»Das ist nicht witzig!«
In den drei Jahren, die Katharina jetzt bei der Frankfurter Kriminalpolizei arbeitete, hatte sie ihren Chef noch nie so schreien gehört. Er brauchte einen Augenblick, bis er sich wieder beruhigt hatte: »Also? Noch irgendwas?«
»Ich habe noch Pfefferspray. Moment!« Katharina kramte in ihrer Handtasche, bis sich ihre Finger endlich um den gesuchten runden Gegenstand schlossen. Dachte sie zumindest. Doch was sie aus ihrer Tasche zog, war kein Pfefferspray, sondern eine dicke Rolle mit Geldscheinen. Fünfziger und Hunderter. Das mussten mindestens zwanzigtausend Euro sein. Woher hatte sie denn …? Ihr dämmerte es.
»Was ist das für Geld?«
Was sollte sie ihrem Chef erzählen? Besser die Wahrheit: »Das habe ich gestern Nacht beim Pokern gewonnen.«
»Sie haben …« Polanski lief wieder gefährlich rot an. »Stecken Sie es weg. Ich habe das nicht gesehen. Einfach nicht gesehen. Geben Sie’s aus. Lassen Sie das Geld verschwinden. Es darf nirgendwo auftauchen, auf keinem Konto, verstehen Sie?«
Katharina steckte die Geldrolle unschlüssig zurück in ihre Handtasche: »Wieso das denn jetzt schon wieder?«
»Wenn es nun heißt, das ist Bestechungsgeld?«
»Das ist doch absurd.«
»Ich weiß das. Aber die Interne Ermittlung wird das anders sehen. Und illegales Glücksspiel ist auch nicht gerade ein Beförderungsgrund.«
»Was hat das denn mit –?«
»Gar nichts. Oder alles. Katharina, es geht um Ihren Kopf! Hölsung wird alles tun, um Sie angeklagt zu sehen. Und die Interne Ermittlung will ein gnadenloses Exempel statuieren – gerade, weil die in letzter Zeit erfolglos sind.«
»Na, meinetwegen. Wenn Sie mich hier nicht mehr wollen …«
»Verstehen Sie nicht, dass ich Ihnen nur helfen will? Ich verliere gerade zwei gute Beamte anstatt einem. Und das nur, weil Sie Rambo spielen müssen und danach mit der Frankfurter Unterwelt zocken. Wenn das alles an die Öffentlichkeit kommt!«
»So? Ist das Ihre einzige Sorge? Wie das Polizeipräsidium in der Öffentlichkeit dasteht?« Katharina war so schnell aufgesprungen, dass Polanski vor Schreck fast mit seinem Sessel nach hinten umstürzte. Zwar war sie gerade groß genug für den Polizeidienst, aber ihre Schnelligkeit und ihre Kraft glichen den Größennachteil mehr als aus. »Ohne mich müssten Sie jetzt Walpurga Grüngoldt vor der versammelten Presse erklären, warum ihr Sohn bei einer schlecht geplanten Polizeiaktion getötet wurde. Und im Übrigen kann ich jederzeit den Dienst quittieren!«
Sie drehte sich um für einen großen Abgang.
Aber Polanskis Worte hielten sie zurück: »Dann müsste ich Sie jetzt festnehmen.«
»Was?« Katharina wirbelte herum.
»Jetzt beruhigen Sie sich wieder. Das ist genau Ihr Problem, wissen Sie das? Sie sind immerzu zornig. Warum, Katharina?«
»Warum was?«
»Warum sind Sie immer so zornig?«
Katharina zuckte mit den Schultern.
»Setzen Sie sich. Ich bin noch nicht fertig.« Polanskis Ton duldete keinen Widerspruch. Katharina setzte sich auf den vorderen Rand des Stuhls.
Ihr Chef lehnte sich vor: »Sie haben meine Frage nicht beantwortet. Warum sind Sie so zornig? Ich sehe Sie doch jeden Tag: Kaum ist ein Fall gelöst, stürzen Sie sich in den nächsten. Immer auf einem persönlichen Kreuzzug. Warum machen Sie sich kaputt, Katharina?«
Katharina betrachtete ihre Finger. »Ich glaube, das wissen Sie.«
»Ihre Familie?« Die Frage ließ Katharinas Blut aus ihrem Kopf sacken. Der Anruf aus Deutschland. Der Flug. Die Rechtsmedizin. Drei tote Körper auf Stahltischen.
»Glauben Sie mir, Katharina: Wir haben damals jede Spur untersucht. Sie würden nichts finden. Nicht sechzehn Jahre später. Und Sie wissen genau, dass ich Ihnen die Akten nicht geben darf. Sie sind Betroffene. So sind nun mal die Regeln.«
Katharina musterte immer noch ihre Finger. Sie hatte schmale, geschickte Hände. Chirurgenhände. Ärztin hatte sie werden wollen.
