Desiderius bekam das Gefühl nicht los, dass Rahff seinen tierischen Gefährten hinter ihm herschickte, doch er brachte es nicht übers Herz, den Kater wegzuscheuchen, da er eigentlich in diesem Moment nicht allein sein wollte.
Ein Baumstamm lag umgestoßen von einem längst vergangenen Sturm über dem Bachbett. Desiderius erklomm das Ufer und kletterte auf die umgestürzte Tanne.
Nachdenklich ließ er die Beine in der Luft baumeln und blickte den Bach hinunter. Das Wasser wurde immer dünner, nicht mehr als ein Rinnsal in der Landschaft.
Seine Augen brannten und er schniefte leise. Alles in seinem Inneren krampfte, während er eisern versuchte, jede Träne zurückzuhalten.
Nicht hier, nicht jetzt.
Er wusste es. Natürlich wusste er es. Aber es war etwas anderes, dieses Wissen still hinzunehmen und es dann doch auszusprechen. Letzteres machte aus den stummen Gefühlen etwas Wahrhaftiges. Unleugbares. Als wäre der süße Traum in bittere Gegenwart umgeschlagen.
Nein, er wollte nicht, dass Rahff es ansprach. Worte nahmen dem Gefühl seine Leichtigkeit, stahlen dem süßen Sehnen die Schönheit, und machten es stattdessen zu dem, was es in Wahrheit war. Ein verbotenes Begehren. Nur einen Grund mehr, den seine Familie hätte, ihn Schande zu schimpfen und aufzuknüpfen.
Er hasste es, Dingen einen Namen zu geben, das verlieh ihnen Macht über ihn. Es war schöner, sich einfach treiben zu lassen, nicht wahr zu nehmen, ob es Traum oder Wirklichkeit war, wenn geschah, was geschehen musste.
Nebelkralle gelang es endlich, ebenfalls auf den Stamm zu klettern. Er tapste eilig auf Desiderius zu, als habe er Angst, ihn zu verlieren. Desiderius verstand ihn sehr gut in diesem Moment. Der Kleine rutschte aus, krallte sich panisch an die Rinde, doch sein Gewicht zog ihn nach unten.
Desiderius packte ihn im Nackenfell und setzte ihn auf seinen Schoß. Sanft ließ er die Fingerspitzen durch den dicken Pelz gleiten, malte die langsam erbleichenden Punkte auf dem sandigen Grund nach.
Manchmal wünschte er, Rahff würde ihn so berühren, wie er den Kater berührte. Dass Desiderius sich abends am Lagerfeuer vor ihm ausstrecken konnte, oder auf ihm, und dass Rahffs große Hand sanft seinen Rücken vom Nacken bis zum Gesäß streichelte.
Nicht hier, nicht jetzt.
Wann dann? Wenn er ihn besuchen durfte? Wann sollte das sein?
Warum hatte er Rahff nicht gefragt?
Weil er sich fürchtete, deshalb. Weil Rahff ihn eine Ablenkung nannte. Mehr war er nicht für ihn, würde nie mehr sein. Eine Ablenkung.
Warum bin ich dann hier?
Weil er dich braucht, sagte seine Skepsis, deine Fähigkeiten nötig hat. Weil er … dich ausnutzt, so wie es jeder tut.
Nein, schrie seine Hoffnung, Rahff ist anders.
Desiderius schloss die Augen und vertrieb die streitenden Stimmen aus seinem Kopf. Er beugte sich vor, schloss die Arme um Nebelkralle und drückte ihn fest. Der Kleine wehrte sich zunächst, aber als sein Pelz Desiderius` Tränen auffing, hielt er still.
*~*~*~*
Als Desiderius eine Weile später mit Nebelkralle auf dem Arm zum Lagerort zurückkehrte, war Rahff nirgends zu sehen. Ob er noch am Wasserfall war? Vielleicht sammelte er Muscheln.
Fels sah Desiderius an und begrüßte ihn mit einem vorwurfsvollen Schnauben, zwischen den Bäumen stand Schnee und warf wild den Kopf rauf und runter, als wollte er seinem Freund Recht geben.
Seufzend setzte Desiderius den Puma ab und kümmerte sich dann unter den strengen Blicken der Pferde um das Feuer. Er wusste gar nicht, warum er sich von ihnen getadelt fühlte. Sie waren doch nur dumme Tiere!
Der Gedanke schmerzte selbst ihn und er war froh, dass er ihn nicht laut ausgesprochen hatte. Er tat diesen sanften Riesen unrecht, schließlich trugen sie keine Schuld an seinem Leid.
