Billy Remie - Herz des Südens

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Verlassen und verraten von der eigenen Familie, seiner Heimat und seines Erbes beraubt, bleibt ihm nur die Flucht. Er ist ein Gigant, ein Südländer, ein Mann aus den Bergen. Zum Lord geboren, zum Regieren erzogen, kennt sein Herz nur eine einzige Sehnsucht: Über den Süden, seine geliebte Heimat, zu herrschen. Deshalb bereitet er sich darauf vor, sein Recht zurückzufordern. Sein einziger Verbündeter: Ein blutjunger Söldner, der ebenfalls vor seinen Feinden auf der Flucht ist. Von Anfang an fühlt sich der Gigant magisch angezogen von der exotischen Schönheit, die den anderen Mann umgibt. Und während sie wie Hunde durch eisige Winde und tiefe Wälder gejagt werden, wird aus ihrer notgedrungen Zweckgemeinschaft lodernde Begierde. Zwischen Gefahren und Geheimnissen entfacht jedoch eine Leidenschaft, die ihren Mut stählt. Doch scheint ihre Liebe unter keinem guten Omen zu stehen, denn der Gigant ist mit einem finsteren Fluch belegt, der jeden in seiner Nähe in Gefahr bringt, und auch der junge Söldner scheint nicht der zu sein, der er zu sein vorgibt. Hohe Mächte erwachen und versuchen, die beiden Gefährten auseinander zu reißen. Ihre Liebe scheint zum Scheitern verurteilt.
Eine abenteuerliche Liebschaft und eine Entscheidung zwischen Heimat und Pflicht und der Liebe des Lebens.

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Vielleicht sollte er aufstehen und gehen. Was war sein Anliegen schon wert, gemessen an dem Leben eines Prinzen? Es ging nur um eine Burg.

Aber es war seine Burg. Rahffs Burg! Sie war das Einzige, was er besaß. Das Einzige, was ihm wichtig war, was ihm wirklich etwas bedeutete. Das Schwarzfelsgebirge war seine Heimat, dort lebte sein Volk, dort züchtete er die besten Pferde des Landes, dort war er aufgewachsen und zum Mann geworden, dort hatte er gelernt, was es hieß, ein Anführer zu sein. Dort lag all das, worauf er stolz war. Er hatte dieses Leben mehr als vierzig Winter gelebt, er kannte nichts anderes. Und dann ward es ihm genommen worden! Von seinem eigenen Onkel!

Ohne die Burg war er ein Nichts, das hatte er in den letzten Wochen zu deutlich gespürt. Er hatte keine Frau, keinen Geliebten, keine Kinder, nun auch keinen Vater mehr. Woran sonst hätte sein Herz hängen können, wenn nicht an seiner Burg und seinen berühmten Pferden?

Nein, das Gebirge war alles, was wirklich für ihn zählte. Sein Herz schlug nicht in seiner Brust, sondern tief im Schwarzfelsgebirge.

Also ganz gleich wie groß sein Mitgefühl auch sein mochte, er blieb sitzen und würde auf die Unterstützung der Krone beharren. Weil er sich ansonsten gleich in sein Schwert stürzen könnte.

»Mein König, ich weiß, es ist nicht der idealste Zeitpunkt, aber die Zeit drängt.« Rahff rückte an die Kante seines Stuhls, er konnte jetzt nicht stillsitzen. »Wie ich Euch bereits schrieb, hat mein Onkel Zareth meinen Vater ermordet und mit seinen Anhängern meine Burg eingenommen. Er ist für uns alle eine Gefahr, ich brauche Eure Hilfe, um ihn zur Rechenschaft zu ziehen.«

Der König lächelte bedauernd, seine Augen wurden warm. »Euer Verlust belastet auch mich schwer, Silberlöwe, bitte glaubt mir das! Für Mord und Verrat habe ich nichts übrig. Vor allem nicht unter meiner eigenen Herrschaft.«

»Dann helft mir, diesen Verbrecher seiner gerechten Strafe zuzuführen! Klagt ihn an!«

Doch König Wexmell legte zweifelnd den Kopf schief. »So einfach ist das leider nicht.«

Rahff umfasste die Lehne seines Stuhls so fest, dass das Leder seiner Handschuhe knirschte. »Wieso nicht?« Es machte ihn wütend, dass der König seine Not nicht ernst zu nehmen schien. Sie verschwendeten hier wertvolle Zeit! Zeit, die er nicht mehr hatte.

»Es geht um den Fluch.«

Es war nicht der König, der geantwortet hatte, sondern eine Stimme, die sich im Rahmen einer Nebentür erhob. Eine Stimme, die ihm nicht fremd war.

Rahff fuhr herum und starrte den Mann an, der selbstsicher den Raum betrat. »Du…«, knurrte er wie ein wütender Wolf. Ungläubig wandte er das Gesicht wieder zu seinem König, der entschuldigend mit den Schultern zuckte.

»Manchmal sind Recht und Unrecht so nahe beieinander gelegen, dass sich ein genauerer Blick nicht vermeiden lässt«, sagte er zu Rahff. »Vergebung, Silberlöwe.«

*~*~*~*

Auf einem großen Markt durfte natürlich auch keine Hinrichtung fehlen.

Desiderius schlenderte gerade aus der Schenke am Markt – die genau diesen Namen auf dem Schild über ihrer frisch geschliffenen Holztür trug – als er den Trubel um den Galgen herum bemerkte.

