»Sag mal, was machst du denn so spät hier draußen?«
Laura schaute zu ihr hoch. »Mama macht nicht auf. Hat mich auch nicht aus dem Kindergarten abgeholt.«
»Und wie bist du dann hierhergekommen?«
»Ich bin gelaufen.«
»Ganz allein?«
»Klar, ich bin doch schon fast fünf.«
Katharina wollte zu einem tadelnden Vortrag ansetzen, doch sie stutzte. »Und deine Mama?«
»Mama hat mich nicht abgeholt. Und macht nicht auf.«
Katharina ging zur Wohnungstür von Melanie Wahrig und klingelte. Niemand öffnete. Sie klopfte und klingelte erneut. Keine Reaktion. Vielleicht war Lauras Mutter ja in ihrer Werbeagentur aufgehalten worden. Irgendwo hatte Katharina doch die Nummer der Agentur?
»Laura, komm doch mal kurz mit zu mir. Ich versuche, deine Mama zu erreichen.«
»Au ja.« Das blond gelockte Mädchen sprang die Stufen hoch. Katharina ging rasch hinterher. Ein Kind in ihrer Wohnung. Das hatte ihr gerade noch gefehlt.
***
Wohin mit Laura? Ins Wohnzimmer? Ins Gästezimmer? Vielleicht erst mal in die Küche. Laura kletterte artig auf einen Stuhl. Katharina nahm ihr Telefonverzeichnis. Die meisten Mieter des Hauses misstrauten der anonymen Hausverwaltung und hatten Katharina ihre Notfallnummern gegeben. Schließlich war sie Polizistin.
Endlich fand Katharina den richtigen Eintrag. Festnetz, Handy, Fax, die Nummer von Lauras Vater, Tom Wahrig, und die der Agentur mit dem originellen Namen »stop!«. Katharina begann mit der Handynummer. Nur die Mailbox. Auch bei Tom Wahrig meldete sich nur eine sonore Männerstimme: »Hi, hier spricht Tom. Ich bin verreist. Macht keinen Sinn, mir eine Nachricht zu hinterlassen.« Das war wenigstens ehrlich.
Also wählte sie die Nummer der Agentur. Es war zwar schon halb neun, aber vielleicht …
Nach endlosem Klingeln meldete sich endlich jemand: »Stop! Hasko Beyer?«
Katharina konnte sich gerade noch bremsen und meldete sich nicht mit »Kriminalhauptkommissarin Klein. KK 11«. Stattdessen entschuldigte sie sich für die späte Störung und fragte nach Melanie Wahrig.
»Hm«, antwortete die Stimme am anderen Ende. »Die sitzt vermutlich in ihrem Homeoffice und arbeitet.«
Was nun? Sie könnte kurz im Polizeipräsidium anrufen. Aber das machte sie besser aus dem Nebenzimmer. Vielleicht sollte sie Laura aber zuerst beschäftigen. Alle Kinder mochten doch …
»Magst du einen Kakao, Laura?«
»Jahaa!«
Katharina gab ein paar Löffel Instant-Kakao in eine Tasse, goss Milch hinein und stellte die Tasse in die Mikrowelle.
»Du kochst aber komisch Kakao.«
»So geht es am schnellsten.«
Die Mikrowelle meldete sich mit einem optimistischen »Ping!«.
»Vorsicht, heiß!« Katharina stellte die Tasse vor Laura, die gründlich mit dem Löffel umrührte und einen kleinen Schluck trank.
»Lecker«, befand sie.
Katharina war beruhigt. Sie ging ins Nebenzimmer und kramte ihr Mobiltelefon hervor.
»Hi Oswald, ich bin’s, Katharina.« Oswald war Katharinas Lieblingsmitarbeiter in der Notrufzentrale. Hübsch, durch und durch schwul und mit einer warmen Stimme ausgezeichnet, die auch den aufgebrachtesten Anrufer im Nu beruhigte. Er grüßte freundlich und erkundigte sich, wie es ihr ging.
»Ach, frag nicht! Kannst du mir einen Gefallen tun und mal schauen, ob bei euch eine Melanie Wahrig auftaucht?« Sie buchstabierte den Namen. Oswald verneinte. Weder in den Unterlagen der Polizei noch bei den Notfallmeldungen der Feuerwehr.
»Vielleicht unter den Unbekannten?«
Oswald verneinte wieder. Es seien überhaupt nur zwei unbekannte Verletzte verzeichnet, beides Männer. Katharina bedankte sich. Oswald versprach, sie auf dem Laufenden zu halten.
Und jetzt? Vielleicht sollte sie mal in Melanie Wahrigs Wohnung nachschauen. Katharina spürte das gut bekannte Kribbeln im Magen: Ihr Jagdinstinkt meldete sich. Rasch ging sie ins Gästezimmer und holte Stifte und Papier.
»Warum soll ich denn malen?«, fragte Laura, als Katharina beides vor sie hinlegte.
