„Es ist gut, wenn Du morgen ausgeschlafen bist, denn vor uns liegt noch eine anstrengende Kutschfahrt“, kommentierte er seine Eile. Im Haus angekommen, war es wiederum Herr Long, der mir sogleich meine Kammer zuwies. Ich hörte viele Stimmen und nicht minder wenige Schritte im Haus umherhasten, doch zu Gesicht bekam ich niemanden. So legte ich gleich zum Schlafen nieder, um für die von Herrn Long beschriebene Anstrengung gewappnet zu sein.
„Aufwachen, Friedrich!“, vernahm ich die mir bekannte Stimme und schreckte aus dem Tiefschlaf hoch. Ich gähnte mir weit aufgerissenem Mund, streckte mich dabei und brachte nur ein undeutliches „ni hao, Herr Long“, hervor.
„Beeile Dich, wenn Du noch etwas zum Frühstück haben möchtest, bevor wir uns auf den Weg machen“, gab Herr Long daraufhin zurück und verließ den Raum.
Rasch sprang ich von der Liegestätte auf, ging zu der bereitstehenden Schüssel mit Wasser und fuhr mir mit den nassen Händen über das Gesicht. Schnell zog ich meine Hosen, die Bluse und den Rock über, schlüpfte in meine Stiefel und verließ das Zimmer. Doch, wo sollte ich hin. Außer dem Raum, welchen ich eben erst verlassen hatte, kannte ich nichts in diesem Gebäude. So folgte ich den Geräuschen, die auf eine lautstarke Unterhaltung hinwiesen. Ich folgte der richtigen Spur und sah die beiden stets mir ihren Schwertern bewaffneten Männer, Herrn Long und Herrn Tiu Gang Bao, die sich an einem reichbestückten Tisch bedienten. Mit Beklemmung brachte ich mein „nimen hao“ hervor und erntete dafür ein wohlwollendes Lachen der anwesenden Männer.
„Komm, setzt dich zu mir“, forderte mich Herr Long auf und deutete bei dem weiteren „nimm“ auf die vielfältigen Speisen und Früchte. Dieser Aufforderung kam ich gerne nach, und da ich den Gesprächen nicht folgen konnte, widmete ich mich ganz dem leiblichen Wohl. Wenn mir auch vieles von dem Angebotenen weiterhin mehr als fremd vorkam, so hatte ich mich durch die vorangegangene Zeit an Bord der Dschunke schon an so Manches gewöhnt. Was ich bei aller Vielfalt dennoch wahrhaftig vermisste, war ein ordentlicher Kanten Brot, wie ich ihn von der Heimat her kannte. Selbst bei dem Gedanken an ein Stück Schiffszwieback lief mir das Wasser im Munde zusammen. Andererseits musste ich mir eingestehen, selbst im Hause des vermögenden Herrn van Dyck, nie eine derartige Auswahl gesehen zu haben.
„Nimm auch hiervon, dies sind Melonen, dort sind die Litschis“, wies mich Herr Long ein.
Bei aller vorangegangenen aufgesetzten Eile schien es den Herren wohl nur darum zu gehen, mehr Zeit an der Tafel verbringen zu können. Doch, kaum dass ich diesen Gedanken zu Ende dachte, stand Herr Long auf und die anderen Männer, und so auch ich, folgten seinem Beispiel.
Die von mir fälschlicherweise als Piraten gedeuteten Männer machten sich daran, Gepäckstücke auf die bereitstehende Kutsche zu laden, und schwangen sich danach gleich hinauf auf den Kutschbock. Tiu Gang Bao, Herr Long und ich, nahmen derweil im Inneren die Plätze ein. Den alten Herrn Tiu bekam ich nicht mehr zu Gesicht. Mit einem Ruck setzte sich kurzdarauf unser von zwei Pferden gezogenes Gefährt in Bewegung.
Der mir gegenübersitzende Tiu Gang Bao zog eine Schriftrolle hervor, der er seine ganze Aufmerksamkeit widmete. Neben ihm hatte sich Herr Long niedergelassen. Er faltete seine Hände und schloss die Augen, als müsste er sich von den Mühen eines umfangreichen Frühstücks erholen. So blieb mir nicht mehr zu tun, als an dem flatternden Tuch vorbei, welches die Öffnung in der Tür der Kutsche verschloss, um Staub und Sonne fernzuhalten, die vorbeiziehende Landschaft zu beobachten. Das Hafengelände verlassend fuhren wir nun durch die Stadt, in der ein reges Treiben herrschte. Ein Handwerksbetrieb lag neben dem Nächsten; Marktstände mit einem riesigen Angebot an frischen Früchten; Kräutern und Gewürzen wechselten einander ab. Das Meckern von Ziegen, das Gackern von Hühnern und die lauten Rufe der Händler erfüllten die zahllosen Gassen. Langsam, sehr langsam, ebneten auch diese Geräusche ab und das Rumpeln unserer Kutsche, das Klappern der Hufe und das Mahlen der Räder auf sandigem Untergrund, bildeten eine monotone Begleitung. Das stete Schwanken der Kutsche verfehlte seine einschläfernde Wirkung nicht.
