Tapsig sprang Nebelkralle jedem Rascheln hinterher, scheuchte Vögel auf und verjagte Igel. Er schien nicht hungrig, die Jagd machte ihm lediglich Freude. Er duckte sich gern tief auf den Boden, lauerte jedem Schatten auf und sprang unerwartet alles an, was sich bewegte. Manchmal blieb er stehen und hob eine Tatze, bewegte sich kein Stück, wie zu einer Statue erstarrt. Irgendwann würde er ein guter Jäger werden, dessen war Desiderius sich sicher. Und wäre das Tier nicht Rahffs Gefährte, hätte er sich vor diesem Tag gefürchtet.
Nicht, dass er dann noch bei ihnen wäre.
Der Gedanke machte den Wald noch düsterer. Desiderius beeilte sich, zum Bach zu gelangen.
Er war nicht weit, nur den Hang hinab, hinter dichtem Unterholz. Der Wasserfall plätscherte laut auf dunkelgraues Gestein. Jemand summte.
Lächelnd kämpfte Desiderius sich durch das braune Gestrüpp, kleine Äste, Dornen und Nadeln verfingen sich in seinem Haar und seiner Rüstung. Er kam direkt am Wasserfall heraus.
Er war nicht sehr hoch, auch der Bach war weder tief noch eine reißende Flut, doch es genügte, um sich darunter zu waschen, so gut man sich ohne Seifen eben waschen konnte.
Nicht, dass Desiderius häufig Seife zur Hand hatte.
Stiefel lagen am Flussufer, hastig ausgezogen, der Schild lehnte an einem Stein, die Axt und das Langschwert daneben. Eine Hose lag auf dem Boden, Umhang, Harnisch und Unterwäsche ebenso.
Rahff stand unter dem kristallklaren Wasser. Vollkommen nackt. Wegen der Feuchtigkeit glänzten seine schönen Muskelberge, sie spiegelten in der Abendsonne, die durch die Bäume fiel. Die Haut wirkte glatt wie Seide. Schwer und strähnig fielen seine dunklen Locken auf seinen gebräunten Nacken. Das Wasser floss in klaren Linien über seinen kräftigen, langen Rücken, der zur Hüfte hin deutlich schmäler wurde. Das Becken wäre leicht von hinten zu umfassen, leicht zwischen den Beinen aufzunehmen. Seine Wirbelsäule beschrieb eine sanfte Wölbung, und sein Gesäß besaß zwei perfekte Halbkugeln, die äußerst stramm wirkten. Eine wunderbare Stelle, um sanft hinein zu beißen.
Der Gigant war eine lebensechte Statue des Kriegsgottes Tahnn, der für seine rohe Schönheit und göttliche Lust überall bekannt war. Rahff machte ihm deutlich Konkurrenz.
Desiderius erinnerte der Anblick an einen Traum, den er in letzter Zeit häufig träumte. Tagsüber. Ganz bewusst im wachen Zustand. Rahff, wie er nackt im See steht, sich wäscht, und wie er, Desiderius, zu ihm geht und sich an seinen breiten Rücken schmiegt, wie er ihm die Schultern küsst.
Zum ersten Mal in seinem Leben spürte er den drängenden Wunsch, einen Mann wahrhaftig zu berühren, nicht nur dessen Anblick zu genießen. Nein, er wollte wissen, wie sich Rahffs Haut anfühlte. Seiden oder samtig? Wollte wissen, wie sein Nacken und sein Haar rochen. Sehnte sich danach, jede Kuhle, jede Rille, jeden Zoll seines Körpers mit den Lippen zu erkunden. Er wollte herausfinden, wie Rahff schmeckte.
Nebelkralle strich an Desiderius` Beinen entlang und lenkte ihn kurzweilig von Rahffs nackter Rückansicht ab. Der Kater blickte mit großen Glubschaugen schnurrend und erwartungsvoll zu ihm auf. Seufzend ging Desiderius in die Hocke und hielt seine Hand dem Puma entgegen. Das kleine Köpfchen rieb sich daran, sodass Nebelkralle sich selbst streicheln konnte.
Desiderius blickte wieder auf. Rahff hatte ihn mittlerweile bemerkt und schaute schweigend zu ihm herüber. Er wusch sich die Achseln mit groben Bewegungen.
Sie sagten nichts, brauchten keine Worte.
Rahffs Augen wurden warm, sein Mund lächelte sanft. Er drehte sich jedoch nicht um, ließ den Wasserfall seinen Schritt verhüllen.
Desiderius senkte den Blick, streichelte über die runden Öhrchen des Katers. Er schnaubte amüsiert, als er sich an einen Abend vor einigen Wochen erinnerte. Sie hatten eine kurze Rast eingelegt, um die Pferde am Fluss trinken zu lassen und um sich selbst zu erleichtern. Als Desiderius an einem Baum stand und stöhnend seine volle Blase lehrte, trat Rahff einfach neben ihn und fragte ihn über die Rute aus.
