Manchmal brauchte es nicht mehr, um glücklich zu sein. Eine einzige, flüchtige Berührung am Tage vermochte es, ihn zum Lächeln zu bringen.
Er kam sich dumm vor, konnte sich vor diesen Gefühlen aber nicht verschließen. Sie waren zu schön, zu zärtlich, um sie sich zu verbieten. Leichtigkeit erfüllte ihn, als Rahff ihn sanft unter den Wasserfall zog.
Mit geschlossenen Augen ging er durch den Wasservorhang, woraufhin sein Zopf plattgedrückt wurde. Er strich sich die Tropfen aus den Augen, ehe er die Lider wieder öffnete. Eine dunkle Höhle erstreckte sich hinter dem Wasserfall, und er starrte in ihren dunklen, feuchten Schlund. Das Plätschern des Baches klang hier drinnen seltsam hallend, als wäre die Welt draußen abgeschnitten von diesem Ort. Die schwarzen Felswände glänzten wie Schlick, Algen und Kaltwassermuscheln hatten sich daran festgesetzt.
Rahff dunkles Haar fiel um sein Gesicht, als seine Lippen flüchtig Desiderius` nackte Schulter streiften. Die Berührung war nur ein Hauch gewesen, nicht mehr als ein Federstreich, und doch ließ sie Desiderius schaudern. Er drehte den Kopf zu Rahff herum, wollte es sich verbieten, hinab zu blicken, doch seine Augen machten sich selbstständig. Im Halbdunkel war nicht viel zu erkennen, nur das deutlich buschige Nest über einem langen Schatten.
Verdammt, er hatte nicht gelogen!
Als wäre nichts gewesen, ging Rahff voran und zog Desiderius an der Hand ein Stück tiefer in die dunkle Höhle. Schwach fiel das Abendlicht durch den Wasserfall herein, in ihren Gesichtern lagen dunkle Schatten, lediglich ihre Augen schienen zu leuchten.
Plötzlich kam Desiderius sich eingesperrt vor, das Gefühl machte ihm sogar die Brust eng.
Was wollten sie hier? Warum führte Rahff ihn hier herein, in dieses dunkle, nasse Versteck, abgeschnitten von der Außenwelt, als wären sie durch Zeit und Raum an einen Ort gekommen, an dem es keine Gesetze gab.
»Die können wir heute kochen«, sagte Rahff, als er eine geschlossene Muschel von der Wand pflückte. Sie lebten eng zusammen in einem Strauß, wie dichtes Moos. Die Größten konnte man leicht mit einer Hand umschließen. Sie waren oval geformt, ähnlich wie ein Ei, jedoch flachgedrückt. Ihre harte Schale besaß ein schimmerndes Schwarz, das von elfenbeinfarbenen Halbkreisen durchzogen wurde.
»Wir haben keinen Topf.« Desiderius wollte seine Hand lösen, doch Rahff verstärkte seinen Griff, ließ ihn nicht entkommen.
»Wir werfen sie mit der Schale in die Glut.« Rahff zwinkerte ihm grinsend zu. »Dann knacken wir sie, wenn sie durch sind.«
Desiderius konnte sich nicht auf das Gespräch über ihr Abendmahl fixieren, zu sehr lenkte ihn Rahffs halbdunkles Gesicht ab. Die vollen, weichen Lippen im dunklen Bart, das breite Nasenbein, seine kantigen Züge, die männlicher waren als alles, was er je erblickt hatte. Männlich und stolz.
Überdeutlich spürte er die Berührung ihrer Hände. Die Brust wurde ihm deutlich enger, vor unerfüllter Sehnsucht, keineswegs vor Furcht.
Doch was geschähe, würden seine Träume wahr werden? Er hatte sich in seiner Fantasie nicht derart gehemmt gefühlt. Sogar seine Knie schienen weich zu werden, während die Erwartung in dem Raum zwischen ihnen knisterte wie die Luft kurz bevor ein Gewitter losdonnerte.
Rahffs Blick wurde ernst, er ließ die Muschel ungeachtet aus seiner freien Hand fallen. Desiderius schloss die Augen, als der Gigant ihre Finger miteinander verflocht. Er zog Desiderius näher, der sich blind führen ließ, in Erwartung einer sanften Berührung auf seinen Lippen.
»Wenn du morgen in aller Frühe aufbrichst und scharf reitest, kannst du vor mir in Dargard eintreffen und die Stadt bereits auskundschaften.« Die neutralen Worte, die so unpassend in den knisternden Moment gedrängt wurden, zerschlugen den Tagtraum.
Desiderius öffnete die Lider, Rahff stand noch mit der Muschel in der Hand vor ihm, hatte sich kein Stück bewegt. Die ganze Szenerie war lediglich eine Träumerei gewesen. Enttäuschung machte sich breit und steigerte sich in Wut.