Das Gefühl, dass selbst die Pferde ihn mit argwöhnischen Augen betrachteten, verdankte er seinem schlechten Gewissen. Er glaubte, sie könnten es ihm anmerken, dass er Rahff im Stich lassen wollte. Als er dort über dem Bach auf dem Baumstamm gesessen hatte, war er drauf und dran gewesen, zu verschwinden. Ohne ein Wort. Wie er auch vor Markesh davongelaufen war, mitten in der Nacht, ohne Vorräte, nur die Ketten als Rücklage im Gepäck, und die Kleider, die er am Leibe trug.
Doch er hatte Nebelkralle zurückbringen müssen, und auf dem Weg zum Lager hatte er sich besonnen. Rahff würde wissen, wie peinlich ihm die Situation in der Höhle war, wenn er klamm heimlich vor ihm flüchtete. Außerdem wollte er nicht, dass der Gigant ihn für einen Feigling hielt.
Ihm gefiel der Gedanke nicht, jemand zu sein, der einen anderen im Stich ließ, vor allem da dieser andere sich auf ihn verließ. Desiderius wollte zu einem Mann werden, dem andere vertrauten. Vielleicht aus dem Grund, weil sein eigenes Vertrauen stets ausgenutzt wurde.
Knisternd fraß die Glut sich an den trockenen Ästen satt, die Desiderius aufgelegt hatte, bevor das Feuer erlosch. Kleine Flammen leckten an dem Holz, als das Lagerfeuer neu entfachte.
Er ließ es wieder abbrennen, weil er in der Dämmerung nicht zu viel Licht verursachen wollte.
Es war still, kein Mensch war in der Nähe, die Tiere hielten sich meist fern, vertrieben vom strengen Geruch der kleinen Raubkatze, selbst die Vögel schwiegen so spät am Abend.
Dieser Wald war ihm unheimlich, auch wenn er die Tannen für ihre immergrünen Äste bewunderte, sehnte er sich nach moosbewachsenem, fruchtbarem Waldboden.
Immerhin war es weich, als er sich hinlegte. Nebelkralle sprang auf ihn, der einzige Freund, der ihm letztlich wirklich nahekam. Desiderius schob einen Arm unter den Kopf, kraulte den Kater, der sich auf seiner Brust ausstreckte, und blickte grübelnd gen Himmel.
Ich kann mir keine Ablenkung leisten! Mit anderen Worten: Mach einfach das, wofür ich dich mitnehme, und erwarte nichts.
So viel dazu, sie wären ein eingespieltes Gespann. Rahff benutzte ihn doch nur.
Aber er hat dir selbstlos das Leben gerettet , erinnerte ihn sein Herz.
Als die Nacht beinahe schon ihren finsteren Mantel über das Land legte, bequemte sich der Herr Silberlöwe zurück ins Lager. Desiderius beachtete ihn nicht, beobachtete ihn jedoch aus den Augenwinkeln.
Rahff ging barfuß, seine Füße trotzten den spitzen Nadeln auf dem Boden, er trug seine langen Unterhosen, aber kein Hemd. Er stellte seinen Schild und seine Waffen an einen Baum, legte seine Rüstung dazu. Seinen Umhang hatte er zum Sack umfunktioniert, den er nun über der Glut ausgoss.
Es zischte laut, als die feuchten Muscheln in das Feuer fielen. Rahff blickte Desiderius an, ihre Augen trafen sich, aber keiner sagte ein Wort. Rahff schüttelte verstimmt den Kopf.
Welchen Grund er hatte, sich über Desiderius zu ärgern, konnte sich dieser nicht erklären.
Rahff ging in die Hocke und nahm einen Ast zur Hilfe, um die Muscheln in der Glut zu drehen.
Als er anfing zu Essen, fragte er nicht, ob Desiderius Hunger hatte, er aß einfach drauf los. Wie könnte es auch anders sein, ganz gleich welche Sorgen ihn plagten, Rahff war immer hungrig.
Während der Gigant schmatzte, drehte Desiderius sich auf die Seite, mit dem Gesicht zur Glut. Nebelkralle, der auf ihm geschlafen hatte, rutschte von seiner Brust neben ihn auf die Decken. Er öffnete die müden Augen, schaute verärgert drein, roch jedoch die Muscheln und blickte sich nach der Köstlichkeit um.
Treulos wie er war, ging er zu Rahff, der ihn umgehend fütterte.
Desiderius beobachtete die beiden dabei, verspürte so etwas wie Eifersucht. Nicht auf Nebelkralle, sondern auf die Selbstverständlichkeit seiner Nähe zu Rahff.
Nachdem er satt war, tapste der Puma zurück zu Desiderius und streckte sich neben ihm auf dem Lager aus, als gehörten die Decken ihm und er duldete den Dieb lediglich darauf. Desiderius streichelte dem kleinen König den voll gefressenen Bauch, während der Puma sich ordentlich putzte, ehe er den Kopf ablegte und die Augen genüsslich schloss.
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