Billy Remie - Herz des Südens

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Verlassen und verraten von der eigenen Familie, seiner Heimat und seines Erbes beraubt, bleibt ihm nur die Flucht. Er ist ein Gigant, ein Südländer, ein Mann aus den Bergen. Zum Lord geboren, zum Regieren erzogen, kennt sein Herz nur eine einzige Sehnsucht: Über den Süden, seine geliebte Heimat, zu herrschen. Deshalb bereitet er sich darauf vor, sein Recht zurückzufordern. Sein einziger Verbündeter: Ein blutjunger Söldner, der ebenfalls vor seinen Feinden auf der Flucht ist. Von Anfang an fühlt sich der Gigant magisch angezogen von der exotischen Schönheit, die den anderen Mann umgibt. Und während sie wie Hunde durch eisige Winde und tiefe Wälder gejagt werden, wird aus ihrer notgedrungen Zweckgemeinschaft lodernde Begierde. Zwischen Gefahren und Geheimnissen entfacht jedoch eine Leidenschaft, die ihren Mut stählt. Doch scheint ihre Liebe unter keinem guten Omen zu stehen, denn der Gigant ist mit einem finsteren Fluch belegt, der jeden in seiner Nähe in Gefahr bringt, und auch der junge Söldner scheint nicht der zu sein, der er zu sein vorgibt. Hohe Mächte erwachen und versuchen, die beiden Gefährten auseinander zu reißen. Ihre Liebe scheint zum Scheitern verurteilt.
Eine abenteuerliche Liebschaft und eine Entscheidung zwischen Heimat und Pflicht und der Liebe des Lebens.

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Mit einem geräuschvollen Ausatmen stieß er die Gedanken von sich. Es war vorbei, er hatte für all das Rache genommen. Und er genoss sie in vollen Zügen.

Er wandte sich zu dem Gardisten um. Der Mann trug dunkelblaue Hosen, robuste Stiefel, eine polierte Eisenmelone auf dem Kopf und einen dunkelblauen Wappenrock über einem schneeweißen Hemd. Als Waffe diente ihm eine neu geschmiedete Hellebarde. Zareth hatte in den letzten Wochen bereits vieles in der Schwarzfelsburg verändert, nicht zuletzt die Ausstattung der Wachen. Er war der Ansicht, sie sollten rausgeputzt werden, Würde und Ordnung ausstrahlen, um sein Haus angemessen zu repräsentieren. Und nicht wie die Wachen seines Bruders in graubraunen Wolllumpen herumlaufen mit barbarischen Äxten und abgenutzten Rundschilden. Zugute kam ihm, dass er seinen Verrat seit Jahren geplant und viel Zeit für etwaige Vorbereitungen gehabt hatte, sodass in den letzten Wochen vieles angemessen flott verändert worden war. Allmählich fühlte er sich wohl in der Burg, die ihm von Kindesbeinen an Scham und Hass gelehrt hatte. Er würde diese Gefühle aus den Gemäuern vertreiben und Erinnerungen der Genugtuung einziehen lassen.

»Was haben sie zu berichten?«, wollte er von dem jungen Mann wissen.

Dieser zögerte. Erst da bemerkte Zareth die weiße Taube, die der Mann noch unter dem freien Arm hielt. Er war sofort zu ihm gekommen, als der Botenvogel eintraf. Zareth blähte die Nasenflügel, es konnten keine guten Neuigkeiten sein.

»Euer Neffe entkam erneut.«

Zareht mochte den Mann, er kam gleich zum wesentlichen Punkt. Doch seiner angespannten Stimme war anzuhören gewesen, dass er mit Wut rechnete.

»Habt Ihr seine Fährte noch?«

»Nein. Aber zur Hauptstadt kann er nicht gelangen, wir bewachen alle Wege. Die Spione werden ihn aufspüren.«

»In Ordnung.«

Zareths Gelassenheit wunderte den Gardisten. »Herr?«

»Solange er davonläuft, ist er kaum eine Gefahr.« Zareth nippte lächelnd an seinem Weinkelch. »Ihm bleibt ohnehin nicht mehr viel Zeit.« Der Fluch war ihm bereits auf den Fersen. Alles, was Zareth tun musste, war ihn zu jagen. Er setzte auf Zeit, die Rahff nicht mehr hatte.

»Sorgt lediglich dafür, dass er nicht zum König gelangt, alles andere überlasst fähigeren Männern. Gigdion wird ihn schon aufspüren.«

Der Gardist nickte, obwohl ihm die Beleidigung auf den speckigen Wangen anzusehen war. »Wie Ihr wünscht, Herr.«

»Und sucht in den Hurenhäusern nach Bastarden!«, trug Zareth ihm auf, während er bereits wieder hinaus in den Hof blickte, wo auf seinen Befehl hin die Rösser geschlachtet wurden, die seinem Neffen geradezu absurd heilig gewesen waren. Das schrille Schreien der Pferde erschallte im südlichen Gebirge, der Boden vor den Ställen schwamm im Blut. Bald würden die Wüstenpferde Einzug erhalten, eine Schmach, von der Zareth wünschte, sein Bruder und Neffe würden sie noch erleben. »Ich weiß, dass mein Bruder noch einen Sohn hatte. Tötet alle Jungen in den Bordellen!«

»Zu Befehl, Herr.«

Kapitel 6

Sie waren den ganzen Tag lang durchgeritten, ohne Rast. Und doch waren sie nicht sehr weit gekommen. Der östliche Fluss rauschte bereits in näherer Umgebung, wenn auch noch nicht ersichtbar, morgen würden sie ihn erreichen und an einer seichten Stelle hoffentlich überqueren können.

