Eine Weile war es still. Dann sagte ich mit gebrochener Stimme „In meinem Haus darf ich ihn ablegen!“ Er kam auf mich zu und ich sah nur noch wie er seine Hand hob und zuschlug. Der brutale Schlag mitten ins Gesicht haute mich aus dem Sessel. „Halt sie fest Luv. Titan, du durchsuchst mit mir das Haus!“ Luv riss mich an den Haaren hoch und zog mich in die Küche. Er drückte mich auf die kalte Arbeitsfläche. „Wenn du es auch nur wagst dich aufzurichten-„ er musste nicht den Satz vollenden, damit ich wusste was mir dann blühte. Ich spürte die Seile, die sich um meine Hände schlossen. Sie wanderten um meine Beine herum. Er schubste mich von der Theke auf den Boden. Ohne mich wehren zu können schlug ich mit der Schulter auf den Boden. Der Schmerz ging mir durch Mark und Bein. Ich hörte, wie sie alles aufrissen und durchsuchten. Sie suchten den Schinken. Er wollte nicht, dass ich ihn hatte. Er wollte, dass ich weiterhin von den paar Wurzeln lebte, die ich bekam, wenn die Jäger von ihrer Jagd zurückkehrten. Luv lehnte sich lässig an die Küchenzeile und holte sich aus seiner Hosentasche eine Zigarettenschachtel und das dazugehörige Feuerzeug. Wahrscheinlich nahm er sich, wie immer, mit dem Mund eine Zigarette, zündete sie sich an und tat genussvoll einen tiefen Zug. Wie ich es hasste, dass sie hier rauchten. Er schnippte die Asche auf mich. Ich spürte wie das Nikotin in meiner Nase kribbelte wie Niespulver. Er stupste mich mit dem Fuß an. „Los beweg dich.“ Ich zog es vor die Bewusstlose zu spielen. Das kam öfters vor, wenn er mich so vom Schrank schubste. Er trat zu. Ich biss meine Zähne zusammen. Die Maske hatte auch Vorteile. Er konnte nicht sehen, wie sich mein Gesicht vor Schmerz verzog. „Pff, die hält nichts aus.“ sagte er.
Eine viertel Stunde später schnippte er die Zigarette vor mein Gesicht und trat sie langsam und genüsslich aus. Der Rauch reizte mich zum Husten. Aber lieber bewusstlos daliegen, als bei Bewusstsein weiter schikaniert zu werden. Ich hörte die Schritte. „Sie ist mal wieder bewusstlos.“ sagte Luv schlicht. „Wenn sie wach wäre, würde ich sie auspeitschen lassen! Das Biest hat hier irgendwo ein Versteck, ich weiß es! Ich hab den Schinken gesehen! Sie HAT ihn. Ich weiß nur nicht wo. Kommt Leute, wir gehen. Lassen wir sie allein in ihrem Dreck.“ Die Seile lösten sich und ich spielte weiter perfekt die Bewusstlose. Meine Hände glitten langsam auseinander und die Finger zuckten nicht einmal. Ich wusste, dass ein Zucken eines Muskels mich verraten würde. Sie beobachteten mich schließlich genau. Nach fünf Minuten gingen sie dann. Die Tür schloss sich.
Ich wartete eine Stunde ehe ich aufstand. Zitternd stützte ich mich auf Spüle. Ich brauchte einige Minuten bis der Schmerz wich und das Fleisch anfing abzuheilen. Das hatte ich Gott sei Dank allen voraus, allzu lang blieben die Schmerzen nicht. Ich schüttelte die Asche von mir ab und räumte die Kippe weg. Ich sah mich um. Die Küche hatten sie in Frieden gelassen. Aber das restliche Haus war verwüstet. Ich hob die Plastiksachen auf und ordnete alles. Im Wohnzimmer war nicht viel zerstört worden.
Das Badezimmer sah anders aus. Der Spiegel stand in einer Ecke. Er war von seinem eigentlichen Platz gerissen worden. Sämtliche Schränke waren leer gefegt worden. Da ich alles in gepolsterten Schachteln aufbewahrte, war keines meiner Fläschchen zerbrochen. Ich räumte alles wieder ein. Dann hing ich den Spiegel wieder auf, dabei musste ich unweigerlich in mein Spiegelbild sehen.
Die schwarzweiß unterteile Maske lächelte mich an. Als ob ich fröhlich wäre. Es war glatt wie Glas. Kleine Schlitze für die Augen, milchiges Glas war darüber gespannt. Ich konnte relativ gut dadurch sehen, durch die schmalen Schlitze. Nur die anderen konnten nicht in meine Augen sehen. Die Maske hatte ihre schwarzen Bänder fest um meinen Kopf gezogen.
