Bedächtig langsam dreht er den Schlüssel im Schloss.
“Vorsicht!”, brüllt sie.
Zeitung schiebt sich unter den Türspalt und hemmt die Bewegung. Sachte, sachte, drückt er die Tür auf. Tritt auf das Düsseldorfer Stadt Feuilleton von vor sechs Wochen und blickt 2 Meter weiter auf dem Wirtschaftsteil. Der nächste Schritt führt ihn auf den Heiratsmarkt direkt über das Leserrezept am Montag, mit einem Fuß in der weißen Farbe ist der Kurzkrimi zu Ende und er macht sicher das gleiche belämmerte Gesicht wie Richrath eben. Bis auf seinen kleinen Erker strahlen die Wände in Alpinaweiß.
Lea strahlt nicht minder von der Leiter runter. “Jetzt mach kein Spökenkieker!”, kickst Lea.
“Kein Was?”, will er wissen.
“Verbal-Gymnastik! Sag schlicht ob es dir gefällt oder nicht. War wirklich ein bisschen muffig und die ganzen Löcher in der Wand.” Lea klettert die Sprossen runter, taucht den Zeigefinger in den Farbeimer und zieht mit jugendlichem Elan einen Strich auf seine Wange. “Macht sich gut. Onkel Elisa kommt gerade vom Karneval in Venedig.”
“Ich begreif gar nichts. Kannst du mir Mal verraten, hast du in deinem Wagen nicht nur eine komplette Teestube mitgebracht, sondern gleich noch 10 Eimer Farbe? Und...” Er traut seinen Augen nicht, Kartons, Kartons...
“Also irgendwie musste ich mir schließlich die Zeit vertreiben. Da bin ich eben spazieren gegangen und habe mir die Gegend gründlich angesehen. Plötzlich stand ich vor einem Schild: Malerwerkstatt Selm. Und da du gesagt hast hier ist die Diaspora habe ich auch wie in der Diaspora gehandelt... Ehrlich, dein Name wirkte wie ein Worp-Antrieb auf die kleine Friseuse. So und jetzt scheuch ich dich unter die Dusche, bevor Joseph mit den Pizzas zurückkommt. Morgen lässt du die Kreditkarte rüberwachsen und ich besorge was wir noch brauchen. Was für ein Drink willst du?”
“Wie bitte?”
“Ihr habt einen fantastischen Bahnhof in Düsseldorf, da kann man am Sonntag wirklich alles erstehen.”
“Ich verstehe nur Bahnhof. Wie lange war ich denn weg ?”, fragt Elisa.
“Morn, Morn, Hummel, Hummel. Vergiss es einfach! Übrigens, jenes war dann das Wochenende welches du nur für euch beide eingeplant, reserviert hattest. Du benötigst keinen Terminplaner, sondern eine Frau die damit klarkommt. Also, was willst du trinken?”
Perplex wendet Elisa sich ab, will endlich die dreckigen Klamotten vom Leib haben und strebt die Dusche an. Er wirft die Akte von Rebecca auf das Bett. Bett! Eine Mattratze 1-Meter-20 breit, für zwei im Grunde fremde Menschen. Was jetzt? Letzte Nacht löste sich das Problem von selbst, aber ein paar Stunden Schlaf benötigt auch er. Sicher er fährt zu Rebecca Eden, erklärt ihr, dass er längere Zeit keine Frau hatte und sich danach verzehrt und sie für das geeignete Objekt hält.
Elisa räumt der Brause den Vorrang ein, zu diesem Zweck zieht er eine frische Short aus dem Einbauschrank und eine Jeans, nimmt beides mit ins Badezimmer. Er streift die Hose und den Pullover ab und denkt über Waschmaschinen nach, die Lücke klafft wie ein hohler Zahn in der Nische wo einst die Waschtrockenkombination stand.
“Wodka, Elisa”, sagt Lea, “das hat wenigstens Mama so erzählt. Ich habe sie kurz kontaktiert.”
“ Lea ...!”
“Ist schon okay ich verschwinde, wenn du Schwimmen gehst hast du sicher auch nicht mehr an.”
Viel warmes Wasser schmeichelt seiner Haut und ein Drink unter prickelndem Strahl ist sicher eine neue Dimension in seinem Leben, keine Schlechte bemerkt er, und wie das Down in den Ausguss spült. Natürlich kann er gleich noch in Windeseile den Text sich reinziehen und dann bei dieser Kommissarin vor der Tür stehen und alles mit ihr durchgehen... könnte, könnte! Einen riesen Korb auf seinen Notsitz laden! Oder von einem Hünen der seine Rechte demonstriert sein Gebiss präpariert bekommen!
