Billy Remie - Herz des Südens

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Verlassen und verraten von der eigenen Familie, seiner Heimat und seines Erbes beraubt, bleibt ihm nur die Flucht. Er ist ein Gigant, ein Südländer, ein Mann aus den Bergen. Zum Lord geboren, zum Regieren erzogen, kennt sein Herz nur eine einzige Sehnsucht: Über den Süden, seine geliebte Heimat, zu herrschen. Deshalb bereitet er sich darauf vor, sein Recht zurückzufordern. Sein einziger Verbündeter: Ein blutjunger Söldner, der ebenfalls vor seinen Feinden auf der Flucht ist. Von Anfang an fühlt sich der Gigant magisch angezogen von der exotischen Schönheit, die den anderen Mann umgibt. Und während sie wie Hunde durch eisige Winde und tiefe Wälder gejagt werden, wird aus ihrer notgedrungen Zweckgemeinschaft lodernde Begierde. Zwischen Gefahren und Geheimnissen entfacht jedoch eine Leidenschaft, die ihren Mut stählt. Doch scheint ihre Liebe unter keinem guten Omen zu stehen, denn der Gigant ist mit einem finsteren Fluch belegt, der jeden in seiner Nähe in Gefahr bringt, und auch der junge Söldner scheint nicht der zu sein, der er zu sein vorgibt. Hohe Mächte erwachen und versuchen, die beiden Gefährten auseinander zu reißen. Ihre Liebe scheint zum Scheitern verurteilt.
Eine abenteuerliche Liebschaft und eine Entscheidung zwischen Heimat und Pflicht und der Liebe des Lebens.

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»Er gehörte Eskern.« Rahff klopfte dem Tier bedauernd auf den Hals. »Er braucht also einen neuen Herrn. Er wird dich tragen, wenn ich es erlaube. Sein Name ist Fels.«

»Fels.« Es war ein grauer, prächtiger Bursche, groß und stämmig mit einem sanftmütigen Blick.

Desiderius schielte stirnrunzelnd auf den weißen Schimmel. Das Tier war majestätisch, es strahlte pure Kraft und Anmut aus und trug das gleiche Feuer in den Augen wie Rahff. Er hatte es schon in der vorherigen Nacht bewundert. »Und wie heißt er?«

Rahff verwunderte die Frage. »Schnee. Wieso?«

»Fels und … Schnee ?« Seine Brauen schossen nach oben.

»Ja. Schnee.« Rahff verstand nicht, was Desiderius seltsam daran fand.

»Aber … wieso?« Von allen schönen Namen wählte der Gigant für dieses traumhafte Tier einen derart banalen Namen wie Schnee!?

»Wie denn sonst?« Rahff klang plötzlich gereizt, vermutlich fühlte er sich beleidigt. »Sein Fell ist weiß wie Schnee, also …« Er zuckte mit den Schultern.

Desiderius lachte leise. Belustigt. »Und deine Katze?« Er blickte hinab auf den Puma, der zwischen Rahffs Füßen saß und neugierig zu ihm aufblickte. »Lass mich raten: Sand! Wegen ihres braunen Pelzes?«

Ärgerlich knirschte Rahff mit den Zähnen. » Er heißt Nebelkralle!«

»Nebelkralle und Schnee also.« Desiderius rümpfte die Nase. »Ihr seid nicht gerade die einfallsreichsten Namengeber da oben in euren Bergen, hm?«

»Wir konzentrieren uns auf das Wesentliche.«

»Auf das Offensichtlichste, willst du sagen«, foppte Desiderius ihn.

