Obwohl das Gespräch sich für mich derart anhörte, als würden die Männer streiten sah ich, wie sich die Miene Herrn Longs erhellte. Gleich darauf wandte er sich an mich.
„Friedrich, zumindest für Dich sind es erfreuliche Nachrichten, die ich zu hören bekomme. Ich bekam soeben die Nachricht, dass in Shanghai ein Schiff erwartet wird oder jetzt bereits im Hafen liegt, welches sich von Amsterdam zu uns aufmachte und auch nach dort wieder den Kurs aufnehmen wird.“
„Ist es die Mirte “, fragte ich überflüssigerweise, doch in freudiger Erregung nach.
„Nein Friedrich. Wie sollte die Mirte es auch in diesem kurzen Zeitraum schaffen, nach Amsterdam zurückzukehren und nun hier bereits wieder vor Anker zu gehen. Der Name des Schiffes ist mir nicht bekannt, allerdings soll es einem angesehen Mann der Amsterdamer Gesellschaft gehören, einem Herrn van Haaren. Sagt Dir der Name etwas?“
„Nein, Herr Long, der Name sagt mir überhaupt nichts.“ Wobei ich natürlich eingestehen musste, außer Herrn van Dyck und Herrn van Houten, so gut wie niemanden der Amsterdamer Gesellschaft zu kennen. „Ich komme ja aus Xanten, wie ich Euch erzählte.“
„Ja, natürlich, Friedrich, darüber habe ich im Moment nicht nachgedacht. Doch, ungeachtet dieser Nebensächlichkeiten bedeutet dies, dass wir uns morgen, in aller Frühe auf den Weg nach Shanghai machen werden. Vielleicht ist uns das Glück hold und sie nehmen Dich an Bord, so dass Du die Heimat doch rascher wiedersehen wirst als angenommen. Wir sollten uns also bald daranmachen, unsere Sachen für die Reise zu packen.“
„Da gibt es bei mir doch nicht viel zu packen, Herr Long. Ich besitze kaum mehr, als ich am Leibe trage.“
Meine Worte schienen Herrn Long nicht weiter zu interessieren, denn er gab einem der Hausangestellten seine Anweisungen, erst danach wandte er sich mir wieder zu.
„Und, Junge, freust Du dich?“
„Ja, Herr Long, sehr“, gab ich umunwunden zu. „Wenngleich, jetzt, wo ich hoffen darf, meine Eltern bald wiederzusehen, ich doch zugeben muss, dass ich Euch sehr vermissen werde, Herr Long. Und den Dashi natürlich. Überhaupt alles hier. Ich bin mir sicher, niemand daheim wird das Chinesisch besser sprechen als ich; und die Übungen Herr Long, die werde ich bestimmt fortsetzen.“
„Wart´s ab, Friedrich. Wenn Du erst wieder in Deiner Heimat angekommen bist, wird Dein Alltag sicher in ganz anderen Bahnen verlaufen. Aber es freut mich, und ganz besonders die Familie Tiu, dass Dir der Aufenthalt bei uns gefallen hat. So, nun sollten wir aber wahrhaftig darangehen die Sachen zu packen und uns später dem kurzen Schlaf widmen. Sobald der erste Hahn kräht, werden wir uns auf den Weg machen.“
Als ich die Tür zu meiner Kammer öffnete, entdeckte ich ein großes Bündel auf meinem Bett, daneben einen nicht zu großen Sack, den ich in der Lage zu tragen wäre. Neugierig machte ich mich daran, die Sachen zu untersuchen. Zwei weitere Jacken und Hosen, so wie ich sie am Leibe trug, fand ich vor, dazu zwei weitere Paare der leichten Schuhe, zwei dieser Essstäbchen, die jedoch nicht aus einfachem Holz geschnitzt waren. Gut poliert schimmerten sie in einem zarten weiß und fühlten sich ganz anders an, als die Stäbchen, die täglich zu den Mahlzeiten bereitlagen. Wenn ich mich an die Worte des Botanikers Herrn Juncker erinnerte, als wir seinerzeit die Küsten Westafrikas anliefen und ich zum erstenmal einen Elefanten sah, dann konnten diese Stäbchen aus den Stoßzähnen dieser Tiere gefertigt sein. Desweiteren lag noch ein Messer auf dem Bett, vielleicht zwei meiner Handspannen lang, welches in einer kunstvollen, metallenen Scheide steckte. Äußerst angenehm überrascht machte ich mich rasch daran, die Dinge in den Beutel zu packen, um sie kurz darauf wieder auszupacken. Zuerst wollte ich nämlich meinen Rock und meine Hose hineinpacken, die ich auf der Herreise am Leibe trug. Insbesondere lag mir der Rock am Herzen, in dessen Saum meine Mutter doch einige Goldmünzen eingenäht hatte. Sie würde sich sicherlich freuen, würde ich ihr die mühsam abgesparte Barschaft daheim wieder auf den Tisch legen. Bereits in wenigen Monaten, so schwebte mir es vor, könnte ich an so manchen Abenden Vater von meinen Erlebnissen berichten. Nachdem alles sorgfältig verstaut war legte ich mich zum Schlaf nieder.
