Joseph himmelt mich in Laxenburg an seines Vaters Seite schüchtern und unbeholfen an, er betet mich an, ist völlig vernarrt und verliebt in mich und ich gebe ihm das Gefühl, dass es mir genauso geht, Meisterin der Verstellung, die ich bin. Dabei ist er mir gleichgültig. Er sieht sehr gut aus, ist ein schöner Mann, voller Kraft und mit einem edlen, maskulinen, markanten Profil und mit sehr schönen blauen Augen, die er von seiner Mutter, der Kaiserin geerbt hat. Zudem ist er schlank und gut gebaut. Genau wie ich auch ist er recht gebildet und hat ähnlich wie ich fortschrittliche Ideen. Er hat sogar Kenntnis der Schriften Voltaires und Rousseau, was ich himmlisch finde, denn ich beschäftige mich sehr mit den Themen, die in Aufklärer - Circeln en vouge sind. Er beschäftigt sich auch sehr mit militärischen Themen, was mich merkwürdigerweise auch sehr interessiert. Ich kann mich gut mit ihm unterhalten und er spielt auch ausgezeichnet Cello, aber mein Herz lässt er absolut kalt. Er berührt es nicht. Ich müsste ihn lieben, so wie er mich liebt, ihn begehren, wie er mich begehrt, aber ich kann es nicht. Ich kann es nicht. Es geht einfach nicht.
Ich liebe Frauen und er ist nun einmal ein Mann und keine Frau.
So einfach ist das.
So einfach und unverrückbar.
Er ist mir genauso gleichgültig, wie mich der Pomp und die Feierlichkeiten angewidert haben. Man munkelt, dass für die Hochzeit am 6. Oktober 1760 trotz der hohen Kriegslasten rund drei Millionen Gulden ausgegeben worden sind, um mitten im Krieg ein großartiges Schauspiel darzubieten. Man will wahrscheinlich trotz angeblich leerer Staatskasse die uneingeschränkte finanzielle Potenz des Kaiserhauses demonstrieren. Dies war auch überaus notwendig aus der Kaiserin Sicht, denn nur einen Monat nach unserer Hochzeit brachte Friedrich II am 3. November 1760 in der Schlacht bei Torgau den österreichischen Truppen eine empfindliche Niederlage bei, was man am 6. Oktober natürlich noch nicht ahnen konnte.
Der Brautzug hat sich an diesem Tag drei Stunden lang durch die engen Gassen der Wiener Altstadt geschleppt. Vom Schloss Belvedere, in dem ich bis zu meiner Hochzeit mein Quartier hatte, aus zur Karlskirche und zum Kärntnertor, wo Bürger ein Spalier aus Waffen und Fahnen bildeten und sich vor Begeisterung die Kehlen heißer schrien. An jeder Straßenecke Dragoner zu Pferd in voller Bewaffnung, überall Musikkapellen, arm und reich, die sich bunt mischten. Alle Türen und Fenster waren von Menschentrauben belagert. Vom Kärntnertor ging es in die innere Stadt und ich konnte den Stock im Eisen Platz erkennen und den ersten riesigen aufwendigen Triumphbogen, dann den Graben, den Kohlmarkt und den Michaelerplatz, wo der zweite ebenso aufwendige Triumphbogen stand.
Wenn es nicht mein Hochzeitstag gewesen wäre, dann hätte ich diese Fahrt durchaus genossen, denn ich habe viel von Wien, meiner neuen Stadt gesehen, und Wien ist eine sehr schöne Stadt
Doch so sah ich nur den überzogenen Pomp und war angewidert. Lauter Prunkwagen, man munkelt, es wären neunzig sechsspännige Kutschen gewesen. Ich saß mit meiner Obersthofmeisterin Gräfin Antonia Erdödy in einem Prunkwagen des Fürsten Liechtenstein, der Joseph schon in Padua vertreten hatte. Ich möchte nicht wissen, wie viele Gulden dieser Wagen verschlingt. Außen himmelblau silber bemalt und reich mit Schnitzereien und Malereien verziert und von innen mit ebenso himmelblauem Samt ausgekleidet. Begleitet wurde der Wagen von
der Schweizer Garde in Parade-Kleidern und klingendem Spiel. Eigens aus Gips und Holz errichteten Triumphbögen, die mich, die Braut und das Haus Habsburg allegorisch verherrlichten. Unsere aus Silberbrokat angefertigten Prachtkleider, mein aus kostbarsten Brillanten überladenes Diadem, das einst meiner geliebten Mama gehört hatte, die ja die erste Prinzessin am Hofe Ludwig XV gewesen war. Die mit kostbarsten niederländischen Gobelins und Tapisserien dekorierte und mit unzähligen Kerzen erleuchtete Augustiner Hofkirche, in der Joseph und ich vom päpstlichen Nuntius Vitalino Borromeo getraut wurden. Den nahezu betäubenden Duft der vielen Wachskerzen und des Weihrauchs, der die Kirche nahezu tränkte, werde ich mein Lebtag nie vergessen, da mir ziemlich schwindelig wurde und ich Sorge hatte, in Ohnmacht zu fallen,