„Friedrich? Friedrich“, stieß mich Herr Long bei seinen leise gesprochen Worten leicht an und holte mich damit aus dem Halbschlaf. Nun sah ich Tiu Gang Bao zurückgelehnt sitzen, die Augen fest geschlossen, bewegte sich dessen Körper im schwankenden Rhythmus des Gefährts. Seine Schriftrolle hielt er dabei jedoch mit einer Hand fest umklammert.
Nur der Stand der Sonne zeigte mir an, dass wir schon reichlich Zeit unterwegs waren, deshalb fragte ich nach: „Herr Long, wie weit ist es denn noch?“
„Wir sind noch lange nicht am Ziel, Junge. In einer Stunde etwa werden wir den Pferden und uns eine Rast gönnen. Dann werden wir weiterfahren und uns vor Einbruch der Dämmerung eine Bleibe für die Nacht suchen. Aber, schau hinaus; die Landschaft, ist sie nicht wunderschön? Ich kann nicht aufzählen, wie oft ich diese Strecke schon gefahren bin, dennoch bin ich immer wieder davon begeistert.“
„Ja, Herr Long“, pflichtete ich zunächst ohne großes Interesse bei, um gleich darauf doch faszinierter hinauszublicken. Endlose Felder säumten zur Linken wie zur Rechten den Weg. Im knietiefen Wasser standen dort Bauern und gingen der Arbeit nach; mächtige Büffel zogen die Pflüge. Bäume und Sträucher, wie ich sie nie zuvor gesehen hatte, konnte ich entdecken. Unwillkürlich musste ich an Herr Juncker, unseren Botaniker denken, der mir sicher zu jeder dieser Pflanzen einen lateinischen Namen hätte nennen können.
„Es ist wirklich sehr schön“, sprach ich unvermittelt Herrn Long an, der jedoch bereits seine Augen wieder verschlossen hatte. Warum eigentlich hatte er mich geweckt? Ich schob das Tuch etwas mehr beiseite, um besser hinausblicken zu können und sah, wie aus den uns umgebenden sanften Hügeln in der Ferne Berge wuchsen. Die Pferde liefen nun langsamer als zuvor, bis sie schließlich nur daherschritten und die Kutsche letztlich anhielt.
Sofort waren Herr Long und Tiu Gang Bao hellwach. Stimmen drangen von draußen an mein Ohr.
„Endlich“, sagte Herr Long und verließ die Kutsche. Tiu Gang Bao deutete mir mit einer Kopfbewegung an ebenfalls auszusteigen und folgte mir. Wa Dong und Liu Hang sprangen behende vom Kutschbock hinab und reckten und streckten ihre Arme und Beine.
Wir standen vor einem Gasthaus. Etliche Tische standen davor im Freien, die gut besetzt waren, wo Männer aßen und tranken. Als sie mich erblickten, verstummten für einen kurzen Moment die Gespräche, um danach lautstärkerund wild durcheinander schnatternd fortgesetzt zu werden. Ich musste für die Leute ein eigentümliches Bild abgeben. Meine Kopfbedeckung, der Dreispitz, ging mir auf der Flucht vor dem Schrecklichen in Batavia verloren. So wehten nun meine schulterlangen blonden Haare im schwachen Wind. Herr Long sprach zu den Dasitzenden, worauf das wilde Geschnatter merklich ruhiger wurde, doch die Blicken waren weiterhin auf mich gerichtet. Ein unangenehmes Gefühl kam in mir auf und für einen Moment fühlte ich mich, als wäre ich einer der Sklaven, die auf dem Markt von Ouidah zum Verkauf angeboten wurden. Wa Dong legte beinahe freundschaftlich den Arm um meine Schultern und führte mich so zu einem freien Tisch, an welchem sich unsere Gruppe niederließ. Dass ich dennoch weiterhin Thema ihrer Gespräche blieb, konnte ich den unverhohlenen Blicken der um uns herumsitzenden Männer durchaus entnehmen.
Herr Long rief einige Worte, wonach uns eine kleine Mahlzeit und eine Kanne mit Tee auf den Tisch gestellt wurde; und während Tiu Gang Bao, Herr Long und dich uns daran bedienten, kümmerten sich Wa Dong und Liu Hang zunächst um die Pferde.
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