnell. Aber jetzt drückte ich das Pedal voll durch. Die Bäume jagten an mir vorbei. Ich schloss für einen Moment, nur für einen winzigen Moment die Augen und ließ das Lenkrad los. Wie wäre es, wenn ich jetzt einfach weiterführe? Einfach so. Bis mich irgendetwas abrupt zum Stehen bringen würde. Ein Baum, ein Brückenpfeiler, ein entgegenkommendes Auto vielleicht. Ich erschrak. Ich riss die Augen auf, übernahm hastig wieder die Kontrolle über mein Auto und bremste. Das Herz schlug mir bis zum Hals. Am nächsten Feldweg hielt ich an und stieg aus. Ich ging ein paar Schritte, steckte mir eine Zigarette an und atmete tief durch. Ich musste Sarah Bescheid sagen. Jetzt. Es war nicht fair, sie so hinzuhalten. Ich schaltete mein Handy wieder ein und sah, dass Ben versucht hatte, mich zu erreichen. Und eine SMS geschrieben hatte. Ich rief Sarah an.
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Sarah war aufgeregt und erleichtert zugleich, als sie meine Stimme hörte. „Mark, wo bist du? Geht es dir gut? Ich habe mir solche Sorgen gemacht. Sag, geht es dir gut?“ Sie schrie es fast ins Telefon. Sarah wusste natürlich, dass es mir wahrscheinlich nicht gut gehen würde. Warum sonst hatte ich mich nicht gemeldet? „Ich komme jetzt nach Hause.“, sagte ich und sie hörte an meiner Stimme ganz sicher, dass es schlimmer war, als sie befürchtet hatte. „Ja, komm nach Hause. Ich warte auf dich. Ich liebe dich. Fahr vorsichtig. Bitte.“
Sarah ging in die Küche und setzte Kaffee auf. In ihr spielten die Gefühle verrückt. Da war Erleichterung darüber, dass ich mich endlich gemeldet hatte, aber da war auch Angst vor dem, was ich ihr zu sagen haben würde, eine irrwitzige Hoffnung, dass es vielleicht doch nicht so schlimm sein würde, und eine tiefe Hilflosigkeit, weil sie nicht wusste, wie sie mir wohl helfen könnte, wenn sich doch alle Befürchtungen bewahrheiten sollten.
Sie setzte sich an den Küchentisch und wartete. Sie starrte aus dem Fenster auf die Straße. Eigentlich liebte sie diesen Platz. Vor allem in den Wintermonaten saßen wir oft in der Küche und erzählten uns gegenseitig von den Erlebnissen des Tages, flirteten oder blödelten herum. Erst bei Kaffee, dann bei einem guten Glas Wein. Es war ein ganz vertrauter Ort. Aber jetzt löste dieser Platz Unruhe in Sarah aus. Sie konnte förmlich durch das Schnaufen, Schlürfen und Fauchen der Kaffeemaschine hindurch das Ticken der Küchenuhr hören. Die Zeit zog sich wie Kaugummi. Sie goss sich einen großen Becher Kaffee ein und steckte sich eine Zigarette an. Seit kurzem rauchte sie wieder. Leider. Sie hatte damit aufgehört, als sie mit Paula schwanger war. Aber vor ein paar Monaten fing sie auf irgendeiner Party aus einer Weinlaune heraus blöderweise wieder damit an. Nach über zwanzig Jahren. Wie bescheuert. Einfach so. Erst eine, dann zwei, dann immer mehr. Bis sie wieder ihr altes Pensum brauchte. Wahrscheinlich sogar eher mehr. Ich rauchte eigentlich schon immer. Ich hatte zwar auch schon ein paar Mal versucht, damit aufzuhören, war aber immer daran gescheitert. Irgendwie war ich zu schwach. Aber ich rauchte nur in meinem Arbeitszimmer oder im Garten. In der Küche rauchten wir erst wieder, seitdem die Kinder ausgezogen waren.
