Die Rast währte eine gute Stunde, dann setzten wir unsere Fahrt fort.
„Noch etwa zwei Stunden, Friedrich, dann können wir uns zur Nachtruhe begeben. Wir übernachten dort stets, wenn wir diese Strecke fahren“, wandte sich mir Herr Long kurz zu, um gleich darauf wieder die Augen zu schließen. Tiu Gang Bao nahm sich wiederum seiner Schriftrolle an und ich saß ihnen gegenüber und konnte, von Langeweile geplagt, ein Gähnen nicht unterdrücken. Nur zu gerne hätte ich in diesem Moment hoch oben auf dem Kutschbock gesessen, damit ich mehr gesehen und auf dieser Weise der Eintönigkeit begegnet wäre. Hatte ich bislang stets den Eindruck, von Herr Tiu Gang Bao in besonderer Weise gemustert zu werden, so nutzte ich nun die Zeit des aufgezwungenen Müßiggangs, um ihn verstohlen zu betrachten. Er musste, sofern ich dies richtig einschätzen konnte, inetwa im gleichen Alter sein wie Herr van Houten. Trotzdem empfand ich diese beiden Männer derart unterschiedlich, was nicht nur auf das Äußere zurückzuführen war. Nein, ich meinte, den mir doch sehr vertrauten Herr van Houten als sehr mitteilsam, stets das Gespräch oder eine Tätigkeit suchend, einschätzen zu können. Wogegen Tiu Gang Bao zumeist selbst schweigsam den Worten lauschte und sich zumeist so benahm, als würde ihn alles um ihn herum nichts angehen. Vielleicht lag es aber auch einfach daran, dass ich mich mit ihm nicht, wie mit Herrn van Houten, unterhalten konnte. Derart in meine Gedanken vertieft und mein Gegenüber mit den Augen abtastend, überraschte mich der Blick, den Tiu Gang Bao an seiner Schriftrolle vorbei auf mich warf und sich somit unsere Blicke trafen. Wie bei einem unrechtmäßigen Tun ertappt errötete ich und blickte rasch wieder hinaus auf die vorbeiziehende Landschaft.
Nach der von Herrn Long vorhergesagten Zeit erreichten wir endlich das Gasthaus, in welchem wir eine Nacht verbringen wollten. Mitgenommen von der Untätigkeit und Langeweile, die mich während der Kutschfahrt übermannte, warf ich mich sogleich auf das bereitstehende Bett, in dem mir zur Verfügung gestellten kleinen Zimmer. Dermaßen ausgeruht verwunderte es nicht, dass ich bereits mit dem ersten Zwitschern der Vögel hellwach war, obwohl sich draußen die Sonne noch mühte, die Dunkelheit der Nacht zu vertreiben. Rasch kleidete ich mich an und schaute anschließend weiterhin aus dem kleinen Fester hinaus und beobachtete, wie mit dem beginnenden Morgen der kleine Ort zum Leben erwachte.
„Du bist schon wach?“, sprach mich Herr Long an, der unvermittelt die Tür zu meinem Zimmer öffnete.
„Ni hao, schon seit geraumer Zeit, Herr Long“, erwiderte ich erschrocken, wegen des unerwarteten Besuchs.
„Dann lass uns rasch frühstücken, damit wir uns weiter auf den Weg machen können. Wenn nichts Unvorhergesehenes eintritt, sollten wir am frühen Nachmittag das Anwesen erreichen.“
„Was soll denn hier schon Großartiges geschehen, Herr Long?“, fragte ich, während ich ihm folgte.
„Räuberbanden sind hier mehr als genug unterwegs, Friedrich. Nicht umsonst haben wir Wa Dong und Liu Hang auf dem Kutschbock sitzen.“
„Ni Hao, Herr Tiu Gang Bao“, begrüßte ich den Mann, der bereits am Tisch saß und sich dem dampfenden Gemüse widmete. Mit einem Nicken und wohlgefälligem Lächeln erwiderte dieser meinen Gruß. Dann ging es auch ziemlich rasch vonstatten; kaum dass ich den letzten Bissen zu mir genommen hatte und noch schnell einen Schluck des sonderbar schmeckenden Tees zu mir nahm, ging es hinaus zur bereitstehenden Kutsche.
Die Pferde schnaubten in freudiger Erwartung, als wüssten sie, dass sie in einigen Stunden den heimatlichen Stall erreichen würden. - Zügig begann die Fahrt, die sich im Wesentlichen nicht von der des Vortages unterschied. Dem Himmel sei es gedankt, blieben wir von Überfällen verschont.
Von draußen vernahm ich die typischen Geräusche, wie sie von einer Schmiede stammen, hörte Klopfen und Hämmern, wie es mir vom Zimmermann her bekannt war und vielfältiges Stimmengewirr dazu. Neugierig lugte ich hinaus und sah das große Dorf, durch welches wir gemächlich fuhren.