»Ich muss mal kurz weg und –«
»Kann ich mitkommen?«
»Nein! Du malst«, sagte Katharina schroff. Dann fuhr sie sanfter fort: »Mal mir mal alles auf, was deine Mutter heute so gemacht hat.«
»Warum denn?«
»Das mache ich auch oft, wenn ich böse Männer fange.«
Laura sah sie ratlos an. »War Mama böse?«
»Nein, natürlich nicht. Aber vielleicht finden wir sie so.«
»Ist gut.« Eifrig machte sich das Mädchen ans Werk.
***
Katharina stand vor Melanie Wahrigs Wohnungstür und betrachtete amüsiert ihre Hände. Ganz automatisch hatte sie ein paar Einweghandschuhe angezogen – wie an einem Tatort. Wenn jetzt jemand die Treppe heraufkam … Eine Festnahme wegen Einbruchs wäre ein wirklich grandioser Abschluss für diesen Tag.
Sie zog ein kleines Taschenmesser hervor, das sie immer bei sich trug. Polanski würde toben, wenn er erfuhr, dass sie ihm das Messer verschwiegen hatte: Es war nicht nur eine Stichwaffe, sondern auch noch ein Einbruchswerkzeug. Die Klinge war sehr dünn und an der Spitze zu einem Haken geschliffen. Ein Schränker hatte ihr einmal gezeigt, wie man damit einfache Sicherheitsschlösser knacken konnte.
Nach wenigen Versuchen drehte sich der Schließzylinder. Melanie Wahrig hatte nicht abgeschlossen. Und auch die Kette nicht vorgelegt, wie sonst, wenn sie zu Hause war. Dabei war Katharinas Nachbarin eigentlich übervorsichtig.
Die Wohnung war dunkel und still.
Katharina rief: »Frau Wahrig? Melanie?«
Keine Antwort.
Das Arbeitszimmer war leer, ebenso das Wohnzimmer und das Schlafzimmer.
Das Kinderzimmer auch.
Das Bad – leer.
Zuletzt ging Katharina in die Küche. Sie stieß mit dem Schienbein gegen etwas Festes, Hartes. Instinktiv griff sie zum Lichtschalter. In letzter Sekunde hielt sie sich zurück und betätigte den Schalter äußerst vorsichtig und nur am Rand.
Das Licht flammte auf. Katharina sah, woran sie sich gestoßen hatte: eine umgefallene Haushaltsleiter. Und dahinter lag jemand ausgestreckt auf dem Küchenboden: Melanie Wahrig.
Katharina stieg vorsichtig über die Leiter. Sie tastete nach der Halsschlagader der leblosen Frau. Der Puls war flach, aber regelmäßig. Als sie die Hand auf Melanies Brustkorb legte, spürte sie das Heben und Senken. Erleichtert atmete Katharina auf. Melanie Wahrig war noch am Leben. Sie gab der Bewusstlosen ein paar leichte Ohrfeigen, kniff ihr ins Ohrläppchen: keine Reaktion.
Katharina entschloss sich, die Verletzte nicht weiter zu bewegen. Stattdessen tastete sie nach dem kleinen Mobiltelefon in ihrer Tasche.
»Katharina!«, begrüßte sie die warme Stimme Oswalds am anderen Ende der Leitung. »Leider noch nichts Neues von der –«
»Ich habe sie gefunden. Ich brauche sofort einen Notarzt und einen Rettungswagen. Vermutlich schwere Sturzverletzung.«
Oswald schaltete sofort um: »Name, Adresse … Beides ist unterwegs. Maximal zehn Minuten.«
»Danke dir, Oswald.«
»Nichts zu danken. Das ist mein Job.«
***
Katharina sah sich in der Küche um. Man würde die Leiter wegräumen müssen, wenn der Notarzt kam. Der Gedanke behagte ihr nicht. Es konnte zumindest nichts schaden, jetzt gleich ein paar Fotos zu machen. Katharina zog eine kleine, flache Digitalkamera aus der Innentasche ihrer Jacke. Systematisch fotografierte sie den Körper von Melanie Wahrig, die Küche, die Leiter. Eine Tischkante war blutverschmiert: Offenbar war Melanie Wahrig dort mit dem Kopf aufgeschlagen.
Vorsichtig stellte Katharina die Leiter so auf, wie sie vermutlich gestanden hatte. Auch das fotografierte sie.
Erst die Türklingel riss sie aus ihrer Geschäftigkeit: der Notarzt, endlich!
***
Keine zehn Minuten später lag die Verletzte auf einer Trage, eine Infusion im Arm, den Kopf durch eine Halskrause gestützt. Die Sanitäter eilten die Treppe hinunter, während der Arzt mit dem Krankenhaus telefonierte. Er bestellte die volle Kavallerie: Neurologie, Orthopädie, Chirurgie, einen Platz in der höchsten Stufe der Intensivstation.
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