Rahff sah ihn an und sprach unbeirrt weiter, bemerkte er doch nicht im Geringsten, mit welcher Sehnsucht Desiderius seinetwegen zu kämpfen hatte. »Ich habe gehört, das Wechselfest wird gerade gefeiert. Viele Fremde pilgern in die Stadt, um das Ende des Frühlings zu feiern. Das sollte uns eine geeignete Gelegenheit bieten, uns unter die Menge zu mischen. Oder nicht?«
Oder nicht? Als ob es nur darum ginge, zum König zu gelangen!
Tatsächlich, es ging wirklich nur um diese eine Sache. Deshalb waren sie zusammen, deshalb waren sie hier. Aber hielt Rahff auch deshalb Desiderius` Hand? Warum führte er ihn in diese dunkle Höhle? Um ihm die Muscheln zu zeigen und über Pläne zu reden?
Wütend schüttelte Desiderius Rahffs Hand ab. Der Gigant schaute ihn verwundert an, während ihm die nassen Strähnen das malerisch schöne Gesicht einrahmten.
»Was ist?«, fragte Rahff, als er Desiderius harten Blick bemerkte.
Er sollte also allein weiter reiten, ja? Ihre letzten gemeinsamen Tage allein verbringen, damit der feine Lord Rahff nicht warten musste, bis er eintraf. Dabei hatte Desiderius sich mit dem Gedanken getröstet, dass ihnen noch einige Nächte blieben. Trotzig verschränkte er die Arme, wollte dabei seinen Ärger in sich einschließen, doch sein Gesicht sprach Bände.
Rahff ließ die massigen Schultern hängen und streckte seine Hand aus. Mit zwei Fingern nahm er Desiderius` spitzes Kinn in einen sanften Griff, doch dieser zog den Kopf ruckartig zur Seite, also legte der Gigant seine Pranke in Desiderius` Nacken. Die Hand war stark und ihr Klammern schmerzhaft. Desiderius wollte sich entwinden, doch Rahff zog ihn mühelos an sich heran. Er beugte sich zu ihm hinab, sein Gesicht war hart.
»Nicht hier, nicht jetzt«, flüsterte er rau. Er war so nahe, dass Desiderius seinen warmen Atem auf den Lippen schmecken konnte. Süß und fruchtig. »Das ist weder der richtige Ort, noch der rechte Zeitpunkt. Ich muss das Ziel im Auge behalten und darf mir keine Ablenkungen leisten.«
Das Problem, wenn man sich ohne Worte verstand, waren die Dinge, die man nicht verheimlichen konnte. Rahff wusste alles, einfach alles, als könnte er Gedanken lesen. Und da er es nun ansprach, kroch schließlich doch noch Panik in Desiderius hoch. Er fühlte sich entblößt, geradezu nackt, obwohl Rahff derjenige war, dessen Geschlecht die frische Luft genoss.
Rahff schüttelte bedauernd den Kopf, senkte die Stimme um eine weitere Oktave. »Nicht jetzt, Desi.« Es klang nach einer ernstgemeinten Entschuldigung. Als bedauere er diesen Umstand.
Desiderius stiegen Tränen in die Augen. Wuttränen. Tränen der Enttäuschung. Er wusste gar nicht, was er erwartet hatte. Alles, aber nicht das. Nähe, Zuneigung. Ein Kuss vielleicht. Das Stillen einer Sehnsucht, ganz gleich wie unwirklich die Berührung auch scheinen mochte. Nur noch einmal Rahffs Lippen spüren, die seine Schulter streiften … Es hätte ihm doch genügt, ihn durch eine weitere lange Nacht gebracht. Aber Rahff verstand ihn gänzlich falsch.
»Desi …« Rahff richtete sich zu voller Größe auf, drängte ihn mit seiner breiten, nassspiegelnden Brust an die Wand. Das Bedauern in seiner Stimme war unerträglich.
Desiderius entschlüpfte ihm, wie ein Aal den Tatzen eines Bären.
»Desi!« Dieses Mal war es ein Befehl.
Darauf hörte Desiderius nicht, er hatte schließlich noch nie gerne Befehle befolgt. Er ging durch den Wasserfall, seine Schritte waren eilig, sodass er auf den nassen Steinen im Bach beinahe ausgerutscht wäre.
Er folgte dem Wasserverlauf Strömung abwärts, sprang von einem zum nächsten Stein. Rahff eilte ihm nicht nach, dafür verfolgte ihn Nebelkralle. Der kleine Puma schloss sich ihm an, wählte die Steine, die auch er wählte, sprang von einem zum nächsten, und sah dabei um einiges eleganter aus als Desiderius.
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