Der Lärm laut spielender Kinder holte mich aus diesem großartigen Traum. Es war bereits heller Tag und die hochstehende Sonne erhellte den kompletten Raum. Lächelnd dachte ich an die letzte Nacht und die kleinen Stromschläge kehrten zurück. Schwelgend in Erinnerungen drehte ich mich nach links, um meine schlafende Schönheit zärtlich aus ihren Träumen zu küssen. Mein Herzschlag setzte kurz aus, als ich bemerkte, dass ich allein im Bett lag. Ich sah mich im Zimmer um, sie war weg. Sicher war sie schon aufgestanden und wollte mich nicht wecken, vermutete ich. Ich sprang aus dem Bett, schlüpfte in Windeseile in meine Jeans und zog mir ein sauberes T-Shirt über. Voller Aufregung und bewaffnet mit meinem neuen Dauergrinsen, stürmte ich zur Tür. Sie öffnete sich nicht, sie war verschlossen – genauso, wie ich sie am Abend zuvor hinterlassen hatte. Ein Traum? Nein, das konnte kein Traum gewesen sein. Es durfte kein Traum gewesen sein! Zum ersten Mal in meinem Leben war ich glücklich. Ich hatte jemanden gefunden, bei dem ich mich nicht verstellen musste – jemanden, der mein Geheimnis kannte und mich verstand. Und nun sollte alles nur eine psychische Aktivität meines Gehirns während des Schlafens gewesen sein? Eine Illusion? Geschockt sank ich wieder auf mein Bett. Doch neuer Mut erwachte in mir. Okay, vielleicht hatte ich alles nur geträumt. Doch Selena gab es wirklich. Sie war mit mir in dieser Einrichtung, sie war Realität! Fest entschlossen, sie zu suchen, um ihr alles zu erzählen, rannte ich los und ahnte nicht, was dann passieren würde … Mein Herz starb, als Mr. Doyle folgende Worte sprach: „Selena Coleman hat uns doch schon vor über einem Jahr verlassen. Sie ist von ihren Eltern in ein Heim nach Europa gebracht worden. Ihr Vater hat dort einen neuen Job und sie wollen Selena in ihrer Nähe wissen. Weißt du das nicht mehr, Ray?“ Das konnte doch nicht sein? Ihre Eltern interessierten sich nicht für sie. Sie wollten keinen Psycho zur Tochter. Sie hatte es mir doch selbst erzählt – oder nicht? Wut und tiefe Trauer wischten meine neu gewonnenen Glücksgefühle weg, wie ein Scheibenwischer Insekten von der Windschutzscheibe fegt. Einen kurzen Moment hatte mein Leben einen Sinn gehabt und ich hielt mich nicht für einen psychisch-kranken Verrückten, sondern für einen ganz normalen Jungen. Für einen winzigen Moment waren die düsteren Erinnerungen anderer vergessen und Licht trat in mein dunkles Leben. Und nun sollte alles nur ein Traum gewesen sein? Ein Traum, der niemals Wirklichkeit werden würde? Das letzte Fünkchen Hoffnung starb auf dem Weg zurück in mein Zimmer. Wütend riss ich das Kissen vom Bett und schlug auf alles ein, was sich im Raum befand. Ich knallte es gegen die Schränke, die Stühle und gegen die Tür. Mit der übermenschlichen Kraft, die ich mir sonst nie gestattete rauszulassen, haute ich alles kurz und klein. Mit letzten Reserven kroch ich auf mein zerwühltes Bett, ließ zu, dass die innere Leere mich langsam auffraß. Plötzlich fiel mein Blick auf etwas Seltsames. Neben mir auf dem Bett lag ein Stück Papier. Es musste unter dem Kopfkissen gelegen haben. Zitternd faltete ich den Zettel auseinander und las mit sausendem Herzen, was darauf geschrieben stand: „Träume sind manchmal wahrer als man vermutet, mein lieber Ray. Vergiss meine Worte nicht … Urteile nicht vorschnell. Verurteile die Menschen nicht anhand weniger schwacher Momente ihres Lebens. Durch deine Bilder werden wir immer miteinander verbunden sein. Auch wenn dunkle Visionen fortan mein Leben begleiten, so werden es immer die Deinen sein – Dein Geschenk an mich. Mein Herz, du bist jetzt ein Teil von mir.“
Es war wirklich passiert. Unser Gespräch, unsere Blicke, unser Kuss, die Wärme ihrer Haut. Sofort nahm ich Stift und Papier und begann, jede Sekunde dieser Nacht niederzuschreiben. Niemals wollte ich es vergessen. Nicht ein einziger Moment dürfte jemals in Vergessenheit geraten. Nicht ein einziges gesprochenes Wort verloren gehen. Ich schwor mir, ich würde sie eines Tages wiedersehen … Nein, ich werde sie wiedersehen! Ich werde sie suchen und finden. Egal wie lange es dauert, ich werde niemals aufgeben!