Er stellt das Wasser auf kalt, eiskalt und erscheint irgendwann zwischen Strophe eins und zehn mitten im Heavy Metal zwischen Knoblauch und Oreganodüften bei Lea und dem fleißigen Joseph. Er darf sogar noch wählen zwischen Thunfisch, Salami und Spinat. Heute geht nichts mehr, also klappt er den Teigdeckel unpoetisch zusammen und verzieht sich mit der Schachtel auf seinen Sessel. Jongliert die Käse überbackene Pappe erfolgreich über seinen Norwegerpullover und genießt den Geschmack gleich Null. Das muss nicht an dem Pizza-Gigolo liegen. Das kann auch die Gänsehaut sein die er bei seinen zurückschweifenden Gedanken an diesen Morgen bekommt: …so, der Regierungspräsident wird fickerich. Wahlen stehen an und diese Schule ist sein privates Lieblingskind was er ins Leben rief, um ganz neue Wege in der Schulpolitik aufzuzeigen. Elisa Emilian, warum hast du dich da rein zerren lassen? Warum ist das Streetworker-Café wirklich abgebrannt? Und warum stand der Stadtdirektor unvermittelt neben ihm in den Trümmern und hat ihm ohne Umschweife neue größere Räume angeboten, sogar verkniffenen Auges mit einem Etat gewunken?
Bei einem zweiten Wodka widmet er sich mit seiner Brille, die er verstohlen an die Oberfläche befördert den drei Fällen der Soko 9350, bis ihm die Augen zufallen.
Rebecca Eden genieß den täglichen Spaziergang von der Aderstraße zum Polizeipräsidium am Jürgensplatz. Zwar sind die ersten Meter trist und egal in welche Richtung man sich bewegt, bläst einem, ein rauer Wind entgegen zwischen den Häuserreihen, aber hat man das LVA Gebäude auf der Linken passiert wird der Weg angenehm. Sie überquert die Friedrichstraße und lässt den Graf Adolfplatz rechts liegen, dann taucht sie in den Park des Schwanenspiegels ein. Hier ist die Zeit mitten in der City anders getaktet.
Der Alte mit der Baskenmütze irrt wie jeden Morgen murmelnd durch die Anlage. Wenn erst die Sonne ihre volle Kraft am Mittag erreicht hat wagen sich die ausgesetzten Schmuckschildkröten wieder auf den umgestürzten Stamm im Wasser und recken wie Schindeln übereinanderliegend die Köpfe in die Luft. Sie geht über die kleine Brücke und betritt die Wasserstraße. Einziges Parkeldorado in Düsseldorf und Geheimtipp, denn die dem Park zugewandt Seite ist für jedermann frei und verlangt nicht nach dem Anwohnerparkausweis, jedoch nicht ohne Tücken.
Am Portal im Präsidium trifft Rebecca der Montagmorgen mit voller Härte. Sie ist weder ausgeschlafen noch gut gelaunt. Auch die fröhliche Bettina die sie auf dem Gang findet und mit der sie gemeinsam das Büro der Soko betritt ändert da wenig. Rebecca steckt noch die Fahrt in die Eifel zu den Eltern des toten Mädchens in den Knochen. Karsten und Bettina hatten sich erfolgreich gedrückt, so übernahm sie es selbst den unangenehmen Part und anschließend die Begegnung mit ihrem Ex-Mann zu Hause.
“Ich würde mich nur zu gerne bei Emilian auf die Couch legen”, sagt Bettina.
“Du meinst für ihn”, sagt Rebecca.
“Na ja, das Ergebnis wäre das Selbe”, trällert Bettina. “Weißt du eigentlich, dass viele Therapeuten es mit ihren Patientinnen treiben? Sie versetzen sie in Trance, und zwar, so dass die Frauen es nachher nicht mehr wissen oder suggerieren ihnen, dass sie an Wahnvorstellungen leiden, und dass dies nun wieder normal ist, weil die meisten Frauen sich in ihren Arzt verlieben”, sagt Bettina.
“Klar”, bestätigt Rebecca mit wenig Ernst in der Stimme, “sie haben schließlich das Rüstzeug dazu.”
“Ich habe von ihm geträumt. Er stand plötzlich mit einer Flasche Champagner vor der Tür und hat gleich auf dem Sofa losgelegt.”
“Auf meinem Sofa saß Robert und hat die halbe Nacht mit mir über das Outfit unserer Tochter diskutiert, dabei finde ich ihre Schulnoten viel erwähnenswerter. Nach der Flasche Roten fiel er auf die Seite und ich war genötigt ihm heute Morgen ein Katerfrühstück zuzubereiten.”
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