“Wann haben Sie gelernt zu wollen was Sie tun?”, fragt Elisa.
“Und, Sie, wann haben Sie es gelernt?”
“Bringen Sie mich zurück, ich will das Mädchen noch einmal sehen!”, fordert Elisa.
“Nein, vielleicht kommen Sie mit einem Foto auch zurecht.” Rebecca schaut auf die Uhr, wenn Bernd so zuverlässig ist wie sonst müssen die auf dem Schreibtisch liegen. “Bettina kocht einen ausgezeichneten Kaffee. Den können Sie sicher vertragen.”
Berthold sitzt wie erwartet vor dem Rechner und tippt unermüdlich.
Karsten hat eine besorgte Mimik aufgesetzt, während Bettina warmherzig lächelt und Elisa mit dem Aufputsch versorgt und ihm einen Stuhl anbietet. Rebecca nimmt gleich die Fotos zur Hand.
“Keine Parallelen, absolut nichts außer, dass sie auf der gleichen Schule waren und Hanna Nöll wie die Tote Nummer 3 Leonie Schmied erwürgt worden sind.”
“Mit viel zu kleinen Händen”, sagt Elisa. “Was Leonie Schmied betrifft. Ich glaube nicht, dass ihre Pathologin das als Todesursache in ihren Bericht schreibt. Es ist nie der gleiche Typ, sehr blond oder sehr Rot, das gefällt mir nicht.”
“Gut”, flüstert Rebecca. Sie dreht eine Schleife und tritt an das Fenster. Löcher in die Luft gucken war schon immer eine hervorragende Gedankenstütze. Der blaue Renault Rapid weckt wieder ihre Aufmerksamkeit. Im Augenwinkel sieht sie Emilian mit der Lupe hantieren und sein Kaffeebedarf ist außerordentlich hoch. Das stört Bettina nicht, die eifrig um ihn herum wuselt.
“Also fassen wir zusammen was es nicht gibt an Fakten”, sagt Karsten.
Rebecca übernimmt das Wort, “Jasmin haben wir an der Lauswardh gefunden. Da treibt die Strömung des Rheins alles an was zwischen Flehe und dem Düsseldorfer Hafen ins Wasser fällt. Das hat der Schäfer ausgesagt. Er hat selbst schon seine Lämmer da wiedergefunden und eine Menge brauchbarer Gegenstände. Es könnte also ein Unfall gewesen sein.“
Berthold steht auf und marschiert auf den Stadtplan an der Wand zu. Sein Finger fährt das rechte und linke Rheinufer in besagtem Planquadrat ab. Er schüttelt den Kopf. “Da ist nirgends ein Ufer an dem ein 13-jähriges Mädchen ins Wasser stürzt.”
“Was ist mit dem Neusser Hafen gegenüber”, wirft Bettina ein.
“Nichts, da ist keine Strömung außer die der Schiffsschrauben. Da dümpel ‘se ewig auf der Stelle”, belehrt Berthold.
“Außer”, sagt Elisa, “die Pritsche des Düsseldorfer Rudervereins.”
“Sie wird auch von den Germanen benutzt”, wirft Bettina ein.
“Was?”, stutzt Berthold. “Das ist doch unwichtig.”
“Die hatten 1960 die Goldmedaille in Rom”, bemerkt Bettina.
Berthold zeigt ihr einen Vogel. “Jedenfalls ist das Ding manchmal so glatt, dass es einem Eistanz gleichkommt. Und da schwimmse nit einfach ans Ufer. Bei dem Wasserstand ist an der Stelle verdammter Druck.”
“Dann ist aber auch oberhalb Flehe die Jücht überspült, dass bedeutet die Kleine kann auch in Benrath ins Wasser gekommen sein. Das bringt uns nicht weiter”, seufzt Rebecca. „Dazu hätte ich gerne Arndt von Kleist von der Wasserschutzpolizei gesprochen, aber der hat sich vom Acker gemacht.“
“Eher vom Kahn“, meinte Berthold.
“Sie kennen von Kleist?“ fragt Elisa.
“Ja. Schwer zugänglicher Bursche, aber äußerst kompetent was den alten Vater Rhein betrifft. Und Sie, kennen ihn auch?“
“Ich habe ihn kennen gelernt. Sehr gut sogar. Man kommt an ihn ran.“
“Lassen Sie mich raten. Nach dem Unfall, bei dem seine Frau starb, musste er bei Ihnen auf die Couch.“
“Korrekt.“
“Und war er an dem Unfall schuld?“
“Sie haben gestritten, wie so oft. Sie hat ihm ins Lenkrad gegriffen. Das ist doch bekannt.“
Rebecca zuckt mit den Schultern. “Sie meinen er ist eine ehrliche Haut.“
“Absolut.“
“Und das Geld aus dem Raub?“
“Er hat die Motoryacht vor der holländischen Grenze gestellt, mehr nicht.“
“Kurz danach hat er sich ein Segelboot gekauft und ist ausgestiegen.“
Elisa lacht. „Nein, von Kleist, niemals.“
“Karsten, Bettina, solltet ihr nicht die Eltern benachrichtigen?”, fragt Rebecca dazwischen.