All die Lampions, die abends die Hofburg und die Straßen um den Stephansdom illuminiert haben, 3.000 sollen es an der Zahl gewesen sein. So eine Illumination soll man in Wien noch nie gesehen haben. Allein im inneren Burghof brannten zwei Reihen von 3.000 Wachskerzen und unzählige Fackeln. Das prunkvolle Hochzeitsmahl im wunderprächtigen Redoutensaal mit den erlesensten Speisen, die man sich nur vorstellen kann, obwohl die Habsburger allen voran Maria Theresia normalerweise nicht unbedingt Gourmets sind und die strikte Einhaltung der Fastenspeisen sehr schätzen. An diesem Tag allerdings wurde an überhaupt nichts gespart und wahrlich opulent getafelt. Ich hingegen aß nur wenig und nippte nur am Wein. Aufgrund der langen Wege waren die Speisen leider auch ein wenig kalt oder lauwarm, was dem Geschmack abträglich war. Zudem war es eine offene Tafel, die streng nach dem spanischen Hofzeremoniell zelebriert wurde. Es war also eine höchst formelle Mahlzeit, bei der die einzelnen Teller von den wichtigsten Würdenträgern des Hofes unter ständigen Verneigungen auf – und wieder abgetragen wurden, während Ehrendamen uns die Servietten überreichten und andere die Kerzenleuchter jede halbe Stunde aufs neue dem Silberkämmerer zum Polieren gaben. Bei diesem Aufwand war es wirklich kein Wunder, dass unser aller Suppe, eine Speise, die Maria Theresia über die Massen schätzt, kalt war und mir kaum mundete.
Freude hatte ich jedoch an der Tafelmusik von Christoph Willibald von Gluck. Die Opern und Musikaufführungen zu unseren Ehren dauerten mehrere Wochen an. Dies störte mich allerdings in dieser Hinsicht nicht, da ich Musik liebe und eine große Opernfreundin bin.
Ich gönne auch all den Menschen, die auf den Straßen getanzt haben, ihre Freude und ihr Glück und sie wollen alle wahrscheinlich den langen, immer noch andauernden Krieg und all das Leid vergessen. Ich kann damit aber nichts anfangen und es kostet mich Überwindung, die glückliche strahlende Märchenprinzessin zu spielen. Große Überwindung.
Ich denke immerzu an all die Verletzten und Toten der Kriege und Schlachten und die Armut, die Seuchen, die Hungersnöte, die in Europa wieder Einzug gehalten haben und es fest im Würgegriff halten. Die Menschen leiden und hungern und wir feiern und verprassen das Geld auf eine lächerlich anmutende Weise. Wie viele Kinder hätten einen vollen Teller Suppe und genug Brot zu essen, wenn wir Adeligen nicht in einem solchen Pomp leben würden? Ich mag gar nicht daran denken und es erst recht nicht laut aussprechen. Obwohl mich Joseph gewiss verstehen würde. Seine Gedanken zur Politik sind recht fortschrittlich und erstaunlich liberal, was ich widerwillig zugeben muss, da meine Meinung von Männern in der Tat nicht sehr hoch ist. Sie haben alle Macht in den Händen und unterdrücken und knechten die Frauen. Wie viel besser wäre die Welt, wenn Frauen mehr zu sagen hätten, viel mehr zu sagen. Aber das darf ich natürlich erst recht nicht ansprechen. Allerdings schreibe ich meine Gedanken als Aufsätze auf, was mir Freude macht.
„Teuerste, wo sind Sie nur mit Ihren Gedanken? Ihr habt Euren Kaffee noch gar nicht angerührt. Mundet er Ihnen nicht“, fragt Joseph mich freundlich und versucht über den Tisch meine Hand zu greifen, zieht aber diese zurück, da er sieht, dass ich meine Hände in meinem Schoss gefaltet habe.
Er ist mir immer mir immer noch fremd, wie er mir nur fremd sein kein, obwohl wir wenige Wochen nach unserer Hochzeit am 15. November gemäß der Tradition nach Klosterneuburg gefahren sind, um das Grab des österreichischen Landespatron, des heiligen Leopolds zu besuchen. Kaiser Karl VI., Josephs Großvater hatte Kloster und Kirche zu einem Escorial nach spanischem Vorbild ausbauen lassen. Er war in Spanien aufgewachsen gewesen und konnte den Verlust des Königreich Spaniens nur schwer verkraften. Im Angedenken an das Escorial baute er es zu einer vergleichbaren Klosterresidenz um, der Bau wurde jedoch nur zu einem viertel verwirklicht, nur zwei mit den Kronen der Habsburger geschmückte Kuppeln erinnern an den ehrgeizigen Plan von Josephs Großvater. Man sieht vom Escorial aus die Donau und das Wienerwaldgebirge. Joseph hatte seine Freude an dem Ausflug und war sehr stolz darauf, mir das Stift zu zeigen, dass sein Großvater erbauen ließ. Ich hab mir aber den Tod herbeigewünscht, denn es war alles so furchtbar nebelig und trist und ich habe mich schauderhaft schlecht gefühlt, was Joseph gar nicht zu bemerken schien.
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