Wenn irgendwie möglich, wollte ich mir ebenfalls so einen Stecken zulegen, bevor ich an Bord eines Schiffes ging, das mich nach Hause bringen würde.
Das verbliebene Pferd schleppte derart schwer an der großen Last, weshalb sich Tiu Gang Bao bereits am frühen Nachmittag dafür entschied, baldmöglichst eine Herberge anzufahren wo wir nächtigen und sich das geplagte Tier erholen konnte.
Kaum dass die ersten Strahlen der Sonne den Boden berührten, machten wir uns am Morgen des folgenden Tages erneut auf den Weg. Es ging rascher voran als noch am Vortag, doch um das Tier nicht zu überfordern, verzichtete Wa Dong darauf es weiter anzuspornen.
„Ich denke, gegen Mittag werden wir den Hafen erreichen“, kommentierte Herr Long kurz, als schon etliche Meilen hinter uns lagen.
„Herr Long, darf ich für den Rest der Fahrt vielleicht oben auf dem Kutschbock sitzen?“, fragte ich nach.
„Nach der nächsten Rast durchaus, Friedrich. Es wäre nur unschön und mühsam für unser Ross, jetzt deswegen anzuhalten, und ihm somit den vorhandenen Schwung zu nehmen. Es ist kaum anzunehmen, dass uns nochmals Halunken an der Weiterfahrt hindern wollen.“
Gerne gab ich mich mit der Antwort zufrieden und wartete somit geduldig ab, bis wir unserem Zugtier erneut die erforderliche kurze Rast gönnten. Daraufhin nahm ich mit Freude den Platz zwischen Wa Dong und Liu Hang hoch oben auf dem Kutschbock ein. Er bot mir etwas mehr Abwechslung, da ich von dort oben alles weitaus besser überblicken konnte. Nun sah ich auch die Vielzahl der Häuser, denen wir beständig näherkamen. So oft wie Herr Long diese Strecke bestimmt zurückgelegt hatte verwunderte es nicht, wie genau seine am Morgen gemachte Aussage zutraf. Die Sonne stand senkrecht über uns, als wir uns inmitten der Häuser Shanghais befanden und uns dem Hafen näherten.
Wa Dong, der die Zügel führte, steuerte unser Gefährt vor das Gebäude von Tiu Ning Qiang. Zusammen mit Liu Hang kümmerte sich Wa Dong zunächst um das Ross, und sie hielten dabei die Kutsche im Auge, in der sich unser Gepäck befand. Der Dashi, sowie Herr Long entstiegen dem Fuhrwerk und während der Erstgenannte sich zu mir gesellte, machte sich Herr Long auf, um sich in der Hafenmeisterei nach dem von uns gesuchten Schiff zu erkundigen.
„Komm, Friedrich“, sprach mich der Dashi an, „Longs Weg ist zwar der Vernünftigere und er wird rasch in Erfahrung bringen wo das Schiff des Niederländers liegt; aber vielleicht haben wir Glück und entdecken es vor ihm.“
So schritt ich an der Seite des von mir bewunderten Mannes durch das Hafengelände, aber eine niederländische Galeone sahen wir nicht. Eigentlich kein Wunder, da die Betriebsamkeit auf dem Wasser nicht weniger groß war, als die, die sich an Land zutrug. Schiffe, gleich, ob kleine Kähne oder große Dschunken, Schaluppen oder Karavellen, wurden ent- oder beladen. Karren schafften Waren und Essbares zum weiteren Transport an die Schiffe heran oder brachten die Güter in die nahestehenden Lagerhäuser. Hier gackerten zahllose Hühner in Körben vor sich hin, dort quickten aufgeregt Schweine und meckerten Ziegen, wenn sie an Bord der schwankenden Ungetüme gebracht wurden.
Ein nur scheinbar heilloses Durcheinander, denn jeder schien zu wissen, wo sich sein Platz befand.
Noch völlig außer Atem fand Herr Long zu uns. „Es ist nicht einfach, euch in diesem Gewusel ausfindig zu machen“ beschwerte er sich. „Wir sind zu spät!“, brach es danach aus ihm heraus; „das Schiff dieses Herrn van Haaren hat kurze Zeit vor unserer Ankunft abgelegt. Wir müssten es sogar noch sehen können.“
Doch so, wie wir standen, sahen wir den Wald vor lauter Bäumen nicht, darum sprang der Dashi behende auf ein nahestehendes Fass und schaute sich von dem erhöhten Platz aus um. Ich sah dessen zusammengekniffenen Mund, als er sich bückte um mir die Hand zu reichen, um mich so nach oben auf das wuchtige Gehölz zu ziehen.
Von dort aus entdeckte ich ebenfalls das Schiff, welches sich bereits auf offener See befand. Nur noch klein zwar, aber in seiner Breitseite sichtbar, durchaus als Galeone zu erkennen.