Er mochte keine Hinrichtungen. Aus den naheliegenden Gründen. Seltsamerweise sah er immer sich selbst dort oben stehen. Gehängt oder gerädert wie es einem Dieb zustünde, oder verurteilt zum Tode durch die Säge – wobei der Delinquent kopfüber hing und mittig bei lebendigen Leibe durchgesägt wurde –, wie es ein Mörder verdiente, der einen Geistlichen auf dem Gewissen hatte.

Was Rahff wohl noch von ihm halten würde, wüsste er um diese Tat?

Desiderius schüttelte den Kopf. Rahff hier, Rahff da. Er hatte sich in der Schenke den Kopf zu gesoffen um den Giganten aus seinen Fantasien zu verbannen, doch der Wein hatte alles nur noch schlimmer gemacht. Er dachte durchweg nur noch an Rahff. An die Art und Weise, wie er sich das lange Haar auf der linken Seite hinter das Ohr strich, und wie die Strähnen auf der rechten Seite trotzdem noch sein Gesicht verhingen. Diese eine Locke, die stets über seiner Nase lag, die ihn aber nicht zu stören schien. Er dachte an die Wärme seiner Berührung, an die Glut in seinen Augen, an den dunklen Kehlkopfgesang, der keine Worte kannte und ihn sanft in den Schlaf wiegte. Er war von Beginn an besessen von ihm gewesen.

War er wirklich derart weich im Inneren, dass ihn diese Nichtigkeiten den Kopf verdrehten?

Von dem Gesang eines Mannes zu träumen war nicht gerade männlich, ermahnte er sich und verbannte Rahff aus seinem Kopf.

Der Wein stieß ihm sauer auf, während er sich durch die Menge drängte, bis er nahe genug an den Galgenplatz heran war, um der Hinrichtung beizuwohnen. Denn so etwas machten echte Männer doch, nicht wahr? Sie blickten dem Tod ungerührt entgegen.

Doch es war eine Sache, sich in einen Kampf zu werfen oder bei der Jagd einem Tier zuzusehen, wie das Leben aus seinen Augen wich, und eine ganz andere Sache, einem Henker bei der Arbeit zu beobachten. Desiderius hielt es schlichtweg für feige, einen wehrlosen Mann zu töten.

Dennoch war ihm bewusst, dass die Todesstrafe einen gewissen Sinn verfolgte. Denn was würden Verbrecher mehr fürchten als die eigene Hinrichtung?

Diese zur Schau gestellten Morde waren zugleich Mahnmal für alle gleichgesinnten, und Unterhaltung für das gemeine, blutgierige Volk.

Ein junger Bursche stand dort oben, er trug lediglich eine zerschlissene lange Unterhose und wirkte besonders zerbrechlich neben dem Henker, dessen Gesicht mit einer seltsamen Kopfbedeckung verhüllt war. Ein schwarzer, ledriger Sack war über seinen Schädel gezogen worden. Er trug eine Fleischerschürze über der Schwarzstahlrüstung und hielt mühelos mit einer Hand das Richtbeil. Doch der Angeklagte sollte nicht enthauptet werden, die Waffe diente an jenem Tag lediglich zur Zierde.

Der Bursche zitterte, seine dürren Stelzen schlackerten wie Fahnen im Wind, das aschblonde Haar klebte ihm im kalkweißen Gesicht, die blauen Lippen bebten. Vielleicht betete er.

Ein Priester im weißem Gewand, der nicht weniger korpulent als der Henker war, jedoch wesentlich gedrungener wirkte, gab dem Verurteilten einen letzten Segen mit: »Mögen die Götter Eurer Seele gnädiger sein als wir Lebenden es waren.«

Desiderius fand diese Worte sehr passend, auch das bedauernde Gesicht des Geistlichen kaufte er diesem ohne Zweifel ab.

Ebenfalls anwesend war Lord Schavellen. Ein Grünschnabel, nicht viel älter als Desiderius, der die Stadt verwaltete, sollte der König nicht anwesend sein. Der blonde Mann stand dicht bei dem Henker auf dem Galgenpodest und grinste unpassend fröhlich, als befände er sich auf einem Bankett.

Er war nicht der einzige, die meisten Umstehenden jubelten und zeigten sich gegenüber dem Tod rücksichtslos. Menschen, Luzianer, Giganten, Wüstenmenschen, aus jedem Volk war ein Vertreter dabei, die Fehden unter einander vergessend, während sie gemeinsam grausamer Gewalt frönten. Die Menge beschimpfte den Verurteilten, der nicht älter als fünfzehn Sommer sein konnte. Der arme Junge bekam einen faulen Salatkopf übergeworfen und nässte sich ein. Desiderius` ausgeprägter Geruchsinn konnte den Uringeruch auf dem ganzen Platz wahrnehmen. Manchmal war es ein Fluch, ein Luzianer zu sein.

Nachdem der Priester den Galgen verlassen hatte, packte der Henker den Verurteilten und drückte ihn grob nach vorne, um ihm die Hose runter zu reißen. Der Junge brüllte und heulte Rotz und Wasser, als er angebunden wurde. »Ich bin unschuldig! Ich bin unschuldig!«, beteuerte er immer wieder. Doch selbst wenn seine Rufe durch den Jubel der Menge gedrungen wären, hätte ihm niemand geglaubt. Niemand außer Desiderius, der nicht einmal mitbekommen hatte, worum es ging. Es gab einen winzigen Unterschied in der Verzweiflung eines Unschuldigen und eines Schuldigen, die ihm selten entging.

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