»Das Wesentliche«, beharrte Rahff ernst, sicherlich bereute er es bereits, sich Desiderius angelacht zu haben. So erging es den meisten Männern, Desiderius besaß ein sagenhaftes Talent, sich bei anderen unbeliebt zu machen. »Tieren menschliche Namen zu geben wäre ein Fehler. Also bekommen sie Namen, die ihrem Aussehen oder Wesen entsprechen. Wir wollen sie nicht vermenschlichen und vergessen, dass sie kraftvolle Tiere sind, die unseren Respekt mehr verdienen als Hätscheleien. Tiere sind keine Menschen! Und sie wollen auch sicher keine sein.«

Das war entweder eine recht herzlose oder tiefgründige Ansicht. Je nachdem, von welchem Blickwinkel man es betrachtete.

Ein Herz für Tiere hatte Desiderius nicht unbedingt. Nicht mehr. Es war das gleiche wie mit Freundschaften. Schwachstellen, die einem das Herz bluten ließen. Wenn man niemanden und nichts liebte, wog auch kein Verlust schwer. Freundschaften waren ein Trugschluss. Freunde waren nichts weiter als Verräter, die man sich selbst zuzuschreiben hat. Freunde waren Menschen, die einem einen Dolch in die Rippen stießen, wenn man es nicht erwartet. So ähnlich verhielt es sich mit Tieren. Sie verrieten einen vielleicht nicht, aber irgendwann würden sie auf die eine oder andere Weise gehen oder einem genommen werden.

Demnach war es ihm egal, welche Namen Rahff verteilte, er hatte sich lediglich darüber amüsiert. Doch bevor diese Unterhaltung zu einer ernsthaft philosophischen Debatte ausartete, gab er sich einfach geschlagen und winkte ab.

»Lass uns gehen.«

Er nahm die Zügel seines neuen Pferdes und führte es nach draußen. Rahff folgte ihm.

»Außerdem, wer den Namen Desiderius trägt, sollte nicht über andere Namen lachen«, fügte Rahff unversehens angriffslustig hinzu, als er Schnee aus dem Stalltor führte.

Desiderius drehte sich schockiert zu ihm um. »Was willst du damit sagen?« Gefiel ihm der Name etwa nicht? Was war falsch daran?

Und warum kümmerte es ihn, was Rahff über seinen Namen dachte?

Der Gigant lächelte in sich hinein, als er Desiderius grübelnde Miene bemerkte. Genau darauf hatte er es abgesehen. Desiderius zu verunsichern.

Genervt kräuselte Desiderius die Lippen. »Sehr witzig!«

»Ich scherze nicht. Das ist ein Zungenbrecher«, hielt Rahff neckend dagegen. »Ihr Luzianer habt immer seltsame Namen. Deiner klingt, als habe deine Mutter einfach die Initialen der Freier genommen, die als Vater infrage kämen. Eine Mischung aus fünf klanglosen Silben.«

Klanglos?!

Das traf Desiderius` Stolz nun doch sehr. Er beobachtete mit bebenden Nasenflügeln, wie Rahff Nebelkralle aufhob und ihn unter seinem Harnisch verstaute. Das Tier glitt gähnend unter das Leder, danach war es nicht mehr zu erkennen. Lediglich wenn jemand genau hinsehen würde, würde er sich über die sanfte Beule auf Rahffs Brustmitte wundern.

Desiderius hasste es, wenn sich jemand über ihn lustig machte. Er wollte nicht zum Gespött werden. »Ach ja? Und was ist Rahff eigentlich für ein Name?«, fragte er gereizt, während er sich auf den Rücken des Grauen schwang. »Klingt wie ein schrecklicher Husten!«

Rahff zog sich auf Schnee, stockte dann schockiert, als er die Zügel aufnahm. »Das ist ein uralter Name meines Geschlechts! Er wird an den Erstgeborenen vergeben. Meine Vorväter trugen ihn schon!«

»Dann hat euer Volk in den letzten Jahrhunderten offensichtlich nichts gelernt.«

Rahff fiel die Futterluke runter. Zufrieden mit sich trieb Desiderius seinen Grauen an und ritt voran.

Der Sieg schmeckte köstlich.

