“Okay, sie ist weg, aber wahrscheinlich hat sie nicht dich geliebt, sondern die Situation. Ein Doc mit Namen hat seine Reize. Vermutlich bist du zufällig ganz nett im Bett. Das dauert, aber es hört irgendwann auf zu brennen in der Brust. Verdammt Elisa, warum hast du Christine nicht mit einbezogen in diesen Bootstörn? Ich mein einfach mitgenommen.”
“Sie hasst Wasser und primitives Bootsleben. Es war verflucht eng auf den Kähnen und es hat nicht eine private Minute gegeben. Außerdem ist es wahnsinnig schwer auf so engen Raum, wenn man sich nicht hundertprozentig mag und respektiert und das kann man nicht mit einer wild zusammengewürfelten Gruppe Jugendlicher.”
“Was für Kähne? Was für Jugendliche?”
“Charterboote, zwei Boote, je zwei Betreuer und 18 gescheiterte junge Leben. Autodiebe, Misshandelte, Streunende, Süchtige Jungen und Mädchen. Die ersten Tage waren verflucht schwer, bis sie sich aneinander gewöhnt hatten. Timo kam nicht mit Susanne klar, Susanne hasst den aufdringlichen Lars, Lars weiß nicht dass die Dusche von jedem benutzt werden soll und dass man sie so hinter lässt dass man es kann, Benjamin diskutiert jede Handlung so lange aus bis das Boot herrenlos auf dem Kanal treibt, Lasse kann plötzlich nicht mehr schwimmen und sieht nicht ein warum er helfen soll, Janine lässt die Koteletts auf dem Grill verkohlen, in der Bar in Trèbes gibt es kein einziges Glas mehr, der Schleusenwärter von Carcassonne hat keinen Sonnenschirm mehr, die Bank im Vorschiff ist gebrochen, der Tampen am Heck suchte am ersten Tag das Weite, der Billardtisch in dem kleinen Gartenlokal von Roubia ist manipuliert, ein Griff in die Fahrtenkasse, Biggi ist über die Landstraße abmarschiert und Spüldienst übernimmt sowieso keiner.”
“Mein Gott, Elisa wie stehst du das durch?”
“Gut! Ich habe mit Lea in Trèbes beim einem Glas des teuersten Hausweins um die Gunst unserer Schützlinge gebuhlt und wir durften anschließend die von den Kids eigenhändig mit schamroten Kopf zurückgebrachten Gläser wieder auf das Boot tragen und die gespendeten Erinnerungsstück austeilen; der Wein war bezahlt. Wir haben uns in die Prärie gelegt und die Kids ausgehungert und dem Täter die Möglichkeit gelassen das Geld anonym in die Kasse zurückzulegen.“
„Hat er?“
“Er hat es mir gegeben und sich entschuldigt, er hat sich eine Strafe ausgesucht und der Spüldienst war erledigt. Als ich mit meiner Kollegin von der Post zurückkam, war unser Boot weg, die Bande lag im Gras und hat geschlafen, keiner hat bemerkt wie der Pott sich selbstständig machte. Sie haben mich den Kanal lang rennen lassen. Da lag das Schiff, friedlich festgemacht, sie hatten die sechsfach Schleuse schon alleine gemeistert. Wir haben mit der Klampfe unseren eigenen Song gedichtet und den Text auf ein weißes T-Shirt für jeden drucken lassen. Susanne und Lars saßen Abend für Abend beieinander. Ich habe mein Wissen über Verhütung preisgegeben. Auf dem neuen Sonnenschirm des Schleusenwärters steht jetzt Coca-Cola, ich machte mir keinen Kopf wo der he kam. In einem Dorf am Kanal haben die Bewohner uns zum Osterfeuer eingeladen, ein riesiger Scheiterhaufen auf dem Platz am Ufer, Getränke und die längste Grillwurst die ich je sah umsonst. Anschließend habe ich einen Grundkurs in Fische füttern geleitet und mir ein Aspirin reingeschoben. Biggi saß an der ersten Schleuse und heulte, keiner nannte sie mehr einen Rotfuchs. Es gibt ein paar Berufswünsche und angestrebte Schulabschlüsse. Beim Abschied auf dem Bahnhof gab es Tränen und ausgetauschte Adressen und für mich eine Pfeife, sie ist nicht besonders gut, aber es schmeckt verdammt gut. Es war anstrengend und es war verflixt schön.”
“Es muss wunderbar sein mit dir, wenn man nicht mit dir verbandelt ist.”
“Mm...?”
Jäh dazwischen das Telefon. Elisa, sieht auf die Uhr, fast noch Nacht. “Ja.”
“Elisa, es ist so weit, ich brauche dich!”
“Sofort, Rolf?”
“Sofort!”