~Ray Fox~
ώώώ
Der blutrote Himmel kündigte die ersten Sonnenstrahlen des Tages an. Das Mädchen saß noch immer im Schutz der Gasse in ihrem Versteck und legte den letzten Zettel beiseite.
Hoffnung erfasste ihr bleiches Gesicht. Hoffnung, dass es jemanden gab, der ihr helfen konnte. Jemanden, dessen einzigartigen Fähigkeiten so unglaublich waren wie ihre erschreckende Vergangenheit. Genauso unglaublich wie die Kreaturen, die sie jahrelang gefangen hielten und ihr grauenhafte Dinge angetan hatten.
Nur jemand, der das Unwirkliche selbst erlebt hatte, war imstande zu verstehen und zu glauben. Dieser Junge – Ray – schien ein reines Herz zu haben. Er war mitfühlend und stark, hatte selbst Schlimmes erleben müssen und am aussichtslosen Ende zur Hoffnung gefunden. Er war nun ihre Hoffnung, ihr Grund weiterzumachen. Ihr Grund, zu überleben.
Sie kramte eine alte Zeitung aus dem Container, wickelte die Mappe darin ein und schlich geduckt aus der Gasse. Die Straße erwachte langsam zum Leben und die ersten Autos kämpften sich Richtung Innenstadt zur Arbeit. Wo sollte sie hin? Wie hieß nur diese Bar, in der ihr angeblich geholfen werden würde? Sie hatte es vergessen.
Sieben Jahre waren vergangen, als sie den Armen ihrer Schwester entrissen wurde. Als sie zusehen musste, wie sie Anna getötet hatten. Sie waren über sie hergefallen wie eine Horde hungriger Wölfe und ließen außer ihrem kalten Fleisch nichts übrig.
Eine Träne kullerte über ihr schmutziges Gesicht. Jedes Mal, wenn sie die Augen schloss, sah sie ihre leblose Schwester wieder am Boden liegen, die mit trüben Pupillen ins Nichts starrte.
Sie waren nie wohlhabend gewesen. Annalisa hatte nach dem Krebstod ihrer Mutter für sie gesorgt. In Soglio, einem kleinen Bergdorf im schweizerischen Kanton Graubünden, teilten sie sich früher ein kleines Zimmer. Anna arbeitete in dem Büro einer Tischlerei und sie selbst besuchte die zweite Klasse der Grundschule.
Anna und sie waren glücklich, selbst nach dem Tod ihrer Mutter. Bis zu der Nacht, in der die Kreaturen angriffen und ihre Schwester ermordeten.
Man verschleppte sie selbst nach Amerika, um sie wie Vieh zur Erhaltung ihrer eigenen Art einzupferchen. Zum Leidwesen der gefangenen Mädchen war ihre sogenannte „Agrarwirtschaft“ nicht sonderlich ertragreich gewesen.
Ob das an dem mangelnden Wissen über die Bedürfnisse der menschlichen Spezies lag oder es ihnen schier egal war, wusste sie nicht. Was sie wusste, war, dass diese Wesen, die den Menschen so unverwechselbar ähnlich sahen, keine Menschen waren.
Sie konnten keine Menschen sein, denn so verhielten sich Menschen nicht. Sie sahen aus wie sie, sprachen wie sie, dennoch waren sie anders. Ihre Augen hatten dieses wilde Funkeln, wenn sie wütend oder hungrig waren. Ihre Bewegungen waren kraftvoller, schneller. Oh ja, sie waren verdammt schnell diese Biester.
Sie hörten, was in den Zellen gesprochen wurde, obwohl sie nicht mal in der Nähe waren. Sie kannten jede noch so kleine Verschwörung, ehe sie überhaupt ausgesprochen wurde. Es war unheimlich, doch wenn man sie lange genug studierte und sie aufmerksam beobachtete, konnte man es erkennen.
Oft brachte man auch Menschen zu ihr. Die Männer wollten allerdings nicht dieselben Dinge wie diese Kreaturen. Manchmal fragte sie sich, wer ihr wohl schlimmeres Leid zufügte.
All das machte sie wütend und sie sann nach Rache. Die gleißende Wut machte sie stark, hielt sie am Leben. Und sie wollte leben. Der einzige Gedanke, der sie noch aufrecht stehen ließ, war die Chance auf Vergeltung an denen, die ihr das angetan hatten. Sie sollten leiden und Höllenqualen ertragen müssen.
Mit entschlossenem Herzen rannte sie der Morgenröte entgegen. Sie musste diesen Ray finden und betete zu Gott, dass er wirklich existierte. Dass die niedergeschriebenen Erinnerungen echt waren und nicht nur der Feder eines fantasievollen Schreiberlings entsprangen.
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