Die Erde tat sich auf, Mauern stürzten in sich zusammen und so mancheiner wurde von herabstürzenden Teilen verletzt. Ein heilloses Durcheinander entstand bei dem scheinbar sinnlosen Unterfangen, sich irgendwohin in Sicherheit zu bringen.
„ Herr van Houten, Herr van Houten, so sagt doch etwas!“, rief ich voller Verzweiflung.
Meine Knie schmerzten von dem Sturz, als Jener, der mich schützen sollte, von einer Schindel am Kopf getroffen, zu Boden stürzte und mich daraufhin mit nach unten zog. Mein Handgelenk schmerzte ebenso, weil sein fester Griff sich nicht lockeren wollte. Das Erdbeben, welches Batavia in Mitleidenschaft zog, kam plötzlich und dennoch kaum unerwartet. Bereits seit Tagen spie der ferne Feuerberg seine glühenden Massen aus, wie wir zuvor noch auf See befindlich ausmachen konnten.
Nun, wo ich versuchte mich aus der Umklammerung Herrn van Houtens zu befreien, stießen Füße und Beine schmerzhaft in meine Seite. Hilflos, ohne jeglichen Schutz und vergeblich auf Rücksicht hoffend, hockte ich neben Herrn van Houten. Wie eine gewaltige Herde junger Stiere trampelten die Menschen um uns herum alles nieder, um das eigene Leben zu retten.
„Herr van Houten, kommt zu Euch“, rief ich abermals, doch kein noch so leises Wort kam über dessen Lippen. Nur das Blut rann bedächtig aber unaufhörlich aus einer klaffenden Wunde seines Kopfes. Erschreckt zuckte ich zusammen, als ich zwei gewaltige Hände unter meinen Achseln spürte, die mich nach oben zerrten, als wäre ich nicht mehr als ein Blatt im Winde. Wie ein Sack Getreide lag ich plötzlich auf den Schultern eines wohl stattlichen Mannes, denn er lief, als würde ihn meine Last überhaupt nicht stören. Meine Rufe nach Hilfe blieben ungehört und meine zappelnden Versuche, der Umklammerung zu entkommen, waren nicht von Erfolg gekrönt. Schmerzhaft drückten bei jedem Schritt die Schulterknochen des Mannes in meinen Magen, und mein Körper schlug hin und her. Ich sah nichts, außer den sich rasch voran bewegenden Füßen und mir wurde übler, als mir es je an Bord der Mirte widerfahren war.
Abrupt blieb der Kerl stehen und ließ mich von seiner Schulter gleiten. Zunächst sah ich das Hafenbecken vor mir liegen, dann hob ich den Kopf und schaute in das Gesicht des Fremden und das Blut gefror mir in den Adern. Waren wir ihnen zuvor auf See noch entkommen, so hatten sie mich nun in ihre Gewalt gebracht. Piraten! Ich blickte in das Gesicht des Mannes, das so rund war, wie die Kugeln unserer 24-Pfünder an Bord. Der Schädel war ebenso glatt wie diese, nur am Hinterkopf hing ein dünner geflochtener Zopf. Die Augen bildeten schmale schräge Schlitze und die Oberlippe zierte ein dünner Schnurrbart, der zu beiden Seiten lang herab hing. Und als wäre dieser Anblick nicht furchteinflößend genug, stand ein zweiter Mann gleichen Aussehens daneben.
Sie trugen weite Hosen und ihre sonderbaren Blusen aus dickem Stoff, waren über der Brust übereinandergeschlagen und an der Seite verknotet. Doch weitaus beeindruckender als die ungewohnte Aufmachung der Beiden, kamen ihre Schwerter daher, die sie an den Seiten trugen.
Kürzer als jene, die ich daheim schon zu Gesicht bekommen hatte, dafür jedoch um ein vielfaches breiter als diese. Das mussten Piraten sein.
Die Kerle sprachen miteinander, wovon ich allerdings kein Wort verstand. Kurz wandte ich meinen Kopf ab, schaute wieder zum Wasser hin und erblickte vor mir eines dieser fremdartigen Schiffe, die mir unser Offizier, Herr Wachtendoonk, als Dschunke beschrieben hatte. Nur, dass das vor mir liegende Schiff bei weitem nicht so große Ausmaße hatte, wie die Dschunken die drüben im Hafenbecken, nahe der Mirte lagen. Dieses Schiff hier war eher nicht für Frachten bestimmt.
Die beiden Männer würdigten mich keines Blickes, aber es hatte den Anschein, als würden sie sich schützend vor mich stellen, damit keiner der Vorbeihastenden mir zu nahe kommen konnte. Oder galt es eher, mich an der Flucht zu hindern? Doch daran war kaum zu denken, da selbst ein beherzter Sprung in das brodelnde Wasser des Hafens keine Sicherheit versprach. Worauf warteten die Männer? Gerne hätte ich mich einfach auf den Boden gesetzt, denn mir zitterten die Beine dermaßen, als würde der stärkste Winter herrschen, den ich je erlebt hatte. Doch die Angst ließ mich schweigsam verharren.
