Sollte ich von nun an, an Bord dieser Dschunke mein Dasein fristen, die Decks schrubben müssen oder den feinen Herrschaften die Speisen bringen? Erst jetzt machte sich die Angst in mir richtig breit und meine ohnehin zitternden Beine versagten mir den Dienst. Ich verspürte keinen Schmerz, als ich hart auf die Planken aufschlug, nur den unendlichen Wunsch, dieser Unwirklichkeit zu entfliehen. Wie gerne würde ich aus diesem Traum aufwachen und mich an Bord der Mirte wiederfinden; oder noch besser, daheim, bei meinen Eltern in Xanten.
Dass ich nicht träumte bemerkte ich rasch, als der schmächtige Mann mich beinahe ängstlich rüttelte und mich wieder auf die Beine stellte. Er führte mich zu einer Sitzgelegenheit unterhalb der Empore, auf welcher die Herrschaften saßen, gab mir zu trinken und begann, mich zu befragen.
Als ich bei meinen Schilderungen den Namen unseres Schiffes nannte und dazu noch Herrn van Dyck erwähnte, hellte sich die Miene des Mannes weiter auf und er wechselte eifrig Worte mit den Beiden, die wohl das Sagen an Bord hatten. Der Ältere von ihnen machte eine knappe Bewegung mit der Hand, worauf mich der neben mir stehende Schmächtige abermals am Rock zupfte.
„Komm, Friedrich Weber, wir dürfen uns zu den Herrschaften setzen.“
Dass der Name sich in meinen Ohren wieder wie ein Fliedlich Webel anhörte, versuchte ich zu verdrängen, damit nicht wieder das Lächeln auf meinem Gesicht erschien. Schließlich wollte ich mir keineswegs den Zorn dieses Menschen zuziehen.
Die wenigen Stufen hinauf zu der Empore schaffte ich auf schwachen Beinen. Ich nahm den zugewiesenen Platz auf den überaus weichen Kissen ein. Den schmächtigen Mann an meiner Seite, saßen wir den beiden Herrschaften nun gegenüber.
Der alte Mann bedachte mich nur mit einem kurzen Blick, bevor er weiter mit seinen beiden Holzstäbchen in eine der Schalen stieß und geschickt damit etwas sicherlich Schmackhaftes hervorzog, was von einem ordentlichen Schmatzen begleitet dann in seinem Mund verschwand.
Der junge Kahlköpfige hingegen starrte mich geradezu unverblümt an. Keineswegs furchteinflößend, nein, vielmehr mit einem gutmütigen Zug um den Mund. Aber doch so stetig, als stände in meinem Gesicht etwas geschrieben. Voller Unbehagen senkte ich meinen Blick und mir stieß es äußerst unangenehm auf, dass in diesem Moment mein Magen vernehmlich zu knurren begann. Seit Stunden hatte ich keinen Bissen zu mir genommen. Dieses Geräusch amüsierte die Herren jedoch, wie ihr lautes Lachen anzeigte. Der Schmächtige neben mir deutete auf Stäbchen, die auf dem Tisch lagen und gab mir zu verstehen, damit auch von den Speisen zu nehmen.
Zu Beginn fiel es mir überaus schwer, mit diesem ungewohnten Werkzeug und dazu von stetiger Beobachtung begleitet, auch nur einen Happen zum Mund führen, was wiederum die Beisitzenden belustigte. Darüber hinaus konnte ich mir kaum vorstellen auf diese Weise eine Mahlzeit einzunehmen, die für einen anstrengenden Arbeitstag herhalten sollte. Es dauerte seine Zeit, bis ich mich etwas geschickter anstellte, doch die Herrschaften hatten Ihr Mahl bereits beendet, erhoben sich und machten sich einfach davon. So saß ich mit dem Schmächtigen alleine bei Tisch und der schaute mir weiterhin zu, wie ich mich mühte.
„Mein Name ist Tian Ze Long“, sprach er mich unvermittelt an. „Du kannst mich Long nennen; ich bin der Übersetzer, wie Du wahrscheinlich erkannt haben wirst.“
„Ja, Herr Long und meine Name ist Friedrich Weber“, gab ich überflüssigerweise und im Übereifer zurück.
„Ich weiß; sonst wärest Du schließlich nicht an Bord unseres Schiffes.“
„Ich bin an Bord, weil ich Friedrich Weber heiße?“, fragte ich ungläubig nach.