Wenn es nach Desiderius gegangen wäre, würden sie bis in die Dunkelheit weiter reiten und sich sputen, um den Fluss zu erreichen, aber Rahff machte sich sorgen wegen des Geländes. Der dichte Wald war tückisch und eng. Zu Pferde kam man nicht gut voran, zumindest nicht schnell. Aber immerhin angenehmer, als selbst über die Wurzeln zu steigen.

Bevor sich die Tiere noch die Beine brachen, hatte Rahff darauf bestanden, mit Vorsicht zu reiten und bei Einbruch der Dämmerung ein Lager aufzuschlagen. Er glaubte nicht daran, dass man sie verfolgte – und wenn doch, würde man sie nicht so schnell einholen. Dessen war er sich sicher.

Desiderius hätte diese naive Zuversicht gern mit ihm geteilt, doch er spürte schon Zecks Dolch an der Kehle und wäre liebend gern noch drei Tage länger durchgeritten, um viel Waldfläche zwischen sich und seine Verfolger zu bringen.

Letztlich siegte die Vernunft, denn die Schmerzen von den Schlägen forderten ihren Tribut, er fühlte sich müde und ihm war übel. Sein geschwollenes Gesicht pochte und spannte, seine Lippe platzte immer wieder auf. Zudem würde Zeck vor dem Morgengrauen ohnehin keinen Fuß mehr aus der Stadt setzen. Rahff hatte ihn ordentlich zugerichtet, so viel stand fest. Es wäre ein Wunder, wenn er weniger als drei Tage bräuchte, um das Bett wieder zu verlassen.

Immerhin konnte Zeck von nun an von sich behaupten, von einem Giganten vermöbelt worden zu sein und es überlebt zu haben.

Doch Desiderius bezweifelte, dass Zeck die gute Seite daran sehen würde können.

Er schmunzelte verschlagen bei diesem Gedanken.

Sie ließen sich in einer Senke nieder. Sie bot perfekten Sichtschutz, war umgeben von dichten Blätterwänden und eng stehenden Bäumen. Der Wald bot jenen, die vor den Augen ihrer Feinde verschwinden wollten, seitjeher angemessenen Schutz. Und sofern niemand den Hang hinunterstieg, würde man sie nicht entdecken.

Sie hatten gewagt, ein kleines Feuer zu machen, und es niederbrennen zu lassen, bis nur noch Glut vor sich hin glomm. Es genügte, um im rötlichen Dämmerschein etwas Licht zu haben. Zu Essen hatten sie nichts, aber immerhin gab es Wasser. Morgen könnten sie vielleicht jagen, und wenn das Glück ihnen hold war, würden sie vielleicht sogar etwas erlegen. Wenn nicht, war es Desiderius nicht fremd, sich von Beeren zu ernähren. Bei Rahff hatte er jedoch berechtigte Zweifel, wenn er sich an die Suppe erinnerte.

Der Gigant saß ihm gegenüber. Im Schneidersitz auf seinen Decken, sein dunkles, kinnlanges Haar hing ihm wie üblich im Gesicht, nur auf einer Seite hatte er es hinter das Ohr gestrichen. Eine Geste, die Desiderius mit Neid verfolgt hatte, da er bereits, seit sie aufgebrochen waren, den drängenden Wunsch verspürte, ihm das Haar aus dem Gesicht zu streichen. Nicht, dass er es nicht gemocht hätte, wie die dunklen Strähnen Rahff im Gesicht hingen …

Gemocht?! Was war nur in ihn gefahren? Er schüttelte den Gedanken ab.

Der kleine Puma lag auf Rahffs Arm, schlaff wie ein Faultier auf einem Ast, schlief friedlich, hegte das größte Vertrauen, das ein Tier zu einem Menschen haben konnte. Die Pranke des Giganten streichelte sanft über den sandfarbenen Pelz des kleinen Rackers. Es war ein seltsames Bild, das die beiden abgaben. Am Morgen hatte dieser Mann noch eine Schar Räuber niedergeprügelt, am Abend saß er völlig friedlich am Lagerfeuer und streichelte unglaublich zärtlich den winzigen Pelzball. Dieser riesige Gigant, der einem Mann vermutlich mit einem einzigen Hieb seiner Hand den Kopf abschlagen konnte, streichelte dieses zierliche, kleine Kätzchen mit solcher Sanftheit, dass man beim Zusehen neidisch werden konnte. Dazu dieser tiefgründige, stille Blick, der in die Leere der Glut reichte. Desiderius kam nicht umhin, ihn länger als wirklich nötig zu beobachten.

Rahff spürte, dass er angesehen wurde, und hob den Blick. Dabei bewegte er lediglich seine honigbraunen Augen, aber nicht den Kopf, sodass er von unten herauf Desiderius anschaute. Er lächelte durch seine Strähnen. Ein offenes, schiefes Lächeln, das seine weißen Zähne präsentierte. Kein Strahlen, wie Desiderius es von Adeligen kannte, die einen für sich gewinnen wollten, sondern das sanfte, ruhige Lächeln eines Mannes, der sonst sehr ernst war.

Auf diese Weise lächelte er nicht zum ersten Mal. Immer dann, wenn Desiderius ihm einen Blick zuwarf, antwortete Rahff mit dem Heben seiner Mundwinkel darauf.

Blick – Lächeln. Blick – Lächeln. Blick, Frage – Lächeln – Antwort, breiteres Lächeln. So verlief sich der Tag.

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