Wie auf ein Kommando hin traten die beiden Männer jeweils einen Schritt zurück und bildeten so eine Gasse für einen weiteren Mann, der sich näherte. Als Sohn eines Tuchhändlers wusste ich sehr wohl zu unterscheiden und bemerkte, dass die Kleidung des Neuankömmlings zwar den gleichen Schnitt aufwies, wie den der beiden Piraten, doch aus weitaus feinerem Stoff bestand. Dieser Mann trug ebenfalls kein Haar auf dem Kopf; schleppte weder Zopf oder Schnurrbart, noch ein breites Schwert mit sich herum. Er besaß ein feiner geschnittenes Gesicht, so dass er mehr einem Kaufmann, als einem Piraten glich.
Er stand noch nicht vor den beiden Grobschlächtigen, als diese sich tief verbeugten und sie sich erst wieder aufrichteten, nachdem der Mann diese kleine Gasse passiert hatte. Einen Moment verharrte er als er mich erblickte und ich meine die Andeutung eines Kopfnickens bemerkt zu haben, dann schritt er an mir vorbei, enterte die angelegte Planke und ging an Bord eben dieser Dschunke.
Mit einem deftigen Stoß in den Rücken und begleitet von unverständlichem Gemurmel, forderte mich einer der beiden kräftigen Männer auf, ebenfalls an Bord zu gehen. Alle schienen nur auf das Erscheinen dieses Mannes gewartet zu haben, der geradeeben vor mir das Deck betrat, denn eifrig wurden nun die Leinen gelöst.
Ein schlanker Mann, beinahe dürr und nur wenig größer als ich, trat auf mich zu.
„Wie ist Dein Name?“, fragte er in meiner Sprache.
„Friedrich, Friedrich Weber, mein Herr“, beeilte ich mich mit der Antwort.
Obwohl mir das Herz bis zum Halse schlug, oder wie es Kapitän Snijder wohl beschrieben hätte, ich die Hosen voll hatte, konnte ich mir ein Lächeln nicht verkneifen, als dieser Herr meinen Namen fragend wiederholte.
„Fliedlich Webel?“, nickte er mir zu und sah mich erwartungsvoll an.
„Ja, mein Herr, Friedrich Weber ist mein Name.“
Der schmächtige Mann rief daraufhin einige für mich unverständliche Worte über Deck, erhielt wohl eine Antwort und sagte nun etwas zu den Seeleuten, die an der Reling gerade die Taue einrollten.
Alsdann stießen sie die Dschunke von der Hafenmauer ab, so dass sich das Schiff daranmachte, den Hafen zu verlassen. Nur einen Moment noch dachte ich daran, den rettenden Sprung ins Wasser zu wagen, doch wegen des grollenden Berges, dem Beben der Erde und des überall herrschenden Unglücks, verwarf ich diesen Gedanken ebenso rasch wie er auftauchte.
„Komm“, griff der schmächtige Mann mit seinen Fingern nach meinem Rock und zog mich zum Ende der Dschunke. Dort, erhöht, sah ich ein prachtvoll ausgestattetes Heck, mit einer halbrunden hölzern Bank und einem runden Tisch davor. Alles war mit dicken Teppichen und Kissen belegt und machte einen weitaus wohlgefälligeren Eindruck, als es das Heck der Mirte vermochte, oder gar die besten Kajüten auf ihr.
Ein älterer Mann, bestimmt älter als Herr van Dyck, saß in feinstes Tuch gehüllt auf dieser Bank; neben ihm der Glatzköpfige mit den feinen Gesichtszügen. Eilfertig huschten schmächtige Gestalten an mir vorbei, die Schalen mit Früchten und sonstige Leckereien zu diesen beiden schafften. Mir fiel auf, wie tief sich alle vor diesen beiden Herrn verbeugten. Endlich ließ der schmale Herr meinen Rock los, sagte kurz: „Warte“ zu mir und begab sich ebenfalls zu diesem Tisch.
Während sie, unverständlich für mich, tuschelten, wurde mir bewusst, was für ein Durcheinander im Hafen herrschte. Immer wieder stürzte irgendwo was ein und das Schreien der Menschen nahm kein Ende. Etliche Schiffe versuchten so rasch wie möglich die offene See zu erreichen. Nicht anders die Dschunke, auf welcher ich mich befand; und so sah ich nur kurz die Mirte noch an der Stelle liegen, wo sie festgemacht hatte, dann entschwand langsam aber stetig der Hafen meinen Blicken.
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