»Wie dem auch sei: Sie sind fürs Erste suspendiert. – Hören Sie mir überhaupt zu?«
Katharina nickte unmerklich. »Suspendiert.«
»Allerdings habe ich noch eine unangenehme Aufgabe für Sie. Sie müssen Thomas Henrich identifizieren. Niemand sonst hat Zeit dazu. Und seine Frau möchte ich nicht damit belasten.«
»Meinen Partner identifizieren. Schon klar.« Katharina nickte erneut mechanisch.
»Und am Montag finden Sie sich bitte beim Polizeipsychologen ein!«
Katharina sah auf. »Wozu das denn?«
»Das ist Vorschrift.«
»Wenn ich doch ohnehin gefeuert werde?«
»Katharina, ich versuche hier, Ihren Kopf zu retten. Tun Sie also gefälligst, was ich sage: Montag, acht Uhr dreißig bei Doktor Arnulf Sturmer. Er erwartet Sie.«
Katharina stand auf: »Kann ich dann gehen?«
»Ja.«
Sie hatte die Tür schon fast erreicht, als Polanski sie noch einmal aufhielt: »Ach, noch eines, Katharina.«
Was denn noch? »Ja?«
»Sie sind eine verdammt gute Ermittlerin. Vielleicht die beste, die je in diesem Präsidium gearbeitet hat. Ich will Sie nicht verlieren.«
»Danke!«
»Und es wäre an der Zeit, auch eine gute Polizistin zu werden.«
Katharina zuckte mit den Schultern und griff nach der Türklinke.
»Noch ein letztes Wort, Katharina?« Polanski hatte leise gesprochen. Versöhnlich. Überrascht drehte Katharina sich wieder zu ihm um.
»Die Akte Ihrer Familie: Sie befindet sich hier in meinem Schreibtisch. Und sie bleibt offen, bis wir …« Polanski hielt inne.
»Danke.« Katharina nickte ihm zu und ging endlich hinaus. Leise schloss sie die Tür hinter sich.
Und jetzt?
Sie entschied sich für das Nächstbeste: Schokolade und rohe Gewalt.
***
Katharina stolperte zurück. Das Shinai ihres Gegners hatte sie genau auf den Kopf getroffen.
»Konzentrier dich, Katharina!« Die Stimme von Hiroshi Yamoto, ihrem Kendo-Sensei, versprach keine Gnade. Genauso gut könnte er statt des Übungsschwerts aus Bambusstreifen ein scharf geschliffenes Katana in den Händen halten.
Katharina schwitzte unter der schweren Rüstung. Ihr Körper war müde. Fast zwei Stunden hatte sie auf die Sandsäcke im Dojo eingeschlagen und getreten, bis Hiroshi sie zu einem Übungskampf herausgefordert hatte. Jetzt scheuchte er sie bereits seit einer halben Stunde über die Kampffläche.
Katharina atmete langsam aus. Ihr Körper entspannte sich. Die Schwertspitze ihres Gegners zuckte; ihre Arme schossen vor, das Shinai traf genau auf den Helm von Hiroshi. Jetzt war es an ihm zurückzutaumeln.
»Schon etwas besser«, höhnte er.
Sie setzte einen wütenden Schlag hinterher. Doch der ging ins Leere.
Sie wirbelte herum … und im nächsten Augenblick lag sie auf dem Rücken, entwaffnet, das Schwert ihres Trainers am Hals.
Endlich ließ Hiroshi die Waffe sinken. »Genug für heute.«
Er streckte Katharina die Hand entgegen, um ihr aufzuhelfen. Dann löste er den Knoten, der den Helm auf ihrem Kopf sicherte. Katharina war froh, endlich wieder frei atmen zu können.
Sie half Hiroshi aus seinem Helm. Es war schwer zu sagen, wie alt der grauhaarige Japaner war, der unter der Maske zum Vorschein kam. Doch seinen Erzählungen nach musste er mindestens sechzig sein. Hiroshi Yamoto war der beste Kampfsportlehrer, den sie kannte. Und mit Händen, Füßen und Schwert schneller als viele Jüngere.
Sie verneigte sich vor ihrem Lehrer. Er erwiderte die Verbeugung knapp. »Lass uns duschen und Tee trinken.«
***
»Katharina, warum hast du vorhin verloren?« Hiroshi sah sie über den Rand seiner Tasse durchdringend an.
»Weil Sie extrem schnell und gut sind?«
Hiroshi lachte. »Dein Respekt ehrt mich, Katharina. Doch ich bin ein alter Mann und du eine junge, starke Kriegerin.«
»Nicht stark genug für Sie, fürchte ich.«
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