„Wird wohl so sein, jawohl.“ Und meine Narbe, die wird es mir schon stecken, wenn es so ist, ergänzt Sailor in Gedanken, und vielleicht sollte ich mir Handschuhe zulegen, oder zumindest einen rechten Handschuh. Es ist kalt in der Stadt, und der Herbst geht in den Winter über. Sailor mag den Winter, der in diesem Jahr spät dran ist. Er mag ihn, weil er ihn für eine Jahreszeit hält, in der sich die Spreu vom Weizen trennt. Er mag die Kälte, und er mag es, wenn die Feuchtigkeit an den Fenstern zu Eis erstarrt und die Menschen zu Hause bleiben, weil sie den Winter für ihren Feind halten.
Von der Durchreiche, die den Gastraum mit der Küche verbindet, kommt das Geklapper von Porzellan, das aufeinandergestapelt wird, Besteck, das in den Besteckkasten geworfen wird, die Stimme des Chefkochs, der Anweisungen gibt. Ab 16 Uhr 30 werden Bestellungen entgegengenommen. Die erste Schicht findet heute nicht statt, und die zweite ist bereits seit 14 Uhr 30 zugange. Die meisten Tische sind reserviert. Es ist 15 Uhr 30. Der Mann am Flipperautomaten wirft eine Münze nach. Der Mann am Fenstertisch legt die Zeitung weg. Die Eingangstür öffnet sich, und eine Frau kommt herein. Sie geht an die Bar und lässt ihr Handy in der Handtasche verschwinden.
Die Frau gefällt ihm. Er nimmt sein Bier und den Filzdeckel, geht zu ihr und stellt fest, dass es eher ein Mädchen als eine Frau ist. Neben dem Barhocker, auf dem sie sitzt, steht ein weiterer, freier Barhocker. Er will sich erst setzen, bleibt dann aber stehen. Er fühlt sich sicherer, wenn er steht. Sie gefällt ihm sehr, auch wenn er nicht genau sagen kann, was es ist, was ihm an ihr gefällt. Er stellt sein Glas ab. „Tolle Handtasche, Sie gefallen mir.“ Sie zeigt keine Reaktion. „Sie gefallen mir sehr.“ Er setzt sich auf den freien Barhocker. „Ich will mit Ihnen schlafen.“ Er glaubt zu erkennen, dass sie zusammenzuckt. „Mein Weihnachtsgeschenk, wenn Sie so wollen.“ Er spürt keine Angst. Die würde er spüren. Er kennt die Angst, in all ihren Variationen. Er winkt dem Kellner und bestellt einen Bloody Mary. „Mit Eis, Herr Wirt, denn ohne Eis ist ein Bloody Mary nichts wert.“ Er wendet sich an die Frau. „Sie mögen Bloody Mary?“ Sie antwortet nicht. „Ich kenne keine Frau, die Bloody Mary nicht mag, wenn er nur mit genug Eis zubereitet wird.“ Der Kellner stellt den Drink hin. Sailors Blick umfasst das Lokal. „Was macht eine Frau wie Sie am Heiligabend an einem Ort wie diesem?“
„Weihnachtsgeschenk für wen?“ Ihre Stimme ist sehr hell, sie wirkt fast hysterisch. Ihr Körper spricht nicht mit. „Für Sie“, sagt er, „für uns beide.“ Sie sagt: „Ich studiere Psychologie.“
Sailor ignoriert den schrillen Ton, und die Stummheit ihres Körpers fällt ihm nicht auf. Sie nimmt den Strohhalm aus dem Glas und legt ihn in den Aschenbecher.
„Kennst du Henry Miller?“, geht Sailor unvermittelt zum Du über. Sie nickt, ohne dass er es wahrnimmt. „Ich sage dir“, sagt er und hebt den Zeigefinger, „dass dieser Mann keine Ahnung von Sex hat.“ Ihr Blick folgt der Richtung, die der Zeigefinger anzeigt, und sie stellt sich vor, dass er auf Henry Miller zeigt, und dass Henry Miller keine Ahnung von Sex hat, und sie lacht bei dem Gedanken, weil Henry Miller da oben steht und eigentlich von allem eine Ahnung haben sollte. Ihr Körper lacht nicht mit. Der Mann versteht ihr Lachen als Aufforderung. „Psychologie des Schreibens“, sagt er lachend und schüttelt sich ein wenig, „Herr Miller schreibt über das, was er nicht hat, aber gern hätte.“ Er erkennt sie nicht. Möglich, dass er noch nie eine Frau erkannt hat, sowenig wie man ein Stück Seife oder das Feuer eines Streichholzes erkennt. Sie sieht ihn nicht an. Sie hat ihn die ganze Zeit über nicht angesehen. Sie weiß, dass er es ist. „Fröhliche Weihnachten“, sagt der Mann, „ich will mit dir schlafen, und wenn es nicht das ist, was du dir vorstellst, dann hören wir wieder auf damit.“ Er spürt die Vorfreude. Er sieht sie an und wartet auf ihre Zustimmung. Sie stimmt ihm nicht zu. „Ich muss mit dir schlafen“, sagt er und denkt sich, dass er sie bald so weit hat, denn wenn ein Mann etwas muss, dann kann ihm das keiner verwehren.
