Er nahm einen neuen Anlauf.
„Die menschliche Fortpflanzung nimmt, wie ihr alles wisst, im Gehirn ihren Anfang. Die Fantasie ist dabei ein wesentlicher Faktor. Jeder, der genug Fantasie hat, kann sich also auch weitere vorstellen.“
Das war gut, sagte sich der Biologielehrer. Das habe ich fein hingekriegt. Der Pädagoge schaute tapfer in die Runde. Es war ganz still im Klassenzimmer geworden. Rainer Hohn und Andreas Kreuz hatten erneut das Onlinespiel unterbrochen. Aber nicht, um den Ausführungen des Lehrers aufmerksam zu lauschen, sondern um sich mit gesenkten Köpfen halbtot zu lachen. Aber sie waren nicht die einzigen Schüler, die sich vor Lachen krümmten. Die ganze Klasse prustete los.
Bis auf den Primus, Roman Schreiber, der noch vor wenigen Sekunden einer Klassenkameradin beim masturbieren zugesehen hatte. Jetzt heuchelte der Musterschüler volle Aufmerksamkeit, richtete seine unschuldsvollen Augen auf den Biologielehrer und wartete auf weitere Ausführungen. Roman war eben der Musterschüler, der Liebling aller Lehrer und Lehrerinnen, der gute, brave „Roman Eins mit Stern“.
Wirklich, der Roman war ein Genie. Zuverlässig und garantiert für alle noch so unmöglichen Lehrpläne geeignet. Ein Schüler, der zu den größten Hoffnungen Anlass gab. Wenn sich in dieser Klasse einer befand, der es einmal im Leben zu etwas bringen würde, dann war es Roman Schreiber.
Der Blick von Lehrer Axel Haar fiel auf den Musterknaben. Eine großartige Idee kam dem Biologielehrer. Eine infame Idee, wie die Klasse später sagte. Eine hundsgemeine Idee!
„Na, Roman“, sagte der Pädagoge voller Wohlwollen in der Stimme, „erzählen Sie doch mal Ihren unbedarften Kameraden, was es mit dem menschlichen Trieb so auf sich hat.“
Der Biologielehrer war ungeheuer zufrieden mit sich. Er hatte das Problem von sich abgewälzt, hatte es einem anderen aufgebürdet, war somit zunächst mal aus dem Schneider. Das Genie Roman würde schon Rat wissen. Zumindest würde er nun etwas zur Diskussion stellen, man konnte polemisieren und die Zeit bis zum Pausenklingeln mit Geschwätz füllen. Dann war man das leidige Thema für eine längere Zeit los.
Alle Augenpaare, besonders die von Ellen Lang, richteten sich auf Roman. Der Klassenprimus schaute zuerst erstaunt in die Runde, dann auf den Lehrer. Sein Gesicht wurde zuerst rot, dann langsam blass. Seine Lippen verzogen sich zu einem schmalen Strich, seine Augen wurden erst groß, verengten sich dann zu winzigen Schlitzen.
„Okay, Herr Haar“, sagte Roman mit merkwürdig gepresster Stimme. „Wenn Sie meinen, dann wollen wir mal.“ Er drückte den noch halberigierten Penis tiefer in die Unterhose, richtete sich auf und legte los: „Die Vermutung, dass schon die alten Germanen etwas von der menschlichen Fortpflanzung verstanden hatten, liegt nahe. Nach der ergänzten und mehrfach erweiterten Ausgabe des Kinsey-Reports unterschieden die alten Germanen ihre heranwachsenden Söhne in Ostgermanen, Westgermanen, Erotomanen und Ottomanen. Erotomane wurde man, sobald es einem gelang, den Nachweis zu erbringen, dass man innerhalb eines Monats drei Bärenfelle durchgewetzt hatte. Die Ottomanen waren die Erfinder des Sofas, wurden als verweichlicht betrachtet und zerfielen später als dekadente Untergruppen wie die Kleptomanen, Satyromanen und Pyromanen. Letztere befriedigten ihre Lust zunächst nur beim Überspringen der Sonnwendfeuer. Weil das aber nur zweimal im Jahr stattfand, begannen sie zu zündeln und legten Brände an allen Ecken und Enden. Diese heißen Jungs...“
„Roman!“, fuhr Dr. Axel Haar dazwischen. „Was ist passiert? Fühlen Sie sich nicht wohl?“
Der Biologielehrer nahm die Brille ab, weil diese sich auf merkwürdige Weise beschlagen hatte. Das konnte doch nicht wahr sein! Roman Schreiber, der Musterschüler, aufsässig? Was war wohl in ihn gefahren? War die Fantasie in diesem Supergehirn durchgegangen?
Die Schulklasse kicherte. Ellen Lang warf Roman einen Kussmund zu und spreizte wieder leicht die Beine.