„Friedrich, wach auf, es wird Zeit das Frühstück einzunehmen“, holte mich Herr Long aus dem wohltuenden Traum, in welchem ich mich bereits in Xanten befand. Wie von einer Tarantel gebissen fuhr ich hoch.
„Wartet der Dashi bereits im Garten auf mich?“
„Nein-nein, Junge, werde ersteinmal richtig wach. Heute warten keine Übungen auf Dich, sondern die Fahrt nach Shanghai steht an.“
„Ach ja; ich habe dermaßen fest geschlafen und geträumt, dass ich daran überhaupt nicht gedacht habe“, entgegnete ich Herrn Long. Der stand weiterhin ruhig, mit einer dicken Kerze in der Hand bewaffnet, im Zimmer und versuchte mit deren schwachem Schein die Morgendämmerung aufzuhellen.
„Wenn ich auch nicht verstanden habe was Du geträumt hast, muss es doch sehr angenehm gewesen sein; Du hast laut gesprochen“, meinte Herr Long im gutmütigen Ton, stellte die Kerze auf dem Tisch ab und verließ das Zimmer.
Natürlich beeilte ich mich an den gedeckten Tisch zu kommen, wo bereits Herr Long, der Dashi, sowie die beiden kräftigen Glatzköpfe Wa Dong und Liu Hang die Speisen zu sich nahmen.
„Es ist schade“, richtete der Dashi das Wort an mich, es ist wirklich sehr schade, dass ich Dich nicht mehr unterrichten kann, Friedrich. Du warst auf einem guten Weg und ein überaus gelehriger Schüler. Doch gleichermaßen freut es mich für Dich, dass Du, aller Voraussicht nach, bald die Heimreise antreten kannst.
„Danke, Dashi. Ich sagte schon Herrn Long, wie sehr ich die Stunden mit Euch vermissen werde.“
Keineswegs übereilt, aber dennoch nicht mit der ansonsten üblichen Gelassenheit, brachten wir das Frühstück hinter uns. Ich lief zu meiner Kammer, um mein fertiggepacktes Bündel zu holen. Nur zu gerne hätte ich mich von jedem im Haus ausgiebig verabschiedet, doch außer uns fünf Personen und einigen wenigen Bediensteten, schien noch niemand auf den Beinen zu sein. Wa Dong und Liu Hang hatten bereits ihre Plätze auf dem Kutschbock eingenommen. Ich begab mich in das Innere des Gefährts und gesellte mich zu Herrn Long und dem Dashi. Begleitet von dem Wiehern und Schnauben der beiden Rösser setzte sich die Kutsche in Bewegung. Wir passierten das breite Portal, an welchem in gewohnter Manier zwei Posten standen. Aus der Kutsche heraus winkte ich ihnen freudig zu und bemerkte ein freundliches Lächeln auf deren Gesichter, wobei sie jedoch ansonsten, wie mit dem Boden verwurzelt, regungslos dastanden.
Im morgendlichen Zwielicht fuhren wir durch das Dorf, welches, getroffen von den ersten Sonnenstrahlen, langsam zum Leben erwachte. Dann ging es weiter über staubige Wege und die anfängliche Gesprächsbereitschaft ließ mit jeder Meile die wir hinter uns brachten mehr und mehr nach, bis wir schließlich alle drei im Inneren der Kutsche in einen Dämmerschlaf verfielen.
Unterbrochen von gelegentlichen Rasten, welche die Pferde ebenso dringend benötigten wie wir selbst, erreichten wir am Abend eine Herberge für die Nacht.
Wiederum in aller Herrgottsfrühe setzten wir am Morgen des folgenden Tages unsere Fahrt fort.
„Wenn wir weiterhin unbeschadet vorankommen, Friedrich, werden wir Shanghai am Nachmittag erreichen“, sprach Herr Long mich an. „Sollte alles in Deinem Sinne verlaufen, wirst Du bereits am heutigen Abend an Deck eines niederländischen Schiffes sein. Du machst aber keinen überaus erfreuten Eindruck, junger Mann.“
„Doch, Herr Long“, widersprach ich verhalten, „ich freue mich schon sehr darauf, nur im Moment kommt etwas Wehmut auf, weil ich Euch und den Dashi sehr vermissen werde. Aber Daheim werden sie große Augen machen wenn ich ihnen erzähle, dass ich mit dem Geschäftspartner von Herrn van Dyck beisammen saß.“
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