„Wo kämen wir hin, wenn das alle müssten?“ Es ist wieder nur ihre Stimme, die spricht, und er fragt sich, was mit ihr los ist, weil die Stimme das einzige ist, was nicht zu ihr passt, und vielleicht noch dieser Graben über der Nase, der die Stirn in eine untere und eine obere Hälfte teilt. Er winkt dem Kellner. „Einen Bloody Mary, und natürlich auf Eis.“ Sailor schiebt ihm sein leeres Bierglas hin. „Das auch nochmal vollmachen, und sobald die Dame ihr Glas leer hat, machen Sie ihr ein neues.“ Der Kellner sieht sie beide an, und man erkennt an seinem Blick, dass er die Gäste, die in seinem Lokal verkehren, weder für Damen noch für Gentlemen hält. „Haben Sie mich verstanden?“, hakt Sailor nach, „ich will, dass diese Dame immer ein volles Glas Bloody Mary vor sich stehen hat.“ Der Kellner nickt. „Ich werde darauf achten.“ Er wirft sich ein Handtuch über die Schulter und beginnt, die Gläser vom Abtropfgitter zu nehmen und in das Wandregal zu stellen. Sailor ist sich jetzt sicher, dass die Frau nicht ohne Getränk sein wird. Er könnte ihr Geld anbieten, aber lieber macht er sie betrunken. Er sieht an ihr runter und stellt fest, dass ihre Kleidung die einer Nutte sein könnte. Eine eng anliegende Bluse, die keinen tiefen Ausschnitt hat, aber alles zeigt, was ein Mann an einer Frau begehrt, und die so kurz ist, dass man den Bauchnabel sieht, und dazu trägt sie einen Rock, der so tief auf der Hüfte sitzt, dass er glaubt, die Farbe ihres Schamhaares zu erkennen, und Stiefel aus rotem Leder mit Absätzen trägt sie, die nicht größer sind als ein Centstück. Vielleicht ist es das, was mir an ihr gefällt, überlegt Sailor, die Nutte an ihr. Er bietet ihr kein Geld an.
„Du hast telefoniert?“ Er erkennt sofort, dass er die falsche Frage gestellt hat. „Ich habe dich gesehen“, versucht er die Frage zu erklären, „wie du mit dem Handy hier rein bist.“ Er deutet auf die Tür und sucht gleichzeitig nach der richtigen Frage. Es gibt viele Fragen, überlegt er, du musst nur eine finden, die richtig ist. Du musst sie hier rausmanövrieren, überlegt er weiter, das wäre richtig. Sie zeigt keine Reaktion, auch nicht auf die falsche Frage, und er denkt sich, dass sie vielleicht doch nicht falsch war. Vielleicht ist es das, worüber sie reden will. Der Anruf, der sie enttäuscht oder verletzt oder sonst wie berührt hat.
03. Dienstag, 24.12.2013 |
03. Dienstag, 24.12.2013 |
Henry Schleyer betritt das Lokal. „Sailor“, sagt er und verbeugt sich kurz aber höflich zur Frau hin, „da hat so einer wie du keine Chance.“ Er wendet den Blick seinem Freund zu. „Außer, du hast sehr viel Geld.“
„Und wenn so einer wie ich das hat“, entgegnet Sailor, „und sei es nur für einen Abend?“ Es ist allen dreien klar, dass die Frage nicht an den Freund, sondern an die Frau gerichtet ist. Die Frau reagiert nicht.
„Ich spreche von viel Geld“, sagt Schleyer, „von sehr viel Geld, und das hat man nicht für eine Nacht.“
Corinna leert ihren Drink. Der Kellner hat einen neuen vorbereitet. Er füllt mit einer Greifzange Eis in das Glas.
„Du bist früh dran“, sagt Sailor.
„Tut das etwas zur Sache?“
Und ob es das tut, denkt Sailor, du kommst mir hier in die Quere, jetzt, wo ich sie fast so weit habe. „Trinkst du einen mit?“, fragt er laut und legt vier zerknitterte Hundert-Euro-Scheine auf den Tresen.
„Deine Miete für nächsten Monat?“
„Und wenn schon, heute ist es das Geld, mit dem ich einen ausgebe.“ Sailor nimmt einen Hunderter und glättet den Schein, indem er ihn über den Rand des Tresens zieht. Schleyer bestellt ein Bier.
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