„Ich fühle mich ausgezeichnet, Herr Doktor Haar“, versicherte Roman Eins mit Stern. „Soll ich weitermachen? Vielleicht interessiert es Sie, wie es die alten Erotomanen trieben?“
„Genug!“, schnaubte der Pädagoge. Er setzte die Brille wieder auf, sah Roman mit abgrundtiefer Verachtung an und sagte: „Das hätte ich nicht von Ihnen gedacht, Roman. Wirklich nicht. Nicht von Ihnen! Ich bin enttäuscht.“ Der Lehrer raffte seine Utensilien zusammen, klemmte sie unter den Arm und verkündigte: „Die Stunde ist zu Ende! Ich empfehle Ihnen sich über das unmögliche Verhalten ihres Mitschülers Roman klar zu werden. Ich jedenfalls lehne es ab, diese unwürdige Szene fortzusetzen. Weitere Schritte behalte ich mir vor! Jawohl, ich behalte mir diese vor!“
Doktor Axel Haar verließ im Laufschritt das Klassenzimmer.
Der Tumult ging los, als er die Tür hinter sich zugeknallt hatte. Die ganze Bande sprang auf und belagerte Romans Bank. Er war der Held des Tages. Die süße Ellen Lang drückte ihm einen kleinen Zettel in die Hand.
Rainer Hohn, der aus der letzten Bankreihe nach vorne gestürzt kam, meinte: „Mensch, Roman, dem Vollpfosten hast du es aber gegeben! So eine Schweinerei von dem Typ. Drückt sich der Schuft doch glatt vor dem Thema Fortpflanzung und versucht es dir aufzuhalsen. Du bist schwer im Kommen, Roman! Warst echt gut.“
Roman Schreiber blickte grimmig vor sich hin. Er hatte mit einem Schlag seine Starrolle als patentierter Musterknabe satt. Warum, das wusste er selbst noch nicht genau. Lag es an den blondbehaarten Schamlippen der süßen Ellen? Der Anblick ging ihm nicht aus dem Kopf. Er war der Beste der Klasse gewesen, weil es ihn einfach gelangweilt hatte, wie die anderen, am Nachmittag hinter einem Fußball oder den Mädchen herzurennen. Er hatte lieber gelesen, was ihm in die Quere gekommen war. Alles hatte er gelesen, die Schriften des heiligen Augustinus, die göttliche Komödie, Faust, Karl May bis zum Buch „Geschichte der Sexualität“. Dieser dicke Wälzer stand ziemlich zerfleddert als letzter ganz hinten links in seinem Bücherregal; aus ihm hatte Roman seine Weisheit. Theoretisch war er perfekt. Die Praxis hatte er bislang immer aufgeschoben, bis zum heutigen Tag, bis Ellen Lang die Schenkel gespreizt hatte. Bis zum Zettel in seiner Hand. Nachdem sich die erste Hektik gelegt hatte, faltete er das Papier auf und las:
Sport-Umkleidekabine der Mädchen in dreißig Minuten
Sein Puls beschleunigte sich. Er suchte nach Ellen Lang, die jedoch bereits das Klassenzimmer verlassen hatte.
Einige Minuten verstrichen, dann fasste er sich ein Herz und schlich in die Turnhalle. Im Eingangsbereich führte eine Treppe nach unten zu den Umkleideräumen und den Duschen. Diese schlich er hinab. Unten angekommen lagen die Jungenumkleiden links, die der Mädchen rechts. Und diesen Weg wählte er.
Zwei große Umkleideräume lagen auf der linken Seite. In die erste spähte Roman hinein, sah aber nichts. Keine Sportsachen, keine Straßensachen, keine Schultasche. Langsam schlich er zur nächsten Tür. Schon als er auf den spärlich beleuchteten Gang entlangschlich hörte er ein leises Geräusch. Dies verstärkte sich, je näher er kam.
Er gewöhnte sich immer besser an das schummrige Licht. Nur einige Strahlen des Sonnenlichtes drangen durch die kleinen Oberlichter. Zu wenig, um ihn zu sehen, zu viel, um seine Angst vor Entdeckung zu vertreiben. Endlich war er am Ende des Ganges.
Als er um die Ecke schielte, sah er Ellen Lang auf den Bauch liegen, der Rock bis auf ihre Taille hochgeschoben, die Beine etwas gespreizt und die Unterschenkel hochgestellt.
Er konnte seinen Blick nicht von ihren perfekt geformten Gesäßbacken abwenden. Dann kamen ihre Hände zum Vorschein und zogen die transparente Strumpfhose herab, bis auf die Knie. Roman hat erneut einen freien Blick auf ihre blondbehaarten Schamlippen. Sie wackelte etwas mit dem Popobacken hin und her, geradezu als würde sie ihn einladen.
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