„Was nun?“, fragte ich sichtlich enttäuscht, denn in meinen Gedanken hatte ich mich bereits an Bord gesehen. Noch gestern hatte ich davon geträumt und mir vorgenommen, jedes Glasen an Bord zu zählen, bis wir den Hafen von Amsterdam erreichen würden.
„Es ist, wie es ist“, meinte der Dashi in seiner üblichen ruhigen und überlegten Art. „Wa Dong und Liu Hang sollen sich darum kümmern, ein zweites Pferd für den Rückweg zu beschaffen. Wir werden die Nacht in meines Vaters Haus verbringen und uns morgen wieder auf den Rückweg machen.“
Das war nun alles, was von meinen Träumen und der sich gebotenen Möglichkeit übriggeblieben war. Die Aussicht auf eine Nacht im Hause der Familie Tiu. Die Ratlosigkeit schien mir in das Gesicht geschrieben.
„Deine Enttäuschung kann ich nachvollziehen, Friedrich; aber mein Vater wird sicher bald wieder ein Schiff nach Batavia auf den Weg bringen. Dann werden wir uns an Bord begeben und es auf diese Weise versuchen. Bis dahin können wir unsere Übungen fortsetzen, Friedrich und Du wirst dabei noch so manches Neues erlernen“, versuchte mich der Dashi mit einem Lächeln aufzumuntern.
„Und dies alles nur wegen dieser Wegelagerer“, schimpfte Herr Long ordentlich. „ Wa Dong und Liu Hang sollten ihnen die Köpfe abschlagen, wenn sie uns auf dem Rückweg nochmals begegnen.“
„Aber auch dies würde Friedrich nicht schneller in seine Heimat bringen“, meinte der Dashi lakonisch.
„Dieser Herr van Haaren scheint nicht das beste Verhältnis zum Hause der van Dycks zu haben, wie ich in Erfahrung bringen konnte“, meldete sich Herr Long wieder zu Wort. „Er wollte wohl auch bei uns die gleichen Waren erstehen, welche wir auf Batavia der Mirte überlassen haben. Doch unsere Männer haben keine Geschäfte mit ihm gemacht; zumal dieser Mann nicht dazu bereit war, einen vernünftigen Preis dafür zu bezahlen.“
„Interessant, dies zu hören, doch auch diese Erkenntnis bringt uns keinen Schritt voran“ entgegnete der Dashi darauf und machte sich mit uns auf den Weg zum Haus seines Vaters.
Am Morgen des folgenden Tages ging es somit wieder auf den Rückweg. Erneut von zwei Tieren gezogen kam unsere Kutsche gut voran. Und ohne nochmals von wüsten Gesellen behelligt worden zu sein, erreichten wir unbeschadet das Anwesen.
Meine Kammer stand mir zur Verfügung, als wäre ich nie fort gewesen. Den gepackten Reisebeutel, mit den erhaltenen Dingen, stellte ich sorgsam in eine Ecke. Sollte wieder ein plötzlicher Aufbruch anstehen, dann sollte keine Zeit mehr verloren gehen, was ein Zuspätkommen zur Folge haben könnte. Bereits am nächsten Tag, so sagte es mir Herr Long, würden wir den bislang gepflegten Tagesablauf wieder aufnehmen.
Rasch waren die vielleicht neun, gut möglich, dass sogar schon zehn Wochen seit meiner missglückten Heimkehr hinter mir lagen, vergangen. Die ersten Nächte dieser Zeit verbrachte ich mit unruhigem Schlaf, da ich stets darauf hoffte und wartete, zu einer erneuten Abreise gerufen zu werden. Doch mit jedem Tag der verging, ließ diese innere Unruhe nach. Was blieb mir, außer mich dem Schicksal zu fügen?
Bei den frühmorgendlichen Übungen mühte ich mich sehr, es dem Dashi recht zu machen, ebenso wie Herrn Long, der mir die Schriftzeichen in schönster Manier, der Kalligrafie, nahebrachte.
Da mir einfach nicht aus dem Sinn ging, mit welcher Ruhe und Gelassenheit der Dashi vor einiger Zeit zwei zu allem entschlossenen Wegelagerern das Handwerk legte und sie eines Besseren Belehrte, gab ich bei ihm stets meins Bestes, um ihm nahezukommen.
Das große Anwesen war mir mittlerweile dermaßen geläufig, wie der Inhalt meiner Rocktaschen. Die Umgebung hatte ich ebenfalls mehrfach kennengelernt; allerdings nur in Begleitung von Herr Long. An einem Tag, als Herr Long dazu angehalten war, sich um Angelegenheiten zu kümmern, die Herrn Tiu Ning Qiangs Geschäfte betrafen, nutze ich die freie Zeit und gab mich meiner unbändigen Neugierde hin. Ich wollte mich aufmachen das nahegelegene Dorf aufzusuchen, welches ich bislang nur von den Kutschfahrten her kannte.
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