Die Kinder der Arbeiter halfen teilweise ihren Eltern oder waren mit anderen Dingen beschäftigt. Was sollte ich also den ganzen langen Tag über treiben, als mich auf die Lehren des Dashi oder denen von Herrn Long einzulassen.
„Ruhe Dich einwenig aus, Friedrich; in etwa einer Stunde werde ich vorbeischauen, damit wir mit unserem Sprachunterricht fortfahren können.“
Mit offenen Augen lag ich auf dem Bett, stierte an die Decke und befand mich mit meinen Gedanken im fernen Batavia. Wie freudig zeigten sich dort doch alle der mir vertrauten Personen über die erfolgreichen Geschäftsabschlüsse; und dann brach das große Ungemach über uns herein. Würde es der Mirte gelungen sein, den unglückseligen Ort zu verlassen und wenn, wo würde sie sich jetzt wohl befinden, fragte ich mich. Derart mit meinen Gedankenspielen befasst bemerkte ich nicht, wie Herr Long das Zimmer betrat und schrak auf, als er mich ansprach:
„Hier, Junge, für Dich“, hielt er mir ein Bündel entgegen. „Der Dashi war sehr angetan davon, wie Du dich bemüht hast und meinte, dass dies wohl die bessere Kleidung ist, wenn weitere Übungen anstehen.“
Ich nahm das Dargereichte entgegen und entdeckte neben einer dieser weitgeschnittenen Hosen, wie sie beinahe alle hier trugen, ebenfalls eine dieser Jacken, deren Teile sich weit überlappten und in Höhe der Achseln zugebunden wurden, anstatt sie mit Knöpfen zu verschließen. Am meisten freute ich mich jedoch über die leichten Schuhe, wie sie ebenfalls überall gegenwärtig waren. Von einer Sohle, ähnlich der bei den Schlappen, die man im Hause trug, spannte sich ein fester Stoff um den gesamten Fuß. Diese Fußbekleidung war mit Sicherheit nicht so derb und widerstandsfähig wie meine Stiefel, aber sie boten meinen Füßen Platz und drückten bestimmt weder hier noch dort.
„Danke, Herr Long“, brachte ich artig hervor und begann sogleich damit, die neue Bekleidung anzulegen.
„Ich habe mir überlegt“, begann Herr Long, „dass wir einen Spaziergang machen und das Anwesen verlassen. Dabei können wir uns ebensogut unterhalten und zudem hat es den Vorteil, Dir die Umgebung nahe zu bringen.“
Wir verließen das Haus und gelangten an die Pforte, wo die beiden Wachmänner wie in Stein gemeißelt darauf achteten, dass kein Unbefugter hineingelangen konnte. Schaute ich nach rechts, dann erblickte ich verschwommen die Dächer von Häusern und hörte schwach, dass in diesem nahegelegenen Ort dem Tagwerk nachgegangen wurde. Blickte ich hingegen nach links, dann sah ich nicht mehr, als dass sich der staubige Weg bald im Grün der Wälder verlor.
Diesen Weg überquerten wir und der ausgedehnte Spaziergang, an der Seite Herrn Longs, erwies sich als überaus schön. Er führte mich an kristallklaren Bächen vorbei, an Wiesen, und mir unbekannten Bäumen und Sträuchern. Zu allem wusste Herr Long etwas zu erzählen und seit sehr langer Zeit hatte ich nicht mehr so gelacht, wie in diesen Momenten, wenn er mir auf seine Art und in meiner Sprache, die ulkigsten Erklärungen zu den für mich neuen Entdeckungen abgab. Auch Herr Long konnte richtig herzhaft lachen, deshalb blieb es diesmal bei nur wenigen Worten in seiner Sprache, die ich in diesen Stunden lernte.
Die Sonne senkte sich bereits, als wir die große Pforte des Anwesens wieder erreichten. Unbeweglich, wie beim Verlassen des Geländes, standen die beiden Wachleute dort, um jedem Fremden den Einlass zu verwehren. Wir passierten die Stelle und ich meinte zu bemerken, wie mir die Augen der beiden Wachleute folgten.
Im Haus angelangt, steuerte Herr Long zielsicher mit mir den Raum an, in welchem wir stets die Mahlzeiten einnahmen. Tiu Gang Bao saß bereits dort und schien nur auf unsere Rückkehr gewartet zu haben. Herr Long nahm den Platz mir gegenüber ein und saß somit neben dem Dashi. Dieser nickte mir zu und rief dann etwas, worauf sich die Bediensteten beeilten, weitere Speisen und Getränke heranzuschaffen.