»Vielleicht sollten wir ein Stück nach Osten in den Wald hinein, um dort zu lagern«, so etwas in der Art hatte er gesagt und sich grübelnd am dunklen Bart gekratzt.
Desiderius hatte ihn schockiert angefaucht: »Kannst du dich bitte abwenden?«
Rahff war sich keiner Schuld bewusst gewesen, er hatte ihm gelassen in die Augen gesehen. Eine Ruhe an den Tag legend, die Desiderius an ihm oftmals ärgerte und gleichzeitig bewunderte.
»Weshalb?«, hatte er wissen wollen. »Da ist nichts, was ich nicht auch habe.« Doch er hatte gestockt, sein Blick war nach unten gezuckt. Desiderius hatte die Hände vor seinem Schritt überschlagen. »Na ja…«, Rahff hatte breit gegrinst, »wenn man es genau betrachtet, hab ich sogar deutlich mehr.«
Desiderius war alle Farbe aus dem Gesicht gewichen, alle Scham war vergessen. »Was meinst du damit?«, hatte er mit trockenem Mund gefragt.
»Nichts.« Rahff hatte sich winkend abgewandt. »Schon gut. Lass uns aufbrechen.«
»Nein. Rahff!« Stolpernd war er dem Giganten nachgeeilt, während er sich im Laufen die Hose zugeschnürt hatte. »Was meinst du damit, du hättest mehr?«
Rahff hatte lachend den Kopf in den Nacken gelegt und war einfach weiter gegangen.
Desiderius hatte nie Gelegenheit gehabt, Rahffs Behauptung zu überprüfen. Natürlich nagte es an ihm, dass er … weniger haben sollte. Jedoch reizte es ihn auch auf gänzlich andere Art, mal einen Blick in Rahffs Schritt zu werfen. Doch der Gigant hütete sein Geschlecht als wäre es aus Gold.
»Ich werde die Stadt auskundschaften, bevor ich dich mit hineinnehme«, sagte er nun zu Rahff, der nackt unter dem Wasserfall stand. Es war längst Gewohnheit geworden, dass sie keine Geheimnisse vor einander hatten. Um zu überleben, mussten sie sich sehr nahe sein.
Rahff nickte nachdenklich. »Ist gut.« Dann schlug er ganz unverwandt vor: »Komm doch her.«
In sich hinein grinsend schüttelte Desiderius den Kopf. Er schielte von unten herauf zu Rahff, ihre Blicke begegneten sich glühend.
»Komm her!« Rahff nickte ihn befehlend zu sich. »Ich will dir etwas zeigen.«
»Was denn?« Neugierig stand Desiderius auf, ging zögernd zum felsigen Bachufer.
Rahff streckte die Hand aus. Es war nicht das erste Mal, dass er sie Desiderius reichte, und es wäre nicht das erste Mal, dass Desiderius seine Finger hineinlegte, obwohl er in solchen Fällen immer das Handgelenk des anderen Mannes packte. Jedoch nicht bei Rahff, oh nein, er wollte, dass sich ihre Finger berührten, und der Gigant schien es zu begrüßen, streichelte stets mit dem Daumen flüchtig über Desiderius` Knöchel. Eine Berührung, die brannte, obwohl sie so beiläufig, so selbstverständlich schien. Rahff war ein Meister darin, alles mit einem übergroßen Selbstbewusstsein zu tun, dass es an Selbstverständlichkeit grenzte. Als wäre es vollkommen normal, wenn er Desiderius` Hand streichelte.
Desiderius schlenderte am Ufer entlang, löste schief grinsend die Riemen seines Harnischs und genoss dabei Rahffs wartenden Blick auf sich. Er warf seinen Dolch zu Boden, streifte Stiefel und Hose ab, zog das weite Hemd über den Kopf, behielt jedoch die lange Unterhose an. Sich nackt zu zeigen … das wäre ihm nicht in den Sinn gekommen.
Nebelkralle verschwand im Gestrüpp, es raschelte laut hinter Desiderius. Doch er wandte sich nicht um, steuerte gezielt den Bach an, angezogen von magisch schimmernden, honigbraunen Augen. Er ging auf Zehenspitzen, da die Felsen eiskalt vom Schmelzwasser und gefährlich scharfkantig waren. Schwankend balancierte er von einem zum nächsten glitschigen Stein, wie eine Katze, die das Wasser fürchtete.
Rahff grinste immer breiter, je näher er ihm kam.
Schließlich legte Desiderius seine Handfläche auf Rahffs, dessen Finger schlossen sich umgehend darum. Der Gigant ließ ihre Hände herabfallen, und wie erwartet streichelte sein Daumen einmal flüchtig über die Knöchel. Desiderius` Herz machte einen freudigen Satz.
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