Hinter ihrem jungen Kollegen Karsten Möller fährt Rebecca direkt nach der zweiten Tatortbesichtigung auf den Innenhof des Präsidiums. Da steht auch schon die junge Bettina Kämpf, dritte Kollegin in dem Team, auf dem Parkplatz. Rebecca zweifelt sehr an Bettina’s Qualifikation zur angehenden Inspektorin. Bettina lebt allein und ist in ihrer Freizeit vehement auf der Suche nach einem heiratslustigen Homo sapiens. Berthold Blume fehlt noch.
“High, Rebecca”, sagt Bettina.
“Hallo!”
“High, die Damen”, grüßt Karsten flapsig. Er stöhnt gewaltig hinterher. “Wette, es gibt wieder keine brauchbaren Spuren.”
“Trefflich!”, sagt Rebecca.
“Und was machen wir jetzt?”, fragt Bettina.
“Wo ist Blümchen?”, erkundigt sich Rebecca.
“Der steckt sicher wieder im Kölner Nachtleben fest; ist schließlich Sonntag”, antwortet Karsten. Er geht voran durch den Eingang des alten Backsteinbaus. Nicht gerade sehr elegant für eine Landeshauptstadt. Kein Wort fällt auf dem Flur. Der Verdruss löst sich erst als sie das Zimmer der Soko 9350 betreten haben.
“Stimmt das, Lachmännchen droht mit Verstärkung?”, fragt Karsten.
“Ja”, antwortet Rebecca knapp, und versucht ihre Zweifel runter zu würgen.
“Sie ist sogar schon da habe ich gehört”, trällert Bettina.
“Was !? Hat die am Sonntag nichts Besseres zu tun, als auf Abruf zu stehen?”, fragt Rebecca. So schnell, dass passt ihr im Moment nicht, obwohl sie vor wenigen Minuten anders dachte.
“Hast du dir Mal die Konsequenzen überlegt, wenn die unserem Lachmännchen abends beim Bettgeflüster alles erzählt was wir hier am Tag verzapfen?”, sagt Karsten.
“Ja, habe ich. Ihr werdet euch einfach wie Gentlemans benehmen.”
“Schade, ein Mann wäre mir lieber”, sagt Bettina.
“Nö, ‘nen Blondchen ist völlig okay”, verbessert Karsten.
“Ich schätze dir geht es um die schwingenden Hüften, Ziege im Haus lockt Böcke”, sagt Rebecca.
“Ein männlicher Hintern wäre Berthold lieber”, verbessert Karsten. “Berthold würde sicher mit gespreizten Arschbacken die Treppe vor ihm hochgehen, wenn er wüsste, dass er damit auf indirektem Wege über Lachmann seine Karriere anschieben kann.”
“He, hm...!”
“Wer ist das?”, fragt Rebecca. Würdigt aber dem fremden Mann an der breiten Fensterfront wenig Beachtung nachdem sie schemenhaft seine olivfarbene Trekking-Hose und den schwarzen Rollkragenpullover in ihr fotografisches Gedächtnis aufgenommen hat. Da blitzt das Bild nochmals. Da war noch etwas, eine Geste! Ein Funken grünes in seinen Augen die er sofort niederschlug und dabei flink die Hände aus den Hosentaschen zog, das lange Strickzeug fällt runter wie ein Vorhang über die großen aufgesetzten Taschen. Sie geht zum Fenster und entdeckt den blauen Lieferwagen. Die Rostlaube ziert eine schäbige Aufschrift: Richrath, Klempnermeister der Mann für alle Fälle. Sie mustert den Mann für alle Fälle. So brachial mit einer Spirale in der Hand kann sie ihn sich nicht vorstellen.
“Der ist ja immer noch da!”, sind die Worte die Berthold Blume beim Eintreten begleiten. “Fangen Sie endlich an! Das Waschbecken ist da in der Ecke, an die Arbeit! Es wird aber auch Zeit, dass die Kacke repariert wird.”
Gut, wenn es so üblich ist in diesem Mausoleum und man ihn nicht anders beachtet, dann folgt eben der Grundkurs am verstopften Abflussrohr. Analog eine geniale Gelegenheit des unbefangenen Kennenlernens. Und befangen ist er. Sein alter Freund Rolf Lachmann hätte ihn warnen dürfen, auf eine attraktive zierliche Kommissarin war er nicht gefasst. Dabei könnte er nicht ausdrücken was ihn so stark beeindruckte. Mit ruhigen Schritten nähert sich Elisa dem Objekt. Der modrige Schmant und die Aussicht auf schmutzige Hände weckt nicht gerade sein Interesse. Angewidert rümpft er die Nase, krempelt die Ärmel hoch, dann nimmt er den Eimer zur Hand, hockt sich unter das Waschbecken. Er löst dank seiner Kräfte den Flansch des Abflussrohrs mühelos, schüttelt sich abstoßend die Brühe von der Hand und muss doch mit dem Finger im Rohr stochern, um die Verstopfung zu lösen.
Читать дальше