Wie es mich Herr Long gelehrt hatte, sagte ich ein „Ni Hao Ma“ in Richtung des Dashi, was so viel wie „Wie geht es Euch?“ bedeutete.
Der sprach daraufhin einige Worte zu Herrn Long, worauf beide lachten.
Die Speisen kamen und während wir davon nahmen, fühlte ich mich vom Dashi in einer Weise beobachtet, dass mir hin und wieder, trotz aller erreichten Fertigkeiten, die Speisen von den Stäbchen hinab fielen.
„Friedrich, aufstehen, der Dashi wartet“, hörte ich Herrn Longs vertraute Stimme am nächsten Morgen. Mir war überhaupt nicht nach aufstehen zumute, es war noch nicht einmal richtig hell und zudem schmerzte mein Körper an den Stellen, die der gestrige Tag mit seinen ungewohnten Übungen besonders gefordert hatte.
„Friedlich, steh auf und finde selbst zum Dashi, ich habe noch anderes zu erledigen“, sprach Herr Long schon etwas bestimmender, weshalb ich mich rasch erhob und mich auf den Weg machte.
Der Dashi stand am gleichen Platz wie am Vortag und genau wie am Vortag, verbeugten wir uns gegeneinander. Wieder begannen wir mit dem Laufen der großen Runden, welche ich nach kurzer Zeit alleine fortsetzte. Die sich nun daran anschließenden Übungen waren zwar andere, als noch am Vortag ausgeführt, so wurden die leicht schmerzenden Stellen zwar geschont, doch angenehmer wurde es dadurch nicht. Und immer, wenn ich bei einer Übung dem Aufgeben nahe kam, schaffte es der Dashi, mir eben von dieser Übung noch einige Wiederholungen abzuringen. Dankbar nahm ich zwischendurch den gereichten Becher mit dem erfrischenden Brunnenwasser entgegen. Zum sehr späten Frühstück erwartete uns wiederum Herr Long, der sich danach meiner annahm.
Der erneute Spaziergang fiel diesmal etwas weniger lustig aus. Das Erlernen neuer chinesischer Worte stand dafür im Vordergrund. Weiterhin wollte Herr Long mir nach der Rückkehr zum Haus seine Fähigkeiten in der Kalligraphie präsentieren.
„Herr Long, wie oft noch muss ich denn morgens, in aller Frühe, die Bewegungen mit dem Dashi machen?“, stellte ich meine Frage, während Herr Long mit Blättern, einem feinen Pinsel und Tusche bewaffnet an den Tisch trat.
„Ich habe Dir doch bereits gesagt, dass der Dashi seine Übungen täglich vornimmt. Für Dich gilt also, jeden Morgen oder gar nicht mehr, ganz wie Du es möchtest. Es liegt an Dir, wieviel aufzunehmen Du bereit bist. Genau wie Du, hat auch der Dashi als Kind damit angefangen und ist selbst zu einem Lehrer geworden, von dem Viele unterrichtet werden möchten; aber der Dashi unterrichtet nicht jedermann. Halte Dir stets vor Augen, dass es eine große Ehre für Dich ist, von ihm zu lernen. Später einmal wirst Du vielleicht erkennen, was er Dir damit gegeben hat. Wenn es Dir allerdings lieber ist, können wir uns auch den ganzen Tag über mit der Kalligraphie und unserer Sprache befassen.“
Elf Tage waren auf diese Weise bereits verstrichen, mal schmerzte mein Körper hier, mal schmerzte er dort. Trotz aller Pein freute ich mich darüber, dass mir einige der Übungen bereits etwas leichter fielen. Ich konnte die Beine weiter spreizen als zuvor, den Körper weiter biegen und auch bei den Übungen, wo die Muskelkraft mehr gefragt war als die Beweglichkeit, gleich ob in den Armen oder in den Beinen, ging es besser, als noch am Vortag. Dennoch befand ich mich im steten Zweifel, ob es nicht doch besser wäre, den Tag gänzlich mit Herrn Long zu verbringen. Ein Grund dafür lag in der Übung, für die der Dashi den Namen „Ma Bu“ gebrauchte.
Sagte er dies, dann galt es für mich den Stand einzunehmen, als würde ich auf einem Pferd sitzen, ohne allerdings unter mir den sicherlich entlastenden Rücken eines Pferdes zu verspüren. So stand ich dann, mit kerzemgeraden Rücken und vorgestreckten Armen, bis meine Beine heftig zu zittern anfingen. Doch vom Dashi kamen keine erlösenden Worte, sondern mit strengem Blick wies er mich an durchzuhalten. Bis ich nicht mehr konnte und einfach umfiel. Meine Oberschenkel schmerzten derart, als würde ein Feuer in meinen Beinen lodern.
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