Sie flohen vor den Wolken in Richtung Osten, wo sie die Tiefen der Wälder verschluckten. Dorthin, wo es weit und breit keine Zivilisation gab, wo bluthungrige Bestien wohnten. Rahff war ein vorbildlicher Schützling, er zweifelte nicht ein einziges Mal die Richtung an, in die Desiderius sie führte. Doch ihnen war beiden bewusst, dass sie nicht ewig davonlaufen konnten. Sie würden nur eine kurze Weile untertauchen, um Pläne für ein Vorhaben zu schmieden, das ihnen letztlich sogar Ärger mit der Krone einhandeln konnte. Es war schließlich verboten, sich unbefugt zum Palast zu schleichen.

Kapitel 5

»Mein Herr?« Der Gardist trat in den niedrigen Türbogen. »Wir haben Meldung von unseren Spionen.«

Zareth nahm einen Schluck aus seinem Kelch, der Rotwein war vorzüglich, besser als die Plörre, die man Met nannte. Er verabscheute Honig in seinem Gebräu! Nachdenklich blickte er aus dem Fenster der Gemächer seines Bruders. Oder besser gesagt, seiner Gemächer, sobald die Handwerker endlich damit fertig waren, aus diesem rohen Edelstein, eines Lords würdigen Schlafsaal zu schleifen. Ihm war es schleierhaft, wie sein Bruder zwischen all dem unbehandelten Holz, den Fellen mit ihrem beißenden Geruch, und den unschicklichen Jagdtrophäen leben konnte. Zareth ließ mit Gold verzierte Möbel aus dem Westen herbringen, Silberkelche, Porzellanvasen und Gemälde berühmter Künstler aus der Hauptstadt, sowie edle Stoffe, für Decken, Kissen und seine Gewänder. Er hatte noch nie verstanden, weshalb seine Familie ohne jeglichen Prunk lebte, sein Vater und dessen Vater hatten ebenfalls kein Auge für Ästhetik besessen. Aber vielleicht hatte dies etwas mit ihrem auferlegten Fluch zu tun, von dem er als Zweitgeborener glücklicherweise nicht betroffen war.

Zareth hatte nie viel mit seiner Familie gemein gehabt. Er war ein hagerer Junge gewesen, der unter strammen Burschen aufgewachsen war. Ihm hatten die Götter einen scharfen Verstand geschenkt, doch das hatte seinen Vater und seinen Bruder nie interessiert. Allein wie viel Gewicht ein Mann auf seine Schultern lasten, und wie viele Siege er in Duellen erringen konnte, hatten für sie gezählt. Da Zareth lediglich belesen war, machten sie sich selbstredend über ihn lustig. Vor allem sein Bruder hatte ihn von Anfang an wie einen seiner Diener behandelt. Wie oft hatte er Zareth eine Narrenkappe aufgezogen und ihn mit vorgehaltener Klinge zu seiner Belustigung tanzen lassen? Nun lag sein Körper irgendwo in den Klippen und verfaulte, während die Raben ihm die Augen aus seinem abgetrennten Kopf pikten, den Zareth vor dem Tor auf einen Spieß gesteckt hatte. Das hatte er nun davon, Zareth sein Leben lang verspottet zu haben. Er war so vermessen gewesen, dass er nie den Hass gesehen hatte, den er all die Jahre durch seine herablassenden Bemerkungen, sein höhnisches Lachen geschürt hatte, wenn Zareth mal wieder dabei versagte, seine Manneskraft zu beweisen. Selbst die Frau hatte er ihm gestohlen! Nicht die Frau, die er wie eine Geliebte liebte, sondern wie eine Schwester. Sie war seine engste Freundin, der einzige Mensch, der ihn akzeptiert hatte, wie er war, aber sein Bruder hatte sie sich einfach genommen. So wie er sich alles genommen hatte, was er wollte. Seines Bruders wegen war sie sogar gestorben, um diesem Bengel das Leben zu schenken, den Zareth all die Jahre liebevoll Neffe hatte nennen müssen, damit niemand bemerkte, wie sehr ihn sein Dasein grämte.

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