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Seitdem auch Ben das elterliche Nest verlassen hatte, waren wir uns noch nähergekommen. Noch näher. Wir waren uns immer schon in besonderer Weise nahe. Wir konnten irgendwie gar nicht ohne einander. Wollten wir auch gar nicht. Ich fand immer, dass wir – für ein so lange verheiratetes Paar – einen ungewöhnlich zärtlichen Umgang miteinander pflegten. Auf andere machten wir, so dachten wir, oft den Eindruck eines ganz frisch verliebten Paares. Manch einer, der uns nicht kannte und nur beobachtete, im Café, beim Spazierengehen oder sonst irgendwo, mochte vielleicht auch denken, wir hätten eine Affäre miteinander. Es knisterte immer noch. Jeden Tag. Andere Beziehungen machten auf uns oft so einen abgenutzten, vom Alltag verschlissenen, fahlen Eindruck. Da gab es in unserem Bekanntenkreis genügend Beispiele. Da wurde dann nicht selten mit einem gelegentlichen außerehelichen Flirt oder einem heimlichen Treffen versucht, einen flüchtigen Glanzpunkt in das sonst so farblose Dasein eines ICH innerhalb eines zäh dahinfließenden WIR zu setzen. Ein WIR , in dem das ICH unterging. Mit der Zeit untergehen musste. In dem sich die eigene Persönlichkeit in die ‚Müllers‘, die ‚Meiers‘ oder die ‚Schmidts‘ auflöste. Wir waren für unsere Freunde, für unsere Bekannten nie die ‚Bornstedts‘. Wir waren immer Sarah und Mark. Allerdings haben wir auch immer etwas dafür getan. Haben uns als Paar nicht vom Alltag einlullen, nicht von unseren Rollen als Mutter und Vater funktionalisieren, nicht von unseren Jobs unterpflügen lassen. Haben immer ganz bewusst dafür gesorgt, dass wir uns als Paar nicht aus den Augen verloren, daran gearbeitet, dass wir im anderen immer das DU für das eigene ICH erkennen konnten. Sarah und Mark. Ich hielt das jedenfalls für die Basis unseres Glücks.
Und seit die Kinder aus dem Haus waren, hatten wir noch mehr Zeit für uns. Unser Tagesablauf richtete sich nur noch nach uns selbst. Nach unseren Bedürfnissen. Und danach, welche Freiräume uns unsere Jobs ließen.
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Das wummernde Gedonner, das mein Auto von sich gab, riss Sarah aus ihren Gedanken. Mit dem englischen Sportwagen hatte ich mir vor zwei Jahren einen Kindheitstraum erfüllt. Ich stand schon immer auf die Autos der britischen Nobelmarke und war stolz wie Oskar, als ich ihn endlich beim Händler abholen konnte. Wie hatte ich diese ganzen Familienkutschen, die ganzen Tourans und Sharans, die Zafiras dieser Welt, die ganzen Volvo und Passat Kombis und wie sie alle hießen, satt. Als Paula und Ben auszogen, führte mich mein erster Weg zum Jaguar-Händler. Nie wieder ein Van. Ich freute mich wie ein kleines Kind. Sarah hörte mich immer schon von Weitem. Das war nicht zu überhören. Ihr war das manchmal fast peinlich. Aber sie freute sich auch mit mir. Ich fuhr die schmale Auffahrt von der Straße zum Haus hinauf. Ihr Herz raste. Sie wusste nicht, ob sie mir entgegenlaufen oder lieber in der Küche auf mich warten sollte. Sie hörte die Wagentür klappen, hörte meinen Schlüssel im Schloss der Haustür, hörte, wie sie sich öffnete und wieder schloss, hörte, wie ich mein Schlüsselbund in die Schale auf dem Sideboard am Eingang warf, und dann hielt sie es nicht mehr aus. Sie ging mir entgegen.
Ben saß in der Küche seiner Altbau-WG am Platz der Republik im Prager Stadtteil Staré Mĕsto, dem schönsten der alten Prager Stadtbezirke. Seine Wohnung lag im dritten Stock eines riesigen Patrizierhauses. Voll saniert, vier große Zimmer, Echtholzparkett, stuckverzierte hohe Decken, in jedem Zimmer ein alter Kachelofen. In Deutschland wäre eine solche Wohnung wohl unbezahlbar gewesen. Aber hier war sie durchaus erschwinglich. Er wartete auf seine beiden Mitbewohner Nina und Spiro, mit denen er zum Kochen verabredet war. Sie kochten eigentlich fast jeden Abend gemeinsam. Erstens war das erheblich billiger, als ständig irgendwo irgendwas Fertiges zu kaufen oder Essen zu gehen. Er musste schließlich mit dem Geld, das wir ihm jeden Monat überwiesen, auskommen, und er hatte weder Zeit noch Lust, sich neben seinem Studium noch etwas dazu zu verdienen. Zweitens war es mit Sicherheit auch viel gesünder. Und letztlich machte es außerdem auch immer viel Spaß. Meistens machten sie Pasta. Pasta in allen Variationen. Das hatte er bei uns gelernt. Dazu Bier, Wein und laute Musik. Das WG-Leben fand fast ausschließlich in der großen Küche statt.
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