“Nun, wir haben gedacht, wo wir doch neuerdings unter uns einen Spezialisten beheimaten...”, druckst Karsten.
“Ja, da ist es doch nur selbstverständlich, dass er das übernimmt”, bekräftigt Bettina, “Herr Doktor Emilian wird das doch sicher sehr einfühlsam erledigen können.”
Freundlich lächelnd kommt Rebecca auf Bettina zu, an welche Einfühlsamkeit Bettina dachte steht in ihren glänzenden Augen.
“Außerdem wohnen die Eltern in der Eifel, also, wenn Doktor Emilian das nicht übernimmt schicken wir einen Kollegen”, sagt Berthold, “ich würde mich natürlich zur Verfügung stellen ihn, Herrn Emilian, wenn sie mich benötigen, aber lieber würde ich noch Mal raus gehen in den Grafenbergerwald und meine Nase in den Boden stecken und wenn ihr mich nachher oben im Gehege des Wildparkes unter den Trüffelschweinen suchen müsst.”
“Telefon! Geh ran Karsten!”, sagt Rebecca.
“Warum ich?”
“Weil es auf deinem Schreibtisch steht und ich noch darüber nachdenke wo der Klempner nun wirklich steckt”, antwortet Rebecca. Berthold greift über den Tisch und hebt ab.” Ja - selbstverständlich - ja - ja - ach du dicke Scheiße!” Der Hörer sinkt vom Ohr, Berthold sieht Elisa an und streckt ihm den Hörer entgegen. “Für Sie.”
“Emilian, ja, ich komme!” Er legt auf, rafft alles zusammen was man ihm bereitstellte und sagt kurz, “addio! Ich melde mich wenn ich das durchgeackert habe.” Seine Visitenkarte klatscht auf den Tisch. Elisa verlässt den Raum. Rebecca sieht ihn wenig später in den Rapid steigen, unweigerlich schüttelt sie den Kopf. “Was war das für ein Auftritt jetzt?”
“Oh Scheiße, Scheiße!”, wiederholt Berthold.
“Berthold, wir wissen es.”
“Dem haben irgendwelche Leute sein Streetworker-Café in den frühen Morgenstunden abgefackelt.”
Leicht verstimmt reagiert Richrath schon als Elisa den ausgeliehenen Wagen erheblich verspätet am Sonntagabend bei ihm auf den Hof stellt. Sofort reißt er die hinteren Türen auf. “Ja Herrschaftssakramendnochemal ! Was hast du denn diesmal mit dem Wagen angestellt!”, brüllt er, “ich weiß nicht was mich reitet dir den Wagen auszuleihen?” Er fuchtelt mit den Armen über dem Kopf und greift mit beiden Händen und gespreizten Fingern Hilfe suchend an die Stirn, er drückt vom Wahn gesteuert zittrig auf die Schädeldecke in dem Augenblick als die Kupferrohre aus der Halterung fallen und sich das überdimensionale Mikado Spiel zu seinen Füßen auf dem Hof ausbreitet. Die Schweißschutzmaske titscht hinterher, das Glas splittert auf dem Boden. Dichtungen, Hanf, Paste bilden ein wildes Chaos, der Engländer paart sich mit der Brechstange, die Uni-Boxen sind leer. Das war mehr als die Spur einer wilden Verfolgungsjagd die Elisa sonst mit seinem Wagen an den Tag legt, und dabei vergießt, dass es nicht sein kleiner brettharter Sportwagen ist.
“Das schlechte Gewissen”, antwortet Elisa gelassen, “ich musste notgedrungen etwas evakuieren und habe von einem Trümmergrundstück gerettet was zu retten war. Tut mir leid ich habe den Plunder wohl nicht wieder richtig eingeräumt.”
“Verschwinde, bevor ich mich vergesse! Und such dir einen anderen Leidtragenden, wenn dein Schlaglochsuchgerät wieder nicht anspringt.”
Elisa ist nicht zimperlich und verschwindet gleich, denn der nächste Schritt ist ihm bekannt und endet tödlich mit einer Flasche Bier in der Hand auf den Stufen sitzend und dem Gejammer über etliche Zahlenkolonnen von geplatzten Aufträgen. Heute Abend gilt seiner Sehnsucht einzig einer warmen Dusche die ihm den Kohlenstaub von der Haut wäscht, danach ein gemütlicher Drink und vielleicht ein Pizzataxi. Doch die Erinnerung trifft ihn hart, je näher er per Pedes seinem Haus kommt. Da wartet Lea!
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