„Nein, sicher nicht, junger Mann. Du bist an Bord, weil Du mit der Mirte ankamst und zu den Leuten von Herrn van Dyck gehörst.“
„Woher wusstet Ihr dies und weshalb habt Ihr dann nicht auch Herrn van Houten mit an Bord gebracht?“
„Unsere Leute erkannten euren Kapitän, als ihr euch auf dem Weg zu dem Gasthaus befandet und sie folgten euch dorthin und wollten Kontakt zu euch aufnehmen, als das Unglück hereinbrach. Nur zu gerne hätte der erlauchte Herr Tiu Ning Qiang mit eurem Kapitän gesprochen oder Herrn van Dyck kennengelernt. Leider fühlte sich Tiu Ning Qiang gesundheitlich etwas angegriffen, so dass wir vorsahen, euch zu dieser Dschunke führen zu wollen.“
„Aber warum kümmerte sich denn niemand um Herrn van Houten?“
„Wer, verflixt nocheinmal, ist denn dieser Herr van Houten überhaupt?“
„Unser Oberkaufmann an Bord, der Ziehsohn Herrn van Dycks, welcher schwer erkrankt am Kap der Guten Hoffnung zurückblieb. Herr van Houten lag neben mir, als mich eure Männer aufgriffen.“
„Du meinst den Toten, neben dem Du knietest?“
„Herr van Houten ist tot?“
„Er rührte sich nicht, als Wa Dong Dich packte und zu unserer Dschunke brachte. Sollen wir uns vielleicht um die Toten kümmern, statt das eigene Leben zu retten? Schau zurück und sieh, wie es um Batavia bestellt ist. Wir haben keinen Moment zu früh diese schrecklichen Ort verlassen.“
Der Blick zurück verhieß wahrhaftig nichts Gutes. Das Grollen des Berges drang zwar nur noch schwach über das Meer, seine feurige Glut jedoch, die spukte er weithin sichtbar aus. Stärker als je zuvor. Alles erschien mir so unwirklich, zumal wir, vor wenigen Stunden noch, lachend durch die Gassen Batavias gezogen waren. Nun sah es ganz danach aus, als wäre diese so mächtig wirkende Siedlung der Niederländer dem Untergang geweiht.
„Du wirst erschöpft sein, Junge“, sprach mich Herr Long unvermittelt an und holte mich so aus meinen Gedanken. „Komm mit, ich zeige Dir die Kammer, wo Du dich ausruhen kannst; bis Shanghai sind wir noch etliche Tage unterwegs.“
„Nach Shanghai?“, fragte ich ungläubig nach. „Weshalb versuchen wir nicht, auf See zur Mirte
zu stoßen, damit ich bei meinen Leuten sein kann?“
„Du bist ein Träumer, Junge, es ist kaum anzunehmen, dass euer Schiff Batavia unbeschadet verlassen wird. Somit gilt es zunächst, das eigene Leben zu retten.“
Unter Deck führte mich Herr Long zu einer Tür, öffnete diese und zog mich dabei in den kleinen Raum, der sich vor uns auftat. Eine Liegestätte, mit zahlreichen Kissen darauf, nahm den meisten Platz ein. Ein kleiner Tisch und einige Haken an den Wänden, um Rock oder Hut aufhängen zu können, bildeten das spärliche Mobiliar. Dabei sah doch alles viel ordentlicher und gepflegter aus, als ich es bislang von unserer Galeone her kannte. Der schwere, aber überaus angenehme Duft, musste von den zahlreichen Blüten stammen, die auf dem Tisch wild durcheinander lagen. Kaum, dass ich so meinen ersten Eindruck gewonnen hatte, hörte ich, wie die Tür sich schloss und ich stand allein in dem Raum. Nun merkte ich auch, wie die Müdigkeit in mir hochkroch und ich machte mich flugs daran, die Kissen derart zu platzieren, dass ich bequem darauf liegen konnte. Mit einem tiefen Atemzug schloss ich meine Augen und dachte zunächst an Herrn Juncker, unseren Botaniker, der mir von derart duftenden Blumen erzählt hatte. Ich meinte, er hätte dafür den Namen Orchideen verwendet. Dann kreisten meine Gedanken darum, wie es wohl mit mir weitergehen sollte. Glücklich konnte ich darüber sein, eben nicht in die Hände von Piraten gelangt zu sein, auch wenn die beiden Männer mit den breiten Schwerten am Gürtel durchaus so aussahen. Aber, abgesehen davon, dass es sich ja um die Geschäftspartner Herrn van Dycks handelte, sprach auch das ganze sonstige Getue an Bord dagegen. Die schon übertriebene Höflichkeit, mit den ständigen Verbeugungen voreinander, passte überhaupt nicht zu dem rüden Umgangston, welcher den Erzählungen nach an Bord der Piratenschiffe herrschen sollte. Dennoch war ich nicht frei von Furcht. Wozu sollte ich von Nutzen sein, weshalb wurde ausgerechnet ich gerettet? Sollte ich zukünftig nun doch die Decks schrubben oder in der Kombüse arbeiten müssen? Nicht, dass ich mir dazu zu fein wäre, doch ein Leben als solch ein Sklave, der ungewollt in der Fremde Frondienste leisten muss, wollte ich nicht führen. Der betörende Duft der Pflanzen, welchen ich mit jedem weiteren Atemzug aufnahm, ließ mich schließlich in einen tiefen Schlaf fallen.
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