Ich sah auf die Uhr. „Zwei Stunden noch. Dann bist du Scheißding endlich weg!“ Schimpfwörter gehörten eigentlich nicht zu meinem Vokabular. Ich hatte nur ein paar aufgeschnappt, als ich an den Cliquen der Jungen vorbeigegangen war. Die bezeichneten den Kot von Tieren oder ihren eigenen als Scheiße. Und irgendwie passte dieser Begriff zu dieser Maske. Sie war ein Scheißding. Etwas was keiner anfassen wollte. Was jedem Magenkrämpfe verursachte. Was niemand freiwillig im Gesicht getragen hätte. Und am allerwenigstens ich. Diese Maske war der Beweis für alles Übel. Für all die Dinge die mir wiederfuhren war sie verantwortlich. Sie verkörperte meine Stellung.
Ich war eine Geächtete.
Mein Zimmer war das Schlimmste. Sie hatten den Schrank umgekippt, den Teppich weggekickt, das Bett verschoben. Alle meine Sachen, die ich besaß, lagen am Boden. Mühevoll richtete ich den Schrank allein wieder auf. „Ich schwöre, ich nagel dich in nächster Zeit an die Wand!“ sagte ich zu ihm. Ich legte die noch zu tragenden Klamotten wieder zusammen, die anderen wanderten in den Wäschekorb. Dann richtete ich das Bett wieder her. Ich hatte ein Kuscheltier. Das versteckte ich im Gitterrost. Es war meine einzige Zuflucht. Serem hatte schon oft probiert es zu zerstören. Er hatte darauf eingehackt, es versucht zu zerschneiden oder es in Flammen aufgehen zu lassen. Als er es mir wegnehmen wollte, kam er nicht über die Schwelle des Hauses damit. Er blieb mitten in der Tür stecken. Und ich dankte immer dem, der diesen Zauber darauf gelegt hatte. Nichts zerstörte es. Ich nahm es heraus. Ich knuddelte es. Es war ein alter Teddy. Sein weißes Fell war plattgelegen, seine große schwarze Nase zeigte Risse, die schwarzen Augen hatten Kratzer. Dennoch war er das Schönste auf der Welt für mich. Ich steckte ihn wieder weg und breitete dann den Teppich aus und versteckte damit die nicht gefundene Diele wieder.
Ich saß auf der Fensterbank zum kleinen Garten hin. Ich konnte die Sonne sehen, wie sie langsam unterging. Wie zäh flüssig rann sie nach unten. Und als der letzte Tropfen im Horizont versunken war, lösten sich die Bänder der Maske und sie fiel zu Boden. Ich rannte sofort ins Badezimmer. Mein Gesicht sah furchtbar aus. Es sah aus wie es immer aussah, wenn ich am Marktplatz gewesen war. Es war dreckig und staubig, das Salz meiner Tränen war auf meinen Wangen getrocknet, so wie das Blut auf meinen Lippen. Vorsichtig wusch ich mir mein Gesicht, es brannte unter dem kalten Wasser. Der Schmutz ging ab. Nun musste ich erst mal etwas essen.
Ich rannte in die Küche und suchte nach etwas Scharfem. Mein Taschenmesser hatten sie mir letzte Woche weggenommen. Ich nahm schließlich den schärfsten Löffel den ich fand.
Ich rannte damit wieder in mein Zimmer, nachdem alle Fenster sorgfältig geschlossen und sämtliche Türen zu waren.
Dann öffnete ich die Diele und holte das Weißbrot und den Schinken heraus. Ich riss etwas vom Brot ab und biss hinein. Die Süße ließ ich mir auf der Zunge zergehen. Ich hatte es so selten und musste es dann so schnell essen. Es war herrlich. Sorgfältig kaute ich jeden Bissen. Dann mühte ich mich am Schinken ab. Endlich gab er ein Stück frei. Der Geschmack des Fleisches ließ mich fast verrückt werden. Es war das Beste was ich seit Wochen gegessen hatte. Ich drückte es gegen meinen Gaumen, drückte den Saft aus, kaute es genüsslich durch. Ich war fast enttäuscht, als ich schließlich doch schlucken musste. Aber jetzt musste ich zusehen, wie ich möglichst viel abschneiden konnte. Das Weißbrot musste heute weg und der Schinken war super nahrhaft.
Gegen acht Uhr war ich fertig, ich war gesättigt. Schwielen waren auf meinen Händen vom Schneiden. Ich packte den Schinken sorgfältig ein und steckte ihn wieder in sein Versteck. Dann verbrannte ich das Papier des Weißbrots. Es durften keine Überreste zu finden sein. Ich ging ins Badezimmer und wusch mich. Sollte ich erzählen wie ich aussah? Besser wärs oder?
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