„Gleich haben wir es geschafft, Friedrich; schneller als erwartet“, freute sich Herr Long. Nach etwa einer weiteren halben Meile hielt die Kutsche kurz an, um gleich darauf eine große Pforte zu passieren. Wir hatten das Anwesen der Familie Tiu erreicht.
Sogleich kamen Männer heran gelaufen, die sich des auf der Kutsche befindlichen Gepäcks annahmen. Tiu Gang Bao und Herr Long wurden mit sichtbarer Freude begrüßt, ebenso Wa Dong und Liu Hang. Als mich die Umherstehenden erblickten, machte sich jedoch großes Erstaunen breit; in etwa so, wie ich schaute, als ich meinen ersten Wal erblickte.
„Natürlich haben wir häufig davon erzählt, was für Leute das sind, die unsere Waren kaufen, Friedrich; aber Du bist die erste Langnase, die einen Fuß in das Haus von Herrn Tiu setzt“, brachte Herr Long wie zur Entschuldigung hervor. Komm, lass uns zunächst einmal hineingehen, später werde ich Dich herumführen und Dir alles zeigen.“
Nachdem sich die erste Aufregung gelegt hatte und man sich im Inneren des Hauses daranmachte Speisen und Getränke bereitzustellen, wollte Herr Long seine Ankündigung in die Tat umsetzen.
„Zunächst zeige ich Dir dein Zimmer, Friedrich, danach werde ich Dich mit dem gesamten Anwesen vertraut machen, das schließlich für einige Zeit Dein neues Zuhause sein wird.“
Beim Betreten des Raumes, welches Herr Long mir als mein Zimmer zuwies, verschlug es mir die Sprache. Nie zuvor hatte ich in ein schöneres und größeres Zimmer mein Eigen nennen dürfen; wenn auch nur für eine hoffentlich begrenzte Zeit. Der Schrank, das Bett, sowie Tisch und Stühle waren aus dunklem Holz kunstvoll gefertigt. Ein dicker Teppich auf dem Holzboden gehörte ebenso dazu, wie zahlreiche Kissen auf der Liegestätte.
„Ich hoffe, Du bist mit Deiner Unterbringung zufrieden?“, wandte sich mir Herr Long zu.
„Natürlich, Herr Long“, brachte ich äußerst angenehm überrascht lediglich hervor. Anschließend führte mich der Übersetzer weiter durch das Haus, machte mich mit den verschiedenen Räumen vertraut, um daraufhin mit mir das Gebäude zu verlassen.
„Dort, links, sind die Gebäude der Bediensteten, daneben die Stallungen, wo die Pferde untergebracht sind und da hinten, rechts, da ist der Garten, wo wir bei schönem Wetter unseren Unterricht fortsetzen werden“, klärte mich Herr Long auf, während er mit mir über das Anwesen schritt.
Wir brauchten lange, um uns alles anzusehen, denn das von einer mehr als mannshohen Mauer umgebende Anwesen glich mehr einem kleinen Dorf, als einem Gehöft, wie ich es von Xanten her kannte. Wer hier seinen Fuß hineinstellen wollte, der musste zunächst an den beiden Männern vorbei, die an der breiten Pforte Wache standen. Wobei, wenn ich es mir recht überlegte, rein garnichts von dem was ich hier vorfand, mit dem in Xanten zu vergleichen war.
Bei seinen Erklärungen spürte ich stets den prüfenden Blick Herrn Longs auf mich gerichtet, und so ließ seine Frage auch nicht lange auf sich warten: „Und, gefällt es Dir hier, Junge?“, fragte mich Herr Long zum wiederholten Male.
„Selbstverständlich, Herr Long“, beeilte ich mich mit meiner Antwort, „es ist nur alles so anders und so fremd.“
„Natürlich, Friedrich, mir würde es wohl kaum anders ergehen, würde es mich in Deine Heimat verschlagen; aber Du hast schließlich ausreichend Zeit, Dich einzugewöhnen.“
Dabei hatte ich mich während der zurückliegenden Tage schon an so manches gewöhnt, vor allen Dingen an die ungewohnten Speisen, die durchaus schmackhaft, mir zu Beginn dennoch reichliches Zwacken im Bauch verursachten.
Tief und fest schlief ich, bis mich das „Ni Hao“ von Herrn Long aus dem traumlosen Schlaf holte. Gleich nach dem Frühstück ging es dann wie angekündigt in den wunderschön angelegten Garten, den wir uns am Vortag nicht weiter angesehen hatten. Wie alles, wie ich den Anschein hatte, war auch dieser Garten überaus groß. In der Mitte befand sich ein Teich, über den sich ein kunstvoll verzierter Steg spannte. Im Schatten einiger knorriger Bäume standen hölzerne Tische und Bänke, auf die Herr Long zusteuerte. Er stellte die beiden mitgeführten Becher auf einen der Tische und mit der ebenfalls getragenen Kanne in einer Hand, ging er zu einem kleinen Ziehbrunnen, um diese mit Wasser zu füllen.
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